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Jobprofil Staatsanwalt: Die ganze Bandbreite des Menschlichen

von Ass. jur. Janina Seyfert

29.11.2012

In der Justiz sind die Rollen klar verteilt: Das Anklagen von Straftätern ist Sache der Staatsanwaltschaft. Doch was genau passiert hinter den Türen der "objektivsten Behörde der Welt"? Eine Antwort gab uns Martin Binns,  Staatsanwalt aus Niedersachsen, und erzählte uns, dass man in seinem Job ein guter und vor allem entscheidungsfreudiger Jurist sein muss.

Wer sich für die Staatsanwaltschaft entscheidet, entscheidet sich für Strafrecht. Dazu gehört die Verfolgung von Schwarzfahrern wie von Mördern. Ein Staatsanwalt verfügt, vernimmt, und am Ende klagt er an.

Dr. Martin Binns wusste nach dem 2. Staatsexamen, dass es Strafrecht sein sollte. Zur Staatsanwaltschaft wollte der 39-Jährige, weil es ihn reizte, eine objektive Rolle anzunehmen, die er beispielsweise als Verteidiger nicht gehabt hätte. Diese Verpflichtung zur Objektivität wird, glaubt Binns, von der Öffentlichkeit häufig verkannt. Das Bild des Staatsanwalts sei geprägt von meist amerikanischen Fernsehserien, in denen die Robenträger wortgewaltig und unnachgiebig einen Kleinkrieg im Gerichtssaal aufführen. Dass der Staatsanwalt der Realität einen großen Teil der Verfahren einstellt und gelegentlich auch vor Gericht einen Freispruch beantragt, sei vielen nicht bewusst.

Strafverfolgung hat ihre Grenzen

Das Absehen von Strafe ist jedoch gesetzlich genauso geregelt wie Geldstrafe und Freiheitsstrafe. Eine der ersten Fragen, die sich ein Staatsanwalt stellt, lautet regelmäßig: Ist ein förmliches Verfahren nötig, oder nicht? Und das nicht nur, weil die Verfolgung aller Taten nicht zu bewältigen ist. Sanktionen erfüllen ihren Zweck nur, "solange die Mehrheit nicht bekommt, was sie verdient", fasste es der deutsche Soziologe Heinrich Popitz zusammen. Das bedeutet, dass Bestrafung einen Ausnahmecharakter behalten muss, um ihre soziale Wirkung zu erzielen.

Ob es wirklich zur Anklage kommt, hängt neben dem Vorliegen eines hinreichenden Tatverdachts vor allem von der Schwere des Tatvorwurfs, Vorstrafen und dem öffentlichen Interesse an der Strafverfolgung ab.

Falls genug Anhaltspunkte für eine Straftat vorliegen, beginnt der Abschnitt, der für Dr. Binns zu Beginn seiner Tätigkeit eine besondere Herausforderung darstellte: die Beweiserhebung. Es gilt dann, eine Beweislage zu schaffen, die den Tatvorwurf trägt.

Als Rechtsreferendar bei der Staatsanwaltschaft und auch im 2. Staatsexamen war er es gewohnt, so genannte "abschlussreife" Vorgänge zu bearbeiten,  ein Fall war also bereits ausermittelt und seine Aufgabe bestand in der Formulierung der Anklageschrift. Wenn es jedoch gilt, Beweise zu sammeln, sind Initiative, taktisches Gespür und eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei gefragt. "Bei mir hat es ungefähr drei Monate gedauert, bis ich das Gefühl hatte, ich bekomme das hin", beschreibt Binns seinen Berufsanfang.

Vom Drogenhandel bis zur Wirtschaftskriminalität

Angefangen hat der Strafrechtler zunächst in einem allgemeinen Dezernat der Staatsanwaltschaft Bremen. Es folgten die Dezernate Betäubungsmittelkriminalität sowie organisierte Kriminalität. Bei der Staatsanwaltschaft in Oldenburg übernahm er schließlich unter anderem Jugendstrafsachen. Jeder Bereich bringt seine eigenen Besonderheiten mit sich, erzählt Binns. Während man im Bereich "Allgemeines" große Teile der Ermittlungen von der Polizei durchführen lässt, ist man beispielsweise als Dezernent für Kapitaldelikte bei Leichenöffnungen selbst dabei. Auch bei größeren Wirtschaftsstrafsachen ist es oft sinnvoll, wenn der zuständige Staatsanwalt bei Durchsuchungen anwesend ist. Schwierig seien Ermittlungen im Bereich der Betäubungsmittelkriminalität – denn hier besteht die Besonderheit, dass es keine Geschädigten im üblichen Sinne gibt. Daher muss in derartigen Verfahren häufig auf heimliche Ermittlungsmethoden zurückgegriffen werden.

Als Staatsanwalt erlebt man das ganze bunte Leben, beschreibt Binns seinen Arbeitsalltag. Ein Dozent habe das einmal mit dem Satz "Als Strafrechtler darf einem nichts Menschliches fremd sein" zusammengefasst. Diese Nähe zur Realität schätzt er besonders, auch wenn sie ihm manchmal vieles abverlangt.

In besonderer Erinnerung ist ihm ein Verfahren aus dem Bereich der organisierten Kriminalität geblieben. Es ging um einen bulgarischen Menschenhändler, der Frauen nach Deutschland brachte, zur Prostitution zwang und teilweise auch vergewaltigte. Um den Täter verurteilen zu können, mussten die zum Teil schwer traumatisierten Frauen richterlich vernommen werden. Es war den Geschädigten jedoch kaum möglich, die Tatsachen so zu schildern, dass man sie juristisch verwerten konnte – ein Balanceakt zwischen Feingefühl und dem Ziel der Aufklärung.

Perspektiven innerhalb und außerhalb der Staatsanwaltschaft

Eine Laufbahn im Staatsdienst kann sehr vielseitig sein. Martin Binns ist derzeit an das Niedersächsische Justizministerium abgeordnet. Ebenfalls möglich sind zum Beispiel Abordnungen an die Generalstaatsanwaltschaft, an internationale Organisationen oder an das Bundesjustizministerium. Weiterhin besteht für Staatsanwälte die Möglichkeit, sich in der Ausbildung oder als Prüfer in den Staatsprüfungen zu engagieren.

Binns war in der Vergangenheit Leiter von Arbeitsgemeinschaften im Rahmen des juristischen Vorbereitungsdienstes. Dort hat er den angehenden Volljuristen das nötige theoretische Rüstzeug für den Arbeitsalltag im Rechtsreferendariat sowie für die Klausuren im Assessorexamen vermittelt.

In der Einzelausbildung bindet jeder Staatsanwalt regelmäßig einen Rechtsreferendar über einige Monate in seine Arbeit ein. Das bedeutet eine gewisse Entlastung, da die Referendare eigenständig die Staatsanwaltschaft im Sitzungsdienst an den Amtsgerichten vertreten. Hauptsächlich beinhaltet es jedoch eine weitere Aufgabe, da die Entwürfe der Referendare korrigiert und besprochen oder Aktenvorträge geübt werden müssen, schildert Binns.

Wer sich ernsthaft für eine Laufbahn bei der Staatsanwaltschaft interessiert, sollte neben guten Kenntnissen im materiellen Strafrecht und im Strafprozessrecht unbedingt eine gewisse Entscheidungsfreude mitbringen, rät Binns. Die Schlagzahl, in der Akten in seinem Eingang landen bedeutet, dass fundierte Entscheidungen in einem gewissen Tempo gefällt werden müssen. Auch als Berufsanfänger müsse man eine Akte direkt bearbeiten und anschließend weglegen können. Wer über jede Einstellung eine Nacht schlafen will, wird es schwer haben.

Zitiervorschlag

Janina Seyfert, Jobprofil Staatsanwalt: Die ganze Bandbreite des Menschlichen . In: Legal Tribune Online, 29.11.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/7672/ (abgerufen am: 19.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 29.11.2012 14:54, Friedrich Pohackl

    Selbstverständlich muss man auch (sehr) gute Kenntnisse im Zivilrecht und ÖffRecht in den Examens nachweisen, um Staatsanwalt werden zu können.

  • 29.11.2012 15:38, Volljurist_Erfurt

    Und neben all den wichtigen Voraussetzungen muss man zwei Staatsexamina mitbringen, die mindestens vb oder besser sind. Es ist lächerlich, dass allein an diesen Merkmalen potentiell hervorragende Staatsanwälte scheitern und nie den Job ausüben können. Gerade als StA muss man soviele Eigenschaften (s.o. aber auch Menschenkenntnis usw.) mitbringen, dass Examensnoten (die meist nicht objektiv sind) eine untergeordnete Rolle spielen sollten. Aber die dt. Justiz liebt scheinbar diesen Irrweg...

  • 30.11.2012 10:58, C

    Das Foto des "Staatsanwalts" ist lächerlich. Allein die rote Krawatte wäre ein riesiger Fauxpas.

    • 01.12.2012 10:21, der Franz

      ... die Robe auch ...

  • 01.12.2012 10:13, der Franz

    Erstaunlich wie diese Redewendung von der "objektivsten Behörde ..." immer wieder falsch zitiert wird, vgl. https://de.wikiquote.org/wiki/Franz_von_Liszt

  • 01.12.2012 10:23, HannesSH

    Die Krawatte ist doch ok, denn die Robe mit Seidenbesatz und nicht aus Samt verrät: es ist ein Rechtsanwalt und kein Staatsanwalt. HJS

  • 01.12.2012 15:40, D. R.

    Das mit der Objektivität ist und bleibt aber so, da können Sie noch so sehr Wikipedia posten. Gerade daher bin ich v.a. diesem Teil des Berichts sehr dankbar - wie er schon hervorhebt sind es insbesondere amerikanische Serien, die den Deutschen ein falsches Bild der StA vermittelt, was dann leider u.a. zu traurigen Vorfällen führt wie in Dachau.

  • 03.12.2012 11:27, Organ der Rechtspflege

    Auch die Weisungsgebundenheit beim "Schaffen von Beweislagen, die den Tatvorwurf trägt" sollte doch Erwähnung finden. Genauso wie die rühmlichen Anteile der "objektivsten Behörde" bei Verfahren wie Kachelmann, Horst Arnold, Gustl Mollath, Donath Stellwag...

  • 03.12.2012 12:08, weiteres Organ der Rechtspflege

    Hier auch zu erwähnen das gelebte Motto der STA: U-Haft = Rechtskraft.

  • 04.12.2012 08:04, Antje H.

    "Sanktionen erfüllen ihren Zweck nur, "solange die Mehrheit nicht bekommt, was sie verdient", fasste es der deutsche Soziologe Heinrich Popitz zusammen. Das bedeutet, dass Bestrafung einen Ausnahmecharakter behalten muss, um ihre soziale Wirkung zu erzielen." - Das Gegenteil ist der Fall. Die Santionswahrscheinlichkeit muss ausreichend hoch sein, um prävntive Wirkung entfalten zu können.

  • 30.04.2018 12:29, Alexander Berg

    Ich musste gerade heftig lachen. Gesetze gelten nur für Personen – die Angehörige eines Staates sind. Personen sind jedoch nur Hüllen, Fiktionen, Rollen.
    Der Staat selbst besteht aus einer Ansammlung von Personen, so ist er selbst nur eine Fiktion. Der Begriff "gilt" ist das Kennzeichen einer Fiktion.

    Der Mensch unterwirft sich keinem positiven Recht und auch keiner Fremdbestimmung und orientiert sich lediglich an den Regelwerken der Schöpfung, beschrieben durch das überpositive Recht.

    Die Grundlage des positiven Rechts und die Überhebung und Aburteilen anderer, beruht auf der gesellschaftlich tolerierten Unvernunft und der damit verbundenen, oberflächlichen Behandlung ihrer Auswirkungen.
    Damit das alles ganz hübsch funktioniert, erzählt man den Unvernünftigen (nur Gierige brauchen eine Re-Gegierung) nicht von ihrem zustand und lässt sie im Glauben, es sei vernunftvoll, wie sie agieren.

    • 14.05.2018 19:46, G

      Was haben Sie denn genommen? Und der Rest braucht keine Regierung? Lächerlich was Sie hier für einen Müll verbreiten.