Erstes Brandenburger LG von Frau geleitet: "Ich bleibe hof­f­ent­lich nicht die ein­zige"

08.05.2017

Das LG in Cottbus ist in Brandenburg das erste, das von einer Frau geleitet wird. Richterin und DJB-Präsidentin Ramona Pisal will damit auch andere Kolleginnen ermutigen. Vor ihrer offiziellen Amtseinführung sprach sie über ihre Pläne.

 

Frage: Frau Pisal, finden Sie es traurig, dass erst jetzt eine Frau an der Spitze eines Landgerichts in Brandenburg steht?

Pisal: Sagen wir es umgekehrt: Ich freue mich, dass es jetzt eine Frau gibt. Denn ich habe als Gleichstellungsbeauftragte, die ich für die ordentliche Gerichtsbarkeit über 14 Jahre war, permanent darum gekämpft, dass es eine Frau irgendwann einmal wird. Dabei habe ich allerdings nie im Blick gehabt, dass ich die Frau sein könnte. Und ich bleibe hoffentlich nicht die einzige.

Frage: Wo sind Frauen im Justizbereich denn verstärkt zu finden?

Pisal: Gerade in der Richterschaft ist es so, dass viele Frauen im sogenannten Eingangsamt sind. Das sind die Richter und Richterinnen am Amtsgericht und die beisitzenden Richterinnen und Richter am Landgericht. Aber wenn Sie in die erste Beförderungsstufe schauen, dann finden Sie dort eklatant weniger Frauen. Das ist nicht in Ordnung. Wir haben einen Frauenanteil von mehr als 60 Prozent im Eingangsamt in der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Brandenburg. In der zweiten Stufe sind es unter 30 Prozent.

Frage: Warum ist das so?

Pisal: Dafür gibt es ganz verschiedene Gründe. Viele davon liegen in den persönlichen Lebensentscheidungen - wo die Menschen ihre Schwerpunkte setzen, wem sie Priorität geben. Aber auf der anderen Seite finde ich es dann doch bedauerlich, dass diese Priorität immer noch vorwiegend von Frauen gesetzt wird. Denn auch unsere Männer haben ja im Richteramt keine Nachteile zu befürchten, wenn sie Elternzeiten oder sonstige Pflegezeiten nehmen. Erfreulicherweise machen davon inzwischen immer mehr Kollegen Gebrauch.

Frage: Zu Ihrer neuen Funktion als Landgerichtspräsidentin: Was haben Sie sich vorgenommen?

Pisal: Für den Standort Cottbus habe ich mir vorgenommen, dass ich hier präsent sein möchte. Die Aufgabe des Gerichtsvorstands ist sehr komplex und was das bedeutet, das merkt man tatsächlich erst, wenn man da ist. Ich will für die Beschäftigten da sein, mich für gute Arbeitsbedingungen einsetzen und dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger hier zu ihrem Recht kommen.

Frage: Sie waren lange am Oberlandesgericht tätig. Was fällt Ihnen als Unterschied auf?

Pisal: Im Vergleich haben wir beim Oberlandesgericht mehr Zeit für die einzelnen Verfahren, als es hier der Fall ist. Hier werden hohe Schlagzahlen gefahren, heißt: Es kommen viele Sachen auf den Tisch, die bearbeitet werden müssen. Entsprechend gut muss die Arbeit strukturiert und organisiert sein und entsprechend gut müssten wir auch ausgestattet sein. Nun ist unser Personal aber nicht auskömmlich. Wir haben alleine hier im Haus drei bis vier Richterkräfte zu wenig. Auch bei den Amtsgerichten ist die Personaldecke dünn.

Frage: Auch andere Gerichte und Justizbehörden klagen über Personalmangel. Denken Sie, dass die rot-rote Landesregierung die Botschaften verstanden hat?

Pisal: Davon gehe ich aus, und ich kann nur hoffen und wünschen, dass es nicht nur eine Erkenntnis ist, die bei der Koalition in Potsdam angekommen ist. Sie muss auch entsprechend handeln. Wir müssen dringend gegensteuern und praktisch ab sofort beginnen, in erheblichem Umfang geeignete Nachwuchskräfte zu gewinnen.

Ramona Pisal wurde 1957 in Opladen in Nordrhein-Westfalen geboren und war nach dem Jurastudium und ersten Berufsjahren ab 1994 als Richterin am Amtsgericht Potsdam tätig. 1997 wurde sie Richterin am Oberlandesgericht. Im Sommer 2006 wurde sie dort zur Vorsitzenden Richterin ernannt, bevor sie nun nach Cottbus kam. Die 59-Jährige ist die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes (Djb). Sie ist verheiratet, lebt in Potsdam und hat einen Sohn.

dpa/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Erstes Brandenburger LG von Frau geleitet: "Ich bleibe hoffentlich nicht die einzige". In: Legal Tribune Online, 08.05.2017, https://www.lto.de/persistent/a_id/22844/ (abgerufen am: 21.11.2017)

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Kommentare
  • 08.05.2017 11:45, RA Nicolas

    Einerseits führt sie die geringe Beförderung von Frau darauf zurück, dass sich Frauen verstärkt für die Familie entscheiden. Andererseits behauptet sie, dass Männer keinen Nachteil hätten, wenn sie sich verstärkt für Eltern- und Teilzeit entscheiden. Finde den Fehler....

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 09.05.2017 14:45, Jini

      Ich sehe da keinen Widerspruch. Wenn sich Richterinnen und Richter gleichermaßen für Eltern- und Teilzeit entscheiden, besteht bei den Beförderungen wegen der gleichen Ausgangsposition Chancengleichheit und mehr Frauen als bisher könnten sich wegen des geringen Umfangs an familiären Verpflichtungen für eine Beförderung entscheiden.

  • 08.05.2017 12:09, Ri

    Sie wird bei jeder Gelegenheit nur Frauen fördern. Schade, dass man einer Lobbyistin so eine Plattform gibt.

    Entlarvend auch Ihr Satz auf www.djb.de: "Sollen Frauen bei der Einstellung durch eine „Männerquote“ diskriminiert werden, um schlechter qualifizierten Männern Platz zu machen?".

    Finde die Argumentation gegen eine Frauenquote! :)

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 09.05.2017 14:50, Jini

      1. Es gilt das Prinzip der Bestenauslese. (Niemand kann also einfach "bei jeder Gelegenheit nur Frauen fördern".)
      2. Geschlechterquoten (egal, in welche Richtung sie wirken) sind nur verfassungs- und unionsrechtsgemäß, wenn sie eine (zumindest im Wesentlichen) gleiche Eignung und Leistung voraussetzen. (Eine Quote für schlechter qualifizierte Männer wäre daher gar nicht zulässig und dann tatsächlich diskriminierend. Im Übrigen liegt bei "positiven Maßnahmen" zur Förderung eines unterrepräsentierten Geschlechts eine gerechtfertigte Ungleichbehandlung und keine Diskriminierung vor.)

  • 09.05.2017 15:05, Jurist

    Das tut mir wirklich sehr Leid für die Menschen in Cottbus. Das Interview legt gleich mehrere Defizite von Frau Pisal offen.

    1. Die Beförderungssituation von Frauen ist im Wesentlichen auf persönliche Lebensentscheidungen zurückzuführen. Richtig! Ist ja auch völlig in Ordnung. Wo ist also das Problem?

    2. Wie möchte Frau Pisal am Standort Cottbus präsent sein, wenn Sie im 120 km entfernten Potsdam wohnt? Zweitwohnung in Cottbus oder doch nur die üblichen zwei Anwesenheitstage am Gericht?

    3. Was hat Frau Pisal eigentlich gemacht, bevor Sie im Alter von 37 Jahren in Brandenburg Richterin geworden ist?

    Scheint mir nicht gerade, als wäre eine Top-Juristin befördert worden ...

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 09.05.2017 17:39, Jini

      "Scheint mir nicht gerade, als wäre eine Top-Juristin befördert worden ..."
      Scheint mir, als spräche da der Neid aus dem "Jurist". Sie war zuvor Anwältin, ist nach wenigen Jahren am AG ans OLG gewechselt und hat auch sonst nebenbei einiges mehr gerissen als viele Durchschnittsjurist/innen.

    • 10.05.2017 09:16, Nachdenker

      Wahnsinn, wenn am Gericht alle so arbeiten, läuft dort ja gar nichts mehr. Aber die Lobby steht ja hinter ihr. Im djb gibts ja einige, die keine Topjuristen sind.

      @ "Jini": Nadann zeig mal auf, was sie gerissen hat, sonst ist deine Aussage heisse Luft. Lobbytätigkeiten gehören auf jeden fall nicht dazu.

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