Dr. jur. gründet Akademie für Glück: Auf der Suche nach dem Flow

von Marcel Schneider

30.10.2015

Nicht jeder kennt sofort seinen Traumberuf. Der Berliner Jurist und Coach Gerhard Huhn brachte bei der Promotion seine juristische Prüfungskommission dazu, sich in ein Mandala zu vertiefen. Heute lehrt er Menschen, glücklicher zu arbeiten.

Es gibt Tage, an denen alles perfekt läuft und man das Gefühl hat, in seinem Job völlig aufzugehen. Die Arbeit geht leicht von der Hand, die Zeit vergeht wie im Flug. Die Kommunikation mit den Kollegen läuft wie am Schnürchen und am Ende eines langen Arbeitstages genießt man bestens gelaunt den Feierabend, wohl wissend, dass man heute besonders produktiv gewesen ist.

Der  US-ungarische Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi beschrieb diesen Zustand in den siebziger Jahren als "Flow", nachdem seine Versuchsprobanden das Gefühl unabhängig voneinander als "fließendes Gefühl des Einklangs" beziehungsweise als ein "im Fluss sein" beschrieben hatten. Dieser Flow, den viele Menschen als eine Art beglückenden Schaffensrausch empfinden, scheint eher zufällig und unregelmäßig aufzutreten. Heute ist man aber zu der Erkenntnis gelangt, dass es möglich ist, ihn ganz bewusst häufiger herbeizuführen und intensiver und länger zu erfahren. Gleichzeitig weiß man aber auch, dass jeder Mensch auf andere Art und Weise seinen Zugang dazu findet.

Dr. Gerhard Huhn ist Mitbegründer der Berliner Flow-Akademie. Er hilft Persönlichkeitstrainern sowie privat Interessierten dabei, herauszufinden, wie sie selbst oder andere ihren inneren Flow-Kanal entdecken. Im Wesentlichen geht es darum, Menschen den Sinn ihrer Arbeit vor Augen zu halten und die passende Balance zwischen Über- und Unterforderung zu finden. Bis aus dem promovierten Volljuristen aber  der Direktor einer Flow-Akademie werden konnte, mussten einige Jahre und viele Stationen im Lebenslauf vergehen.

Das Lernen lernen

Huhn wird 1945 im Ruhrgebiet geboren. Ihn zieht es nach dem Abitur umgehend nach Berlin, wo er mit 22 Jahren ein Jurastudium beginnt. Die ersten drei Semester verlaufen ganz regulär. Danach aber nimmt er mehrere sich bietende Gelegenheiten wahr und bereut es nicht. Als Deutschlehrer in Schweden hat er ein Schlüsselerlebnis: "Nicht nur, dass man mir in meiner Schulzeit immer gesagt hatte, dass ich überhaupt kein Talent für Sprachen besäße. Ich habe als Dozent auch hautnah erleben können, wie unterschiedlich Menschen lernen. Das beste Deutsch sprachen nachher diejenigen Schüler, die bereits ihre eigene Art des Lernens entwickelt hatten", resümiert Huhn.

Danach nimmt er, um sich ein finanzielles Polster für das Erste Staatsexamen in Deutschland zuzulegen, einen Job bei einer Direktverkaufsfirma in der Schweiz an. Letztendlich wird er dort Verkaufsdirektor. In dieser Position besucht er ein Führungsseminar in San Francisco, das für damalige Verhältnisse sehr fortschrittliche Inhalte präsentiert. "Man war der Auffassung, dass Führungskräfte für die Motivation ihrer Mitarbeiter mitverantwortlich sind. Deshalb absolvierte ich auch ein Training zu Methoden, wie ein Mensch die für sich beste Art und Weise zu lernen entdecken kann."

Nach drei Jahren in der Schweiz macht er 1977 in Berlin das erste Staatsexamen und entdeckt: Die universitäre Ausbildung hat sich nicht verändert. Er beschließt, für die nachkommenden Studenten etwas zu ändern.

Flow-Momente im Referendariat

Sein Referendariat verbringt Huhn unter anderem am Bundeskartellamt, in einer großen Wirtschaftskanzlei und beim damaligen Sender Freies Berlin. Das Arbeitspensum ist hoch, aber nicht zu sehr, die Fälle sind knackig, aber nie unlösbar. Ohne es zu wissen, erfährt Huhn die ersten Flow-Momente als angehender Jurist.

In der Zeit, die er nicht an seinen Referendarstationen verbringt, arbeitet Huhn  mit seinem Bruder an einem Programm für einen regelmäßigen Lern-Workshop für Studenten. Die Resonanz ist gut, das Interesse an Unterstützung zu Themen wie Zeitmanagement, eigener Lernfähigkeit und Selbstorganisation kommt gut an. Schon bald gibt er auch Seminare für die Eltern der Studenten und später auch gezielt für Erwachsene in Unternehmen.

Weil er wissen will, was seine Zuhörer aus den Workshops mitnehmen, liest er sich in die Psychologie sowie Gehirnforschung ein und vereinbart mit ehemaligen Teilnehmern Termine für Nachgespräche. Es stellt sich heraus, dass der Mehrwert seiner Seminare im Nachhinein von "verschwindend gering" bis "sehr hoch" variiert und damit sehr unterschiedlich ausfällt. Es profitieren diejenigen am meisten von seinen Workshops, die in ihrem Studium oder ihrer Arbeit einen Sinn erkennen, mit sich und dem, was sie tun, zufrieden sind. Eine Erkenntnis, die später von großer Bedeutung sein wird.

"Anwälte sind nicht wirklich selbstständig"

1979 legt Huhn das zweite Staatsexamen ab. Er gibt einer beratenden Tätigkeit in einer Agentur für Business Consulting den Vorzug gegenüber dem Angebot einer Großkanzlei mit Aussicht auf Partnerschaft. Schließlich macht er sich selbstständig und wird Anwalt mit dem Schwerpunkt öffentliches Recht, Zivil- und insbesondere Baurecht. Während er sich einen Mandantenstamm aufbaut, ist ihm das Training und Coaching ein zweites wirtschaftliches Standbein.

1987 beginnt Huhn an der Berufsperspektive Anwalt zu zweifeln. Es behagt ihm nicht, Freiberufler zu sein, aber "faktisch durch Termine, Verhandlungen und Fristen einen größtenteils vorbestimmten Tag zu haben." Es gebe durchaus Kollegen, "die sich über diese Art der Struktur im Berufsalltag freuen", so Huhn. Doch er selber habe keine Lust gehabt, so weiterzumachen. Vielmehr wächst seine Freude am Coachen und Lehren und er beschließt, sein Berufsleben dahingehend auszurichten.

Zuvor nimmt er aber noch eine Idee aus vergangenen Tagen auf und promoviert. Seine Dissertation aus dem Jahr 1990 trägt den Titel "Kreativität und Schule" und befasst sich mit der Verfassungswidrigkeit von Schulrichtlinien in den künstlerischen Fächern. Die These: Theoretisch müsste der künstlerische Unterricht für die rechte Gehirnhälfte mit ihren Zentren für etwa Intuition, Spontaneität und Kreativität ausgestaltet werden. Praktisch legten die damaligen Schulrichtlinien aber einen Fokus auf die dominanten Eigenschaften der linken Gehirnhälfte, etwa Analytik und Logik. Da das bereits in den übrigen Fächern der Fall sei, verstoße diese einseitige Dominanz gegen die freie Entfaltung der Persönlichkeit und damit gegen Artikel 2 des Grundgesetzes (GG). Er zweifelt die "Sphärentheorie" des Bundesverfassungsgerichts an und stellt bei der Interpretation des Schutzgutes von Art. 2 Abs. 1 GG auf die inneren Kommunikationsvorgänge in Ergänzung zu den äußeren Kommunikationsvorgängen ab.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Dr. jur. gründet Akademie für Glück: Auf der Suche nach dem Flow . In: Legal Tribune Online, 30.10.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17372/ (abgerufen am: 19.07.2018 )

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