Outsourcing von Rechercheaufträgen: Arbeitshilfe auf Abruf

von Julia Ruwe

22.09.2014

Seit jeher delegieren Anwälte einen Teil ihrer Aufgaben gern an wissenschaftliche Mitarbeiter oder Referendare. Die müssen sie sich inzwischen allerdings gar nicht mehr ins Haus holen: Über ein Onlineportal kann die Arbeitshilfe eingekauft werden, zu Stundenpreisen um die 20 Euro. Noch wird das Angebot nur zaghaft genutzt. Doch das könnte sich ändern.

Als die beiden Bremer Jurastudenten Marco Klock, 26, und Philipp Harsleben, 24, als studentische Mitarbeiter in einer Kanzlei anfingen, stellten sie bald fest, dass sie nicht unbedingt vor Ort im Büro sein mussten, um ihre Aufträge zu erledigen. Ihr Chef rief sie an und ließ sie recherchieren, was er gerade an Informationen benötigte. Die fertigen Vermerke mailten sie ihm dann einfach zu.

Daraus entwickelte sich Anfang 2013 die erste eigene Homepage der beiden Gründer, über die sie ihre Arbeitskraft anboten und Aufträge von Anwälten aus ganz Deutschland entgegennahmen. Mittlerweile ist daraus die Plattform edicted.de entstanden, auf der derzeit Unterstützung bei der Recherche von Rechtsfragen, beim Verfassen von Schriftsätzen oder bei Blogeinträgen eingekauft werden kann.

Die Idee: Der Anwalt begegnet bei seiner Arbeit einem bestimmten Problem. Entweder ist die Recherche nicht über die üblichen Quellen der Kanzlei möglich oder er könnte seine Zeit sinnvoller nutzen. Über die Homepage von edicted. stellt er seine Frage als Auftrag online. Registrierte Referendare und Studenten nehmen den Auftrag an und erstellen einen entsprechenden Vermerk, den sie dem Anwalt dann per Mail zusenden.

Den typischen edicted.-Nutzer gebe es nicht, so Klock: "Interessanterweise findet sich unter unseren bisher etwa 100 registrierten Volljuristen praktisch keine Kanzlei, die nicht wenigstens aus einer mittelgroßen Stadt kommt. Wir vermuten, dass unser Konzept vor allem bei jüngeren, technik-affinen Anwälten Anklang findet. Neben kleinen und mittelständischen Kanzleien möchten wir nun aber zunehmend auch größere Büros ansprechen."

Training für junge Juristen

Frank Johnigk, einer der Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) und Experte für anwaltliches Berufsrecht, kann sich gut vorstellen, dass nicht nur die Kanzleien, sondern auch die Bearbeiter von edicted. profitieren können: "Ohne Frage sind derartige Rechercheaufgaben eine gute Übung für Studenten und Rechtsreferendare, sowohl im Hinblick auf die Examina als auch auf ihren zukünftigen Berufsalltag."

Leander Dubbert, 27, studiert im zehnten Semester Jura und ist einer der Studenten, die über edicted. Kanzlei-Aufträge bearbeiten: "Ich hatte Lust, Geld mit dem Können zu verdienen, das mir mein Studium bisher schon vermittelt hat, und gleichzeitig meine Fähigkeiten praxisbezogen auszubauen. Bevor man loslegen kann, stellt edicted. Probeaufträge, die man bearbeiten muss. Außerdem informieren Online-Seminare darüber, was man bei den einzelnen Auftragstypen zu beachten hat."

Die Belohnung erfolgt auf zweifachem Wege: Pro investierter Stunde erhalten die Bearbeiter zehn bis fünfzehn Euro, je nach Schwierigkeitsgrad des Auftrags. Darüber hinaus werden ihnen Punkte gut geschrieben, die sie im virtuellen "Kiosk" von edicted. gegen Amazon- oder Bestchoice-Gutscheine einlösen können.

Sorgen, dass durch edicted. künftig Ausbildungsplätze bei den Kanzleien wegfallen könnten, halten Klock und Harsleben für unbegründet. "Wir glauben gerade nicht, dass durch uns Praktikanten- und Referendarstellen wegfallen, sondern, dass Kanzleien zu der Erkenntnis kommen, dass Praktikanten nicht nur Akten kopieren können. Unsere Vision ist, dass edicted. in Zukunft zum Karrierenetzwerk zwischen Kanzleien und jungen Juristen wird."

Outsourcing und anwaltliche Schweigepflicht

Neben Rechercheaufträgen kann man über edicted. auch ganze Schriftsätze in Auftrag geben. Nicht unproblematisch ist dabei aber die Frage, wie die anwaltliche Schweigepflicht mit dem Outsourcing der eigenen Arbeit vereint werden kann. Denn anders als bei Rechercheaufträgen oder dem Verfassen von Blogartikeln müssen für einen Schriftsatz umfangreiche Informationen über das Mandat, mitunter sogar ganze Akten an den Bearbeiter weitergeleitet werden.

Deshalb sehen die Bedingungen von edicted. vor, dass jeder Auftragnehmer sich bereits bei seiner Registrierung zur konkludenten Abgabe einer Verschwiegenheitserklärung gegenüber den späteren Auftraggebern verpflichtet. "Wir sind mit studentischen Hilfskräften und Freelancern zu vergleichen, die für Kanzleien tätig sind. Auch, wenn durch edicted. kein direktes Angestelltenverhältnis begründet wird, trifft jeden, der in die Mandatsbearbeitung direkt einbezogen ist, die Pflicht zur Verschwiegenheit", sagen die beiden Gründer.

Das Risiko, dass diese nicht eingehalten wird, und die Mandatsinformationen – absichtlich oder unabsichtlich – ins Internet gelangen, trägt freilich der Anwalt. Edicted. selbst ist nicht unmittelbar am Vertrag zwischen Sachbearbeiter und Auftraggeber beteiligt, sondern vermittelt diesen lediglich und stellt die Infrastruktur für die Abwicklung und den Support bereit. Im Fall der Fälle können jedoch nur die – wohl meist nicht besonders solventen – Sachbearbeiter auf Schadensersatz in Anspruch genommen werden.

Zitiervorschlag

Julia Ruwe, Outsourcing von Rechercheaufträgen: Arbeitshilfe auf Abruf . In: Legal Tribune Online, 22.09.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13222/ (abgerufen am: 13.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 24.09.2014 14:48, Phil

    Und hier gehts zur Webseite von besagtem StartUp: https://www.edicted.de

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 25.09.2014 15:05, EdLub

    Eine feine Sache, könnte man auch als Rechtsuchender diese Dienste offiziell nutzen und sich den Umweg über Winkeladvokaten ersparen. Das fachliche Risiko dürfte sich nicht höher einstellen als bei direkter Konsultation einer Anwaltskanzler zu deren Gebühren.

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    • 16.07.2015 10:30, Winkeladvokat

      So ist es fein: Die Leistung von Winkeladvokaten beanspruchen, aber Low Budget bezahlen.
      Hat ein bisschen von Uber, oder? Schmaler Lohn, keine Zulassung, keine Versicherung, kein Mandantenschutz...

  • 26.09.2014 22:27, Rechtsanwaltservice

    Das biete ich schon seit 10 Jahren an! Als aproved Lawyer für 5 € die Stunde

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 07.05.2016 12:57, Lumiere

      Welche Sind bitte Ihre Kontaktdaten bzw. Webseite?

  • 30.09.2014 22:14, n.n.

    Na, da wird sich der Beck-Verlag aber freuen, wenn die Studierenden die Datenbankflatrate der Universitätsbibliothek nebst Recherchedienstleistung für kleines Geld vermieten.

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