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Justiziare in der Fußball-Bundesliga: "Inter­na­tional minimal auf­ge­s­tellt"

von Hasso Suliak

22.02.2020

Zwar beschäftigen die meisten Bundesligisten mittlerweile eigene Justiziare, im Vergleich zu europäischen Top-Klubs hinkt man in Deutschland personell jedoch deutlich hinterher. Dafür herrscht in der Branche ein Höchstmaß an Kollegialität.

Bis auf wenige Ausnahmen wie dem SC Freiburg, dem SC Paderborn, Union Berlin oder der TSG 1899 Hoffenheim haben inzwischen alle Erstligisten eigene Juristen angestellt, die sich als "Head of Legal", "Direktor-Recht" oder einfach nur als Syndikusrechtsanwälte um die rechtlichen Angelegenheiten ihres Vereins kümmern. Einige von ihnen landeten direkt nach dem zweiten Staatsexamen in der Bundesliga, andere kommen aus Top-Kanzleien oder Rechtsabteilungen von Unternehmen.

Bei allen Differenzen im beruflichen Werdegang: Die Bundesliga-Justiziare sind sich bewusst, dass sie in einem Traumjob gelandet sind, um den sie wohl viele fußballbegeisterte Juristen beneiden.

1. FC Köln: Mit Herzblut bei der Sache

Selbst "alte Hasen", die wie Kölns Justiziar Dr. Oliver Zierold schon seit vielen Jahren im Fußball-Business arbeiten, schwärmen noch heute von ihrem Job. Der 46-jährige begann 2004 als Inhouse-Jurist bei der Deutschen Fußball Liga (DFL), nachdem er zuvor beim DFB die Wahlstation im Referendariat absolviert hatte. Seit 2009 ist Zierold Justiziar bei seinem Lieblingsclub. Ein Vereinswechsel, wie er bei Spielern regelmäßig früher oder später vorkommt, scheint für Zierold ausgeschlossen – schließlich ist er dort, wo er schon immer hinwollte: "Wenn man mich mit 15 gefragt hätte, was ich mal werden möchte, hätte ich geantwortet: 'Justiziar beim 1. FC Köln' – obwohl es diese Stelle damals noch überhaupt nicht gab."

Zierold hat beim FC die bei seiner Anstellung neu geschaffene Rechtsabteilung aufgebaut und sich schnell als wichtiger Ansprechpartner für Geschäftsführung und Vorstand etabliert. Besonders stolz ist Zierold darauf, dass es ihm auch nach Wechseln in der Vereinsführung stets gelang, schnell das Vertrauen seiner neuen Vorgesetzten zu gewinnen. Er bildet regelmäßig Referendare aus, die in der Folge auch schon mal befristete Anschlussverträge im Club erhielten.

Das rechtliche Tätigkeitsfeld ist breit gestreut: vom klassischen Sportrecht, wie die juristische Begleitung von Spieler-Transfers, bis hin zu vereins- und gesellschaftsrechtlichen Fragestellungen oder der Gestaltung von Verträgen mit Dienstleistern, Partnern und Sponsoren. Zierold versucht dabei, "so viel wie möglich inhouse" zu erledigen. Nur Fälle aus speziellen Rechtsgebieten, wie etwa dem Marken- oder Datenschutzrecht, werden an Kanzleien abgegeben, außerdem beauftragt der 1. FC Köln externe Rechtsanwälte, wenn eine Sache vor Gericht landet.

FC Bayern-Juristin: Zuständig für rund 1.000 Mitarbeiter

Auch beim aktuellen Bundesliga-Spitzenreiter, dem FC Bayern München, hat man nach den Worten ihres Direktors-Recht, Dr. Michael Gerlinger, den Anspruch, möglichst viele Angelegenheiten "inhouse abzudecken". Gerlinger (47), der bereits seit 2005 beim Rekordmeister arbeitet, wird in seinem Team von drei Frauen unterstützt, unter anderem von Rechtsanwältin Veronica Saß, die seit 2016 im Verein tätig ist und seit kurzem zur Abteilungsleiterin Recht aufgestiegen ist.

Die 42-jährige Juristin ist seit Kindesbeinen Bayern-Fan und schätzt im Vergleich zum Anwaltsjob beim Fußballverein unter anderem die Bandbreite juristischer Themen. Einer ihrer aktuellen Tätigkeitsschwerpunkte fällt derzeit in den Bereich Datenschutz. Denn auch für den FC Bayern stellt die Umsetzung der DSGVO auch wegen des Umgangs mit sensiblen Spielerdaten eine große Herausforderung dar. "Wir stehen im engen Austausch mit Datenschutzbeauftragten anderer Bundesligisten", so Saß.

Arbeitsrechtlich zuständig ist die von Saß geleitete Abteilung übrigens für rund 1.000 Mitarbeiter der Fußball-Abteilung FC Bayern München AG und deren Tochtergesellschaften. Und auch wenn die Rechts- und Personalabteilung des FC Bayern im nationalen Vergleich als verhältnismäßig groß gilt: "International sind wir eher minimal aufgestellt", sagt Chef-Justiziar Gerlinger im Gespräch mit LTO. So würden beim französischen Top-Club Paris-Saint-Germain allein 25 Leute in der Personalabteilung arbeiten und auch bei englischen Premiere-League-Clubs sind laut Gerlinger manchmal zehn Beschäftigte in der Rechtsabteilung keine Seltenheit.

Gladbach: Vom Referendariat in die Bundesliga

Noch bis vor kurzem komplett auf einen Inhouse-Juristen verzichtet hat Borussia Mönchengladbach. Sämtliche rechtliche Angelegenheiten wurden an externe Kanzleien abgegeben, viele davon an die auf Sportrecht spezialisierte Anwaltsboutique Schickhardt Rechtsanwälte.

Erst seit März 2018 läuft es in Gladbach anders: Seither komplettiert die 37-jährige Volljuristin Julia Hambüchen den Fohlenstall am Niederrhein als "Head of Legal" und Bereichsleiterin Recht & Compliance. Ihr Weg verlief aus dem Referendariat direkt in die Bundesliga. Die Mutter zweier kleiner Kinder arbeitet dort nun als juristische Generalistin. Sie macht viel Arbeits- und Vertragsrecht, prüft unter anderem die Spielerverträge, die ihr Sportdirektor Max Eberl vorlegt, und ist außerdem Jugendschutz- und Präventionsbeauftragte des Vereins.

Hambüchen genießt die Situation, dass sie bei der Borussia quasi die Rechtsabteilung von null an aufbauen und somit viele eigene Akzente setzen kann. "Ich kann mich hier prima entfalten", schwärmt die Juristin, die schon mit ihrem Vater begeistert Heimspiele der Borussia auf dem legendären Bökelberg besuchte.

Bayer 04: Erstes Justiziariat überhaupt

Die erste Rechtsabteilung in der Bundesliga überhaupt hat Rechtsanwältin Christine Bernhard in Leverkusen ins Leben gerufen. Von 2004 bis 2015 war Bernhard für den Aufbau und die Leitung der Rechtsabteilung der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH zuständig. Heute arbeitet sie in der Rechtsabteilung des Mutterkonzerns und ist nebenbei auch Vizepräsidentin der RAK Köln.

Bernhards Nachfolger bei Bayer 04 ist Lars Küpper. Bevor er 2015 in den Fußballbereich kam, war er Anwalt in der Kanzlei Linklaters in Brüssel und seit 2012 für Compliance in der Bayer-Rechtsabteilung zuständig. Der 42-Jährige betreibt als Syndikus beim Bundesligaverein das komplette "legal management".

Sportrechtliche Themen sind sein Kerngeschäft, aber natürlich gibt auch Küpper die ein oder andere Rechtsangelegenheit an externe Kanzleien ab, zum Beispiel an die auf Sportrecht spezialisierte Kanzlei Lentze Stopper in München. Und im Vergleich zu den Kollegen anderer Vereine hat Lars Küpper natürlich einen großen Vorteil: Im gigantischen Mutterkonzern findet sich jede Menge juristische Expertise, auf die der Sportjustiziar zur Not auch einmal zurückgreifen kann.

Ein-Mann-Rechtsabteilung beim BVB, "Jungspund" bei Werder Bremen

Eine lupenreine Ein-Mann-Rechtsabteilung findet sich dagegen schon seit Jahren bei Borussia Dortmund. Seit 2007 ist Dr. Robin Steden beim BVB als Syndikusrechtsanwalt für Recht und Investor Relations zuständig. Zuvor arbeitete er unter anderem als Kapitalmarktrechtler in der Bonner Wirtschaftskanzlei Schmitz Knoth, bevor er sich "ganz normal" auf eine Print-Stellenanzeige in der NJW beim BVB bewarb.

Der 46-jährige Steden sieht sich beim BVB als juristischer Generalist, nicht zuletzt sind aber auch seine Kenntnisse im Kapitalmarktrecht beim einzigen börsennotierten Verein der Bundesliga äußerst gefragt. Dass Steden mittlerweile seit 13 Jahren beim BVB ohne jeglichen juristischen internen Back-up agiert, macht ihm inzwischen auch etwas zu schaffen. Im Gespräch mit LTO deutete Steden daher an, dass sich der BVB im Rechtsbereich in absehbarer Zeit personell verstärken werde.

Immerhin zu zweit wird man juristisch beim SV Werder Bremen inhouse betreut. Neben dem langjährigen Justiziar und heutigen "Direktor-Recht", Tarek Brauer (41), ist seit kurzem auch der gerade einmal 31-jährige Rechtsanwalt Dr. Henning Hofmann mit an Bord. Der jüngste Justiziar der Bundesliga absolvierte beim Verein seine Wahlstation und ist dort jetzt eine Art juristischer Allrounder.

Vertragsrecht, Sponsoring, aber auch skurrile Rechtsfragen wie etwa die, was man zulässigerweise auf dem Trainingsgelände gegen eine Kaninchenplage unternehmen darf, gestalten seine Tätigkeit äußerst abwechslungsreich. Wie viele seiner Kollegen sagt auch er: "Ich arbeite in einem Traumjob".

RB Leipzig: "Vom Großteil der Fans geschätzt"

Den hat auch Bärbel Milsch bei RB Leipzig gefunden: Die 36-jährige Rechtsanwältin kommt von der Großkanzlei Noerr und begann bei RB im November 2018 als "Legal Counsel", bevor sie im Oktober 2019 als "Direktorin Recht" die Leitung der Rechtsabteilung übernahm. In Kürze wird diese bei RB aus drei Personen bestehen. Wie alle ihre Bundesliga-Kollegen ist auch Milsch fußballbegeistert, spielte selbst aktiv in einem Verein und hat seit dem Auftritt des Vereins in der zweiten Liga eine Dauerkarte.

Die negative Außensicht, mit der so mancher Ultra-Fan das Projekt RB Leipzig beurteilt, prallt an der jungen Mutter komplett ab. "Da stehe ich drüber – vor allem weil ein Großteil der Fans uns längst schätzt", sagt sie. Fachlich besteht ihre Tätigkeit auch aus einem bunten, juristischen Blumenstrauß: Sportrecht, Arbeitsrecht, Kooperationsvereinbarungen mit Sponsoren und vieles mehr.

Hin und wieder ist auch mal ein Anruf in der RB-Zentrale im österreichischen Fuschl nötig, etwa wenn es um markenrechtliche Fragen geht. Im Vergleich zu ihrer früheren Tätigkeit in einer Großkanzlei schätzt Milsch auch die eher geregelten Arbeitszeiten beim Fußballverein: "Es gibt zwar auch mal stressigere Phasen, in aller Regel bin ich aber abends pünktlich zuhause".

In Kiel wurde ein Ex-Spieler Justiziar

Ob Bayern, Dortmund, Gladbach oder Leipzig: Unter den Inhouse-Juristen herrscht ein auffällig kollegialer Umgang. "Wir arbeiten alle in einem Boot", hört man unisono auf Nachfrage. Rivalitäten, wie sie unter den Fans herrschen, spielen unter den Juristen keinerlei Rolle. Ihr Umgang ist professionell, immer wieder tauscht man sich aus, mal unbürokratisch im Netz oder auf ihren regelmäßigen Treffen im Arbeitskreis Recht bei der DFL.

Bei diesen Treffen, die in der Regel in Frankfurt stattfinden, nehmen auch die Inhouse-Juristen der Zweitligavereine teil. Als einziger Ex-Spieler in dem Kreis der Fußball-Justiziare hat es letztlich Heiko Petersen geschafft, Diplom-Jurist und Justiziar bei Holstein Kiel. Der heute 39-jährige spielte insgesamt acht Jahre für Kiel, zumeist dritte Liga, zwischenzeitlich aber auch ein paar Jahre für den VfB Lübeck in Liga zwei. Das Jurastudium absolvierte er teilweise parallel zum Spieler-Job. Seine Stelle bei Kiel bezeichnet er als "perfekte Schnittstelle zwischen meiner Leidenschaft Fußball und juristischer Ausbildung".

Auf den Meetings der DFL trifft man in der Regel auch einen weiteren "alten Hasen der Zunft", den 42-jährigen Dr. Jan Räker. Er arbeitete lange Jahre beim Hamburger SV und zieht seit 2014 als "Direktor Recht" die juristischen Fäden beim VfB Stuttgart. Räker sagt: "Wir Justiziare sind eine gute Gemeinschaft."

Der gebürtige Wuppertaler war zwischendurch ein paar Jahre in der Hamburger Kanzlei Prinz als Anwalt tätig, findet aber den Job in der Bundesliga weitaus attraktiver: "Es ist vielfältiger, ich arbeite nicht nur juristisch, sondern kann auch bei vielen Themen aktiv mitgestalten." Räker ist im Übrigen der einzige Bundesliga-Justiziar, der in seinem Nebenjob auch Richter ist – und zwar beim Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne. Eine Tätigkeit, für die er im Jahr 50 – 200 zusätzliche Arbeitsstunden investiert.

Zur Gehaltsfrage: "Hauptwährung ist die Emotion"

Umgekehrt, nämlich vom Richter am Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hin zum Anwaltsjob im Bereich Sport, ist es dagegen bei Dr. Markus Schütz gelaufen. Den heute 55-jährigen Fachanwalt für Arbeitsrecht und gewerblichen Rechtsschutz sprach noch zu Regionalligazeiten Hoffenheims SAP-Mäzen Dietmar Hopp an und fragte, ob er nicht das Projekt der TSG juristisch betreuen wolle.

Schütz willigte ein, gründete eine Kanzlei in Karlsruhe und koordiniert mittlerweile mit seinem Team von acht Anwälten, die sich auf die unterschiedlichsten Rechtsbereiche spezialisiert haben, nahezu alle rechtlichen Angelegenheiten der TSG 1899 Hoffenheim (das Verfahren zu den Anfeindungen von Dietmar Hopp durch BVB-Fans betreute die Kanzlei Schickhardt).

Ein vergleichbarer Zustand soll möglichst bald beim SC Freiburg behoben werden. Auch der Verein aus dem Breisgau lässt seine juristische Beratung bislang ausschließlich extern vornehmen, allerdings wohl nicht mehr lange: Nach LTO-Informationen will der Verein mittelfristig einen eigenen Juristen im Verein anstellen. Entsprechende Überlegungen würden angestellt, heißt es.

Und was sollten angehende Juristen beachten, die den Traumjob Bundesliga anstreben? Die beiden Justiziare von Eintracht Frankfurt, Philipp Reschke und Özkan Bal, empfehlen in der Ausbildung "sportrechtsnahe Schwerpunkte" zu setzen sowie Sportmanagement-Skills zu erlernen, "sonst bleibt man Stabsstelle". Und sie empfehlen, gehaltsmäßig auf dem Teppich zu bleiben: "Bei den Gehaltsvorstellungen sollte man Abstriche machen, die Hauptwährung des Jobs ist die Emotion."

Bei der DFL jedenfalls wirbt Chef-Jurist und Direktor Recht, Rechtsanwalt Jürgen Paepke, "bei jeder passenden Gelegenheit" dafür, dass die Clubs eigene Justiziare einstellen. LTO sagt er: "Es freut mich, dass ihre Anzahl in der Bundesliga und 2. Bundesliga stetig wächst. Die Atmosphäre und das Miteinander im AK Recht sind in der Tat von hoher Kollegialität geprägt und von einem stets offenen, konstruktiven Austausch, auch wenn man mal unterschiedlicher Meinung ist."

Zitiervorschlag

Justiziare in der Fußball-Bundesliga: "International minimal aufgestellt" . In: Legal Tribune Online, 22.02.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/40427/ (abgerufen am: 28.11.2020 )

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