Rechtsalltag als Blinder: Zuhören ohne Ablenkung

von Simon Heinrich

19.11.2013

Moritz Bißwanger ist Mitte zwanzig und hat vor einem halben Jahr seine Promotion begonnen, Thomas Drengenberg ist Ende vierzig und seit knapp zwanzig Jahren Richter am Amtsgericht in Marburg. Zwei Juristen, die neben ihren guten Staatsexamina noch eine weitere Gemeinsamkeit haben: Sie sind beide blind.

Moritz Bißwanger musste nicht lange überlegen, um auf ein Thema für seine Promotion an der Universität Augsburg zu kommen. Er wählte es aus seinem täglichen Leben: "Blindenführhund - rechtliche Betrachtung eines außergewöhnlichen Hilfsmittels". Laut Bißwanger gibt es kein anderes Hilfsmittel, das im Alltag derart viele rechtliche und tatsächliche Probleme mit sich bringt. Vor einem halben Jahr hat er eine Promotion zu dem Thema begonnen, doch auch in seiner Freizeit befasst er sich damit, indem er von der Problematik betroffene Menschen beispielsweise in rechtlichen Fragen gegenüber der Krankenkasse vertritt.

Bereits im Vorschulalter hat Bißwanger sein Augenlicht verloren – als Folge mehrerer Operationen wegen eines Tumors an der Sehnervenkreuzung. Seine Lebensplanung wollte er deshalb aber nicht über den Haufen werfen. "Ich musste mich oft durchkämpfen, habe nicht immer den leichtesten Weg genommen", sagt er. Er ging nicht auf eine Blindenschule, sondern auf ein reguläres Gymnasium. Mit Hilfe einer sogenannten Braille-Zeile an seinem Computer, die Geschriebenes und Eingescanntes in Blindenschrift übersetzt, kann er fast wie jeder andere normal am Unterricht teilnehmen.

Die Braille-Zeile als Weg zur Wissenschaft

Doch entsprechende Gerätschaften müssen zunächst angeschafft werden. Für mehrere Schulen war das ein zu großer Aufwand - und eine Rechtfertigung, um Bißwanger als Schüler abzulehnen. Auch zu Beginn des Studiums gestaltete sich die Versorgung mit den notwendigen Hilfsmitteln als schwierig, da sich zunächst keine Behörde für ihn zuständig fühlte. Besonders dankbar ist er daher der Universität Augsburg, die beschloss, in der Bibliothek ein speziell für blinde Studenten ausgestattetes Büro einzurichten.

Schon in der neunten Klasse hatte sich Bißwanger vorgenommen, später einmal Jura zu studieren. Kein einfaches Unterfangen, besteht das Studium doch zum großen Teil aus dem Lesen von Gesetzestexten und längeren Aufenthalten in der Uni-Bibliothek. Doch eine Assistenzkraft, die als Zivildienstleistende für das rote Kreuz tätig war, unterstützte ihn dabei, suchte die notwendige Literatur aus der Bibliothek und scannte sie ein. Die Scans konnte Bißwanger dann mit Hilfe der Braille-Zeile an seinem Notebook lesen. Das dauert jedoch seine Zeit. Vor allem, da Scans häufiger fehlerhaft sind, Fußnoten und Randnummern in falscher Reihenfolge oder gar nicht erkannt werden. Das korrekte Zitieren in Haus- und Seminararbeiten – für manchen ohnehin schon eine Herausforderung – wird so doppelt mühevoll.

Gelesenes oder Gehörtes wird sofort gespeichert

Auch Inhaltsverzeichnisse, die andere Studenten schnell überfliegen konnten, musste Bißwanger mühsam und Zeile für Zeile durcharbeiten. Bei den Klausuren machten ihm vor allem jene aus dem Öffentlichen Recht zu schaffen, die regelmäßig mit zahlreichen Datumsangaben zwecks Fristberechnung gespickt waren. Um nicht ständig und aufwändig "Umblättern" zu müssen, entwickelte Bißwanger ein hervorragendes Gedächtnis, in dem meist alle relevanten Informationen nach einmaligem Lesen haften blieben. Letztlich konnte er die Klausuren genauso schreiben, wie seine Kommilitonen auch - nur am Computer, statt mit Zettel und Stift.

Nach neun Semestern hatte er das erste Staatsexamen in der Tasche, eine Promotion sollte folgen. Der Antrag auf einen Zuschuss für die Kosten einer Hilfskraft, die Bißwanger weiterhin seine Bücher aus der Bibliothek suchen und einscannen könnte, wurde von der zuständigen Behörde jedoch abgelehnt. Die nüchterne Begründung: "Wenn Sie gut genug sind, um zur Promotion zugelassen zu werden, dann schaffen Sie es auf dem Arbeitsmarkt auch ohne Promotion".

Die Unistiftung und ein Unternehmer im Wohnort seiner Eltern sprangen ein, sodass ihm nun zumindest für zehn Stunden pro Woche eine Hilfskraft zur Verfügung steht. Mitte 2015 will er fertig sein.

Zitiervorschlag

Simon Heinrich, Rechtsalltag als Blinder: Zuhören ohne Ablenkung . In: Legal Tribune Online, 19.11.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/10084/ (abgerufen am: 12.12.2018 )

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