Berufsperspektive Repetitor: Als Praktiker Karrieren machen

von Patrick Buse, LL.M.

30.05.2012

Der Weg zum Repetitor gehört für viele Jurastudenten so selbstverständlich zur Examensvorbereitung wie das Abstraktionsprinzip in die Anfängervorlesung im BGB. Im Repetitorium wird gelernt, vertieft und wiederholt, bis man den Stoff bestmöglich kennengelernt hat. Mit dem Repetitor ist das oft anders – er bleibt ein fremdes Wesen. LTO erklärt, wer hinter den privaten Examensrettern steckt, wie man einer wird und was man dafür mitbringen muss.

Schaut man sich die Werbung und die Materialien der großen kommerziellen Repetitorien an, erfährt man viel über Inhalte und Methoden. Über die Personen, die diese vermitteln wollen, bleibt man weitgehend im Ungewissen. Das einzige, was man oft feststellt, ist, dass viele Repetitoren auch als Anwälte arbeiten. Das Berufsbild des "ausschließlichen" Repetitors gibt es also anscheinend nur sehr selten.

Auch Frank Müller ist Rechtsanwalt und Repetitor bei Alpmann Schmidt. Die Verteilung seiner Arbeitszeit auf die beiden Tätigkeiten ist unterschiedlich und lasse sich nicht pauschal beziffern, so Müller. Er sieht in der Kombination beider Jobs große Vorteile: Als Rechtsanwalt habe er Praxiswissen, das er ins Repetitorium einbringen könne. Deshalb legt Alpmann Schmidt großen Wert darauf, dass alle Dozenten Praktiker sind. Insbesondere für die Kurse zum Zweiten Examen sei dies existenziell.

Praxiserfahrung ist unbedingt erforderlich

"Wenn man den Hörern Wissenschafts-Kabinettstückchen beibringt, die dann vor Gericht in die Hose gehen, kommt das in der Klausur auch nicht gut an", erklärt Torsten Kaiser von den Kaiserseminaren. Er verweist auf das Gespür für das Recht, das man erst in der Praxis bekomme. Man dürfe nicht nur auswendig gelerntes Zeug erklären, sondern müsse wissen, was praktisch läuft. "Sonst redet man wie ein Blinder von der Farbe." Bei den Kaiserseminaren sind ebenfalls alle Repetitoren Praktiker, also Staatsanwälte, Richter oder Rechtsanwälte. So hat Torsten Kaiser jahrelang Anwaltstätigkeit und Repetitorium nebeneinander betrieben.

Mittlerweile ist er "nur" noch Repetitor und Geschäftsführer der Kaiserseminare und lässt seine anwaltliche Tätigkeit ruhen. Ansonsten wäre die Arbeitsbelastung zu hoch, da die Kaiserseminare, die Analyse der Examensklausuren und die Arbeit an Unterlagen, Rechtsprechungsrecherche und Lehrbüchern ihn voll einnehmen. Schließlich ist Kaiser für den Großteil des zivilrechtlichen Programms zuständig.

Anwaltlich berät Alpmann Schmidt-Repetitor Frank Müller in seiner Rechtsanwaltskanzlei Müller & Müller auch zu Prüfungsanfechtungen. Das sei für die Kurse zum Ersten Examen sehr wertvoll. So habe er ein unabdingbares Hintergrundwissen über Darstellung und Vermeidung von Problemen in den Prüfungen. Als Praktiker wie als Repetitor ist er stets up to date, was rechtliche Neuerungen betrifft. Die beiden Tätigkeiten ergänzen sich also hervorragend.

Früh übt sich

Torsten Kaiser gab bereits während seiner Referendarzeit Privatunterricht und merkte, dass es ihm richtig Spaß macht. Seine "Schüler" sagten, dass sie es erst jetzt richtig verstanden hätten. Dennoch dachte er damals nicht an eine Karriere als Repetitor – "Jeden Tag Kurs? Nach drei Monaten mit dem Programm wieder von vorne anfangen? Permanent mit dem Zug unterwegs? Heute hier, morgen dort? Nein danke." So ist er dann lieber Anwalt geworden – dass es später anders kommen würde, hätte er nie gedacht.

Frank Müller dagegen fasste den Entschluss, Repetitor zu werden, direkt nach dem Ersten Examen. Seine ersten Kurse gab er bereits, während er selbst noch Referendar war. "Da sind einem die Probleme der Examensvorbereitung noch gegenwärtig." Er selbst hatte schon als Student das Rep bei Alpmann Schmidt besucht. Der Wechsel vom Schüler- zum Lehrerpult ging also sehr schnell.

Während des Referendariats besuchte Torsten Kaiser selbst zwei Reps, mit dem kleineren blieb er in Kontakt. Dort unternahm er später mit seinem Bruder und seinem Vater, einem altgedienten AG-Leiter, erste Gehversuche als Repetitor. Als diese immer erfolgreicher wurden, entschlossen sie sich, unter eigener Flagge zu segeln.

Während er zeitweise bei einer Großkanzlei arbeitete, konnte er keine Seminare geben. Allerdings war er an der Einrichtung des kanzlei-internen Repetitoriums beteiligt, an dem die Referendare der Kanzlei kostenlos teilnehmen konnten. So machte sich die Kanzlei seine Erfahrung als Repetitor zunutze und Kaiser konnte Kurse geben. "Im Großkanzlei-Jargon eine win-win-Situation", wie er heute weiß. Solche Inhouse-Seminare werden von den Kaiserseminaren heute auch mit anderen Großkanzleien in Deutschland erfolgreich durchgeführt.

Teamplay mit Kollegen, stolz auf die Studenten

Außerhalb der Kurse arbeite er nicht als Einzelkämpfer, so Frank Müller. Bei Alpmann Schmidt sind die Dozenten der einzelnen Standorte gut miteinander vernetzt, ebenso wie die Autoren der Skripten. Damit schaffe man eine "geballte Ladung Wissen und bündele das professionelle Know-how erfahrener Dozenten", erklärt Müller. Auch die Repetitoren und Kursleiter der Kaiserseminare sind untereinander verbunden und ständig in Kontakt. Jeder bringt seine Erfahrungen ein, was Torsten Kaiser sehr begrüßt, da so niemand im eigenen Saft schmort.

Als Rechtsanwalt freut sich Frank Müller jedes Mal, wenn er vor Gericht auf ehemalige Kursteilnehmer trifft, die sich zu gestandenen Rechtsanwälten oder Richtern gemausert haben. Außerdem begegne er vielen Prüfern, die er noch als Kursteilnehmer kennt. "Insofern ist es schön, wenn man als Repetitor im Sinne der Conditio-sine-qua-non-Formel eine Mitursache für diese Karrieren schaffen konnte."

Den größten Spaß macht es Frank Müller, zu sehen, wie man den Studenten und Referendaren durch eine professionelle Examensvorbereitung helfen kann, sich fortzuentwickeln und bestmögliche Examensergebnisse zu erreichen. So sei er auch ein wenig stolz, gibt er zu, wenn Kursteilnehmer höhere Wissensebenen und Prädikatsexamina erreichen.

Seine Kurswochenenden seien zwar körperlich sehr anstrengend, räumt Torsten Kaiser ein. "Wenn man danach aber in die Gesichter der Teilnehmer schaut und sieht, dass man was bewirkt hat, dass sie nun weniger Angst haben und sichtbar erleichtert sind, genau zu wissen, was auf sie zukommt, dann entschädigt das für alles." Mit vielen Teilnehmern halte er auch nach deren Examen fast schon freundschaftlichen Kontakt.

Ein Beruf mit Tradition – und Perspektive

Müller weist darauf hin, dass Repetitor ein sehr traditionsreicher Beruf ist – "bereits Goethe ging zu einem professionellen Repetitorium". Aber wer sich auf den Dichterfürsten als Kunden von einst berufen möchte, der muss schon einiges mitbringen: Als Repetitor muss man Prädikatsexamina haben und die Fähigkeit zum Vermitteln von Lerninhalten. Diese Veranlagung, so Müller, braucht man, da ohne vorhandene Begabung keine Förderung möglich sei. Ist man mit alledem gesegnet, kann Frank Müller den Beruf des Repetitors nur empfehlen.

Auch Torsten Kaiser ermuntert bei entsprechender Neigung und Begabung "auf jeden Fall" zum  Beruf des Repetitors. Die abwechslungsreiche Tätigkeit erlaube, ähnlich wie als Arzt unmittelbar zu helfen, etwas zu bewirken und nicht im stillen Kämmerlein sitzen und sich mit Gürteltier-Akten herumquälen zu müssen. Und bei guter Arbeit könne man natürlich auch gutes Geld verdienen.

"Man sollte Lehrerfahrung sammeln, in der Uni, der Privat-AG oder anderweitig und schauen, ob einem das Spaß macht", sagt Kaiser. Dabei müsse man gut erklären und vor einem Auditorium stehen und reden können, was einiges an Selbstbewusstsein voraussetzt. Auch pädagogisches und rhetorisches Geschick brauche man als Repetitor. Bei den Kaiserseminaren gebe es eine intensive On-the-job-Schulung der Dozenten, selbst wenn diese schon Vorerfahrungen mitbringen. Einige der heutigen Kaiser-Repetitoren haben aber auch ganz frisch angefangen.

Wenn die Familie mitspielt: Traumjob Repetitor

Auch perspektivisch macht sich Frank Müller keine Sorgen. Die kostenlosen Repetitorien der Unis könnten mit den kommerziellen einfach nicht mithalten. Nicht umsonst führe auch Professor Pieroth aus, dass kommerzielle Reps gegenwärtig "unvermeidbar" seien (NJW 2012, 725, 728).

Vor Beginn der Tätigkeit als Repetitor sollte man seine Familie ins Boot holen, empfiehlt Torsten Kaiser. Man sei relativ oft (bei den Kaiserseminaren zwar nur an den Wochenenden) unterwegs, das müssten alle mittragen.

Die Tätigkeit eines Repetitors bietet also eine Vielzahl interessanter Aspekte, über die sich viele Studenten sicherlich keine Gedanken machen. Spaß an der Lehre, der Umgang mit Studenten und Referendaren und die Kombination mit einer praktischen Tätigkeit sind die offensichtlichen. Dazu kommen der Austausch mit den Kollegen und auch das viele Reisen. Allerdings setzt der Beruf auch einiges an juristischen und soft skills voraus. Das Netzwerk zu jungen Juristen entwickelt sich bei diesem Beruf jedoch wie von selbst. Der Repetitor ist also ein vielschichtiges, aber nun nicht mehr fremdes Wesen. 

Zitiervorschlag

Patrick Buse, Berufsperspektive Repetitor: Als Praktiker Karrieren machen . In: Legal Tribune Online, 30.05.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/6296/ (abgerufen am: 20.01.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 30.05.2012 21:55, Claire BrunVistenkarte

    Ich finde, man hätte in dem Artikel doch noch etwas auf die Zukunft der Repetitorien eingehen können. Natürlich gehört es für die breite Masse der Studenten immernoch selbstverständlich dazu, aber die Zeiten ändern sich. Die Universitäten haben dazugelernt, die Uni-Reps werden immer besser, auch die Lehrbuch/Skripten-Landschaft entwickelt sich fort. Aus meinem Freundeskreis (der natürlich nicht repräsentativ ist) sind mitlerweile mehr als die Hälfte ohne Rep durch das Examen gekommen. Und davon überdurchschnittlich viele mit Prädikat. Die Verbesserungen an der Uni haben auch mit einem gewandelten Selbstverständnis zu tun und das liegt nicht zuletzt auch an den Repetitorien. Das Konzept wird so zunehemend in Frage gestellt. Zu diesen Themen hätte ich mir etwas mehr Nachfragen erhofft, anstatt des bloßen Verweises auf Herrn Pierroth...

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