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Berufsperspektive Energierecht: Wie verkauft man eigentlich ein Kraftwerk?

von Anna K. Bernzen

15.09.2011

Für viele Juristen treibt Strom bloß Mikrowelle und Computer an. Für immer mehr beschleunigt er auch die Karriere. Denn mit der Energiewende ist das Energierecht in den Fokus von Universitäten, Kanzleien und Rechtsabteilungen gerutscht. Wie man hier Fuß fasst, was ein Energierechtler macht und warum der Beruf bald so spannend sein wird, erklärt Anna K. Bernzen.

An der Universität hat sie sich auf das Völkerrecht konzentriert. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich als studentische Hilfskraft im Bereich Gesellschaftsrecht. Während ihrer Anwaltsstation bei Clifford Chance war sie mit Mergers and Aquisitions befasst. Energierecht? Für Christiane Paul erstmal nur die Abteilung nebenan.

Doch deren Anwälte liehen sich ab und an Referendare aus dem Bereich M&A aus. Auch die 27-Jährige war dabei – und hat sofort Blut geleckt. Als ihr die Düsseldorfer Großkanzlei nach dem Examen eine Stelle in der ehemaligen Nachbarabteilung anbot, sagte sie spontan zu. "Das Energierecht ist sehr spannend, weil es so viele Rechtsgebiete umfasst und ständig in Bewegung ist", begründet Christina Paul ihre Entscheidung, die nun ein halbes Jahr zurückliegt.

Wie die junge Anwältin sehen das derzeit viele angehende Juristen. Was zu Christiane Pauls Studienzeit meist als einsame Vorlesung im Rahmen des Schwerpunktbereichs Umweltrecht daherkam, dem messen die juristischen Fakultäten heute größere Bedeutung bei. An der Universität Köln gibt es ein eigenes Institut für Energierecht, in Bayreuth wurde eine Forschungsstelle eingerichtet.

"Im Energierecht aktiv mitgestalten"

An der Leuphana Universität in Lüneburg wird derzeit eigens der LL.M.-Studiengang Umweltrecht umstrukturiert, um das Energierecht ins Zentrum der Lehre zu rücken. Angesichts der Energiewende und ihrer gesetzlichen Neuerungen ein sinnvoller Schritt, findet Thomas Schomerus, der den Masterstudiengang seit über einem Jahrzehnt leitet: "Die Studenten können im Energierecht aktiv mitgestalten und sich mit eigenen Ideen einbringen." Er machte die Erfahrung, dass selbst die Absolventen ohne Prädikatsexamen schnell einen Job nach ihrem Abschluss fanden, denn: "Das Energierecht bietet am Arbeitsmarkt viele Perspektiven."

Energierechtler gibt es schließlich überall dort, wo Juristen typischerweise zu finden sind: In Großkanzleien und spezialisierten Boutiquen etwa, bei den Energieversorgern und den Stadtwerken oder in ausländischen Energieunternehmen. Aber auch im öffentlichen Dienst, etwa in den Umweltministerien oder bei der Bundesnetzagentur sind sie zu finden.

Wer sich für dieses Rechtsgebiet entscheidet, kann in nächster Zeit spannende Erfahrungen machen: "Auch aufgrund der jüngsten Entwicklungen in der Energiewirtschaft ist das Energierecht ein Zukunftsfeld, in dem noch viel Potenzial steckt", sagt Mathias Elspaß, Counsel für Energierecht bei Clifford Chance. Seit er vor sechs Jahren seine Tätigkeit dort aufnahm, wuchs die Abteilung jährlich um einen bis zwei neue Anwälte oder Anwältinnen. Mittlerweile sind über 20 Mitarbeiter auf dem Rechtsgebiet beschäftigt.

Man muss kein "Technik-Freak" sein

Nicht jeder von ihnen hatte sich schon im Studium im Rahmen des Schwerpunkts oder durch Praktika aufs Energierecht spezialisiert. Einsteigern empfiehlt Elspaß daher, erstmal Berufserfahrung bei den großen Versorgungsunternehmen zu sammeln. "Wichtig ist aber auch ein grundlegendes Interesse für die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge", so Elspaß. Dafür sollte man zum Beispiel die überregionalen Zeitungen lesen. Ein "Technik-Freak", wie kanzleiintern manchmal gewitzelt werde, müsse der Energierechts-Anwalt dagegen nicht sein.

Hilfreich ist allerdings, breit gefächerte juristische Kenntnisse mitzubringen. "Das Energierecht agiert an der Schnittstelle zwischen Verwaltungsrecht, Zivilrecht und Kartellrecht", sagt Gabriele Haas, die bei der RWE AG die zuständige Abteilung leitet. Wenige Rechtsgebiete werden vom Gesetzgeber zudem so häufig neu geregelt. Rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit, so schätzt Haas, investiert sie jeden Monat in die Einarbeitung in neue gesetzliche Vorschriften.

Gesetze, Genehmigungen und Gerichtstermine

Das wohl klassischste Aufgabenfeld der spezialisierten Juristen ist das so genannte regulatorische Energierecht. Hier geht es zum Beispiel um die Entscheidung, wer den Strom eines Kraftwerks nutzen darf und wie viel Netzentgelt er dafür zahlen muss. Bei diesen Fragen spielt auch das Kartellrecht beizeiten eine Rolle. Besonders bei den Energieversorgern und im öffentlichen Dienst gehört dieses Aufgabengebiet zum Tagesgeschäft.

Im Zusammenhang mit den erneuerbaren Energien gewinnt derzeit das Umweltrecht Immer mehr an Bedeutung. Die Juristen übernehmen klassische öffentlich-rechtliche Aufgaben, etwa die Genehmigung für den Bau eines Kraftwerks. Im typischen zivilrechtlichen Bereich werden zum Beispiel die Verträge für den Bau des Kraftwerks entworfen oder Verhandlungen mit Banken geführt. Mit solchen projektbezogenen Aufgaben sind eher die Kanzleien betraut.

Christiane Paul etwa hat gerade beim Verkauf eines Braunkohle-Kraftwerks mitgeholfen. Die Erfahrungen, die sie während des Studiums im Gesellschaftsrecht gesammelt hatte, waren dabei von großem Nutzen. Auch dass sie dafür vor den Zivilgerichten auftreten durfte, hat ihr an dieser Aufgabe gefallen. "Wenn man dann die Zeitung aufschlägt und darin über ein Projekt liest, an dem man beteiligt war, ist das schon reizvoll", sagt sie und lacht.

 

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Anna K. Bernzen, Berufsperspektive Energierecht: Wie verkauft man eigentlich ein Kraftwerk? . In: Legal Tribune Online, 15.09.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/4301/ (abgerufen am: 05.08.2020 )

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