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Aufschieben ist nicht gleich aufschieben: Push it!

von Till Mattes

11.05.2016

Der Volksmund nennt es Aufschieberitis, der Wissenschaftler Prokrastination. Das Phänomen ist bekannt aus oft intensiver Erfahrung mit Kollegen oder mit sich selbst. Doch Aufschieben ist nicht gleich aufschieben – manchmal ist es sogar gut.

Tun Sie es gerade? Prokrastinieren Sie im Büro? Indem Sie einen Text übers Prokrastinieren lesen? Das wäre ziemlich typisch.

Unrecht hat, wer dies für Faulheit hält. Denn der wirkliche Prokrastinierer – im Folgenden P. genannt – ist in keinem Falle untätig. Er erledigt nur eben statt der Aktenarbeit im Fall X das Telefonat mit dem Kollegen Y zwecks Planung der Kanzlei-Party. Oder er räumt seinen Schreibtisch auf, checkt die E-Mails und prüft eingehend, ob der Latte macchiato-Fleck wirklich ganz von der gereinigten Robe verschwunden ist. Alles Dinge, die auch sinnvoll sind, aber doch eher zweitrangig.

Die Gattung ist entscheidend

Auf den ersten Blick erscheint das gänzlich negativ und der P. als wahlweise pflichtvergessen oder entscheidungsschwach. Ob diese Sicht jedoch die richtige ist, hängt davon ab, welcher Art von Aufschiebern der P. angehört. Möglicherweise ist er nämlich ein sogenannter aktiver P. Das sind "Menschen, die eine Aufgabe absichtlich auf die lange Bank schieben. Sie genießen den Kick, den der Zeitdruck bei ihnen auslöst", sagt die Psychologin Dr. Ilona Kryl, die an der Universität Jena lehrt und zudem eine Coaching-Firma führt. Dieser P. wäre also lediglich die unauffälligere Variante der Adrenalin-Junkies, die wir sonst in Wohlstandsgesellschaften an Felswänden oder Fallschirmen hängend vorfinden.

Wenn unser P. zu dieser Gruppe gehört, so kann man davon ausgehen, dass er ein erfahrener P. ist und auch eine hohe Motivation aus dem Aufschieben zieht, was seiner Arbeit zugute kommen wird. Inwiefern unter Umständen die Qualität der Arbeit und die Seelenruhe von Kollegen und Vorgesetzten leidet, muss im Einzelfall bewertet werden.

Aufschieben kann reifen heißen

Neben dem aktiven P. gibt es den positiven P. Er findet sich insbesondere in kreativen Berufen und zieht ebenfalls Gewinn aus der Nicht-Bearbeitung. "In Kreativberufen sind Pausen nötig, um Abstand von einer Sache zu gewinnen und sie nicht dauernd bewusst im Fokus zu haben. Während dieser Zeit arbeitet man unbewusst weiter an der Angelegenheit", hebt Kryl die Sonnenseite des Phänomens hervor.

Ähnliches dürfte auch für den Juristen gelten, der ein Problem nach einer eingehenden Analyse erst einmal aus dem Fokus nimmt. Demnach kann das Aufschieben auch einem Reifungsprozess gleichen. Noch ein Grund dafür, dieses Phänomen gerade nicht als Faulheit zu bezeichnen.

Mit dieser positiven Einschätzung ist man ganz nah an der ursprünglichen Bedeutung von Prokrastination, wie die Psychologin erklärt: "Der Begriff stammt aus dem lateinischen procrastinus und bedeutet, etwas auf morgen zu verschieben. Das war  ursprünglich durchaus positiv gemeint. Es hieß, eine Entscheidung zu vertagen, bis die Sterne besser standen oder man mehr Informationen hatte, die eine fundiertere Entscheidung erlaubten."

Zitiervorschlag

Till Mattes, Aufschieben ist nicht gleich aufschieben: Push it! . In: Legal Tribune Online, 11.05.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19345/ (abgerufen am: 25.10.2020 )

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