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Ausbildung zum Rechtsfachwirt: Viel gelernt, wenig gewonnen?

Sie kennen sich mit den wichtigsten Prinzipien des Verfahrensrecht aus, beherrschen die Grundlagen des Zivilrechts und können Sachverhalte aus dem Leistungsstörungsrecht erfassen: Die Rede ist nicht von juristischen Erstsemestern, sondern von Rechtsfachwirten. Ein Berufsbild, das auch in Kanzleien und Rechtsabteilungen teils noch fragende Blicke erntet. Was in ihr Tätigkeitsfeld fällt, ob sich die berufsbegleitende Ausbildung lohnt und wo Rechtsfachwirte eingesetzt werden, weiß Anna K. Bernzen.

Ein Immobilienfachwirt beschäftigt sich mit weitläufigen Grundstücken und eleganten Penthouse-Wohnungen, der Tourismusfachwirt vermittelt uns einen erholsamen Urlaub und der Automobilfachwirt ein schickes Auto. So weit, so einfach lassen sich aus den Berufsbezeichnungen wenigstens Generalisierungen über die entsprechende Tätigkeit ableiten. Doch was tut ein Rechtsfachwirt? Juristische Fachliteratur verkaufen, komplexe Sachverhalte lösen, Akten kopieren? Auf Unkenntnis dieser Art traf auch Anja Bauer bei der Jobsuche. Vor kurzem hat sie sich in einem dreijährigen berufsbegleitenden Studium zur Rechtsfachwirtin ausbilden lassen. Heimlich, damit ein unkonzentriertes Verhalten am Arbeitsplatz nicht auf die Doppelbelastung geschoben würde.

Als sie im vergangenen Jahr die Prüfung abgelegt hatte und ihrem Arbeitgeber von der zusätzlichen Qualifikation berichtete, zeigte der sich über ihren Einsatz hocherfreut. Mehr Gehalt, mehr Verantwortung oder neue Aufgaben konnte er trotzdem nicht bieten. Also sah Anja Bauer sich nach einer Stelle um, die zu ihrem neuen Abschluss passte. Eine Frankfurter Headhunterin, die sie hinzuzog, riet zur Geduld: Das Angebot an auf die Rechtsfachwirte zugeschnittenen Stellen sei bundesweit gering. So landete Anja Bauer erneut in einem Job, der für einen Rechtsanwaltsfachangestellten ausgeschrieben war. "Mir geht es da wie den meisten Rechtsfachwirten, mit denen ich die Ausbildung absolviert habe: Wir sind für unsere derzeitigen Positionen überqualifiziert. Wir bringen jede Menge Wissen mit, können es aber nicht einsetzen", so berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Selbstständig arbeiten statt Anweisungen befolgen

Was ist also der Unterschied zwischen den Rechtsanwaltsfachangestellten, die in jeder etwas größeren Kanzlei zu finden sind, und den Rechtsfachwirten, von denen auch mancher Anwalt noch nichts gehört hat? "Rechtsfachwirte sind in der Lage, selbstständig ein Anwaltsbüro zu leiten und zu organisieren. Rechtsanwaltsfachangestellte arbeiten dem Rechtsfachwirt und dem Rechtsanwalt zu. Sie arbeiten auf Anweisung", heißt es bei der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf. 71 Rechtsfachwirte absolvierten vor der sechstgrößten Kammer des Landes im vergangenen Jahr ihre Prüfung.

Theoretisch sind sie nach ihrem Abschluss in der Lage, sowohl prozessrechtliche Details wie Fristen zu bedenken als auch grundlegende materiell-rechtliche Sachverhalte zu lösen. Zusätzlich können sie im Kanzleialltag die Arbeit der Rechtsanwaltsfachangestellten koordinie-ren und optimieren. Was auf dem Papier der entsprechenden Verordnung nach einer attraktiven Entlastungsmöglichkeit für Anwälte und Anwältinnen klingt, wird in der Praxis jedoch vergleichsweise selten nachgefragt: So stand 33 Angeboten für Rechtsanwaltsfachangestellte auf einer gängigen Internet-Jobbörse Ende Februar 2012 ein einzelnes Stellenangebot für Rechtsfachwirte gegenüber.

"Manchen Anwälten fehlt schlicht der Mut"

Anja Bauer glaubt zu wissen, worauf sich die Lücke zwischen der Anzahl an Absolventen und der tatsächlich unter dieser Berufsbezeichnung Angestellten gründet: "Manchen Anwälten fehlt schlicht der Mut, Verantwortung zu delegieren. Was bisher gut funktioniert hat, behält man lieber bei." Und es gibt eine Vielzahl weiterer Gründe, die zu der Diskrepanz führen: So geht etwa die Zahl der Rechtsanwaltsfachangestellten derzeit zurück. Das bestätigt die Bun-desrechtsanwaltskammer. Diese Ausbildung – alternativ dazu sechs Jahre Berufserfahrung – ist aber notwendige Voraussetzung für die Zulassung zum Studium des Rechtsfachwirts. Für manchen Interessenten ist die Zusatzqualifikation auch eine Frage des Geldes: Das berufsbegleitende Studium kann je nach Ausbildungsstätte einige tausend Euro kosten. Unterstützung in Form von Bafög oder Stipendien bekommen viele nicht mehr.

Heidrun Kruse hat sich weder von der anstrengenden Ausbildung noch von der derzeitigen Arbeitsmarktsituation abschrecken lassen. Zehn Stunden Selbststudium pro Woche, einmal im Semester zur Präsenzphase ins 400 Kilometer entfernten Berlin. Nach zwei Jahren Studium machte sie sich mit ihrem Kanzleiservice Kruse selbstständig. "Ich arbeite mich in kleineren und mittleren Kanzleien temporär in die Aufgaben ein, die im Alltag nicht so richtig laufen. Mit dem Blick von außen optimiere ich dann zusammen mit den Mitarbeitern ihre üblichen Abläufe", erklärt sie das Konzept ihres kleinen Unternehmens. Dazu gehört juristisches Arbeiten, etwa mit dem Kostenrecht, ebenso wie das Mitarbeitercoaching oder ihr neuestes Projekt, die Schulung der Rechtsanwaltsfachangestellten in einschlägiger Kanzlei-Software. Zusätzlich bietet sie ihren Service für nicht-juristische kleine und mittelständische Unternehmen an.

Nach Feierabend dann Mentorin und Dozentin

Mit ihrem breit aufgestellten Konzept kommt Heidrun Kruse bei den Kanzleien in Norddeutschland gut an. "Das ist ein Ding der Zukunft", haben ihr viele der Anwälte bestätigt, die sie von Zeit zu Zeit im Kanzleialltag unterstützt. Das gesammelte Wissen aus mittlerweile fünf Jahren Berufserfahrung gibt sie nun an angehende Rechtsfachwirte weiter. An ihrer alten Hochschule, der Beuth-Hochschule, unterrichtet sie Fachbüroorganisation. Für die Phase des Selbststudiums bereitet sie Aufgaben für die Studierenden vor und steht ihnen auf der universitären Online-Plattform als Mentorin zur Verfügung. Ob man als Rechtsfachwirt eine berufliche Zukunft hat oder auf seinem alten Posten hängen bleibt, sei eine Frage der eigenen Initiative: "Es kommt darauf an, wie sich der Absolvent oder die Absolventin beim  Arbeitgeber verkauft."

Auch Anja Bauer hofft immer noch, dass sich drei Jahre heimlichen Studierens nach Feierabend bald auszahlen. Ihrem neuen Arbeitgeber hat sie bereits einige Vorschläge gemacht, wie sie die so erworbenen Kompetenzen im Büroalltag der süddeutschen Kanzlei einbringen könnte. Der Chef hörte interessiert zu, verändert hat sich bisher jedoch noch nichts. Manchmal fällt es Anja Bauer schwer, positiv bleiben: "Ich habe drei Jahre und viel Geld investiert. Eigentlich dachte ich, dass ich meiner Karriere damit etwas Gutes getan habe."

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Ausbildung zum Rechtsfachwirt: Viel gelernt, wenig gewonnen? . In: Legal Tribune Online, 08.03.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/5734/ (abgerufen am: 20.08.2019 )

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Kommentare
  • 01.08.2016 18:08, Zou

    Gut dass ich den Artikel gesichtet hab, denn durch diesen werd ich mir nochmals reichlich Gedanken machen müssen, ob sich die Zeit und das Geld für so ein Resultat lohnen wird. Ich habe einige Freundinnen die auch ihren Rechtsfachwirt haben und um ehrlich zu sein, hat keiner von denen danach eine viel bessere Position ergattern können.Sich weiter zu bilden ist natürlich immer gut aber drei Jahre und mindestens 5000 € zu investierten für so ein Resultat. mhhhh

  • 24.11.2016 17:32, Katharina

    Ich habe die Weiterbildung absolviert und kann sagen: Es hat sich nicht gelohnt. Nach einer ausgeschriebenen Stelle als Rechtsfachwirtin muss man immer noch mit der Lupe suchen und vom Gehalt her schenkt es sich auch nicht viel. Viele Anwälte sehen hier auch keinen Bedarf bzw. sind nicht bereit zu investieren wenn sie auch eine ReFa für weniger Geld einstellen können.

    Ich habe anschließend mit dem Jura-Studium an der Fernuni begonnen und wünschte ich hätte nicht zwei Jahre für die Weiterbildung verschenkt. Die Rechtsanwaltskammer ist hier die einzige die an der Weiterbildung profitiert.

  • 23.08.2017 16:36, Anonym

    Ich habe auch die Weiterbildung zum Rechtsfachwirt in Berlin abgeschlossen und kann ebenfalls berichten, dass sich das Studium nicht allzu sehr lohnt. Lediglich in Großkanzleien wird manchmal ein Rechtsfachwirt gesucht. Wer nicht unbedingt mit viel Fachlichem (also dem, was er im Studium gelernt hat) arbeiten möchte und seine Stärken eher im Organisieren eine Kanzlei sieht, dem empfehle ich "Office Management". Die Gehälter hierfür sind wirklich gut...allerdings hat mit mit Zwangsvollstreckung und Co nicht mehr viel zu tun - gleichwohl scheint mir, nehmen die Anwälte dann doch gerne jemanden, der "Ahnung vom Fach hat" (es dann aber nicht abfragen aus den Gründen, die im Artikel schon genannt wurden), will sagen, sie schmücken sich gerne mit einem Fachwirt, nutzen ihn aber nicht entsprechend aus. Es gibt selten Anwälte, die jemanden, der eben gerade nicht Jura an der Uni studiert hat, nach Fachlichem Wissen fragen - da bleiben die Damen & Herren dann doch gerne unter sich.
    Die andere Schiene ist wirklich die, sich selbstständig zu machen - aber das ist leider auch nicht jedermans Sache. Benötigt die richtige Einstellung dazu und den richtigen Kundenstamm - den aufzubauen dauert sicherlich eine Weile und jemand der lieber ein bestimmtes Gehalt zu einem bestimmten Tag auf seinem Konto hat, wählt diese Variante sicherlich nicht.

  • 16.10.2017 23:27, Altai

    Ich bin gelernter Reiseverkehrskaufmann und seit Ende 2014 geprüfter Tourismusfachwirt (Bachelor Professional of Tourism CCI).
    Da die Tourismusbranche ein bedeutender Wirtschaftszweig ist, der leider immer noch zu wenig Gehalt bezahlt, jedoch zeitgleich viel fundiertes Wissen abverlangt, habe Ich mich entschlossen mich Fortzubilden.
    Das berufsbegleitende Studium hat mich zeitlich etwa knapp drei Jahre und eine Geldsumme von ca. 6000.- Euro gekostet.
    Es hat mich viel Geld, Disziplin, Ausdauer und Zeit gekostet und hat mich nicht wirklich weiter gebracht.
    Viele Wirtschaftsunternehmen stellen Quereinsteiger ein, da diese auch weniger kosten, aber bei uns in der Tourismusbranche werden Quereinsteiger genauso vergütet, wie wir qualifizierten - und hochqualifizierten Fachkräfte auch vergütet werden und das ist in meinen Augen ein absolutes „No-Go“, zumal wir dann auch noch die Fehler der meisten Quereinsteiger ausbügeln müssen. Hinzu kommt eine hohe Erwartung an Flexibilität (lange Öffnungszeiten), das Arbeiten an Wochenenden als auch an Sonn - und Feiertagen, eine hohe Stressresistenz und vieles mehr.

    Unternehmer erwarten viel, aber sind nicht bereit das fair zu vergüten. Einfach Undankbar !

  • 06.09.2018 13:42, Daniel

    Der Beruf des Fachwirtes ist KEIN (!) Studium!
    Es ist eine Ausbildung / Weiterbildung dem Meister gleichgestellt.
    Wenn man das in einem Fachartikel noch nicht einmal auseinander halten kann sollte man evtl mal vorher wikipedia oder Google zu rate ziehen.
    Zitat: "Ein Fachwirt ist eine höhere kaufmännische Qualifikation in der Bundesrepublik, die durch eine betriebswirtschaftliche berufliche Weiterbildung erworben wird." Zitat Ende. Ist im Übrigen der erste Satz.

    Schade das ein so grottiger Artikel online gestellt wird.