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Anwaltszulassung in New York: Mit Ehrgeiz und Eitelkeit in den Big Apple

Katja Giese

27.10.2010

Prädikatsexamen, Mastertitel und Promotion - im Rennen um die steilste Karriere ist jungen Juristen keine Herausforderung zu groß. Als Sahnehäubchen auf dem LL.M.-Titel lockt der "Attorney at Law" jedes Jahr rund 2.000 Nicht-Amerikaner zur Anwaltsprüfung nach New York. Dabei wissen die meisten gar nicht genau, wofür sie Geld, Zeit und Aufwand überhaupt investieren.

"Wie eine Stück Vieh wird man zwei Tage lang durch das Javits Center in Manhattan geschleust", beschreibt Marie ihre Eindrücke vom Bar Exam in New York. Wie jährlich knapp einhundert andere Deutsche hat sich die LL.M.-Absolventin für die Anwaltsprüfung entschieden.

Angesichts der intensiven Vorbereitung sowie mindestens 5.000 Euro Kosten ist dies ein mutiger Schritt. Schnell entpuppt sich der Lernstoff für die insgesamt 250 Multiple-Choice-Fragen und Klausuren aus über zwanzig Rechtsgebieten als "eindeutig schwieriger und umfangreicher als gedacht", gibt Marie zu.

Ob sich der Kraftakt auszahlen wird, erfährt Marie erst im November. Ihre Chancen stehen allerdings gut: Wie die New Yorker Anwaltskammer der LTO verriet, meistern in der Sommerkampagne 70 Prozent der Deutschen die Prüfung - und liegen damit weit über dem Schnitt ausländischer Teilnehmer.

Mehr Glück als Können

Dabei hat das Bar Exam mit dem deutschen Staatsexamen wenig gemeinsam. Die New Yorker Prüfer setzen statt auf gutachterliche Tiefe lieber auf oberflächliche Breite und stellen hohe Anforderungen vor allem an das Zeitmanagement der Prüflinge.

Zudem bietet der Multiple-Choice-Teil, der immerhin die Hälfte der Prüfungsleistung ausmacht, keine wirkliche Gelegenheit, Können und Wissen zu zeigen, sondern gewichtet Lesefertigkeit, Schnelligkeit und Glück ungewohnt stark.

Für die Kandidaten bietet sich mithilfe eines kommerziellen Repetitors dafür die Chance, sich höchst effizient einen Überblick über das US-amerikanische Rechtssystem zu schaffen, den ein Masterstudiengang allein nicht vermittelt. Dieser mit Video-Lektionen und minutiösen Lernplänen ausgestattete Gewaltmarsch kostet die Kandidaten allerdings noch einmal 3000 Euro. 

Kanzleien lässt der Titel eher kalt

Wer die vom Repetitor versprochene Mindestpunktzahl schließlich erreicht, erwirbt mit dem hübschen Titel "Attorney at Law" die Anwaltszulassung im US-Bundesstaat New York und kann sich im Beruf ab sofort mit breiterer Brust aufstellen. So zumindest die Theorie.

"Für den zukünftigen Berufs- und Karriereweg in einer deutschen Kanzlei bringt der Titel überhaupt nichts, das ist wirklich nur ein nice-to-have", heißt es etwa bei der Großkanzlei Noerr. Und auch andere Sozietäten nehmen den Titel eher mit einem Schmunzeln wahr. Die Zulassung ist zwar unbestritten Ausdruck von Kenntnissen des US-amerikanischen Rechtssystems, mit der Praxis als Rechtsanwalt hat der Titel aber ebenso wenig zu tun wie das deutsche Staatsexamen.

Ein Zeichen für Ehrgeiz

Gegenüber US-amerikanischen Mandanten und Kollegen wird man damit vielleicht mehr Anerkennung, aber nur selten Augenhöhe erreichen können. "Wichtig ist für uns eher der Auslandsaufenthalt," heißt es aus der Berliner Boutique Olswang, "das Bar Exam ist aber auch ein Zeichen für Ehrgeiz und Durchsetzungsfähigkeit".

Auf der Karriereleiter dürfte der Titel "Attorney at Law" damit also sehr wohl hilfreich sein und möglicherweise auch, wie sich Marie erhofft, den Einstieg in eine Großkanzlei in Deutschland erleichtern.

Als direktes Sprungbrett in eine Anwaltskarriere in New York wird der Titel nur ganz selten genutzt. Viel zu groß sind die Nachteile gegenüber einem muttersprachlichen "juris doctor" auf dem überlaufenen New Yorker Anwaltsmarkt.

Das wusste auch Marie, als sie sich für das Bar Exam entschied. Und sie wusste auch, dass sie nach zwei hervorragenden Hochschulabschlüssen, Mastertitel, Stipendien und Auszeichnungen kein weiteres Ticket für den Einstieg in eine internationale Großkanzlei lösen musste. Dass sie es trotzdem tat, ist vielleicht ein Zeichen für eine Generation junger Juristen, die in einer langen und zähen Ausbildung manchmal nicht wissen, wohin mit ihrem Ehrgeiz. Da greift man schon mal "aus falscher Eitelkeit" nach werbewirksamen Titeln, wie sich Marie selbst überführt.

Zitiervorschlag

Katja Giese, Anwaltszulassung in New York: Mit Ehrgeiz und Eitelkeit in den Big Apple . In: Legal Tribune Online, 27.10.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1808/ (abgerufen am: 07.08.2020 )

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