LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Jurist & Legal-Tech-Forscher: "Anwalt­liche Bera­tungs­leis­tung ist viel zu teuer"

von Pia Lorenz

07.10.2016

Ein Anwalts-Roboter wird so bald nicht existieren, beruhigt Stephan Breidenbach. Weniger Anwälte aber werde es dennoch geben. Ein Gespräch darüber, wie auch kleinere Kanzleien von Legal Tech profitieren. Und über Schuhe.

LTO: Herr Professor Breidenbach, Sie winken ab, wenn man Sie auf die angeblich disruptiven Veränderungen anspricht, die vor allem Künstliche Intelligenz im Rechtsmarkt bringen werde.

Breidenbach: Legal Tech ist eine fundamentale Entwicklung, die erst am Anfang steht. Von künstlicher Intelligenz wird jedoch mehr erwartet, als sie zurzeit leisten kann.

LTO: Also wird es nicht bald einen Roboter geben, der Anwälte ersetzt?

Breidenbach: Soweit die Vorstellung dahin geht, es sei möglich, mit einem quasi allumfassenden, binnen Sekunden abrufbaren Wissen Antworten auf alle Fragen der juristischen Welt zu finden, dann ganz sicher nicht. Es gibt Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz, bestimmte Algorithmen funktionieren besser als noch vor ein paar Jahren. Es bleibt aber dabei: Juristen arbeiten mit Sprache. Mit künstlicher Intelligenz Normen zu "verstehen" und daraus Schlüsse im Rahmen einer Beratung zu ziehen, ist noch sehr weit weg. 

"Es wird weniger Anwälte geben"

LTO: Also ist der derzeitige Legal-Tech-Hype übertrieben?

Breidenbach: Nicht nur, verändern wird der Markt sich durchaus. Es lassen sich, so zum Beispiel vom Unternehmen Leverton praktiziert, große Textmengen wie Vertragsbestände analysieren und Informationen extrahieren. Das hat jetzt schon eine große Bedeutung im Bereich Due Dilligence oder in den USA im Rahmen von eDiscovery. Zudem wird es immer mehr und immer differenziertere industrialisierte Rechtsprodukte geben, die die Preisstrukturen und damit mittelfristig auch den Markt verändern.

LTO: Sprechen Sie von Geschäftsmodellen wie dem von mittlerweile zu Wolters Kluwer gehörenden Smartlaw oder dem vor einigen Monaten in den Markt gestarteten Legalbase, die Verbrauchern Rechtsdokumente für bestimmte Lebenssituationen anbieten?

Breidenbach: Das ist in Deutschland noch ein kleiner Markt, aber zum Beispiel Smartlaw bietet ein sehr entwicklungsfähiges Geschäftsmodell an. Noch interessanter, weil fokussierter auf konkrete Bedürfnisse ausgerichtet, sind die Konzepte von geblitzt.de oder flightright, die auf spezifische Situationen zugeschnittene neue Angebote machen. Aber erst in einigen Jahren wird sich zeigen, wie viel das im Markt wirklich verändert. Es wird wohl weniger Anwälte geben, dafür aber mehr solcher Unternehmen.

LTO: Sinkende Preise für standardisierte Leistungen, Anbieter verschwinden vom Markt – wird die Anwaltschaft industrialisiert?

Breidenbach: Sie sagen es. Industrialisierung heißt doch Standardisierung auf hohem Niveau. Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Rechtsdienstleistungen insbesondere von Anwälten stimmt manchmal nicht, die Einzelanfertigung "anwaltliche Beratungsleistung" ist für viele Situationen zu teuer. Viele Mandanten würden sich mit einer standardisierten Qualität zufrieden geben, wenn diese weniger kostet. Oder kaufen Sie noch maßgefertigte Schuhe ein?

"Die anwaltliche Arbeitszeit wird sich massiv verkürzen"

LTO: Sie vergleichen Schuhe ernsthaft mit Rechtsdienstleistungen?

Breidenbach: Absolut! Es wird immer Maßanfertigungen geben. Und die haben ihren Preis. Industrielle Rechtsdienstleistung  ist eine Entwicklung, die gerade beginnt, einige Bereiche zu verändern. Industrialisierung bedeutet hier u.a., mit individualisierbaren Bausteinen zu arbeiten.

Dadurch lässt sich vorhandenes Wissen einer Kanzlei erschließen und bewirtschaften. Darunter fällt z.B. auch das Modell von knowledgeTools, einem Unternehmen, an dem ich selbst beteiligt bin. Ein Angebot ist Wissensmanagement in Form von Vertragsgeneratoren:  Damit kann der neue Associate aus hunderten Bausteinen binnen kürzester Zeit einen Vertrag zusammensetzen, der das Wissen der besten Anwälte der Kanzlei verwertet. Wie in anderen Bereichen auch hebt Industrialisierung im Schnitt das Qualitätsniveau. Noch höhere Qualität hat ihren Preis.

LTO: Leverton spart Zeit, die die Anwälte bisher in das Lesen von Verträgen investierten,  knowledgeTools spart Zeit, die die Anwälte bisher in das Erstellen von Verträgen investierten?  

Breidenbach: Exakt, genau das ist jetzt schon möglich. Wenn man Verträge auf Klauselbasis erstellt, in Datenbanken ablegt und verwaltet, kann man nach einer rechtlichen Änderung binnen 30 Sekunden erfassen, welche von ihnen geändert werden müssen.

Die mit diesen Möglichkeiten einhergehende Zeit- und Kostenersparnis ist enorm, die anwaltliche Arbeitszeit verkürzt sich massiv. Wer das an seine Mandanten weiter gibt, kann beispielsweise einen rechtssicheren, auf die Bedürfnisse des Mandanten zugeschnittenen GmbH-Vertrag für einige hundert Euro erstellen und daran dennoch Geld verdienen, wenn er das richtige Geschäftsmodell hat. Auch wiederkehrende streitige Fallkonstellationen kann man so abwickeln, selbst wenn nicht alle Fälle wie in einer typischen Sammelklage identisch sind.

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Jurist & Legal-Tech-Forscher: "Anwaltliche Beratungsleistung ist viel zu teuer" . In: Legal Tribune Online, 07.10.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20800/ (abgerufen am: 21.04.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 07.10.2016 13:18, Opho

    Ich frage mich welchen Beratungsmarkt das abdecken soll? Standardisierte Verträge im Verbraucherbereich gibt es, zB den Mustermietervertrag, den man als Vordruck kaufen kann. Beratung im Vorfeld findet eigentlich nur bei Verbrauchern statt, die sich schon mal "die Finger verbrannt" haben und wollen jemanden haben, der mit ihnen redet. Der Rest ist gerichtliche/außergerichtliche Vertretung, die muss individuell sein.

    Ich tippe mal darauf, dass dies Gedanken aus dem US-amerikanischen Bereich sind, wo der Rechtsmarkt vollständig anders ist.

    • 14.10.2016 08:32, B. Schmidt

      Genau so ist es, es gibt so viele Muster zu allen Verträgen, vom KFZ Kauf bis zum Mietvertrag. Leider verstehen viele menschen diverse Punkte, auf die es ankommt, nicht. Danach ist das Geschrei dann groß, wenn es mal zum Problem kommt. Kämen die Leute vorher, vor dem Abschluss eines Vertrages zum Anwalt und würden dafür auch bezahlen, wäre so mancher Rechtsstreit nicht notwendig. Und sie hätten sogar jemanden, der für Fehler haftet. Aber "Geiz ist (leider) geil", nur wird am falschen Ende gespart.

    • 14.10.2016 15:39, Lionel Hutz

      Das wäre halt die Nische zwischen dem Vordruck aus dem Schreibwarenladen oder neuerdings dem Downloadportal und dem vollständig individuellen Draft. Ich denke, dass sich ein Markt dafür entwickeln kann, da viele Verbraucher und kleinere Unternehmer durchaus bereit wären, mehr als zwei Euro fünfzig für etwas Besseres zu bezahlen, aber eben auch keine vier- oder fünfstelligen Beträge.

      Im angloamerikanischen Bereich ist der Bedarf aber auch viel höher, weil es in dem Rechtssystem eben keine umfassende gesetzliche Regelung gibt, die subsidiär gilt, deswegen muss von vornherein mehr geregelt werden, als hierzulande notwendig.

    • 14.10.2016 17:48, Opho

      Wenn ich mal meine Zweifel, ob so etwas funktionieren könnte beiseite schiebe bleibt noch die Gretchenfrage der Haftung. Als Rechtsanwalt könnte man natürlich den zeitlichen Aufwand deutlich reduzieren und eine Regelung formulieren, wenn hinten dran nicht die Haftungskeule steht. Da sich diese nicht sinnvoll eingrenzen lässt, muss man vorsichtig, genau etc. sein und das braucht Arbeitszeit (= Kosten).

  • 14.10.2016 14:13, Eric

    Hier schützt ungewollt der deutsche Rechtskreis die hiesige Juristenschaft. Wir haben den extremen Gegenentwurf zum amerikanischen Common Law. In den USA geht in der Tat ein großer Teil der Arbeitszeit im juristischen Bereich dafür drauf, "precedents" zu recherchieren. Das kann natürlich die IT perspektivisch revolutionieren. Im deutschen Recht ist aber die Rechtslage üblicherweise unproblematisch. Rechtsgrundlagen sind relativ schnell recherchiert, dazu ein Kommentar (oder Juris) und man findet auch relevante Gerichtsurteile dazu rasch und einfach.

    Die Einordnung des vorliegenden, individuellen Einzelfalls in diese Rechtsgrundlagen ist im deutschen Recht die Schwierigkeit. Und das lässt sich nicht automatisieren. Auch gibt es im deutschen Recht kein "richtig oder falsch" - anders eben das System der Präzedenzfälle im Common Law - sondern nur vertretbare oder nicht vertretbare Lösungen. Dabei gehen die jeweiligen Anwälte immer an das Maximum des Vertretbaren - und darüber hinaus - und versuchen die Richter von ihrer Sichtweise zu überzeugen. Das alles ist kein schematischer, technischer Prozess. Daher kann er auch nicht schematisiert oder technisiert werden.

    Ich prophezeie sogar, dass das ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für viele Juristen werden wird. Warum? Bisherige Erfahrung mit der schönen neuen Digitalwelt. Zusammengegoogletes Halbwissen juristischer Laien, die darauf basierend irgendwelche Briefe zusammenkleistern und aus einem kleinen Problem, das ein guter Anwalt kurz abhandeln könnte, ein riesiges Problem machen, ist jetzt schon ein gigantisches Problem.

    Daneben der Bereich des "Smartlaw", der natürlich unter dem Strich mehr Arbeit brachte. Beispiel Fluggastrechte: früher haben viele Leute ihre Rechte halt einfach GAR NICHT eingeklagt. Kosten und Aufwand erschienen den meisten in keinem Verhältnis zum Nutzen zu stehen. Somit sind Flightright und Co. keine Kannibalisierung innerhalb der Juristenschaft gewesen, sondern haben den Gesamtumsatz deutscher Juristen vergrößert, da bin mir absolut sicher.

    Die Hemmschwelle, wegen der Einfachheit und der Übernahme der Kostenrisiken, rechtliche Schritte einzuleiten sinkt für die Masse der Menschen einfach ganz enorm, wenn sie dazu nur eine Website besuchen müssen - und auch ein Restbetrag zB einer Fluggastentschädigung von nur noch 3/4, weil der Rechtsdienstleister pauschal 1/4 für seinen Aufwand und sein Prozessrisiko verlangt, ist immer noch mehr, als 100 % von nichts (weil man ansonsten gar nicht erst selbst gegen die Airline klagen würde).

    Ich denke, in die Richtung geht es und ja, wer neue Geschäftsfelder erschließen will sollte in diese Richtung vorstoßen. Ansonsten werden aber wohl sehr "altmodische" Offline-Rechtsgebiete in Zukunft enormes Wachstum erleben, zB das Erbrecht oder das Betreuungsrecht (demografischer Wandel). Jetzt also den Blick auf die digitalen Welten zu fixieren und zu denken, da "muss" man jetzt dabei sein, könnte andere attraktive Rechtsgebiete unbeachtet lassen.

    Summasummarum: nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, ist die passende Sentenz zu diesem Thema.

Mitreden? Schreiben Sie uns an leserbrief@lto.de

Diesen Artikel können Sie nicht online kommentieren. Die Kommentarfunktion, die ursprünglich dem offenen fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs diente, wurde unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zunehmend missbraucht, um Hass zu verbreiten. Schweren Herzens haben wir uns daher entschlossen, von unserem Hausrecht Gebrauch zu machen.

Stattdessen freuen wir uns über Ihren Leserbrief zu diesem Artikel – natürlich per Mail – an leserbrief@lto.de. Eine Auswahl der Leserbriefe wird in regelmäßigen Abständen veröffentlicht. Bitte beachten Sie dazu unsere Leserbrief-Richtlinien.

Fehler entdeckt? Geben Sie uns Bescheid.

TopJOBS
Voll­ju­rist (m/w/d) Le­gal & Com­p­li­an­ce

Aberdeen Standard Investments Deutschland AG, Frank­furt/M.

As­so­cia­te (m/w/d) für den Be­reich IP mit Fo­kus auf di­gi­ta­len Ge­schäfts­mo­del­len

fieldfisher, Ham­burg

Prü­fungs­lei­ter (m/w/d)

Becker Büttner Held PartGmbB

Rechts­an­walt (w/m/d) für den ge­werb­li­chen Rechts­schutz mit Schwer­punkt Pa­tent-Li­ti­ga­ti­on

Grünecker, Mün­chen

Dok­to­ran­den, Sta­ti­ons­re­fe­ren­da­re und wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (m/w/d)!

Becker Büttner Held PartGmbB

Rechts­an­walt (m/w/d) im Be­reich Im­mo­bi­li­en­wirt­schafts­recht

Görg, Ber­lin

Rechts­an­wäl­te (m/w/d) im Be­reich Ar­beits­recht oder Han­dels- und Ge­sell­schafts­recht

RB Reiserer Biesinger Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Hei­del­berg

As­so­cia­te (m/w/d) für den Be­reich Cor­po­ra­te, M&A

fieldfisher, Düs­sel­dorf

Voll­ju­ris­tin / Voll­ju­ris­ten für die Lei­tung des Jus­t­i­tia­riats (m/w/d)

Kulturstiftung des Bundes

RECHTS­AN­WALT (W/M/D) | FACH­BE­REICH SACH­VER­SI­CHE­RUN­GEN

BLD Bach Langheid Dallmayr, Köln

Neueste Stellenangebote
Head of Tax Ser­vices (m/w)
Lei­ter Kar­tell­recht (w/m/d) in den Be­rei­chen Be­ra­tung, Scha­den­er­satz oder Com­p­li­an­ce Pro­gramm
Syn­di­kus­rechts­an­walt / Voll­ju­rist (m/w/d) Bank und Fi­nanz­recht
Trainees (m/w)
Ju­rist (m/w/d)
Nach­wuch­sin­ge­nieur (m/w/d) für das Ver­trags­ma­na­ge­ment
Com­p­li­an­ce Of­fi­cer (m/w/di­vers)
Ju­rist (w/m/d) Auf­ga­ben­schwer­punkt Com­p­li­an­ce