Passauer Kanzlei präsentiert ersten deutschen Anwalts-Chatbot: "Wir sind kein Legal-Tech-Unter­nehmen"

von Christian Dülpers

18.05.2017

Der erste Chatbot, der in Deutschland Rechtsberatung leistet, kommt nicht von einem Berliner Start-up, sondern aus einer Passauer Anwaltskanzlei. Das Projekt zeigt, wie kleine Einheiten die Digitalisierung für sich nutzen können.

 

Im Zentrum von Passau, direkt am Inn-Ufer, sitzt die Kanzlei Flisek & Galla. Fünf Anwälte,  Zweigstellen in Deggendorf und Altötting. Ihr Schwerpunkt ist das Zivilrecht. Sie hat den Anspruch, auf ihrem Gebiet "alles machen zu können".

An der gleichen Adresse gibt es eine zweite Kanzlei, RATIS. Sie macht nicht alles, sondern übernimmt nur sehr spezielle Mandate. Sie ist nicht regional orientiert, sondern operiert bundesweit. Sie bedient ihre Mandanten nicht in Zweigstellen, sondern vor allem online über ihre Webseite und neuerdings auch über einen Chatbot.

Flisek & Galla soll auf absehbare Zeit die bodenständige Kanzlei bleiben, die sie ist. RATIS soll in 5 Jahren zu den größten Anwaltskanzleien Deutschlands gehören.

Eine Kanzlei für besondere Lebenslagen

Das ist jedenfalls der Plan von Sven Galla. Er hat beide Kanzleien gegründet. Seit 12 Jahren ist er selbständiger Rechtsanwalt. Irgendwann hat er festgestellt, dass das traditionelle Geschäft wirtschaftlich nicht besonders effizient ist. Also begann er darüber nachzudenken, wie er die Mittel der Digitalisierung nutzen kann, um sein Angebot in Hinblick auf Qualität und Preis besser zu machen.

Der Aha-Moment kam, als Flisek & Galla mit einer Rechtschutzversicherung kooperierte und deren Kunden gegenüber Kreditinstituten vertrat. Es ging um Bearbeitungsgebühren für, und später um den Wiederruf von Verbraucherdarlehen. Da spürte Galla den Effekt, den Startups gerne mit "Das skaliert!" umschreiben: In Massenfällen steigt die Beratungsqualität durch die Erfahrung. Gleichzeitig sinken die Kosten durch Standardisierung und klare Prozesse. Dazu gesellte sich eine neue Wahrnehmung bei Mandanten und  Gegenparteien, erinnert sich Galla: "Wenn Sie sagen können, dass Sie Hunderte Fälle einer bestimmten Art betreut haben, dann setzen Sie sich schnell vom Gros der Kollegen ab."

Aus dieser Erfahrung entwickelte er sein Konzept für RATIS. Die neue Kanzlei tritt nur noch mit ausgewählten Beratungsangeboten an den Markt. Ausgangspunkt ist dabei immer eine "Lebenslage", für die die Kanzlei ein maßgeschneidertes Produkt liefert. Neben dem Widerruf von Verbraucherdarlehen sind das zurzeit: der Widerruf von Lebensversicherung, die Kündigung von Arbeitnehmern, Flugverspätungen und die Kündigung von Bauspar-Darlehen. Alles Fälle,  die in sehr großer Zahl vorkommen und bei denen die Erfolgswahrscheinlichkeit sehr gut voraussagbar ist.

"Digitalisierung ist für uns Mittel zum Zweck"

Die neue Kanzlei setzt auf die vorhandene Infrastruktur auf: "Wir halten den Mitarbeiterstamm aus der alten Kanzlei vor. Es gibt aber auch Mitarbeiter, die ausschließlich für RATIS tätig sind. Jeder Rechtsanwalt im Haus kann im Rahmen der Personalentwicklung wechseln", erklärt Galla.

RATIS hat in Martin Bartenberger außerdem einen "Chief Technology Officer". Er ist Mitgründer, zuständig für die Entwicklung der Webseite, die digitalen Services wie den Chatbot und das Online-Marketing.

Dennoch ist Galla ein Punkt wichtig: "Wir verstehen uns nicht als Legal-Tech-Unternehmen. Wir sind auch keine Online-Kanzlei. Wir sind eine Anwaltskanzlei, die die Digitalisierung bestmöglich nutzt. Sie ist für uns ein Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Jeder kann mit uns direkt per Post, Telefon oder Fax in Verbindung treten."

Mit dem Angebot in digitalen Medien entspreche er einfach nur den Vorlieben der Mandaten: "Immer weniger Menschen legen Wert auf persönlichen Kontakt. Es gibt sogar den Wunsch, gerade nicht mehr zu einem Anwalt zu gehen."

"Der Chatbot nähert sich dem Gespräch beim Anwalt"

Warum aber gleich ein Chatbot? Reicht dafür nicht die Webseite? "Wir haben uns für den Chatbot als Benutzeroberfläche entschieden, weil er sich dem Gespräch beim Anwalt nähert. So wollen wir die Akzeptanz der Nutzer erhöhen", antwortet Sven Galla und ergänzt: "Inwieweit wir damit richtig liegen, kann ich noch nicht einschätzen. Wir wollen jedenfalls der Realität immer näher kommen."

Und so funktioniert es: Mit einem Klick auf der RATIS-Webseite landen die Nutzer im Facebook-Messenger. Dort werden sie begrüßt: "Hallo! Ich bin RATISBot, der erste deutsche Anwalts-Chatbot. Ich kann überprüfen, ob Sie bei einer Flugverspätung Anspruch auf Entschädigung haben."

Nachdem der Nutzer alle Fragen des Bots beantwortet hat, erhält er ein Schreiben, das er an die Fluggesellschaft schickt. Im besten Fall führt es direkt zum Erfolg. In den allermeisten Fällen tritt Verzug auf der Gegenseite ein. Der Nutzer erhält nach Ablauf der Frist eine Erinnerung, ob die Entschädigung geleistet wurde. Wenn nicht, bietet RATIS an, den Anspruch durchzusetzen. 

"Wir stellen der Gegenseite die Kosten in Rechnung"

Der Chatbot funktioniert bislang nur für Fälle von Flugverspätungen. Aber warum startet RATIS den Service auf einem Markt, der bereits stark umkämpft ist und von etablierten Anbietern wie Flightright beherrscht wird?

"Bei den bekannten Playern müssen Nutzer einen signifikanten Anteil ihres Anspruchs hergeben", verdeutlicht Galla. "Wir stellen im Erfolgsfalle der Gegenseite unsere Kosten in Rechnung."

Dafür bleibt ein Restrisiko bei den Nutzern, auf den Anwaltskosten sitzen zu bleiben, falls sie nicht rechtschutzversichert sind. Die Wahrscheinlichkeit hält Galla jedoch für äußerst gering: "Wir können, ähnlich wie z.B. Flightright, sehr zuverlässig die Erfolgswahrscheinlichkeit abschätzen."

Wenn Gallas Strategie aufgeht, dann wird es in den meisten Fällen gar nicht mehr zu einer Mandatierung kommen: "Die Fluggesellschaften sollen sich darauf einstellen, was die Konsequenz ist, wenn sie auf ein bei uns automatisch erstelltes Schreiben nicht reagieren. Dann kommt im nächsten Schritt die Post vom Anwalt und es wird noch teurer." Geld würde seine Kanzlei mit dem Service dann zwar keins mehr verdienen, aber es bliebe der Werbe-Effekt.

Galla setzt außerdem stark auf die Zusammenarbeit mit Rechtschutzversicherungen und anderen Multiplikatoren. "Dieser Weg ist oft einfacher als über Online-Marketing und PR."

"Nutzer sind sich der Datenschutzrisiken bewusst"

Was entgegnet Galla kritischen Fragen nach dem Datenschutz in Bezug auf den Einsatz des Facebook Messengers?  "Wenn jemand diesen Kommunikationsweg nutzt, dann ist er sich der Datenschutz-Risiken bewusst. Diesen Weg zu verteufeln ist realitätsfern. Früher gab es massive Bedenken gegen die Nutzung von E-Mails durch Anwälte. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Es ist fatal, wenn Rechtsdienstleister meinen, sich von solchen Entwicklungen ausnehmen zu können. Sie werden nicht mehr wahrgenommen werden als Dienstleister."

Sven Galla will deshalb sein Konzept konsequent vorantreiben: "Es wird immer wieder neue Themen geben. Sie liegen auf der Hand, wenn man mit wachem Blick schaut." Wo es Sinn macht, wird der Chatbot eingesetzt werden.

Am Ende des Jahres soll es eine zweite Finanzierungsrunde "aus eigener Kraft" geben. Für den Bereich Prozessmanagement, der dritten Säule der Kanzlei neben juristischer und technischer Expertise, soll ein Experte das Team verstärken. Dann wäre ein weiterer Schritt geschafft auf dem Weg zu einer der größten deutschen Kanzleien.

Zitiervorschlag

Christian Dülpers, Passauer Kanzlei präsentiert ersten deutschen Anwalts-Chatbot: "Wir sind kein Legal-Tech-Unternehmen". In: Legal Tribune Online, 18.05.2017, https://www.lto.de/persistent/a_id/22974/ (abgerufen am: 23.09.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 18.05.2017 15:46, GUNTHER MARKO

    Ich habe da doch ganz erhebliche Zweifel an der Seriosität bzw. Zulässigkeit einer solchen "Dienstleistung".
    Denn wenn dieser "Chatbot", noch dazu mit der Zurverfügungstellung von individuell formulierten Schriftstücken für den Nutzer gar kostenlos ist, wie man den Artikel verstehen darf, so dürfte diese Art Ratserteilung oder Empfehlung wettbewerbswidrig gegenüber denjenigen Kollegen sein, die für eine Erstberatung, unter die ein solches Verhalten fallen dürfte, natürlich gesetzliche Gebühren erheben.

    Und die Folgen wettbewerbswidrigen Verhaltens dürften hinreichend bekannt sein !

    Gunther Marko, Donnerstag, 18. Mai 2017
    www.ramarko.de

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 18.05.2017 22:05, .

      Da gibt es leider zwei Probleme in der Argumentation. Erstens gibt es gar keine gesetzlichen Gebühren für eine Beratung (diese wurden mit Wirkung zu Mitte 2006 abgeschafft). Zweitens ist in der Rechtsprechung sowieso schon abgesegnet, dass es nicht wettbewerbswidrig ist, wenn ein Rechtsanwalt im außergerichtlichen Bereich keine Vergütung verlangt.

    • 18.05.2017 23:25, .

      Richtig, die kostenlose Erstberatung / kostenlose Ersteinschätzung wird bereits oft eingesetzt und ist auch erlaubt, siehe:

      http://anwaltswerbung.de/kostenlose-erstberatung-werbung-als-rechtsanwalt/

  • 18.05.2017 17:45, Claudia Otto

    Das Furchtbare ist,

    weshalb ich auch auf die Ansprache per Mail nicht geantwortet habe, lieber Herr Kollege Galla, dass Sie auf der Facebook-Bot-Infoseite oben rechts und im Text wiederholt mit "gesetzlich garantierter Verschwiegenheit" sowie Unabhängigkeit werben und sich mit dem knappen Hinweis auf "Verarbeitung durch Facebook" begnügen. Die Menschen, die bei Ihnen Hilfe suchen, glauben, auch noch einmal bestärkt durch Ihre Werbung auf der Website, Ihnen als Anwalt und damit Berufsgeheimnisträger ihre Daten anzuvertrauen. Tatsächlich bleiben diese Daten für immer in den Datenbanken Facebooks gespeichert und werden von Facebook für alle erdenklichen monetären Zwecke genutzt (Stichwort Nutzung - es gibt einen großen Unterschied zum Begriff der Verarbeitung), über die Sie natürlich nicht aufklären. Facebook wird auf diese Weise - von einer Anwaltskanzlei - noch "fetter" gemacht, weil es plötzlich Forderungen und damit Vermögensbestandteile seiner Mitglieder kennt. Spiegelbildlich dürften durch angelockte Trolle in Anspruch genommene Unternehmen einer bedrohlichen Facebook-"Bonitätsbewertung" ausgesetzt und Facebook so zu einer Art Bonitätsauskunft werden, bei der Löschungen jedoch nicht möglich, jedenfalls nicht nachprüfbar sind. Das Missbrauchs- und Verdienstpotential für Facebook durch solche Bots ist extrem. Was Facebook mit den hierdurch generierten Daten über Menschen und Unternehmen anstellt, können wir uns wahrscheinlich auch in unseren übelsten Albträumen gar nicht ausmalen.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 19.05.2017 12:22, M.Torstedt

      Dem kann ich nur zustimmen. Aber offenbar pflegt der Kollege Galla auch im Hinblick auf E-Mails einen eher laxen Umgang und nimmt es nicht besonders genau mit dem Geheimnis- bzw. dem Datenschutz. Seriös wirkt das allerdings nicht.

  • 20.05.2017 18:25, Helvetier

    Grundkonzept der digitalen Kundenakquise verstanden und umgesetzt. Dennoch werden diese u.ä. Webseiten uns Anwälte nicht vor dem Berufszerfall/Prekarisierung schützen können. Ist denn irgend ein Anwalt ernsthaft der Auffassung, gegen die Datensammlungen von Google law oder einer globalen Versicherung oder einem grossen Industriekonzern o.ä. mit solchen Gratisbriefen mit kostenpflichtigen Zusatzangeboten nur den Hauch einer Chance zu haben ? Wird das selbstfahrende Fahrzeug im Falle eines Unfalls nicht auch noch autonom eine Schadenmeldung mit vollständigem Datensatz absenden können ? Wird der kluge Kühlschrank nicht selber seine Garantieansprüche stellen und grad noch den Umtauschtermin festlegen ? Wer ist denn der Meinung im liberalisierten Arbeitsmarkt 4.0 brauche es noch Anwälte, die sich mit der Kündigung eines Arbeitsvertrages herumschlagen ? Solche Seiten werden bald nur noch nostalgische Gefühle auslösen.

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