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Anwaltsberatung in Gebärdensprache: Rechtliches Gehör für Taube

Ein häufiges Thema für die Hamburger Anwältin  ist auch die Kostenübernahme für Dolmetscher, gerade bei gehörlosen Studenten. Eigentlich müssten die Sozialhilfeträger die Kosten tragen. Da das Sozialgesetzbuch aber nur unbestimmt von Hilfeleistungen zur "schulischen Ausbildung für einen angemessenen Beruf" spricht, kommt es immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten. "Teilweise ist sogar das menschliche Verständnis auf der Gegenseite da, aber die Vertreter der Sozialhilfeträger  sehen sich aus rechtlichen und finanziellen Gründen an einer Kostenübernahme gehindert", sagt Hartmann.

So verweigerte der Landschaftsverband Rheinland einer gehörlosen Studentin einen Dolmetscher, weil sie bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen hatte. Ein Studium im Anschluss sei nicht mehr "angemessen". Die Sache ging vor Gericht, in zweiter Instanz siegte Hartmann vor dem Landessozialgericht NRW.

Als sie selbst studierte, war das Hauptproblem nicht die Kostenübernahme. Damals gab es schlichtweg viel zu wenige Dolmetscher. Erst seit 1993 können Gebärdendolmetscher in Deutschland eine eine akademische Ausbildung absolvieren. Ein Jurastudium spielt sich zwar zu großen Teilen am Schreibtisch ab, rein über Büchern sitzt man aber trotzdem nicht. Ohne Dolmetscher waren Vorlesungsbesuche für sie Zeitverschwendung, sagt Hartmann. "Ich hatte eine Kommilitonin, die mir ihre Mitschriften als Kopien zur Verfügung gestellt hat. Das hat mir sehr geholfen, mit den Büchern alleine wäre es noch schwerer geworden." Aber auch so entgingen ihr viele Randinformationen aus Vorlesungen oder Gesprächen auf den Uni-Fluren. "Da ist in den letzten 20 Jahren unglaublich viel passiert", sagt Esther Ingwers. "Auch wenn noch viel zu tun ist."

"Es gibt kein Gehörlosenland mit einem eigenen Rechtssystem"

Ingwers ist Diplom-Dolmetscherin, als eine der ersten absolvierte sie das Dolmetscher-Studium in Hamburg. Regelmäßig arbeitet sie mit Judith Hartmann zusammen, übersetzt Gespräche mit Mandanten und vor Gericht. Vor Verhandlungen treffen sie sich, um den Fall zu besprechen und die Terminologie zu klären. "Anders als bei Fremdsprachendolmetschern ist es bei uns ja so, dass es kein ‚Gehörlosenland‘ gibt, das ein eigenes Rechtssystem haben könnte. Dementsprechend ist auch nie eine Terminologie für ein Rechtssystem in einem ‚Gehörlosenstaat‘ entwickelt worden", erklärt Ingwers. Eine Eins-zu-Eins Übersetzung sei daher schwierig. "Gleichwohl ist es absolut möglich, alles in Gebärdensprache auszudrücken."

Gebärdensprache ist eine visuelle Sprache, auch von der Grammatik her. Wie auf einer Bühne werden Handlungen dargestellt. Das verlangt bei Übersetzungen vor Gericht teilweise besondere Nachfragen der Dolmetscher. "Wenn es zum Beispiel um einen Verkehrsunfall geht, kann ich in Gebärdensprache eine Kurve nicht neutral ausdrücken. Es ist entweder eine Rechtskurve oder eine Linkskurve", erklärt Ingwers. "Gesprochene Sprache kann sehr vage bleiben, Gebärdensprache muss an der Stelle konkreter werden. Wenn ich diese Informationen nicht habe, dann wird es mitunter falsch. Das ist vor Gericht fatal."

Wenn sie für gehörlose Prozessbeteiligte übersetzt, kann Ingwers viele juristische Begriffe umschreiben. "Das ist aber unpassend für eine gehörlose Juristin, die darauf angewiesen ist, dass diese Fachterminologie, die sie ja kennt und beherrscht, auch gebracht wird." Einen Großteil des juristischen Vokabulars gibt es mittlerweile auch in Gebärdensprache, wenn etwas fehlt, müssen Ingwers und Hartmann sich gesondert absprechen.

Die Entwicklung der juristischen Gebärdensprache geht maßgeblich auf Judith Hartmann zurück. Als erste gehörlose Studentin und Referendarin war sie von Beginn an auf präzise Terminologie angewiesen: "Ich habe mit den Dolmetscherinnen spezielle Gebärden abgesprochen und die Hintergründe hierfür erklärt. Damit verständlich ist, warum eben Eigentum und Besitz unterschiedlich gebärdet werden müssen. Eine Verwechslung wäre im Examen tödlich gewesen."

Noch ist Hartmann die einzige gehörlose Anwältin in Deutschland. In anderen Ländern ist die Inklusion schon viel weiter. Ob Hartmann anderen Gehörlosen zum Jurastudium raten würde? "Warum nicht? Wenn jemand die nötigen Voraussetzungen mitbringt."

Zitiervorschlag

Philipp Sümmermann, Anwaltsberatung in Gebärdensprache: Rechtliches Gehör für Taube . In: Legal Tribune Online, 08.10.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13420/ (abgerufen am: 27.05.2020 )

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Kommentare
  • 21.10.2014 16:20, Tina

    Leider werden hier wieder Übersetzen und Dolmetschen verwechselt. Ein Dolmetscher überträgt mündlich bzw. mit Gebärden. Diesen Vorgang nennt man Dolmetschen, nicht Übersetzen. Übersetzer übertragen schriftlich, diesen Vorgang nennt man übersetzen, nicht dolmetschen. Das mag spitzfindig klingen, ist aber ungefähr so, als ab man schreiben und sprechen miteinander verwechselt, oder Strafrecht und Zivilrecht, oder die Begriffe Dienstverträge und Werkverträge synonym verwendet.

    Außerdem ist es für die Fremdsprachendolmetscher und –übersetzer nicht immer hilfreich, dass die zweite beteiligte Sprache Rechtssprache in ein oder gar mehreren Rechtsordnungen ist, da die Rechtskonstrukte voneinander abweichen und häufig nicht deckungsgleich sind, d. h. das vermeintliche terminologische Äquivalente in den beiden beteiligten Sprachen eben auch nicht das Gleiche ausdrücken können. So sehen die US-amerikanischen Rechtsordnungen keine Verträge vor, bei denen sich nur ein Vertragspartner zu etwas verpflichtet, aber keine Gegenleistung erhalten soll. Da muss man sich bei der Übertragung der Bezeichnung Schenkungsvertrag ebenfalls mit sperrigen Erläuterungen behelfen. Aber glücklicherweise müssen Übersetzungen und Dolmetschungen im Rechtsbereich nicht zwingend stilistisch ansprechend sein.