Anwaltsberatung in Gebärdensprache: Rechtliches Gehör für Taube

Gehörlose und Schwerhörige müssen im juristischen Umfeld hart kämpfen. Wie soll man seinen Fall ohne Worte präzisieren? Ihnen hilft Judith Hartmann. Sie ist die einzige gehörlose Rechtsanwältin Deutschlands und kennt die Schwierigkeiten, mit denen ihre Mandanten zu kämpfen haben. Wie sieht der Alltag in der Kanzlei und vor Gericht aus, wenn das gesprochene Wort nichts bedeutet?

 

Mündliche Verhandlung am Sozialgericht Hamburg. Ein Streit mit einer Krankenkasse, ein Routinefall für Anwältin Judith Hartmann. Alle Akten liegen ausgebreitet vor ihr, sie schaut nach vorne, zur Richterbank. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen, es müssen nur noch die Anträge gestellt werden.

Hartmann bewegt ihre Lippen und macht mit deutlicher Gestik ihre Position deutlich. Dabei kommt kein Wort über ihre Lippen. Judith Hartmann ist die wohl einzige gehörlose Rechtsanwältin in Deutschland. Sie verständigt sich in Gebärdensprache.

Was sie sagt, übersetzt eine Dolmetscherin simultan. Sie sitzt ihr gegenüber. "Dass die Dolmetscherin mit dem Rücken zur Richterbank sitzt, führt manchmal zu kleinen Irritationen", gibt die Anwältin zu. Üblicherweise sitzen Dolmetscher schließlich neben den Parteien. "Das klärt sich mit einer kurzen Erklärung aber schnell." Einige Richter fragen auch nach, ob sie zu schnell für die Dolmetscherin sprechen. Ansonsten mache das Übersetzen aber keinen Unterschied bei den Verhandlungen: "Im Sozialrecht wird üblicherweise nicht so hektisch verhandelt wie in Strafprozessen, wo die Stimmung schon mal angespannt sein kann."

Eigene Kanzlei, externer Telefon-Dolmetschdienst

Als gehörlose Anwältin ist Judith Hartmann eine Ausnahme. Der Deutsche Gehörlosen-Bund schätzt die Zahl gehörloser Menschen auf ein Promille der Bevölkerung, also rund 80.000 Menschen. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Erst seit den achtziger Jahren können Gehörlose an speziellen Schulen Abitur machen.

Die Zahl gehörloser Studenten steigt zwar stetig, ist aber bis heute gering. Nur rund 40 bis 50 sollen pro Jahr ein Studium anfangen. Auch Judith Hartmann machte zuerst eine Ausbildung zur Vermessungstechnikerin, bevor sie nach einem halben Jahr in dem Beruf das Abitur nachholte, um Jura zu studieren. Sinnlos war die technische Ausbildung aber nicht: "Auch dort spielt logisches Denken eine Rolle, man kann nicht wild durcheinander vorgehen."

Julia HartmannMittlerweile ist die 43-Jährige mit den braunen Locken und dem freundlichen Lächeln Fachanwältin für Sozialrecht, seit Juni 2012 hat sie ihre eigene Kanzlei in Hamburg. Ihre Gehörlosigkeit zeigt sich dort nur in Details. Wenn jemand anruft, blinkt eine kleine Lampe zwischen Bildschirm und Telefon. Gespräche führt sie über einen Telefon-Dolmetschdienst. "Das ist eine große Unterstützung für mich. Manchmal kann ja doch ein kurzer Anruf etwas einfacher klären", sagt sie. "Und wenn auf eine E-Mail nicht reagiert wird, kann man so auch eben nachfragen."  Der Dolmetscher sitzt bei einer externen Firma, er übersetzt entweder in Gebärdensprache über eine Webcam oder als Schriftdolmetscher. Dann tippt sie ihren Text am Computer und kann umgekehrt mitlesen, was die Gegenseite am Telefon spricht.

Viele gehörlose Mandanten und ein Sieg vor dem BSG

Dass im juristischen Alltag vieles über Schriftsätze läuft und Anwälte noch zur aussterbenden Spezies der Fax-Nutzer gehören, macht für Hartmanna alles einfacher. Auch E-Mails, für sie ein "Segen", nutzt sie viel.  Für alles weitere greift sie auf Gebärdensprachdolmetscher zurück: Bei ihren mündlichen Prüfungen an der Uni, bei der Vereidigungszeremonie der Anwaltskammer und bei Mandantengesprächen.

Hartmann betreut auch hörende Mandanten. Die kommen aus den unterschiedlichsten Gründen zu ihr: Teils durch Zufall oder über Empfehlungen, teils explizit wegen ihrer Behinderung und dem damit größeren Verständnis für Einschränkungen. Dementsprechend oft berät Hartmann bei Fragen zu Erwerbsminderungsrente, Rentenansprüchen und Reha-Maßnahmen.

Der größte Teil ihrer Mandanten aber ist selbst gehörlos oder schwerhörig.  Das erleichtert die Kommunikation. Beide Seiten sprechen über Gebärden miteinander, mal persönlich, mal per Skype.

Häufig drehen sich die Gespräche um Kostenübernahmen für Hilfsmittel. Gehörlose und Schwerhörige brauchen besondere Telefone, Türklingeln und Wecker, da sie auf Anlagen mit Lichtsignalen angewiesen sind. Weil die Geräte teuer sind, kommt es immer wieder zu Streit mit den Krankenkassen.

So auch im Juni, als Judith Hartmann vor dem Bundessozialgericht (BSG) erreichen konnte, dass Krankenkassen die Kosten für Rauchmelder mit Lichtsignal erstatten müssen. Vier Jahre hatte sich das Verfahren hingezogen. Die Richter in Kassel führten aus, dass Rauchmelder die elementare Lebensführung zuhause ermöglichten und so das Grundbedürfnis des selbständigen Wohnens sicherstellten. Ein Grundsatzurteil und ein Sieg für Judith Hartmann.

Zitiervorschlag

Philipp Sümmermann, Anwaltsberatung in Gebärdensprache: Rechtliches Gehör für Taube. In: Legal Tribune Online, 08.10.2014, https://www.lto.de/persistent/a_id/13420/ (abgerufen am: 22.10.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 21.10.2014 16:20, Tina

    Leider werden hier wieder Übersetzen und Dolmetschen verwechselt. Ein Dolmetscher überträgt mündlich bzw. mit Gebärden. Diesen Vorgang nennt man Dolmetschen, nicht Übersetzen. Übersetzer übertragen schriftlich, diesen Vorgang nennt man übersetzen, nicht dolmetschen. Das mag spitzfindig klingen, ist aber ungefähr so, als ab man schreiben und sprechen miteinander verwechselt, oder Strafrecht und Zivilrecht, oder die Begriffe Dienstverträge und Werkverträge synonym verwendet.

    Außerdem ist es für die Fremdsprachendolmetscher und –übersetzer nicht immer hilfreich, dass die zweite beteiligte Sprache Rechtssprache in ein oder gar mehreren Rechtsordnungen ist, da die Rechtskonstrukte voneinander abweichen und häufig nicht deckungsgleich sind, d. h. das vermeintliche terminologische Äquivalente in den beiden beteiligten Sprachen eben auch nicht das Gleiche ausdrücken können. So sehen die US-amerikanischen Rechtsordnungen keine Verträge vor, bei denen sich nur ein Vertragspartner zu etwas verpflichtet, aber keine Gegenleistung erhalten soll. Da muss man sich bei der Übertragung der Bezeichnung Schenkungsvertrag ebenfalls mit sperrigen Erläuterungen behelfen. Aber glücklicherweise müssen Übersetzungen und Dolmetschungen im Rechtsbereich nicht zwingend stilistisch ansprechend sein.

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