Persönlichkeitsentwicklung: Wie viel Empa­thie ist erlaubt?

von Sabine Olschner

14.05.2018

Müssen Anwälte empathisch sein – oder ist nicht vielmehr ihr Fachwissen gefragt? Wie viel Zwischenmenschliches ist in Mandantenbeziehungen und in der Kanzlei erlaubt und sinnvoll?  

Empathie bezeichnet die Fähigkeit, bei anderen Menschen Empfindungen, Gedanken und Emotionen zu erkennen und zu verstehen. Aber was haben Emotionen und Empfindungen im knallharten Anwaltsgeschäft zu suchen? Muss und kann ein Anwalt sich wirklich auch noch mit den Gefühlen seiner Mandanten beschäftigen? Wie so oft lautet die Antwort: Es kommt darauf an. "Es gibt die unterschiedlichsten Typen von Anwälten und Partnern: Manche bringen von ihrer Persönlichkeit her viel Empathie mit, andere fokussieren sich voll auf das Sachliche", so die Erfahrung von Olaf Hopp, Inhaber der juristischen Personalberatung Hopp PSC Legal Search & Recruitment. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Mandanten, die entweder mehr Wert auf ein persönliches Verhältnis legen oder nur das Ergebnis im Blick haben. 

Hopp glaubt, dass eine bunte Mischung aus Empathikern und sachorientierten Kollegen ein gutes Team ausmacht. "Wer empathisch ist, kann vielleicht besonders gut akquirieren, während der nüchterne Kollege eher die Fälle abarbeitet." Er hat auch schon Menschen kennengelernt, die als Anwälte nach außen knallhart agierten und wenig kollegial wirkten, aber innerhalb der Kanzlei aufgrund ihrer Menschlichkeit bei den Kollegen besonders beliebt waren. Nicht immer stimmt also der erste Eindruck: Manch einer mag empathischer sein, als er in der Öffentlichkeit auftritt.

Empathie braucht es in allen Rechtsgebieten 

Dr. Joachim Gores, Partner bei der Kanzlei Kümmerlein Simon & Partner, ist der Ansicht, dass Empathiefähigkeit in der Rechtsbranche unterschätzt wird. "Für den Mandanten ist es wichtig, einen guten Draht zu seinem Anwalt zu haben. Erst dadurch zeigt sich bei vielen die Qualität einer Kanzlei", meint Joachim Gores. Als Wirtschaftsrechtler haben die Anwälte von Kümmerlein häufig mit Mittelständlern zu tun und beschäftigen sich mit Fragen zur Unternehmensentwicklung, zu Nachfolgeregelungen oder familiären Konstellationen in der Firma. "Hier spielen natürlich Emotionen oft eine große Rolle", so Gores. 

Trotzdem ist er der Ansicht, dass Empathie nicht vom Rechtsgebiet abhängt, in dem sich die Kanzlei bewegt. "Letztlich haben wir es doch immer mit Menschen zu tun, zu denen man erst einmal eine Beziehung aufbauen muss." Das gilt nicht nur für den Umgang mit den eigenen Mandanten, sondern auch mit der Gegenseite. "Wenn ich dank meiner Empathiefähigkeit antizipieren kann, wohin der Gegner will, kann ich den richtigen Weg finden, um die Interessen meiner Mandanten durchsetzen", erklärt Hans-Christian Hauck, Namenspartner der vorrangig im Immobilienwirtschaftsrecht tätigen Rechts- und Steuerberatungskanzlei HauckSchuchardt. "Vor allem am Verhandlungstisch ist Empathie also ein großes Plus."   

Und wie sieht es im Strafrecht aus? Kann man auch Schwerverbrechern Empathie entgegenbringen? "Ja", ist Uwe-Stephan Soujon überzeugt. Seit 20 Jahren ist der Anwalt als Strafverteidiger tätig, und er bemüht sich stets darum, auch emotional eine Ebene zu seinen Mandaten zu finden – egal, was sie sich hätten zuschulden kommen lassen, sagt Soujon. "Natürlich muss man Grenzen setzen. Ich kann einem Mandanten, der ein schweres Verbrechen begangen hat, nicht suggerieren, dass das okay war." Als Strafverteidiger müsse man objektiv, aber auch in der Lage sein, auf einer persönlichen Ebene miteinander zu kommunizieren. "Solange mein Gegenüber nett zu mir ist, kann ich auch nett zu ihm sein. Das ist eine Frage der Professionalität. Wenn ich allerdings merke, dass es überhaupt nicht passt und ich keinen Zugang zu meinem Mandanten bekomme, muss ich auch mal die Reißleine ziehen und ein Mandat beenden." Gegenüber Gewaltstraftätern, die Reue zeigen, falle es ihm leichter, Empathie aufzubringen als gegenüber Wirtschaftsbossen, die oft keinerlei Einsicht zeigen und jede Schuld von sich weisen, sagt der Anwalt.

Weiche Faktoren in der juristischen Ausbildung vernachlässigt

Empathie nach außen im Mandantenkontakt ist das Eine – aber wie viel Emotion ist innerhalb einer Kanzlei erlaubt, etwa im Verhältnis zwischen Partner und Associate oder Counsel? "Das hat etwas mit Führungsstil zu tun", ist Hans-Christian Hauck überzeugt. "Ein Partner braucht meines Erachtens auch Empathie, um sein Team zu motivieren. Wir arbeiten schließlich mit Menschen und nicht mit Maschinen." 

Ob jemand empathisch ist und ins Team passt, merken erfahrene Partner, die schon häufig neue Mitarbeiter eingestellt haben, schnell. "Ich schaue mir im Vorstellungsgespräch an, ob jemand trotz aller Professionalität auch mit einem lockeren Ton umgehen kann", berichtet Joachim Gores von Kümmerlein. "Diese Offenheit ist für mich ein Zeichen von Empathie." Viele Absolventen hätten im Studium zwar die Merkmale eines Top-Juristen verinnerlicht, so seine Erfahrung. "In der juristischen Ausbildung werden aber die weichen Faktoren einer geschäftlichen Beziehung manchmal etwas vernachlässigt."

Kann man denn lernen, empathisch zu sein? "Man kann sich von erfahrenen Kollegen viel abschauen", glaubt der Anwalt. "Und man muss sich trauen: Anfangs verhalten sich Juristen in Mandantengesprächen erfahrungsgemäß recht nüchtern und sachlich. Erst mit der Zeit merken sie, dass auch eine persönliche Note wichtig ist, um Vertrauen aufzubauen." Empathie ist für Gores "der wichtigste Schmierstoff". 

Zitiervorschlag

Sabine Olschner, Persönlichkeitsentwicklung: Wie viel Empathie ist erlaubt? . In: Legal Tribune Online, 14.05.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/28593/ (abgerufen am: 12.12.2018 )

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