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Von der Anwältin zur Unternehmerin: Im Haus der Heldin

von Tanja Podolski

31.05.2017

Als Anwältin war sie auf Venture Capital spezialisiert. Nach rund drei Jahren in dem Beruf will sie nun ihrer Berufung folgen: Eva Juliane Jerratsch wird selbst Unternehmerin. Mit Taschen für Business Frauen  – wie ihre früheren Kolleginnen.

Geografisch betrachtet ist sie nicht weit gekommen: Eva-Juliane Jerratsch hat es aus Berlin nie für länger als zwei Jahre hinaus geschafft. Für ihre berufliche Entwicklung ist sie damit genau an der richtigen Stelle: Die 32-Jährige ist Teilhaberin eines Startups und Gründerin von Venture Ladies, einem Netzwerk für Frauen aus der Venture Capital (VC) und Startup-Szene. Mit dieser Aufstellung wäre sie sonst nur am Private-Equity- und Venture Capital-Standort München genauso gut aufgehoben.

Der eingefleischten Berlinerin hört man ihre Herkunft an ihrem Ausdruck nicht mehr an – es sei denn, sie will es so. Das ist dann auch der Moment, in dem greifbar wird, dass auch sie mit ihrem ersten Gehalt angefangen hat, ihr BaFöG zurückzuzahlen.

Beruf ohne Berufung

Sie hat Jura studiert, ihr Referendariat gemacht und im August 2013 ihr zweites Examen abgelegt. Sie war gut genug, um danach bei SJ Berwin anzufangen, obwohl sie Jura bis dahin nie als ihre wahre Berufung angesehen hatte. Doch das Milieu, das war es: "Ich fand das Umfeld total spannend", sagt Eva Jerratsch. Sie war im Team des VC-Anwalts Dr. Frank Vogel und damit umgeben von Investoren, Unternehmern, Gründern. Sie entwickelte Gesellschafterstrukturen und strukturierte Finanzierungsrunden. Es war genau ihr Ding.

Es folgte noch 2013 der Zusammenschluss von SJ Berwin mit der australischen Sozietät Mallesons Stephens Jacques und der chinesischen Kanzlei King & Wood. Schon im darauffolgenden März hieß es: Das Berliner Büro der fusionierten Kanzlei, das ehemalige Domizil von Eva Jerratsch, wird geschlossen. Eva Jerratsch wechselte zum Mai 2014 zu Pöllath + Partner. Viel Berufserfahrung hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Netzwerk und selbst loslegen

Es war auch die Zeit, zu der Unternehmensgründer Anton Jurina die Beteiligung an seinem ersten Unternehmen verkaufen wollte. "Ich saß damals mit am Verhandlungstisch, die Transaktion lief einfach gut", sagt Jerratsch heute. Danach beriet sie Jurina bei diversen Beteiligungen, Investments, Anteils-Verkäufen.

Parallel dazu kam ihr die Idee für die Venture Ladies. "Mir ging es darum, einen Austausch herzustellen für Frauen, die sich in der VC-Szene bewegen. Und auch darum, etwas aus dem Jura-Kosmos heraus zu kommen", erzählt Jerratsch. Sie rief fünf Bekannte an, fast jede brachte noch eine weitere Frau zum Treffen mit: Der Stammtisch stand. Zum nächsten Treffen kamen 40, heute hat das Netzwerk rund 1.000 Mitglieder und bietet Workshops und Netzwerktreffen rund um Venture Capital an. "Diese Gespräche haben das eigene Denken unglaublich erweitert", sagt die Anwältin.

Immer mehr bewegte sie sich in der Gründer-Szene, hörte viele Startup-Geschichten anderer mit den Herausforderungen, Niederschlägen und Erfolgen.

Dass Jerratsch dann auch selbst ein eigenes Modelabel gründen wollte, ist nicht mehr fernliegend. Um selbst zu gründen saß sie an der Quelle jeglicher fachlichen Kompetenz, dass sie sich im Segment Mode bewegen würde, war auch naheliegend: "Ich hatte immer schon ein Faible für schöne Dinge und Kunst", sagt die 32-Jährige. Sie hat früher selbst viel gemalt und Theater gespielt, "ich mag einfach Ästhetik", sagt sie.

Jerratsch startete mit ihrem ersten eigenen Label, "Velvet Rhapsody", und kreierte dafür mit einer Partnerin Kummerbunde und Capes aus Samt für Frauen. Das sollte vor allem ein Hobby sein –und dabei blieb es mit diesem Label bis heute. Vor allem arbeitete sie weiter für die Kanzlei Pöllath - arbeitete und lernte viel dabei.

Nach drei Jahren im Anwaltsjob machte sie eine Bestandsaufnahme. "Ich hatte mir immer vorgenommen, meine berufliche Situation nach etwa drei Jahren zu evaluieren", sagt sie. Sie mache Sachen gerne richtig, mit Vollgas. Und wollte sicherstellen, dass sie so auch noch ihren Job machte. Faktisch hatte sie zu diesem Zeitpunkt fast zwei Jahre das Büro in Berlin geleitet, es gab vor Ort niemanden mit mehr Erfahrung. Im November und Dezember 2016 wollte sie zwei Monate Urlaub nehmen und verreisen, so war es bereits mit Pöllath verabredet.

Zitiervorschlag

Tanja Podolski, Von der Anwältin zur Unternehmerin: Im Haus der Heldin . In: Legal Tribune Online, 31.05.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/23072/ (abgerufen am: 23.07.2019 )

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Kommentare
  • 01.06.2017 07:26, Es regnet ...

    "Immer mehr bewegte sie sich in der Gründer-Szene, hörte viele Startup-Geschichten anderer mit den Herausforderungen, Niederschlägen und Erfolgen."
    - Besteht nicht irgendwie recht eigentlich das ganze Leben aus Herausforderungen, Niederschlägen und Erfolgen?

  • 01.06.2017 18:07, Jana

    Mich würde interessieren, ab wann die Taschen lieferbar sind. Auf der Homepage steht ab Anfang Mai. Da scheint es aber zu Verzögerungen zu kommen...

  • 04.06.2017 12:24, Ganz normaler Anwalt

    Ist ja alles schön und gut, aber immer dieser Gründermythos...
    Früher hatte man einfach eine neue Idee und hat sich damit ganz normal "selbstständig" gemacht.
    Dann - gerade in der Modebranche - wurden plötzlich alle "Designer".
    Jetzt ist selbst ein schnöder Taschenladen, der halt auch einen Onlineshop hat, schon eine "Unternehmensgründung".
    Wow, welch große Worte. Aber mal im Ernst, das haben Leute schon immer so gemacht.
    Vermutlich haben die nur nicht mit Business English um sich geworfen und auf Stammtischen in schnicker Kleidung Avocadotoast gegessen und teure Drinks genippt...