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Ansprache im Kanzleialltag: Sag Du zu mir, Frau Meier

von Sabine Olschner

13.06.2016

Am Tag nach der Kanzleiparty schon mal das angebotene "Du" bereut? Es zurückzunehmen wäre keine souveräne Lösung. Bei einigen Kanzleien würde sich das Thema gar nicht erst stellen.

"Hallo, ich bin Marcus, wir können uns gern duzen." So manch ein frischgebackener Jurist mag etwas verunsichert sein, wenn ein erfahrener Kollege in der Kanzlei ihm direkt am ersten Arbeitstag das Du anbietet. Wie sollte er am besten darauf reagieren? "Das Angebot zum Du abzulehnen, wäre ein Affront", meint Falk Schornstheimer, Coach für Anwaltskanzleien. "Auch wenn es am Anfang seltsam erscheint, den älteren Kollegen zu duzen: Man sollte das Angebot annehmen und aufpassen, dass man künftig nicht aus Versehen doch immer wieder das Sie benutzt."

Ob in einer Kanzlei eher das Du oder das Sie an der Tagesordnung ist, ist eine Sache der Unternehmenskultur: Es gibt konservative Kanzleien, in denen sich alle siezen und manchmal sogar großen Wert auf die Nennung des Doktortitels legen. Auf der anderen Seite der Skala stehen die Büros mit angelsächsischen Wurzeln, in denen das Du allein schon üblich ist, weil es sonst in der Kommunikation mit den englischsprachigen Kollegen kompliziert würde. Denn im Englischen nutzt man bei der Zusammenarbeit sehr schnell den Vornamen, was im Deutschen im Grunde dem Du entspricht. Um in international besetzten Meetings zu vermeiden, dass ein Christian Müller mal mit Herr Müller und mal mit Christian angesprochen wird, einigen sich die Mitarbeiter solcher Kanzleien oft von vornherein auf das Du.

Duzen vom Studi bis zum Manager

Ein Beispiel für solch eine Kanzlei ist Ashurst: "Bei uns duzen sich alle, von der studentischen Hilfskraft bis zum Managing Partner", erklärt Personalleiterin Diane Manz. "Das 'Sie' ist in unseren Büros keine Option." Wer bei der Frankfurter Kanzlei einsteigt, weiß also, worauf er sich einlässt. "Durch das Du entsteht eine angenehme Arbeitsatmosphäre, und die Schwelle, allen in der Kanzlei Fragen stellen zu dürfen, ist niedriger, ohne dass die Autorität geschwächt wird", ist Diane Manz überzeugt.

Kanzleien, in denen ausschließlich geduzt oder gesiezt wird, gibt es also. Der Großteil der Kanzleien hält es mit der Ansprache jedoch flexibel. "Bei uns entscheidet jeder Anwalt für sich, welche Ansprache er wählt", sagt Harald Moorkamp, Partner bei Kaven Voß Moorkamp. Vorgaben gebe es in der Münsteraner Kanzlei mit fünf Anwälten nicht, das wäre für sie auch nicht passend. "Ich selbst etwa war bereits als Student in dieser Kanzlei tätig und habe mich mit den anderen Mitarbeitern geduzt", so Moorkamp. Dabei sei es natürlich geblieben, als er dort als Rechtsanwalt angefangen habe. Bei neuen Mitarbeitern bleibe er jedoch heute erst einmal beim 'Sie'.

Falk Schornstheimer rät: "In den ersten Tagen beim neuen Arbeitgeber sollte man erst einmal beobachten, wie die Kollegen miteinander umgehen, und sich daran orientieren." Referendare und Berufseinsteiger sind seiner Erfahrung nach untereinander oft recht schnell beim Du. Bei unterschiedlichem Alter und zwischen den Hierarchien sollte man hingegen vorsichtig sein. Die Etikette besagt: Der Ältere bietet immer dem Jüngeren das Du an, der in der Hierarchie höher Stehende dem weniger Erfahrenen – und nach wie vor die Frau dem Mann – alles andere könnte als unerwünschte Annäherung verstanden werden.

Zitiervorschlag

Sabine Olschner, Ansprache im Kanzleialltag: Sag Du zu mir, Frau Meier . In: Legal Tribune Online, 13.06.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19642/ (abgerufen am: 23.07.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 13.06.2016 11:56, Kanzleiheini

    Vornamennutzung auf Englisch ("first name terms") entspricht keineswegs dem deutschen "Du". Ein weitverbreitetes Missverständnis. Und qua ordre mufti verordnetes Duzen über alle Hierarchien macht es nicht einfacher, ganz im Gegenteil.

  • 16.06.2016 18:43, Michael

    Dem kann ich nur zustimmen. Tasächlich ist es so, daß man sich im Englischen praktisch nur siezen kann, da das "thou (= du)" nur noch im englischen Kirchengesangbuch zu finden ist ...
    Tatsächlich entspricht diese sprachliche Tatsache der bekannte sozialen Distanz in der angelsächsischen Welt. Im übrigen ist das "you" eigentlich unser "Ihr" und damit die Anrede gegenüber dem hierarchisch Höherstehenden, unser "Sie" dagegen die Höflichkeitsform unter Gleichstehenden.

    Im deutschen Kulturbereich ist "Sie" und Vorname zwar selten, aber möglich (wie es in unserer Familie unsere Trauzeugin problemlos praktizierte) und bedeutet eine verfeinerte kulturell-soziale Differenzierung.

    Mit dem von oben aufgedrängten "Du" habe ich fast nur schlechte Erfahrungen gemacht.

  • 25.06.2016 02:23, Peter Peters

    Als juristischer Headhunter und Berater schließe ich zumindest aus meinen persönlichen Erfahrungen, dass das verordnete Du jedenfalls ökonomisch am sinnvollsten erscheint.

    Es scheint dass Kanzleien, die eine Duz-Kultur pflegen, es in der Summe leichter haben, Nachwuchs zu rekrutieren. Doch viel gravierender ließ sich beobachten, dass sich in Kanzleien mit Duz-Kultur ein überdurchschnittlich hoher Anteil fachlich und persönlich besonders geeigneter Führungskräfte durchgesetzt haben; ganz besonders in den jüngeren Altersstufen 30-45.

    Der Grund dafür muss nicht zwingend sein, dass diese sich durch dieses Betriebsklima besonders angezogen fühlen, sondern liegt möglicherweise auch gerade darin, dass diese Umgangsform besonderes Durchsetzungsvermögen und starke fachliche Qualifikation der Führungskräfte erfordert.