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Als Anwalt in Boomtown Shanghai: Es muss nicht immer Frank­furt sein

von Gil Eilin Jung

09.12.2011

Shanghai ist eine der führenden Wirtschafts-Metropolen der Welt und die Stadt mit der zweitgrößten Anwaltsdichte Chinas. Unter den ausländischen Juristen genießen die deutschen einen besonders guten Ruf. Gil Eilin Jung sprach mit dem Exil-Pfälzer Nils Seibert bei einem Tsingtao-Bier über sein juristisches Schaffen, kulturelle Unterschiede und die dezente chinesische Mimik.

Die Wooden Box in Shanghais hektischem Jing’An-District unweit der berühmten Einkaufsmeile an der Nanjing Road hat weder etwas mit einem Sarg, noch mit einem Sake-Gefäß zu tun und dient schon gar nicht als vorzeigbares Synonym für Erfolg. Vielmehr erinnert die kleine holzgetäfelte Bar mit den bodentiefen Fenstern an ein uriges Baumhaus, das den Blick auf einige der seltenen Grünpflanzen in der Betonwüste der 17-Millionen-Stadt am Huangpu-River freigibt.

Nils Seibert kommt hier gerne auf ein Bier nach der Arbeit vorbei. Der 33-jährige Jurist aus Speyer hat vor kurzem bei Burkardt, Böhland & Partner unterschrieben, einer chinesischen Kanzlei unter deutscher Führung. Seibert hat seine Dissertation in Göttingen über chinesisches Arbeitsvertragsrecht mit dem Rigorosum abgeschlossen und die vergangenen zweieinhalb Jahre in China verbracht. Seine Bestellung gibt er in Mandarin auf. Eine Sprache, die der 1,90-Meter-Mann im Gegensatz zu vielen seiner deutschen Kollegen nicht nur spricht, sondern auch liest, "aber nur Arbeitsrechtliches", wie er einräumt.

Es ist kurz nach 20 Uhr. Ein früher Feierabend nach deutschen Karriere-Maßstäben. Ein typischer Tag für Seibert? Er lächelt und erzählt von 60-Stunden-Wochen plus, Dossierwälzen am Wochenende, von langen Dienstreisen und dem Abtragen von meterhohen Aktenbergen spätabends im Büro – nichts, was junge Anwälte in deutschen Kanzleien nicht auch kennen. Heute hat er einfach mal früher Schluss gemacht.

Anfangs als einziger Ausländer unter Chinesen

Seibert ist weder Großverdiener noch Partner. Karriereplanung 2.0 verlangt nicht nur in Deutschland Geduld und Flexibilität. "Die Goldgräberstimmung in China ist vorbei", sagt der Jurist und nimmt einen Schluck Tsingtao-Bier. Bevor er 2008 mit seiner Promotion begann, "sah es für deutsche Juristen in China noch deutlich besser aus", betont er. Vor der Finanzkrise sei man relativ schnell Partner in einer Großkanzlei geworden. Top-Berufsmöglichkeiten habe es damals gegeben mit Aufschlägen von 20 Prozent auf ein Gehalt in vergleichbarer Position in Deutschland.

"Hat sich super angehört", sagt Seibert. Doch was anfangs toll klang, stellte sich im Arbeitsalltag anders heraus. Als der Spezialist für Arbeitsmarktrecht, Sozialversicherungsrecht, Baurecht und ausländische Direktinvestitionen ein Angebot einer Großkanzlei in Shanghai annahm – als einziger Ausländer unter Chinesen – stellte er fest, "dass sich vieles gar nicht realisieren ließ". Kritisch räumt er ein, dass das Verhältnis auch an kulturellen Missverständnissen gescheitert sei, in dieser für chinesische Verhältnisse relativ jungen Branche.

Seit sich China Anfang der 1990er-Jahre der Markt- und Privatwirtschaft geöffnet hat, sind die Anwaltskanzleien wie Pilze aus dem Boden geschossen. Nach inoffiziellen Schätzungen hat sich die Zahl der Lawyers zwischen 1996 und 2010 von rund 100.000 auf 200.000 verdoppelt. Eine ähnliche Tendenz herrscht bei den Law Firms vor – von null im Jahr 1979, als China sein Rechtssystem reformierte, über 9.500 im Jahr 1996 auf inzwischen rund 17.000. Die meisten Anwälte des Landes sollen in Peking sein – knapp 10 Prozent. Shanghai liegt demnach mit gut sieben Prozent auf Platz zwei.

Deutsche Anwälte dürfen nicht vor Gericht auftreten

Die Kanzlei, für die der deutsche Anwalt tätig ist, fokussiert sich hauptsächlich auf Klienten aus dem deutschsprachigen Raum. Die Schweiz, Österreich, Deutschland. Die Mandanten entstammen mittelständischen Unternehmen wie Zulieferbetrieben der Automobilindustrie, aus dem Maschinenbau oder der Lebensmittel-Branche. "Die rechtlichen Fragen, die wir hier behandeln, sind wenig spartenspezifisch", sagt Seibert. Die Problematik sei bei jedem ausländischen Unternehmen relativ gleich.

Kniffelig wird die Lage, wenn es um anwaltliche Zulassungen geht. Offiziell verfügen nur chinesische Juristen über eine gültige Lizenz und dies auch nur als Mitglied einer chinesischen Kanzlei. Ausländische Kanzleien gelten in China als reine Repräsentanz-Büros. Rechtlich gesehen dürfen sie strenggenommen keinerlei Geschäftstätigkeit ausüben, noch nicht einmal juristisch beraten. In der Praxis wird das dennoch betrieben und stillschweigend geduldet. Kommt es jedoch zu Gerichtsprozessen sind nur chinesische Anwälte zugelassen. Ausländische Kollegen dürfen allenfalls begleiten.

Abgesehen von rechtlichen Hürden, gibt es sprachliche – und die sind enorm, zumal Berufs-Chinesisch studiert werden muss und nicht en passant erlernbar ist. "Die Anforderungen an ausländische Anwälte sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen", sagt Nils Seibert. Dies sei Folge der wachsenden Konkurrenz durch chinesische Kollegen, die mit gestiegener Sprach- und Fachkompetenz und mit deutlich geringeren Gehaltsvorstellungen punkten. "Die wenigsten ausländischen Anwälte beherrschen die chinesische Schriftsprache." Das macht gründliche Recherche nur bedingt möglich. "Es gibt englische Übersetzungen, aber man muss die Gesamtübersicht behalten, schauen, dass alles gelesen wird, auch von den Kollegen", so Seibert.

Leben in China: stressiger, schneller, anders

Der chinesische Rechtsmarkt gilt als klein im Vergleich zu Europa und den USA. Klein wie die Durchschnitts-Gehälter von 20.000 US-Dollar im Jahr. Die Big Two, Peking und Shanghai, liegen mit Jahressalären von 60.000 bis 70.000 US-Dollar deutlich darüber. Ex-Pats gehören zu den High Flyern. "Ausländische Anwälte haben ein Top-Standing", erläutert Nils Seibert, "Sie stehen für eine hohe Qualität und heben das Prestige einer Kanzlei." Deutsche Juristen seien in erster Linie im Business-Development tätig, in  Verwaltung und Personalführung und sie koordinieren oft von Anfang an ganze Projekte, so Seibert. Ausländer seien in starkem Maße bei der Mandanten-Akquise gefragt. Die Posten sind rar geworden. Entsprechend schwierig sei es, sie zu bekommen.

Gibt es Vorbehalte von chinesischen Juristen gegenüber deutschen Kollegen? Seibert sagt, dass er schon ein gewisses defensives Verhalten erfahren habe, "vielleicht wegen eines schlechten Selbstwertgefühls oder dem Gefühl der fachlichen Unterlegenheit, das es zu kompensieren galt, um das Gesicht nicht zu verlieren". Irritierend sei, dass man traditionellen Chinesen keine Gemütsstimmung am Minenspiel ablesen könne und oft nur mutmaßt, ob sich hinter dem starren Ausdruck so etwas wie Einverständnis, Wohlwollen oder Ablehnung verbirgt.

Seine persönliche Lebensplanung macht Seibert wie das chinesische Politbüro als eine Art 5-Jahres-Plan. Bis 2016 will er bleiben und dann neu entscheiden. Seine chinesische Lebensgefährtin ist Dozentin für Arbeitsrecht. Sie baut sich in Shanghai gerade eine wissenschaftliche Karriere als Assistenzprofessorin auf. Ein Umzug nach Deutschland kommt für beide derzeit nicht in Frage. Seiberts Fazit: "Als deutscher Anwalt in China tätig zu sein, ist völlig anders, als alles, was man aus einem westlichen Umfeld kennt. Das Leben ist stressiger, schneller, anders, aber es lohnt sich. Wer sehr anpassungsfähig ist und die persönliche Herausforderung in einer fremden Sprach- und Kulturumgebung sucht, dem bieten sich in China zukünftig noch viele Möglichkeiten."

 

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Gil Eilin Jung, Als Anwalt in Boomtown Shanghai: Es muss nicht immer Frankfurt sein . In: Legal Tribune Online, 09.12.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/5067/ (abgerufen am: 08.12.2019 )

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