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Umgang mit dem Unternehmensskandal: Recht ist das eine, Taktik das andere

von Dr. Ansgar Koreng

23.11.2016

2/2: Die Umgarnungsstrategie

Daher wird sich gerade im Bereich der Wirtschaftsberichterstattung häufig eine dritte Variante des Umgangs mit Medienanfragen anbieten, die man mit dem Begriff "Umgarnungsstrategie" wohl am treffendsten wird bezeichnen können. Sie hat zum Ziel, den Journalisten nach Möglichkeit auf die eigene Seite zu ziehen und zu erreichen, dass er von der Berichterstattung entweder Abstand nimmt oder sie letztlich so gestaltet, dass das Unternehmen dabei möglichst gut wegkommt.

Dieses Ziel lässt sich häufig dadurch erreichen, dass man dem Journalisten das gibt, was Grundlage seiner Tätigkeit ist: Informationen. Und zwar nach Möglichkeit solche, die er noch nicht hat und die auch sonst noch nicht in die Medien gelangt sind. So könnte es etwa vielversprechend sein, mit dem Journalisten auf den Vorwurf übermäßiger Steueroptimierung hin in ein Gespräch über die rechtlichen und wettbewerblichen Rahmenbedingungen zu kommen. So könnte etwa aus einer negativ konnotierten Geschichte über vermeintliche Steuervermeidungsstrategien schnell ein Bericht über die Dysfunktionalität des Steuerrechts oder die Zwänge des internationalen Wettbewerbs werden.

Nun ist auch die Umgarnungsstrategie nicht das Allheilmittel für jede Situation. Manchmal kann die Drohkulisse sinnvoller sein, manchmal Schweigsamkeit. Gerade im Bereich der Wirtschaftsberichterstattung aber wird sich durch einen von Offenheit geprägten Umgang mit Journalisten häufig mehr erreichen lassen als durch Schweigen oder Drohen.

Kämpfen versus Aussitzen

Welche dieser Strategien im Einzelfall gewählt werden sollte, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Wesentlich wird es darauf ankommen, wie weit die Geschichte bereits ausrecherchiert ist und was ihr Gegenstand ist. Nicht jede Story wird sich noch beeinflussen lassen. Droht die Übernahme einer Geschichte durch weitere Medien, so kann ein rechtliches Vorgehen durchaus angezeigt sein, um deren Weiterverbreitung nach Möglichkeit zu unterbinden. In solchen Fällen kann es sich anbieten, nach der Hamburger Strategie zu verfahren und zu sehen, ob sich ein rechtliches Vorgehen nach der Veröffentlichung lohnt.

Auch die Frage, ob ein bereits veröffentlichter Bericht mit rechtlichen Mitteln angegriffen werden sollte, bedarf sorgfältiger Prüfung. So ist dem Betroffenen dringend anzuraten, nur dann rechtliche Mittel zu ergreifen, wenn deren Erfolgsaussichten weit überwiegen. Ein verlorener Prozess gegen ein Medienhaus kann sonst leicht zum nächsten PR-Gau werden: Dass ein Gericht bestätigt hat, dass die erhobenen Vorwürfe berechtigt waren, möchte kein Betroffener gerne in der Zeitung lesen, zumal die Geschichte dadurch unter Umständen Wochen oder Monate später noch einmal aufgewärmt wird.

Insbesondere wenn der Berichterstattungsanlass einmalig ist und nicht die Gefahr besteht, dass sie in größerem Umfang von anderen Medien aufgegriffen wird, kann es sehr viel sinnvoller sein, einen Skandal einfach auszusitzen, anstatt ihm durch einen Rechtsstreit zusätzliche Bedeutung zu verleihen.

Rechtsanwalt Dr. Ansgar Koreng ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht und arbeitet bei JBB Rechtsanwälte in Berlin. Er arbeitet schwerpunktmäßig im Presserecht.

Zitiervorschlag

Ansgar Koreng, Umgang mit dem Unternehmensskandal: Recht ist das eine, Taktik das andere . In: Legal Tribune Online, 23.11.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21237/ (abgerufen am: 29.10.2020 )

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Kommentare
  • 23.11.2016 15:04, Stefan Tee

    "weil damit [Antworten auf Pressefragen] häufig eine Selbstöffnung einhergehen wird, die dem Argument des Privatsphärenschutzes den Boden entzieht."

    Tja, das mag an 114 von 115 LGs eventuell so ein...

    Am LG Hamburg (muss ich noch mehr sagen?) gehen die Uhren da halt anders: Da kann es ausschließlich um Arbeitgebermethoden gehen, und trotzdem ist das alles viel zu privat. Auch wenn tatsächlich einer Journalistin ganz konkret zu diesem Sachverhalt Fragen beantwortet wurden.

    Da kann eine Dame kandidieren, politisch aktiv sein, Interviews in Welt und Abendblatt geben (und über ihr Eheleben und Liebesglück plaudern, Stichwort "Die Patentante") und sich in Gegenwart von Ministerpräsident Kretschmann Preise umhängen lassen und als "Gerechtigkeitsfanatikerin" ernsthaft ironiefrei selber laudatieren... ( http://www.goodnews4.de/nachrichten/daily-news/item/fbb-stadtraetin-marianne-raven-von-ministerpraesident-kretschmann-geehrt )

    ...trotzdem kann die Vorsitzende Richterin Simone K. "eine Öffnung der Privatsphäre" "nicht erkennen". Daher sind Fragen zu den Arbeitgebermethoden eines Kinderhilfswerks (selbst wiederum transparenzpreis- und siegel-gekrönt, was auch fleißig vermarktet wird) eine Verletzung der Persönlichkeitssphäre. Ausdrücklich auch, wenn sie wahr wären.

    Ich glaube, ich wandere mal nach Ankara aus. Einmal abgesehen von den ganzen anderen postfaktischen Wundern (Stichwort: kreative Adressgestaltung) am Sievekingplatz, wundervoll nachzulesen bei heise:

    https://www.heise.de/tp/features/Landgericht-Hamburg-schraenkt-Weiterleiten-von-E-Mails-weiter-ein-3377983.html

    Beschwerden bei Till Steffen (gerüchteweise als Justizsenator aktiv, gerüchteweise Mitglied einer Bürgerrechtspartei) werden natürlich sofort weggeblockt.

  • 23.11.2016 15:39, equality

    Wahnsinn, der ganze Artikel. Wie wäre es damit, einfach mal den Unternehmen zu empfehlen, sauber zu bleiben, damit es gar keinen Grund für negative Berichterstattung gibt? Hm?

    Stattdessen wird ihnen erklärt, wie sie Einfluss auf die Presse nehmen können. Ich bin gerade sprachlos. Die allerbeste PR ist übrigens nicht das unerträgliche Herumlavieren und Sprechblasenabsondern, das nimmt eh keiner ernst. Offen Fehler eingestehen, sich entschuldigen und dann WIRKLICH es besser machen - ein Unernehmen, das so agiert hat allerbeste positiv-PR.

    • 23.11.2016 23:37, Alex

      Die Strategien zu kennen, mit denen Unternehmen und andere (auch öffentliche) Institutionen arbeiten, ist sicherlich nicht verkehrt.
      Vermutlich wurde dieser Artikel auch nicht für Unternehmen geschrieben, die für sowas schließlich Unmengen an Geld für PR-Berater und Medienrechtsanwälte ausgeben, sondern für interessierte "Ottonormalverbraucher".

  • 24.11.2016 14:34, Dr. Carsten Brennecke

    Eine wichtige Hintergrundinformation für den Leser zur Bewertung des Artikels dürfte sein, dass der Autor Rechtsanwalt einer Kanzlei ist, die jedenfalls nach unserer Wahrnehmung bisher eher als Vertreter von Verlagen, also der Presse aufgetreten ist. Es verwundert daher nicht, dass ein Rechtsanwalt, der die Interessen der Presse/Verlage vertritt, nun öffentlich den von einer rechtswidrigen Berichterstattung betroffenen Einzelpersonen und Unternehmen den warmherzigen Tipp gibt, sich dann auch noch mit einer „Umgarnungsstrategie“ an den Journalisten zu wenden und zu versuchen, diesen „nach Möglichkeit auf die eigene Seite zu ziehen“. Die Empfehlung, eine presserechtliche Krise dadurch zu lösen, dass man dem Journalisten „das gibt, was Grundlage seiner Tätigkeit ist: Informationen“, ist aus Sicht der Presse/Verlage sicherlich eine willkommene Empfehlung.

    Dass das Bedienen von Journalisteninteressen, indem man ihnen die begehrten Informationen freihändig übergibt und sich dann auch noch mit einer „Umgarnungsstrategie“ in eine Bittstellerrolle begibt, in aller Regel nicht geeignet ist, die Interessen von Einzelpersonen und Unternehmen, die von einer (drohenden) rechtswidrigen Presseberichterstattung betroffen sind, ordentlich zu vertreten, dürfte auf der Hand liegen.

    Insoweit sind wir davon überzeugt, dass wir mit der von unserer Kanzlei Höcker Rechtsanwälte praktizierten erfolgreichen „Kölner Schule“ die Interessen der von einer (drohenden) rechtswidrigen Presseberichterstattung betroffenen Einzelpersonen und Unternehmen deutlich zielführender vertreten können.

    Dr. Carsten Brennecke, Rechtsanwalt und Partner bei der Kanzlei Höcker Rechtsanwälte, www.hoecker.eu

  • 24.11.2016 19:43, Rolf Schälike

    Im Artikel wird richtig dargelegt, dass die gerichtlichen Äußerungsrechts-Auseinandersetzungen auf Taktik basieren.

    Taktik ist ein militärischer, ein kriegerischer Begriff und bedeutet: "Kunst, ein Heer in Schlachtordnung zu stellen" (Wiipedia).

    Der Autor, ein Rechtsanwalt, hat recht, wenn er die Gerfichtsverhandlungen bei den Zensurkammern als Krieg gefiniert.

    Unrecht hat Dr. Ansgar Koreng allerdings, wenn er meint, Kriege sind im Äußerungsrecht, was die Meinungsgfreiheit bertifft, unvermeidbar. Damit befindet er sich noch im Mittelalter, leider im Einklang mit der Mehrheit der Eliten und der Unztergebenen.

  • 27.11.2016 17:24, Anton

    Schon etwas witzig, dass hier nur um Gegenstrategie gegen Presseöffentlichkeit geht und nicht um den Inhalt dessen, was veröffentlicht wird. Aber klar - bei der Offenlegung ihrer Rechtsverstöße sind die Unternehmen hier im Land ja absolut vorbildlich.