Druckversion
Freitag, 7.08.2026, 23:29 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/ungarn-maja-t-budapest-komplex-weitere-termine
Fenster schließen
Artikel drucken
58341

Ungarn: Noch kein Urteil im Budapest-Komplex: Pro­zess gegen Maja T. wird im Januar fort­ge­setzt

von Tanja Podolski

08.10.2025

Maja T. in Budapest vor dem Gerichtstermin

Maja T. im Gericht in Budapest. Sie selbst bezeichnet sich als antifaschistisch. Foto: Daniel Alfoldi/dpa-picture alliance/zuma wire

Das Verfahren gegen Maja T. in Ungarn geht weiter. Das Gericht in Budapest hat für die Zeit ab Januar weitere vier Verhandlungstage angesetzt. Zunächst hatte jetzt ein Urteil ergehen sollen.

Anzeige

Das Gericht in Budapest hat weitere vier Verhandlungstage gegen die mutmaßlich linksextremistische Person Maja T. terminiert: Am 14., 16., 19. und 22. Januar 2026 soll der Prozess fortgesetzt werden. Bis dahin verbleibt die deutsche, non-binäre Person in Budapest in Untersuchungshaft (U-Haft). Die Anträge auf Aussetzung der U-Haft und Anordnung von Hausarrest hat der Richter an diesem Mittwoch erneut abgelehnt. T. war Mitte 2024 rechtswidrig nach Ungarn ausgeliefert worden und befindet sich seitdem in U-Haft. 

Die ungarische Justiz wirft T. vor, im Februar 2023 in Budapest an Gewalttaten gegen tatsächliche oder mutmaßliche Rechtsextremisten beteiligt und für schwere Körperverletzungen mitverantwortlich gewesen zu sein. Das ungarische Strafrecht sieht für diese Vorwürfe bis zu 24 Jahre Freiheitsstrafe vor. 

Der Prozess in Budapest läuft seit Februar 2025, seitdem gab es elf Termine. In den nächsten drei Monaten wird das Verfahren nicht fortgeführt. "Zwar gibt es auch in Ungarn Fristen", sagt T.s deutscher Anwalt Sven Richwin im Gespräch mit LTO. "Zwischen den einzelnen Terminen lässt sich die Justiz aber durchaus Zeit, einen Beschleunigungsgrundsatz gibt es hier nicht". T. hat zusätzlich einen ungarischen Anwalt, doch auch Richwin reist immer wieder zu Terminen nach Budapest. 

Sollte das Urteil gegen T. wie geplant am 22. Januar fallen, hätte das Gerichtsverfahren also 15 Verhandlungstage umfasst – der Prozess würde dann elf Monate dauern. Demgegenüber dauerte der Prozess in München gegen Hanna S., der ebenfalls eine Beteiligung an den Taten vorgeworfen wird, 33 Verhandlungstage, bis das Gericht zu einem Urteil kam – das Urteil erging aber schon Ende September.

Beobachter vs. mutmaßlich Geschädigtem

An diesem Mittwoch seien zwei Zeugen gleichzeitig im Gerichtssaal befragt worden, erklärt Richwin. Die beiden Zeugen seien ins Zwiegespräch miteinander gegangen, hätten im Saal über die Tatsachen diskutiert – ein Vorgang, der nach deutschem Recht so nicht möglich wäre – in Deutschland müssen Zeugen einzeln vernommen werden.

Ein Zeuge soll ein bloßer Beobachter der Tätlichkeiten sein, der andere ein in Ungarn bekannter Rechtsextremist und einer der mutmaßlich Geschädigten. Bei den Widersprüchen ging es um seine Erkennbarkeit als Rechtsextremist – er hatte behauptet, keine auffälligen Zeichen getragen zu haben, weshalb er den mutmaßlichen Angriff T.s für noch unbegründeter hält. 

Der Zeuge jedoch berichtete von SS-Zeichen, die der Rechtsextremist getragen haben soll. Dass diese sich in Form des SS-Totenkopfes groß auf der Mütze des mutmaßlich Geschädigten befanden, zeigten daraufhin gezeigte Aufnahmen im Gericht, zeigen auch die Videoaufnahmen. Dass T. überhaupt bei einer Tätlichkeit zugegen war, konnte der Zeuge nicht bestätigen, eine Videoaufnahme von dem Angriff selbst gibt es laut Richwin nicht.

Zusammenspiel von Videoaufnahmen soll T.s Schuld beweisen

Es gebe verschiedene Videoaufzeichnungen, die in der Gesamtheit einen Geschehensablauf abbilden und einen Ablauf beweisen sollen. So gebe es Videoaufzeichnungen von einer Person, die eine Straße langläuft – für die ungarische Justiz war dies das Auskundschaften der Lage. Dann gebe es Aufnahmen von Personen, die telefonieren – ­für die Ungarn der Moment, wo sich Antifaschist:innen über das weitere Vorgehen absprechen. Oft nehme der Richter die passende Interpretation bereits in der Einleitung des Videos vorweg, erzählt Richwin. Die Indizien zusammen sollen dann den Beweis erbringen, dass T. an den Attacken beteiligt war.

Ähnlich lief es auch bei der Verurteilung von Hanna S. in München. Die Antifaschistin wurde kürzlich vom dortigen Oberlandesgericht (OLG) zu fünf Jahren Freiheitsstrafe wegen Taten im sogenannten Budapest-Komplex verurteilt. Bei einem der Angriffe war S. nicht zu sehen – doch es gibt Aufnahmen von vorher und hinterher, in der Gesamtschau sei ihre Tatbeteiligung damit bewiesen, so das Gericht. Das Urteil gegen S. ist nicht rechtskräftig. 

"Skandal für die deutsche und ungarische Justiz"

An diesem Mittwoch war auch der linke EU-Abgeordnete Martin Schirdewan in Budapest. Zum dritten Mal hat er den Prozess als parlamentarischer Beobachter begleitet, zweimal hat er T. im Gefängnis besucht. Deutschen Standards entspreche das Verfahren dort nicht, sagt er gegenüber LTO. "Maja stehen durch die Vertagung des Urteils mindestens vier weitere Monate Isolationshaft unter widrigsten Bedingungen bevor. Es ist unfassbar, dass der Antrag auf Hausarrest erneut abgelehnt wurde. Majas Verfahren ist ein Skandal für die deutsche und ungarische Justiz."

Am Dienstag hatte das Europäische Parlament entschieden, die Immunität der Italienerin Ilaria Salis und zwei weiterer Oppositioneller ­aufrechtzuerhalten. Auch gegen sie hatten die ungarischen Behörden ermittelt, eine Zeit lang war auch sie in Ungarn inhaftiert. Mit ihrer Wahl ins Parlament erhielt sie indes Immunität.

An diesem Mittwoch hat auch das OLG Dresden die Prozesseröffnung gegen weitere mutmaßliche Linksextremist:innen bekannt gegeben (Beschl. v. 26.09.2025, Az. 4 St 2/25): Die Hauptverhandlung wird am 4. November vor dem Staatsschutzsenat beginnen, es sind bisher rund 70 Verhandlungstage angesetzt. Auch in dem Verfahren geht es um mutmaßliche Taten im Budapest-Komplex. Bei diesen Angeklagten handelt es sich um Henry A., Tobias E., Johann G., Thomas J., Melissa K., Paul M. und Julian W. 

Bisher nicht eröffnet ist ein Verfahren vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Düsseldorf, dort hatte die Bundesanwaltschaft am 25. Juni Anklage zum gegen sechs mutmaßliche Linksextremist:innen erhoben (Az. III-7 St 1/25). Die Anklage betrifft sechs von sieben Personen, die sich Anfang des Jahres 2025 freiwillig den Strafverfolgungsbehörden gestellt hatten.

Anzeige
  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Ungarn: Noch kein Urteil im Budapest-Komplex: . In: Legal Tribune Online, 08.10.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58341 (abgerufen am: 07.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Extremismus
    • Rechtsextremismus
    • Ungarn
Außenaufnahme des Verwaltungsgericht Karlsruhe 07.08.2026
Beamte

Wegen Nähe zur Muslimbruderschaft:

VG Karls­ruhe lehnt Ver­beam­tung ab

Eine Mitarbeiterin der Karlsruher Ausländerbehörde wird nach einem Urteil des VG Karlsruhe nicht verbeamtet – wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue. Der Verfassungsschutz sah bei ihr eine ideologische Nähe zur Muslimbruderschaft.

Artikel lesen
Ein Hinweisschild mit Bundesadler und dem Schriftzug Bundesgerichtshof, aufgenommen vor dem Bundesgerichtshof. 07.08.2026
Extremismus

BGH bestätigt Beugehaft:

Lina E. hat kein Aus­kunfts­ver­wei­ge­rungs­recht

Lina E. hatte gerade erst das Gefängnis verlassen, da verweigert sie vor Gericht die Aussage zu Angriffen der Antifa-Ost-Gruppe. Die dafür angeordnete Beugehaft hält einer Prüfung aus Karlsruhe stand.

Artikel lesen
Der Angeklagte Farhad N. (3.v.l.) steht zu Prozessbeginn mit seinen Anwälten Ömer Sahinci (l) und Johann Bund (2.v.l.) im Prozesssaal. 06.08.2026
Extremismus

OLG München:

Lebens­lange Haft nach Auto-Anschlag auf Verdi-Demo

Farhad N., der 2025 mit seinem Auto in eine Demonstration in München raste und zwei Menschen tötete, muss lebenslang ins Gefängnis. Das Gericht sieht ein islamistisches Motiv und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Artikel lesen
Die Angeklagten stehen im Sitzungssaal im Strafjustizgebäude in Hamburg 05.08.2026
Rechtsextremismus

Hanseatisches Oberlandesgericht:

Haft­strafen im Pro­zess gegen "Letzte Ver­tei­di­gungs­welle"

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechten Terrorgruppe "Letzte Verteidigungswelle" vor Gericht. Weil sie so jung sind, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nun hat das Hanseatische OLG Haftstrafen verhängt.

Artikel lesen
Ein Polizist steht am Eingang zur Kleingartenkolonie Burgwallschanze in Berlin-Spandau 05.08.2026
Polizei

Tödlicher Polizeieinsatz nach dem Berliner CSD-Anschlag:

Warum musste Abdul Bal­lout sterben?

Die Erschießung von Abdul Ballout erschwert die Ermittlungen zum CSD-Anschlag. Die vier abgegebenen Schüsse werfen Fragen auf, doch Polizei und Staatsanwaltschaft verweigern LTO Antworten. Was sagt ein Polizeiexperte zu derartigen Einsätzen?

Artikel lesen
Trauerstelle nach dem mutmaßlichen Anschlag auf den CSD 2026 in berlin 27.07.2026
Extremismus

AG sah "aufholbare Reife- und Entwicklungsrückstände":

Kein Jugend­straf­recht mehr für Gefährder?

Politiker fragen sich nach dem Attentat auf den Berliner CSD: Wie konnte Abdul Ballout nicht nur einer Haftstrafe entgehen, sondern auch "nur" nach Jugendstrafrecht verurteilt werden? Müssen wir die Gesetze ändern? Strafrechtler sagen Nein.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Kölner Anwaltverein e.V.
Ge­schäfts­füh­re­rin / Ge­schäfts­füh­rer (m/w/d)

Kölner Anwaltverein e.V., Köln

Logo von CMS
Rechts­an­walt (m/w/d) Pri­va­te Cli­ents

CMS, Stutt­gart

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) Health­ca­re/Öf­f­ent­li­ches Recht

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von Stadt Troisdorf
Amts­lei­tung im Bür­ger­meis­ter- und Rats­büro, Pres­se­s­tel­le (Voll­ju­rist,...

Stadt Troisdorf, Trois­dorf

Logo von HESSENMETALL Verband der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen e. V.
Voll­ju­rist/Syn­di­kus­rechts­an­walt für Ar­beits­recht (m/w/d)

HESSENMETALL Verband der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen e. V., Frank­furt am Main

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Rechts­an­walt (w/m/d) Ge­werb­li­cher Rechts­schutz (IP)

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ber­lin

Logo von RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB
RECHTS­AN­WALT (M/W/D) ER­B­RECHT

RPE Roglmeier Pranzo PartGmbB, Stutt­gart

Logo von Wolters Kluwer
Le­gal Coun­sel - di­gi­ta­le Pro­duk­te (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von White & Case
Exklusives Kaiserseminar

26.08.2026, Frankfurt am Main

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
DAIvent: Aktuelles Arbeitsrecht an der Ostsee Kündigungsschutzrecht 2026

14.08.2026, Lübeck

Logo von CMS
Zwischen Regulierung und Rendite – Wie viel Regulierung verträgt der Woh­nungs­markt?

18.08.2026, Frankfurt am Main

Logo von White & Case
Women’s Retreat @White & Case LLP

20.08.2026, Frankfurt am Main

Logo von Latham & Watkins LLP
Days of Giving Back

10.09.2026, Frankfurt am Main

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH