Wer Kindheitstraumata hat, wird eher straffällig, belegen Studien. In den USA machen Ehrenamtliche sogenannte Trauma Talks mit den Häftlingen. Warum wir das auch in Deutschland brauchen, erzählt Psychologin Nina Zolezzi.
LTO: Frau Zolezzi, in einem Ihrer LinkedIn-Beiträge findet sich der Satz "Nur verletzte Menschen verletzen Menschen". Wie ist das zu verstehen?
Nina Zolezzi: Kein Mensch kommt böse auf die Welt, wir sind erst einmal alle gleich. Aber wir wachsen in den unterschiedlichsten Verhältnissen auf. Manche haben eine behütete Kindheit ohne Sorgen, andere leben in Armut oder werden schon als Kind im Stich gelassen, und zwar von den Eltern, anderen Familienangehörigen oder Lehrern – also von Menschen, die sie eigentlich schützen und steuern sollen.
Menschen, die später straffällig werden, wurden oft schon in ihrer Kindheit verletzt und konnten das noch nicht verarbeiten. Nicht alle verletzten Menschen begehen Straftaten. Aber es gibt immer einen Grund, dass einige dermaßen abdriften, dass sie bereit sind, andere Menschen zu verletzen.
Als Psychologin und Therapeutin beschäftigen Sie sich mit dem Thema "Trauma im Strafvollzug". Wie kam das?
Das Thema hat mich gefunden. Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie war ich im Urlaub in Irland und habe das ehemalige Gefängnis Kilmainham Gaol besichtigt, das heute ein Museum ist. Einer der Räume soll verdeutlichen, wie unterschiedlich man mit Strafen umgehen kann und wie verschieden Gefängnisse sein können. Norwegen zum Beispiel ist dafür bekannt, mehr auf Resozialisierung zu setzen, die Gefängnisse sind modern und keine Orte des Schreckens wie etwa Kilmainham Gaol.
Ich bin in Südafrika aufgewachsen und habe dort Politik, Soziologie und Psychologie studiert und eine Ausbildung zur systemischen Traumatherapeutin gemacht. Ich wollte immer Kindertherapeutin werden. Als ich dann aber im Job war, habe ich nach kurzer Zeit gemerkt, dass es nicht das Richtige für mich ist, weil ich alle Kinder am liebsten sofort adoptieren wollte.

Als ich in dem Gefängnis in Dublin stand, musste ich daran denken, dass viele der Kinder, die damals bei mir in der Praxis waren, statistisch betrachtet straffällig geworden sind. Da beschloss ich, etwas bewirken zu wollen. Ich habe viel gelesen und bin auf den Kurzfilm "Step inside the Circle" von Fritzi Horstman gestoßen, der sich mit den Auswirkungen von Kindheitstraumata auf die Straffälligkeit von Menschen beschäftigt.
"Nur traumatisierte Menschen begehen Straftaten"
Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Traumata und der Straffälligkeit von Menschen?
Aus meiner Sicht begehen nur traumatisierte Menschen Straftaten. Wir stellen den Gefangenen, mit denen wir arbeiten, zu Beginn zehn Fragen, die auf der Adverse Childhood Experiences Study basieren. Diese Studie untersucht den Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und lebenslangen gesundheitlichen Folgen wie Adipositas. Die Fragen betreffen Erfahrungen mit körperlicher, aber auch emotionaler Misshandlung, sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt, Suchtmittelmissbrauch im Haushalt, psychischen Erkrankungen im Haushalt, Trennung der Eltern und inhaftierten Haushaltsmitgliedern. Die Ergebnisse der Studie waren eindeutig: Mehr als die Hälfte aller Teilnehmer berichtete von mindestens einer belastenden Kindheitserfahrung, und je mehr Traumatisierungen die Betroffenen in ihrer Kindheit erlebt haben, desto größer ist der negative Einfluss auf die Gesundheit.
Auch bei den Inhaftierten können wir einen eindeutigen Zusammenhang feststellen. Je mehr Fragen man mit "Ja" beantwortet, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, einmal im Gefängnis zu landen. 98 Prozent der Gefängnisbevölkerung in den USA hat mindestens einmal mit "Ja" geantwortet, 52 Prozent mindestens viermal. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung der USA antworteten 64 Prozent mindestens einmal mit "Ja" und nur 11 Prozent mindestens viermal. Das ist also kein Zufall, sondern eine systematische Schieflage.
Kann der Strafvollzug zusätzliche Traumata auslösen?
Ja, das passiert zwangsläufig. Die Menschen kommen ins Gefängnis und wissen nicht, dass sie traumatisiert sind. Sie verstehen nicht, dass das Kribbeln in den Fäusten bedeutet, dass sie gleich wütend werden. Sie sind immer in Alarmbereitschaft und verlieren dann schnell die Kontrolle, wenn sie in irgendeiner Form getriggert werden. Und da sie auch nicht wissen, wie sie sich regulieren können, wird es immer schlimmer. Auch die Justizvollzugsbeamten sind nicht traumainformiert und können deshalb ungewollt weitere Traumata verursachen. Und nicht nur Gewalt traumatisiert. Auch Kontrollen ohne Erklärung, Demütigung, Isolation und ein aggressiver Ton können bei traumatisierten Gefangenen alte Ohnmacht und Angst reaktivieren. Damit setzt sich die Spirale weiter fort.
"Ein Trauma ist ein Steckenbleiben in der Vergangenheit"
Wie geht man mit Traumata um?
Zuerst verstehen, was ein Trauma ist. Viele denken direkt an ein gravierendes Ereignis mit schlimmen Folgen, zum Beispiel, wenn man vergewaltigt wird oder in den Krieg gehen muss. Aber man muss nicht solche Erfahrungen machen, um traumatisiert zu sein. Ich würde es als ein "Steckenbleiben in der Vergangenheit" erklären, dass man gedanklich immer wieder zu einem Punkt zurückkommt, ganz egal, was gerade passiert im Leben.
Um das zu überwinden, braucht man keine jahrelange Gesprächstherapie, sondern erst einmal das Verständnis, dass man gerade getriggert wird und nicht mit all seinen Ressourcen und Fähigkeiten reagieren kann. Dieser Zustand der Alarmbereitschaft wird durch die Sinne hervorgerufen, auch durch scheinbar kleine Dinge wie einen bestimmten Geruch. Man muss lernen, aus diesem Zustand wieder herauszukommen, das ist emotionale Selbstregulation. Wenn die Menschen lernen, mit ihren Emotionen umzugehen, sind die Gefängnisse leer. Diese Deeskalation funktioniert tatsächlich auch über die Sinne – zum Beispiel durch einen angenehmen Geruch wie Lavendel.
"Die Inhaftierten denken, Yoga sei Dehnen für Frauen und gehen nicht hin"
Also muss es in den Justizvollzugsanstalten immer nach Lavendel duften, damit es keine Gewalt mehr gibt?
Das allein reicht natürlich nicht. Auch die Mitarbeitenden brauchen erst einmal das Wissen. Vor etwa zehn Jahren hat der Leiter des "Colorado Department of Corrections", also der Behörde, die dort unter anderem für die Verwaltung des Gefängnissystems zuständig ist, Traumaschulungen mit den Gefangenen und den Mitarbeitenden gemacht. Aber genauso wie in Deutschland gibt es auch dort wenig Geld und wenige Ressourcen.
Nachdem 2017 in Colorado die Einzelhaft abgeschafft wurde, standen in vielen Gefängnissen ganze Trakte leer. Die Mitarbeitenden eines Gefängnisses haben Spenden in der Bevölkerung gesammelt und sich dafür eingesetzt, dass der Trakt in einen Deeskalationstrakt umgebaut wurde – mit Naturmustertapeten, Teppichen und Decken. Immer, wenn einer der Inhaftierten merkt, dass er "getriggert" wird, kann er in den Trakt gehen und sich dort einschließen lassen, bis er wieder "online" ist. Auch in den anderen 20 Gefängnissen in Colorado gibt es jetzt Deeskalationstrakte. Seitdem ist die Gewalt dort um 40 Prozent zurückgegangen.
Yoga beispielsweise ist auch ein sehr gutes Werkzeug, um sich selbst zu regulieren und damit auch sein Gewaltpotenzial zu kontrollieren. Auch deutsche Gefängnisse bieten Yoga an, diese Zusammenhänge aber werden nicht erläutert. Die Inhaftierten denken dann, Yoga sei Dehnen für Frauen, und gehen nicht hin.
Sie engagieren sich beim "Compassion Prison Project" (CPP), das sich für traumainformierte Gefängnisse einsetzt. Was tun Sie genau?
Die Regisseurin Fritzi Horstman hat CPP im Jahr 2019 gegründet. CPP setzt sich für die Aufklärung von Gefängnismitarbeitenden und Gefangenen über Traumata ein. Bei CPP arbeiten vier Vollzeitbeschäftigte und 1.000 Ehrenamtliche, so wie ich. Wir haben Schulungsmaterial wie Filme und Arbeitsbücher entwickelt, mit denen die Gefangenen selbst lernen und an sich arbeiten können. Außerdem gehen wir in die US-Gefängnisse und halten Workshops. Unsere Arbeit besteht vor allem darin, eine Gemeinschaft zu bauen, einen Raum zu schaffen, in dem die Menschen wieder in eine gesunde Beziehung mit sich selbst und anderen kommen können. Viele Inhaftierte haben in ihrem Leben negative Erfahrungen mit Beziehungen gemacht; ein Trauma ist oft ein tiefer Beziehungsbruch. Für die Heilung braucht man deshalb wieder Beziehungen – durch Vertrauen, Austausch und gemeinsames Lernen in der Gruppe.
"Wir arbeiten mit Musik, Gesang und einfachen Bewegungen"
Dazu führen Sie und die anderen zum Beispiel "Trauma Talks". Was ist das?
"Talk" ist vielleicht sogar etwas irreführend. Wir kommen mit den Gefangenen zusammen und tauschen uns aus und bauen erstmal Vertrauen in der Gruppe auf. Wir machen auch Atemübungen. Jede Art von Atmen, bei der man länger ausatmet als einatmet, beruhigt das Nervensystem. Das muss man aber üben. Wenn es passt, arbeiten wir auch mit Musik, Gesang und einfachen Bewegungen. Gerade rhythmische und körperbasierte Übungen können Menschen dabei unterstützen, wieder in gesünderen Kontakt mit sich selbst und mit anderen zu kommen. Und nichts beruhigt das Nervensystem so sehr, wie gemeinsam zu tanzen.
Gibt es konkrete Zahlen, ob sich die Traumatherapie auf die Resozialisierung und die Rückfallquote auswirkt?
In den USA werden wenige Zahlen erhoben. Schottland zum Beispiel setzt auch viel auf traumainformierte Gefängnisse und hat die Gefangenen entsprechend befragt. Sie gaben an, dass sie seit Beginn der Arbeit besser schlafen können, sich ruhiger verhalten und auch wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn sie wütend werden. Auch Norwegen hat eine traumaaufgeklärte Gesellschaft, deshalb arbeiten auch in den Gefängnissen viele Menschen, die dieses Wissen weitergeben. Die Rückfallquote dort liegt bei lediglich 18 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland werden etwa 34 Prozent der entlassenen Strafgefangenen innerhalb von drei Jahren wieder straffällig.
"In Deutschland müsste mehr Wert auf Resozialisierung gelegt werden"
Bislang gibt es in deutschen Gefängnissen noch keine "Trauma Talks". Woran liegt das?
Zum einen an den fehlenden Ressourcen, die Gefängnisse sind ja leider unterbesetzt. Es braucht genügend Personal, damit genügend JVA-Mitarbeitende die "Trauma Talks" begleiten können. Zum anderen braucht es aber auch den Mut, einfach mal etwas Neues auszuprobieren. Bislang hatte noch kein Gefängnisleiter in Deutschland diesen Mut. Die Vorstellung, dass Ehrenamtliche in die Gefängnisse kommen und mit den Inhaftierten lebendige Gruppenarbeit machen, ist schon ungewöhnlich. Aber an den Erfahrungen aus den USA sieht man, dass es sich lohnt.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht in Deutschland ändern?
Es müsste mehr Wert auf die Resozialisierung gelegt werden, die ja auch ein Zweck der Strafe ist. Den Inhaftierten muss das Werkzeug an die Hand gegeben werden, damit sie als bessere Menschen aus dem Gefängnis entlassen werden. Natürlich ist das nicht die einzige Lösung, aber traumabewusste Gefängnisse spielen dabei eine wichtige Rolle. Dann kämen die Menschen regulierter aus dem Gefängnis und wir hätten sichere Familien, Städte und Gesellschaften.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!
Nina Zolezzi studierte Politik, Soziologie und Psychologie und machte eine Ausbildung zur systemischen Traumatherapeutin. Sie ist Gründerin und war fast 30 Jahre lang Geschäftsführerin der Kommunikationsberatung "EnglishBusiness GmbH". Seit sechs Jahren arbeitet sie ehrenamtlich beim Compassion Prison Project.
Psychologin fordert traumainformierte Gefängnisse: . In: Legal Tribune Online, 25.03.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59534 (abgerufen am: 19.04.2026 )
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