Tag 36 im Block-Prozess:"Wir wollten in der Lage sein, alles zu hören, was rein- und rausging"
von Johannes Frese
06.02.2026
“Der ungeduldige Versuch, die noch offenen Stücke eines Puzzles anzulegen”. Nebenkläger-Anwalt Philip von der Meden (l) und sein Mandant Stephan Hensel, Ex-Mann von Christina Block. picture alliance/dpa/Pool dpa | Marcus Brandt
Das Leben der Anderen: David Barkay gibt Einblicke in die Überwachung der Familie Hensel, seine eigene Rolle entfacht eine Diskussion. Im Prozess um die Kindesentführung gegen Christina Block und Co. klaffen immer noch Lücken im Puzzle.
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Zum siebten Mal erscheint der ehemalige israelische Geheimdienstler David Barkay an diesem Verhandlungstag vor dem Landgericht. Philip von der Meden, Anwalt von Christina Blocks Ex-Mann Stephan Hensel, übernimmt die Befragung. Seine Fragen wirken an vielen Stellen wie der ungeduldige Versuch, die noch offenen Stücke eines Puzzles anzulegen. In teils schnellem Wechsel probiert er mal dieses und mal jenes Teil, konfrontiert David Barkay mit Fotos, Namen und Inhalten aus seinem Notizbuch.
Zwei Fragen ziehen sich durch den Verhandlungstag: Auf welchen Annahmen beruhte der von Barkay bereits in einer früheren Befragung geäußerte Eindruck, Stephan Hensel sei womöglich eine Gefahr für seine Kinder? Und wer außer Christina Block könnte noch hinter dem Auftrag zur Überwachung und Entführung der Kinder stecken?
Das erste Puzzlestück, das der Nebenklagevertreter Barkay vorlegt, ist das Porträtfoto eines Mannes mit schwarzem Vollbart. Ob er diesen Mann kenne, will von der Meden wissen. Barkay nickt. Es handele sich um einen IT-Experten, der zwei elektronische Geräte zur Spionage für ihn entwickelt habe. Mitglieder seines Teams hätten die Geräte für jeweils 24 bis 48 Stunden auf der Straße vor dem Haus der Familie Hensel platziert. Ziel sei es gewesen, sämtlichen Datenverkehr der Bewohner des Hauses zu erfassen – Internetnutzung ebenso wie Telefongespräche. "Wir wollten alles hören, was rein- und rausging", sagt der ehemalige Mossad-Agent.
Die Geräte hätten die verschlüsselten elektronischen Signale, die das Haus verließen, aufgefangen. Sein Team habe dann versucht, sie zu entschlüsseln. Es sei ihnen gelungen, Teile von Passwörtern zu dekodieren, doch nicht genug, um an die Inhalte zu gelangen. Wo sich diese verschlüsselten Daten heute befänden, will von der Meden wissen. Sie seien alle zerstört, sagt Barkay, das entspreche dem regulären Vorgehen mit Kundendaten.
Hensel sollte in Kinderpornographie-Verdacht geraten
Hensels Anwalt widmet sich nun schwerwiegenden Vorwürfen gegen seinen Mandanten. Von Stephan Hensel gehe eine Gefahr aus, habe Barkay in einem Gespräch mit Christina Block gesagt. Worauf habe er diese Annahme gestützt? Barkay sagt, dass Hensel ihm sowohl von Christina Block als auch von Mitarbeitern des Grand Elysée-Hotels als aufbrausend und gewalttätig beschrieben worden sei. Die nächste Frage stellt von der Meden in fast beiläufigem Tonfall: David Barkay habe seinen Mandanten ja über einen beträchtlichen Zeitraum überwachen lassen – ob es in dieser Zeit irgendwelche Anhaltspunkte gegeben habe, dass er für seine Kinder nicht gut sein könnte? Barkay verneint. Er habe nie beobachtet, wie Hensel irgendjemandem gegenüber gewalttätig gewesen sei.
"Waren Mitglieder der Familie Block oder andere hier Anwesende über die Überwachungsmaßnahmen informiert?" Natürlich habe er Christina Block und Familienanwalt Andreas Costard den Plan und die Ergebnisse der Überwachung präsentiert, antwortet Barkay. Ob es sein könnte, dass die Familie Block parallel noch weitere Unternehmen mit der Überwachung des Hauses von Stephan Hensel beauftragt habe? Das sei möglich, antwortet Barkay.
Anordnung von "sehr weit oben"
Der israelische Sicherheitsunternehmer Alon K. habe ihn in einem Telefonat gebeten, den Auftrag abzubrechen: dies sei eine Anordnung von "sehr weit oben". Alon K. hatte den Kontakt zwischen der Familie Block und David Barkay hergestellt. Auf seine Nachfrage, so Barkay, hätten Christina Block und Familienanwalt Costard ihm jedoch gesagt, dass es keine solche Anordnung gegeben habe. Das habe ihn vermuten lassen, dass ein anderes Familienmitglied entschieden haben könnte, ein neues Team aufzustellen. Damit scheint er auf Christina Blocks Vater Eugen Block anzuspielen.
Doch ob und wer die Fäden im Hintergrund zog, ist ähnlich unklar wie die Rollen der ehemaligen und aktiven Angehörigen des israelischen Geheimdienstes, die im Netzwerk der Familie Block auftauchen.
In einem Versuch, Licht in dieses Dunkel zu bringen, fragt von der Meden David Barkay deshalb direkt nach seinen Kontakten zum israelischen Geheimdienst. An diesem Punkt schaltet die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt sich erstmals ein. Der Zeuge habe bereits in seiner ersten Befragung angegeben, dass er sich mit Aussagen über aktive Mitglieder des israelischen Geheimdienstes strafbar mache. Zunächst insistiert der Anwalt. Derartige Bedenken spielten in einem deutschen Rechtsprozess keine Rolle.
“Sie sehen Gespenster”
Dann stellt er eine Frage, die sich angesichts der erneuten massiven Sicherheitsmaßnahmen nicht wenige im Saal gestellt haben dürften: Was es mit den maskierten LKA-Beamten auf sich habe, die David Barkay bei jedem Erscheinen im Zeugenstand begleiten? Sein Mandant Stephan Hensel frage sich, "ob hier sehr gefährliche Leute unterwegs" seien.
Die Vorsitzende Richterin weist die Frage ab: “Sie sehen Gespenster, das hat mit der Sache hier nichts zu tun.” Vergleichsweise kurz, nämlich nur rund zwei Stunden dauert die Befragung an diesem Prozesstag – dennoch wirkt David Barkay am Ende müder als an den bisherigen Terminen. Als die Vorsitzende Richterin den Verhandlungstag beendet, klaffen immer noch einige Lücken im Puzzle: Gab es ein weiteres Team, das für die Überwachung von Stephan Hensels Haus engagiert wurde? Handelten verschiedene Mitglieder der Familie Block unabhängig voneinander? Und welche Rolle spielte Eugen Block womöglich bei der Entführung der Kinder?
Die Prozessbeteiligten erwarten nun eine längere Pause. Die Hauptverhandlung soll am 2. März fortgesetzt werden. Ob die Puzzlestücke dann gefunden werden?
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