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Tag 35 im Block-Prozess: "Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe"

von Johannes Frese

03.02.2026

Das Bild zeigt eine Gerichtsszene, in der Justiz und Prozessverlauf dokumentiert werden. Spannung und Aufmerksamkeit sind spürbar.

Wie die "Rettung der Kinder" zum Fiasko geriet - der Kronzeuge sagt am 35. Prozesstag weiter aus / Foto: picture alliance/dpa/Pool dpa | Marcus Brandt

Ein militärisch präziser Plan, der gründlich schiefgeht: im Block-Prozess schildert Kronzeuge David Barkay, wie die "Rettung der Kinder" zum Fiasko geriet.

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Erneut erscheint David Barkay, mutmaßlicher Kopf hinter der Entführung der Block-Kinder und Kronzeuge im Prozess, im Zeugenstand. Wie an den bisherigen Prozesstagen sitzt er in schwarzem Hemd und Anzug neben seiner Dolmetscherin. Die Vorsitzende Richterin konfrontiert ihn ein weiteres Mal mit Lichtbildaufnahmen. In den folgenden Stunden entfaltet sich eine visuelle Chronologie der Ereignisse rund um die Silvesternacht 2023/24.

Als erstes wird das Wohnmobil gezeigt, mit dem die Entführer die Block-Kinder vom dänischen Wohnort ihres Vaters Stephan Hensel nach Deutschland brachten: cremefarbener 80er-Jahre-Look mit braunen Zierstreifen. Dann die Innenansicht: Sitze mit beige-grünlich gemusterten Stoffbezügen, darüber holzvertäfelte Hängeschränke. Ganz hinten eine Schlafnische mit Vorhang im selben Farbton. Man denkt an ein Rentnerpaar, das im Ruhestand die Welt bereist, nicht an maskierte Entführer, die in tiefster Nacht mit zwei zu Tode verängstigten Kindern an Bord durch die Republik brettern.

In einer früheren Befragung hatte Barkay bereits Details der Entführungsnacht geschildert. Bei der Befragung hielt ihm die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt Inhalte aus seinem Notizbuch vor. Barkay hatte es vor seiner Rückkehr nach Israel auf dem Bauernhof in Süddeutschland zurückgelassen, wo Christina Block ihre Kinder wiedertraf.

Powerpoint im Gerichtssaal: "Golden Ice. Umfassender Überwachungs- und Rettungsplan."

An diesem Prozesstag werden Bilder des Hofes und aus dem Wohnhaus des Landwirtes an die Wand des Gerichtssaals projiziert. Überbelichtet und menschenleer haben die Aufnahmen der Wohnräume etwas Gespenstisches. Barkay sagt, er erkenne alles wieder: Das Wohnzimmer, in dem Christina Block sich bei den Entführern für die Rückholung ihrer Kinder bedankt habe. Das Zimmer, in dem Block und ihre Kinder sich einander wieder angenähert hätten. Und die Katze auf dem Arm eines Kriminalbeamten ¬– die Tochter des Landwirtes habe sie den Block-Kindern nach ihrer Ankunft gebracht, um sie abzulenken, sagt Barkay.

Anschließend hält die Vorsitzende Richterin ihm eine Powerpoint-Präsentation vor. Sie trägt den Titel: "Golden Ice. Umfassender Überwachungs- und Rettungsplan."
Der Titel schwebt vor dem Hintergrund eines weißen Himmels über den Wipfeln eines dunklen Waldes. Auf den Seiten der Präsentation entfaltet sich ein Netz aus Schaubildern und Timelines, die Sprache ist geheimdienstlich. Über dem Luftbild eines Wohngebietes etwa ist die Rede von "voller Überwachungshoheit". Ein gelbes Fadenkreuz liegt auf einem der Gebäude. Das markiere das Haus von Stephan Hensel in Dänemark, erklärt Barkay. Der Plan wirkt wie die Vorbereitung auf eine Militäroperation.

Kammer und Staatsanwaltschaft befragen Barkay anschließend ausführlicher über die Vorbereitung der Rückholung. Verschiedene Pläne seien diskutiert worden, sagt Barkay. Man habe sie nicht im Einzelnen mit Christina Block besprochen, aber möglicherweise Ergebnisse präsentiert. Ganz genau erinnere er sich nicht daran. Zuhause, in der Schule, auf der Straße – keiner dieser Pläne sei ohne hohes Risiko oder die Anwendung von Gewalt umsetzbar gewesen. Er habe Christina Block deshalb mehrfach gesagt, dass die Rückholung nicht durchführbar sei. Kurz vor Ende des Jahres 2023 habe sie ihm dann den Hinweis gegeben, dass ihr Ex-Mann Stephan Hensel mit den Kindern im Vorjahr draußen das Feuerwerk angeschaut habe. Dank dieser "goldenen Information", wie Barkay sagt, sei die Rückholung mit einem Mal realistisch geworden.

Daraufhin, erst kurz vor dem 31. Dezember, habe er den Landwirt in Süddeutschland gefragt, ob es möglich wäre, die Kinder anschließend auf den Hof zu bringen. Dabei sei er die ganze Zeit davon ausgegangen, "das Richtige zu tun". Davon habe der "Familienanwalt" der Blocks ihn überzeugt. Zur Bekräftigung schildert Barkay, dass er sich erst wenige Wochen zuvor in Hamburg angemeldet und ein Büro gemietet habe. Er habe gehofft, dass Christina Block ihm Kontakte zu anderen Hotels und weitere Aufträge für sein Cybersicherheits-Unternehmen verschaffen könne.

"Klar geworden, dass ich einen Anwalt brauche."

Ein Anruf, den Christina Block in Barkays Schilderung kurz nach der Ankunft der Kinder auf dem Bauernhof erhielt, habe alles auf einen Schlag verändert. Die dänische Polizei habe Ermittlungen eingeleitet. Von einem Moment auf den anderen sei er vom Retter der Block-Kinder zu ihrem Entführer geworden. Seine Pläne, ein geschäftliches Standbein in Deutschland aufzubauen: in Luft aufgelöst. Er selbst: womöglich von Verhaftung bedroht. Daraufhin sei er, wie auch die anderen israelischen Teammitglieder, umgehend nach Israel zurückgekehrt.

Doch im nächsten Moment erklärt er im Gerichtssaal, dass er noch bei der hastigen Abreise sicher gewesen sei, bald zurückkehren zu können; dass alles nur ein rechtliches Missverständnis sei, dass sich in Kürze klären werde. Deshalb habe er sein Notizbuch und seine Kleidung auf dem Bauernhof zurückgelassen.

Zurück in Israel sei diese Hoffnung langsam geschwunden. Zu Beginn des Prozesses gegen Christina Block sei er noch davon ausgegangen, selbst nicht betroffen zu sein. Doch als Christina Block in ihrer Aussage jede Verantwortung von sich gewiesen habe, sei ihm klar geworden, dass er einen Anwalt brauche.

Barkay ist für das Landgericht Hamburg auch ein Zeuge, dessen Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind, denn er ist in dem Fall auch Beschuldigter. 
Um ihn zu einer Aussage zu bewegen, hat die Hamburger Staatsanwaltschaft Barkay freies Geleit nach § 295 Strafprozessordnung zugesagt. Das heißt: Er hat während der Dauer seines Aufenthalts in Hamburg und Deutschland keine Haft zu befürchten.

Der 68-Jährige wirkt am Dienstag offener, aber auch resignierter als an den bisherigen Verhandlungstagen. "Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, und wenn Leute Fehler machen, muss ein Preis gezahlt werden."

Auch eine zweite Präsentation wird an diesem Prozesstag gezeigt. Barkay zufolge handelt es sich um eine für die Block-Gruppe entworfene Cybersicherheits-Strategie. Eine Folie zeigt das Bild eines Judokas, der einen anderen auf den Boden wirft. Dieses Bild symbolisiere seine Cybersicherheit-Philosophie: Nicht abwarten, sondern aktiv verteidigen. Es scheint an diesem Verhandlungstag so, als sei ihm diese Philosophie zum Verhängnis geworden. 
 

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Tag 35 im Block-Prozess: . In: Legal Tribune Online, 03.02.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59222 (abgerufen am: 07.03.2026 )

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