Kindesentführungsprozess gegen Christina Block: "Ich habe die sch­lech­teste Posi­tion, meine Kinder jemals wie­der­zu­sehen"

von Dr. Peyman Khaljani

19.08.2025

Routine im Saal, aber offene Fragen im Verfahren: Christina Block antwortet ausweichend, schildert Erinnerungslücken und wirft ihrem Ex-Mann Manipulation vor. Die Rolle der Cyberfirma bleibt ungeklärt. 

Am fünften Verhandlungstag im Kinderentführungsprozess gegen Christina Block und sechs weitere Angeklagte vor dem Landgericht Hamburg zeigt sich erstmals so etwas wie Routine. Die Termine liegen nun dichter beieinander, jede und jeder scheint seinen Platz gefunden zu haben. Dort, wo zuvor noch Menschen drängten, um einen Platz im überfüllten Zuschauerraum zu ergattern, bleibt heute eine fast nüchterne Ruhe zurück. Kein Gedränge, keine Unruhe auf den Fluren. 

Vor Beginn der Sitzung und in den Pausen offenbart sich, wie unterschiedlich die Angeklagten mit der Belastung umgehen. Manche wirken erstaunlich gelöst, suchen das Gespräch mit ihrem Rechtsbeistand, andere ziehen sich an die Fenster zurück, den Blick nach draußen gerichtet, still und nachdenklich. Christina Block selbst scheint zunehmend mit der medialen Aufmerksamkeit zu hadern. Ihr Blick sucht Halt, sobald die Pressefotografen auslösen – die Frage, wohin sie schauen soll, wie sie schauen soll, wirkt wie eine zusätzliche Last.  

Mit klarer Stimme führt die Vorsitzende Richterin den Ton des Tages. Als Blocks Verteidiger zu einem Antrag ansetzt, unterbindet sie ihn knapp – sie wolle ihre Befragung fortsetzen und sich nicht stören lassen. Die Balance zwischen Verteidigung und Aufklärung bleibt angespannt – das Gericht hält den Rahmen eng.  

Erinnerungslücken und diffuse Schilderungen 

Blocks Aussagen zum Jahreswechsel 2023/24 bleiben fragmentarisch. Nach einem geheimnisvollen Anruf von "Olga" fuhr sie mit der bei ihr lebenden Tochter unverzüglich nach Süddeutschland, um ihre Kinder dort in Empfang zu nehmen. In Süddeutschland soll Block zu einem Bauernhof geführt worden sein. Die Familie, bei der sie auf dem Bauernhof war, will sie vorher nicht gekannt haben. Erstmals habe sie Anschriften auf Briefumschlägen auf dem Schreibtisch des Zimmers gesehen, in dem sie sich an dem Tag viel aufgehalten habe – um sie "gegebenenfalls der Polizei mitzuteilen".  

Auf Fragen zur Hinfahrt, zum Aufenthalt auf dem Bauernhof sowie zur Rückreise nach Hamburg reagiert sie ausweichend, zeichnet ein diffuses Bild. Sie habe "einfach getan, was gesagt wurde". Fragen, die sich aufdrängen – warum sie nie selbst die Polizei einschaltete, warum sie nicht nachfragte, wer die beteiligten Personen waren und was in der Silvesternacht genau passiert ist, bleiben unbeantwortet. Die Vorsitzende drängt sie mehrfach zu konkreteren Angaben. Block: "Ich versuche und bemühe mich, ihre Fragen zu beantworten, auch wenn am Freitag der Eindruck entstanden sein könnte, dass ich das nicht tue." Block wirkt, als suche sie nach Worten, die zugleich erklären und rechtfertigen sollen.  

Cyberfirma und undurchsichtige Kontakte 

Im Zentrum steht weiterhin die ominöse Cyberfirma. Diese habe sich nach Blocks Einlassung mit der Cybersicherheit des Hotel Elysée befassen sollen. Die Mitarbeiter der Cyberfirma waren im Jahr 2023 nachweislich zeitweise im Hotel Elysée untergebracht. Block selbst soll sich bei der zuständigen Person am Empfang nach Verfügbarkeiten erkundigt und um Reservierungen gebeten haben. Ein ehemaliger Hotelmitarbeiter sagte in Bezug auf die Cyberfirma aus, dass "seltsame Personen, Freunde von Frau Block, kostenlos" eingebucht worden seien.   

Fragen nach Aliasnamen, Rechnungen und Auftraggebern weicht sie aus. Sie habe die Firma nicht eigenständig ausgewählt und sei "nicht operativ zuständig" gewesen. Allerdings räumt sie ein, der Auftrag sei ohne Rücksprache und Kenntnis des IT-Chefs des Hotel Elysée erteilt worden. Auf die Frage, ob sie ihm nicht traue, schwieg sie. Dass der Geschäftsführer der Cyberfirma am 31. Dezember 2023 per Funkzellenortung über seine deutsche Mobilfunknummer im Hotel Elysée identifiziert wurde, erklärt sie nicht. Block hat in der Silvesternacht dort gefeiert. Sie bestreitet aber, seine Präsenz bewusst wahrgenommen zu haben. 

Ein Vermittler der Cyberfirma soll allerdings erklärt haben, dass es sich bei dem Auftrag um "familienrechtliche Angelegenheiten" gehandelt habe - ein Hinweis auf den parallel eskalierenden Sorgerechtsstreit. 

Familie, Vertraute und Netzwerke 

Den mitangeklagten Familienanwalt bezeichnet Block als "Problemlöser". Mit ihrer ebenfalls angeklagten Cousine habe sie ein enges Verhältnis gepflegt, doch auch hier bleiben die Schilderungen des gemeinsamen Handelns unscharf.  

Auffällig ist auch die Rolle ihres Lebensgefährten Gerhard Delling, der nach ihren Aussagen über Jahre hinweg, wie eine Art Beobachter ihres Verhältnisses zu ihren Kindern gewirkt habe. Block sucht nach der Unterbrechung des Verhandlungstages gezielt seinen Beistand und umarmt ihn.  

Die Kinder – und die Leerstelle im Verfahren 

Berührend, aber zugleich irritierend wirkt Blocks Schilderung der Ereignisse nach der Rückkehr ihrer Kinder. Sie habe sie nicht eindringlich nach den Geschehnissen in der Silvesternacht befragt, habe abgewartet. Der Kinderpsychologe habe geraten: Ruhe und Zeit. Ihre Tochter habe zwar viel gesprochen. "Sie hat etwas von Wald, Wohnwagen und dem niedergeschlagenen Vater erzählt", sagt sie, fügt aber hinzu, dass sie es "nicht gehört" habe.  

Nach Angaben der Hamburger Staatsanwaltschaft sollen die Entführer die Fahrzeuge in der Nähe der Grenze gewechselt haben. Dabei sollen sie den Kindern mit Klebeband den Mund verschlossen haben. Die damals 13 Jahre alte Tochter sei an den Händen gefesselt worden. Mit einem Wohnmobil fuhr die Gruppe demnach weiter nach Baden-Württemberg. Von dort wurden sie am 2. Januar 2024 zusammen mit ihrer angereisten Mutter nach Hamburg gefahren.

Block erzählt davon nichts, es blieb bei Umschreibungen und Leerstellen. Die Richterin reagiert knapp: "Werden Sie doch mal konkreter." Doch Block bleibt abstrakt – und hinterlässt mehr Fragen als Antworten. 

Konflikt um die Nebenklage 

Im Saal wird auch die Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Kindesentziehung (§ 235 StGB) gegen Blocks Ex-Mann Stefan Hensel thematisiert. Die Staatsanwaltschaft hat hierzu Beschwerde gegen die Nichteröffnung des Verfahrens eingelegt; eine Entscheidung steht aus. 

Dann beginnt Philip von der Meden, der Anwalt ihres Ex-Mannes und Nebenklägers Stephan Hensel, mit seinen Fragen. Die Stimmung kippt. Zunächst kündigt Verteidiger Ingo Bott an, dass Block keine Fragen beantworten werde. Danach wendet er ein, es wäre zuvorkommend gewesen, die Fragen zuvor der Verteidigung und Frau Block selbst ausformuliert zukommen zu lassen.  Doch die Richterin pocht auf das Fragerecht: "Fragen dürfen gestellt werden, auch wenn Block schweigen wolle". Dem Nebenkläger steht das Fragerecht gemäß § 397 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit § 240 Abs. 2 StPO zu. Block selbst zeigt sich erschöpft: "Ich möchte mich für die Gelegenheit der Einlassung und Befragung bedanken. Es wird wohl das letzte Mal gewesen sein, dass ich Gelegenheit bekomme, zu meinen Kindern zu sprechen."  

Sodann entscheidet sie sich, doch auf die Fragen zu antworten. Ihre tiefe Verbitterung über den jahrelangen Sorgerechtsstreit und die Entziehung der Kinder durch ihren Ex-Mann im August 2021 wird deutlich. Laut und eindringlich erklärt sie: "Jede drogensüchtige, alkoholabhängige, obdachlose, kriminelle Frau, Mutter hat Umgang – nur ich, ich, ich, bekomme keinen Umgang."  

Ende 2021 hatte ihr Ex-Mann angeboten, ihr ein Umgangsrecht einzuräumen. Das sei in Wahrheit eine Falle gewesen: Sie sollte im Gegenzug auf ihren gerichtlich gewährten Herausgabeanspruch verzichten, während ihr Vater Eugen Block in Dänemark ein großes Haus kaufen sollte – zwar auf den Namen der Kinder, allerdings mit Wohnrecht für den Ex-Mann. Ein behördlicher Umgang in Dänemark sei damals nicht möglich gewesen, weil es sich weiterhin um ein deutsches Verfahren gehandelt habe.  

"Mein Ex-Mann manipuliert die Kinder" 

Auf den Vorwurf, sie habe nie ein Verfahren nach dem Haager Kindesentführungsabkommen gegen ihren Ex-Mann beantragt, entgegnet Block, sie habe sich rechtlich beraten lassen und stattdessen eine Rückholung beantragt. Nebenklagevertreter von der Meden klärt sie über die Folgen einer Falschaussage auf. Sie betont: "Mir ist klar, dass ich für meine Kinder die Wahrheit sage."  

Auf die Frage, ob sie mit ihrem Vater vor oder nach der Entführung darüber gesprochen habe, reagiert Block entschieden: "Natürlich erst nach der Entführung, vorher habe ich ja nichts davon gewusst. Ihr Vater habe ihr gegenüber geäußert, dass nur ihr Ex-Mann diese Entführung habe, beauftragen können. Ob sie das auch glaube? "Das Geschehen in der Silvesternacht war eine Vollkatastrophe. Sie ist nur nachteilhaft für meine Kinder und mich. Ich habe die schlechteste Position, meine Kinder jemals wiederzusehen."  

Als die Nebenklage sie fragt, weshalb sie so sicher sei, dass ihr Ex-Mann nicht wolle, dass sie ihre Kinder wiedersehe, ertönt lautes Lachen aus dem Zuschauerraum. Block erklärt direkt, ihr Ex-Mann habe die Kinder aus allen sozialen Beziehungen in Deutschland herausgezogen – von Familie, Freunden, Schule und in Dänemark isoliert. Er manipuliere sie, indem er "die Mutter dämonisiert", so Block.  

Block wirkt müde, erschöpft. Kurz darauf bittet sie um eine Unterbrechung der Verhandlung.  

Offene Fragen und eine angespannte Öffentlichkeit 

Auch nach diesem Prozesstag bleiben zentrale Fragen unbeantwortet: Warum suchte Block keinen Kontakt zur Polizei? Welche Rolle spielt die Cyberfirma wirklich? Warum stellte sie keine Fragen an jene, die an der Entführung ihrer Kinder beteiligt waren? Warum fragte sie ihre Kinder nicht nach ihren Erlebnissen?

Im Zuschauerraum wird in den Pausen leise diskutiert, wie die Entführung tatsächlich abgelaufen sein könnte. Zugleich stellt sich die Frage, wie über fast vierzig geplante Verhandlungstage hinweg die Unschuldsvermutung gewahrt werden kann – wenn bereits jetzt jeder Auftritt, jedes Schweigen, jede Erinnerungslücke die Deutung des Verfahrens prägt.  

Übersicht über die vergangenen Prozesstage:

Tag 1 – Prozessauftakt: Hat sie die Entführung ihrer Kinder in Auftrag gegeben? In Hamburg hat der Prozess gegen Steak-House-Erbin Christina und weitere Angeklagte begonnen. Die Verteidigung macht der Staatsanwaltschaft viele Vorwürfe. 

Tag 2 - Straf­pro­zess gegen Chris­tina Block vor­erst unter­bro­chen: Eigentlich war eine Einlassung der Block-House-Erbin angekündigt, doch der Prozess gegen Christina Block wurde unterbrochen. Grund ist ein Streit um die Nebenklage ihrer 14-jährigen Tochter. Die Verhandlung wird am 25. Juli fortgesetzt. 

Tag 3 - "Du hast mich fertig gemacht": "Ich habe die Entführung meiner Kinder weder beauftragt noch gewollt": Über mehrere Stunden ließ sich Christina Block vor der Strafkammer des LG Hamburg ausführlich im Entführungsprozess gegen sie ein und schilderte ihre Sicht der Dinge. 

Tag 4 - "Sie haben meiner Tochter einen Alarm­k­nopf um den Hals gehängt": Im "Block-Prozess" schildert Christina Block ihre verzweifelten Pläne, ihre Kinder zurückzuholen – von Bootsfahrten bis Maskenbildner. Im Fokus: Freundin "Olga", 120.000 Euro Bargeld und der Vorwurf eines Alarmknopfs um den Hals der Tochter. 

 

Zitiervorschlag

Kindesentführungsprozess gegen Christina Block: . In: Legal Tribune Online, 19.08.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57937 (abgerufen am: 09.12.2025 )

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