Die Hauptangeklagte Chrstina Block kommt in Begleitung ihres Verteidiger-Teams und ihres Lebensgefährten bei Gericht an. Foto: picture alliance/ABBfoto.
Keren T., die "rechte Hand" des mutmaßlichen Chef-Entführers und Schlüsselfigur, sagt aus. Sie belastet Block, deren Vater, den Familienanwalt und sogar den Leiter des Hamburger Hafens, stellt damit aber auch ihre Glaubwürdigkeit infrage.
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Am 51. Verhandlungstag im Strafprozess vor dem Landgericht Hamburg gegen Unternehmerin Christina Block geht es um Codenamen, die Rollen von Eugen Block und seines angeklagten Vertrauensanwalts, dem Leiter des Hamburger Hafens und um Widersprüche. Die Hitze am Mittwoch macht scheinbar allen zu schaffen, die Streitlust ist gedämpft. Es bleibt ungewohnt ruhig und einsichtig. Alle drei Termine diese Woche hat die Kammer alle für die Befragung von Keren T. reserviert.
In der Befragung der Zeugin T., die unter dem Namen "Olga" zunächst Christina Blocks Vertraute und dann Mitorganisatorin der Entführung ihrer Kinder geworden sein soll, setzt sich das Muster ihrer ersten Vernehmung fort: Die Zeugin berichtet scheinbar bemüht und freimütig, wird bei relevanten Details aber schnell ungenau, widerspricht anderen Zeugen und bisweilen sich selbst. Ihre Aussagen belasten verschiedene Beteiligte schwer, die Belastbarkeit dieser Aussagen erscheint jedoch zumindest fraglich – auch, weil immer wieder nicht klar wird, woher ihre Informationen stammen. Mehr durch Zufall fällt immer wieder auf, dass sie ihre Informationen lediglich aus zweiter Hand hat. Meist vom mutmaßlichen Chef-Entführer David Barkay, dessen rechte Hand sie gewesen sein soll.
Block soll von Entführung gewusst haben, aber nicht vom geplanten Vorgehen
Olga berichtet, es habe zwei Spitz-, bzw Codenamen für Block gegeben: "Ladybug" (Marienkäfer) und "Lady C.". Sie bestätigt, Block habe gewusst, dass die Entführung ihrer Kinder aus Dänemark am 31. Dezember 2023 stattfinden sollte. Der Tochter des Blockhouse-Gründers Eugen Block wirft die Hamburger Staatsanwaltschaft vor, nach einem langwierigen Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann Stephan Hensel schließlich die Entführung ihrer Kinder aus Dänemark in Auftrag gegeben zu haben, wo der Ex-Mann sie seit über zwei Jahren zurückgehalten hatte. Ob er dabei ebenfalls eine strafbare Kindesentziehung beging, wird von den Strafverfolgungsbehörden noch ermittelt. Beide streiten die Vorwürfe ab und weisen die Schuld dem jeweils anderen zu.
Laut Olga soll Block von dem Vorgehen der israelischen Entführergruppe gewusst und es mindestens gebilligt haben. Für die Hauptangeklagte ist das entscheidend: Die ihr vorgeworfene Kindesentziehung nach § 235 Strafgesetzbuch erfordert Vorsatz. Sie müsste also um die relevanten Umstände gewusst haben und die Tat zumindest gebilligt haben . Block bestreitet genau das: Die Entführer hätten auf eigene Faust gehandelt, oder jemand anderes habe sie beauftragt. Vielleicht ihre 2023 verstorbene Mutter, wie sie immer wieder andeutet, aber nicht klar sagen will. Als die Vorsitzende Richterin danach fragt, ob Block Einzelheiten des Plans, das geplante Vorgehen bei der Rückführung, gekannt habe, verneint Olga. David Barkays Plan sei gewesen, der Mutter der Kinder nichts Genaues zu sagen und sie erst, nachdem das Team die Kinder sicher hatte, darüber zu informieren.
Olga kann belastende Tüte von Überwachungskamera nicht identifizieren
Für die Vorsatzfrage wichtig: Noch einmal geht es heute um die ominöse Tasche, in der Block den Entführern bei einem Treffen am 28. Dezember 2023 im Hotel Grand Elysée Gegenstände mitgebracht haben soll, um die Kinder zu beruhigen. Block bestreitet, dass es dieses Treffen gegeben hat. Weil sie hier über den Plan informiert worden sein soll, hat das Treffen entscheidende Bedeutung.
Bislang gab es schon verschiedene Beschreibungen dieser Tasche. Olga spricht von einer "Plastiktasche mit Reißverschluss". Nach einigem Hin und Her mit dem Staatsanwalt über Reißverschlüsse einigt man sich schließlich, dass damit ein Zip-Lock-Bag, auf Deutsch meist einfach Gefrierbeutel genannt, gemeint sein dürfte, wie man ihn von der Flüssigkeitenkontrolle am Flughafen kennt.
Die Vorsitzende hält der Zeugin Bilder der Überwachungskamera vor – Bilder, auf denen Block mit einer Tüte durch die Hotellobby geht. Medien hatten die Aufnahmen aufgegriffen und als schwere Belastung für Block bezeichnet. T. erkennt die gezeigte Tüte nicht.
Widersprüche - zu anderen Zeugen, zu Einlassungen der Angeklagten, zu sich selbst
Weitere Widersprüche: Ganz entschieden widerspricht T. der Aussage des mutmaßlichen Teammitglieds Said B., mit den Kindern zum Wald zu fahren sei eine Planänderung gewesen, weil die Aktion schiefgegangen wäre. "Nein, das war von Anfang an der Plan", meint sie. Sie alle hätten die 10.000 Euro bekommen, die will sie sogar selbst an Said B. gegeben haben. Dieser hatte aber ausführlich geschildert, wie sie alle nur 5.000 Euro bekommen hätten. Auch ansonsten ist in ihrer Aussage von einer aus dem Ruder gelaufenen Aktion, wie Said B. sie geschildert hatte, nicht viel zu hören. Alles scheint rund gelaufen zu sein, nach Plan, allen ging es gut und alle waren glücklich. Die Kinder hätten auf der Fahrt auch nicht geschrien oder geweint, sondern hätten viel geschlafen und sich ruhig mit Tal S. unterhalten. Der ansonsten wie seine mutmaßlichen Mitstreiter immer auf seinen festen Glauben daran, die Kinder zu "retten", verweisende Tal S. hatte davon in seiner Einlassung jedoch nichts erwähnt. Eine so unterschiedliche Darstellung der gemeinsam erlebten Tatnacht ruft Zweifel daran hervor, wessen Version man denn nun glauben kann – wenn überhaupt einer.
So will sie Said B. auch nicht, wie von diesem ausgesagt, später bedroht haben, um ihn von der Aussage abzubringen. Barkay hätte lediglich nach Tal S.'s Verhaftung auf Zypern allen geraten, Israel nicht ohne Anwälte zu verlassen und ihnen Anwälte angeboten, sollten sich die Behörden bei ihnen melden. Auch soll die ominöse Tasche, um die es in den letzten Verhandlungen zunehmend ging, den Kindern von Tal S. übergeben worden sein, der in seiner Einlassung davon jedoch nichts erwähnt hatte.
Auch zur Einlassung von Christina Block weist die Vorsitzende Richterin auf Widersprüche hin. An zentrale Unterhaltungen, die Block geschildert hatte, will sich die Zeugin nicht erinnern oder es fehlen entscheidende Details darin, auf die sich Blocks Darstellung stützt. So hatte Block ein Telefonat am Neujahrstag mit Olga geschildert, in dem diese ihr gesagt hätte, sie hätte ein Neujahrsgeschenk für sie und sie zu einem vorher deponierten Handy gelotst hätte. Olga aber will sich nur an "Frohes Neues Jahr" erinnern.
Eugen Blocks "Fixer"
Barkay soll sich zwei Mal mit dem Vater der Hauptangeklagten, Eugen Block, getroffen haben und dabei gesagt, die Kinder müssten zurück und das sei auch legal. Selbst dabei war sie aber nicht. Um die Rolle des "Block-Patriarchen" wird in dem Prozess immer wieder gerätselt und gestritten.
Der Staatsanwalt will wissen, wie sich der Druck von Block-Vertrauensanwalt Dr. Andreas Costard gezeigt habe, von dem Olga vergangene Woche berichtet hatte. Sie verweist auf ein Treffen mit Barkay und Costard. Darin habe dieser geäußert "dass wir die Kinder zurückbringen müssten, er unter Druck steht, Herrn Block zu gefallen". "Hat er gesagt, warum er Herrn Block gefallen wollte?", will der Staatsanwalt genauer wissen. Olga meint, sie hätten eine Langzeitbeziehung, er habe viele Jahre für ihn gearbeitet und sowas immer gemacht: Der Anwalt sei der "Fixer" des Block-Patriarchen. "Wenn wir diesen Job beenden würden, und Herr Costard dem Patriarchen gefallen würde, könnte er mehr Kontrolle im Unternehmen bekommen", erklärt die Zeugin zu einer möglichen Motivation des Anwalts.
Stephan Hensels Anwalt Dr. Philip von der Meden interessiert sich besonders für einen Mann, der das Team vermittelt haben soll. Das nimmt schließlich solche Ausmaße an, dass die Vorsitzende bemerkt, man verhandele hier gar nicht gegen den Israeli. Laut Olga soll er enge Beziehungen zu Costard und dem Leiter des Hamburger Hafens gehabt haben. Auch nach Verbindungen zu Ex-BND-Chef Dr. August Hanning fragt er immer wieder, bekommt aber keine wirklich belastende Antwort. Sie hat ihre Informationen nur aus zweiter Hand; zudem hat Hanning die von ihr erwähnten Kontakte schon öffentlich eingeräumt. Eine Beteiligung an der Entführung in der Silvesternacht und auch an einer Aktion ein Jahr zuvor streitet er weiterhin entschieden ab. Vor Gericht beruft er sich auf sein Aussageverweigerungsrecht nach § 55 StPO, wonach niemand aussagen muss, wenn er dadurch Strafverfolgung riskieren könnte. Abseits des Gerichtssaals gab er zuletzt hamburg1 ein Interview, in dem er umfassend seine Sicht der Dinge schilderte und dazu Stellung nahm.
Auch der "Leiter des Hamburger Hafens", gemeint ist wohl Hamburg Port Authority Geschäftsführer Jens Meier, der auch schon im Prozess ausgesagt und jede Verstrickung dementiert hat, kommt in ihrer Aussage immer wieder, aber sehr unspezifisch vor. So sei von Anfang an kommuniziert worden, "man muss dem Leiter des Hafens gefallen". Warum? Das wisse sie nicht.
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"Findet Nemo" und blindes Vertrauen
Anschließend bombardiert von der Meden die Zeugin mit Namen aus dem Notizbuch von Barkay. Einige kennt sie, die meisten nicht. Zeitweise scheint der Rechtsanwalt etwas auf Abwege zu kommen. Buzzer? Nemo? "Das ist ein Film", sagt Olga. "Ja den kenn ich auch", meint er.
Die mutmaßlichen Entführer berufen sich gesammelt darauf, sich als "Retter" gesehen zu haben. Philip von der Meden will wissen, woher diese Überzeugung kam, die Kinder retten zu müssen. Olga erklärt: "Wir haben die Kinder nie draußen gesehen. Also haben wir eins plus eins zusammengezählt. Sie durften nicht zur Beerdigung ihrer Großmutter kommen, nicht zur Verabschiedung. Das ist nicht normal für ein Kind."
Der Nebenklagevertreter fragt zugespitzt: "Also haben Sie ihre Einschätzung nur darauf gestützt, was die Mutter und ihr Anwalt gesagt haben?" Olga lässt sich davon nicht beeindrucken. "Ja", sagt sie, "und dass wir sie nie gesehen haben."
Am Donnerstag wird die Befragung fortgesetzt, dann sind die Verteidiger:innen mit ihren Fragen an der Reihe.
Ein Kiosk, in dem man "wirklich alles" bekommt, wurde einem Münchner Betreiber zum Verhängnis. Als er zwei vermeintlichen Kunden Kokain und Gras anbot, entpuppten sich diese als Zivilpolizisten, der Mann flog auf. Jetzt ist er verurteilt.
Die Landesinnenminister wollen sich mit der liberalen Cannabis-Rechtslage in Deutschland nicht abfinden. Auf ihrer am Mittwoch startenden Konferenz soll ein Antrag beschlossen werden, der die Bundesregierung zum Umsteuern veranlassen soll.
Der Streit um zulässige Fragen und den Umgangston im Saal kocht über: Es wird sich gegenseitig korrigiert und verspottet, dann ruft Stephan Hensel ins Mikrofon. Costard-Verteidiger Voß legt sich besonders mit dem Gericht und zwei Anwälten an.
Der Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit ist zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht sprach ihn wegen der Begehung von 34 Straftaten schuldig, darunter in zwei Fällen wegen Vergewaltigung.
Am 55. Tag beginnen die mit Spannung erwarteten Erklärungen der Verteidiger zur Befragung Keren T.s, die unter dem Decknamen "Olga" eine Schlüsselrolle gespielt haben soll. Für Nebenklagevertreter von der Meden wird es kein angenehmer Tag.
Die Befragung von Christina Blocks Psychologen R. zieht sich so in die Länge, dass es ordentlich zwischen Block-Verteidiger Bott und der Vorsitzenden Richterin Hildebrandt kracht. Die Erklärungen zu "Olgas" Befragung werden daher verschoben.