Druckversion
Freitag, 23.01.2026, 14:28 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/sarah-sophie-koch-plagiat-vergleich-uni-duesseldorf-vewaltungsgericht
Fenster schließen
Artikel drucken
20747

Plagiatsfall um TV-Sternchen Sarah Sophie Koch: Aus­wei­tung der Grau­zone

von Hermann Horstkotte

30.09.2016

Doktorhut

denisismagilov - fotolia.com

Das aus Doku-Soaps bekannte TV-Sternchen Sarah Sophie Koch sah sich unlängst mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Der Vergleich, den die Uni Düsseldorf vor dem VG mit ihr schloss, erweitert die Grauzone fragwürdigen Entgegenkommens.

Anzeige

Vor kurzem in einem Termin am Verwaltungsgericht (VG) Düsseldorf: Der Richter stellt einleitend klar, dass die Klage gegen die Rücknahme des Doktorhutes praktisch aussichtslos sei. Die Sitzung wird unterbrochen. Anschließend hält das Protokoll einen Prozessvergleich in wenigen Sätzen fest: Die Möchtegern-Doktorin Koch nimmt ihre Klage zurück.

Dafür „anerkennt“ die Uni Düsseldorf ausdrücklich „das Urheberrecht“ der Autorin an der 2011 vorlegten Promotionsschrift, „einschließlich der zugrundeliegenden Forschungsleistungen“. Ferner sind sich beide Parteien einig, dass Koch mit den „nicht beanstandeten Teilen“ ihrer Arbeit über die „Mentalisierungsfähigkeit der Mutter und kindliche Bindung“ eine Promotion anderswo versuchen kann. Der Vergleich wird direkt rechtskräftig. Der Richter und alle Beteiligten können ihre Akten schließen.

BILD lässt Niederlage als halben Sieg erscheinen

Damit ist die Geschichte aber nicht wirklich zu Ende. Der Düsseldorfer Professor Stefan Rohrbacher, im Plagiatsverfahren gegen Bundesbildungsministerin Schavan als akademischer „Scharfrichter“ bundesweit bekannt geworden, befürchtet stark, dass der jetzt abgeschlossene Vergleich „in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, dass hier beide Seiten einzulenken hatten“. In etwa so klingt es auch bei der BILD-Zeitung: „Die attraktive Blondine musste um ihren Ruf als Wissenschaftlerin kämpfen. Jetzt endete der Prozess mit einem Vergleich!“

Auch Bruno Bleckmann, der als Dekan der Philosophischen Fakultät das Aberkennungsverfahren gegen Koch eingeleitet hatte, findet: „Einer Klärung durch ein verwaltungsgerichtliches Urteil auszuweichen, bestand keine Veranlassung.“ Womöglich hätte ein Gerichtsurteil, wie häufig in ähnlichen Fällen, eine vorsätzliche Täuschung rechtskräftig bestätigen können – die aber bleibt nach dem Vergleich bloßer Parteivortrag.

Vergleich oder Schein-Kompromiss?

Demgegenüber betont eine Unisprecherin auf Nachfrage, „dass keine Zugeständnisse bei der Aberkennung des Doktorgrades gemacht wurden“ -  als Teil des Vergleichs ist der ja tatsächlich weg. „Es wurden lediglich Selbstverständlichkeiten aus dem Rechtsgebiet des Urheberrechts wiedergegeben“, so die Sprecherin weiter; auch der Hinweis auf die Möglichkeit, sich an anderen Fakultäten zu bewerben, sei eine solche Selbstverständlichkeit.

Der Münchner Rechtsprofessor und Plagiatsexperte Volker Rieble bemerkt dazu kritisch: „Dass die Universität 'Urheberrechte' anerkennt, ist vollkommen irrelevant. Urheberrechte sind private Rechte von Autoren, die sie gegen andere (abschreibende) Autoren geltend machen können.“ Das Zugeständnis sei „so bedeutsam, als wenn die Universität das private Eigentum von Sarah Sophie Koch an ihren Schminkutensilien 'anerkannt' hätte.“

Nicht zuletzt deshalb stößt der Vergleich bei namhaften Fakultätsmitgliedern auf Widerspruch. Er sei zwar prozessrechtlich nicht zu beanstanden, inhaltlich aber ein bloßer Schein-Kompromiss. Ein Professorenkollege spricht zugespitzt sogar von einer „kollusiven Täuschungshandlung“ im üblen Zusammenspiel der Parteien, um den Streit mit einem formellen Vergleich schnell zu beenden.

Nichts bringe ihn im Augenblick mehr ins Schwitzen, sagt ein anderer Professor, als die Gegenfrage: Wenn das so geht mit dem Vergleich, warum ging das denn nicht auch so bei Schavan? Sollte der Vergleich Schule machen, dann sei plagiierenden Doktoranden jedenfalls in Zukunft eine halbe Ehrenrettung sicher. Ob sich Koch als Schrittmacherin auf diesem Wege sieht, will ihre Anwältin nicht sagen, wie überhaupt nichts zu der ganzen Sache.

Rechtsfindung im Lärm der Umwelt

Nun mag der Entzug eines Titels im Rahmen eines formellen Entziehungsverfahrens oder als Teil eines Vergleichs mit scheinbarem gegenseitigem Entgegenkommen juristisch betrachtet auf dasselbe Ergebnis hinauslaufen. Für die Empfindsamkeiten innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde und die Zukunftsperspektiven der betroffenen Ex-Doktorin macht beides aber durchaus einen Unterschied.
Die mangelnde Sensibilität der Unileitung und des zuständigen Justiziars gegenüber dieser Unterscheidung bringt ein namhafter, aber lieber ungenannt bleibender Rechtsprofessor wie folgt auf den Punkt: „Es ist ein Problem, wenn man damit einen Verwaltungsjuristen betraut, der mit den Wahrnehmungen in der akademischen Öffentlichkeit vielleicht einfach nur - ohne jede Schuld - überfordert ist.“

Maßgebliche Fakultätsmitglieder fühlen sich überrumpelt. Die Unileitung verzichtete ihnen gegenüber im Vorfeld auf Abstimmung und Rückversicherung, wie sie Grundvoraussetzung eines einheitlichen Außenauftritts sind. Im Termin stand dem Berufsjuristen zwar ein Dekanatsmitglied zur Seite, aber kein wirklicher Bedenkenträger  – aus die Maus vor Gericht, nur schnell zurück in den Elfenbeinturm!

Gute Miene zu bösem Spiel

Plagiierte Doktorarbeiten fliegen mittlerweile zu Hunderten auf, nicht zuletzt auf der Internetplattform Vroniplag Wiki. Das bedeutet viel Nacharbeit für die betroffenen Hochschulen. Sie versuchen, diese Fälle mit möglichst geringem Arbeitsaufwand zu „entsorgen“, wie die Wiki-Promotoren Debora Weber –Wulff und Gerhard Dannemann im Fachblatt des „Deutschen Hochschulverbandes“ schreiben.

Die Rechtsprechung fordert gleichzeitg Rücksichtnahme auf die soziale und berufliche Zukunft Betroffener; sie soll durch die Aberkennung des Doktorgrades nicht unnötig beschädigt werden. Aus beiden Aspekten erscheinen gesichtswahrende Lösungen opportun, unter denen weder die Doktoranden noch ihre Hochschulen besonders leiden müssen.

Immer öfter erscheint es Gutachtern für gute und schlechte wissenschaftliche Praxis unzureichend, über fragwürdig gewordene Promotionsverfahren im Nachhinein nur mit Ja oder Nein zu entscheiden. Stattdessen hat sich als mildere Sanktion hier und da eine „Rüge“ im verschlossenen Briefumschlag durchgesetzt, selbst wenn sie in der Promotionsordnung (noch) gar nicht vorgesehen ist. Manche Uni zeigt sich auch mit der Rückgabe der Doktorurkunde zufrieden, ohne dann noch per arbeitsaufwändigem Verwaltungsakt eine formelle Rücknahme auszusprechen. Der „Vergleich“ erweist sich jetzt als weiterer Notbehelf in der Knautschzone zwischen wissenschaftlicher Wertarbeit und Pfusch – wenn er denn selber kein unglaubwürdiger Schein-Kompromiss ist.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Plagiatsfall um TV-Sternchen Sarah Sophie Koch: . In: Legal Tribune Online, 30.09.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20747 (abgerufen am: 24.01.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Doktortitel
    • Plagiat
    • Prominente
    • Vergleich
  • Gerichte
    • Verwaltungsgericht Düsseldorf
Arafat Abou-Chaker 21.01.2026
Prominente

KG bestätigt LG Berlin II:

Bushido gewinnt Mil­lionen-Streit gegen Arafat Abou-Chaker

Seit Jahren streiten Bushido und sein Ex-Geschäftspartner vor Gericht, in Berlin geht es um "Manager"-Honorare. Abou-Chaker wollte eine sechsstellige Summe von dem Rapper – und muss nun seinerseits eine siebenstellige Summe an diesen zahlen.

Artikel lesen
Christina Block und Gerhard Delling 21.01.2026
Christina Block

Tag 31 im Block Prozess:

"Jede Mutter hier im Raum würde so han­deln"

Ein Zeuge im Blitzlicht, der immer wieder ausweicht: Das Gericht ringt Barkay Details zur Entführung der Block-Kinder ab. Je mehr er einräumt, desto brüchiger wird seine Erzählung von einer "Rettung" im Interesse der Kinder.

Artikel lesen
Melanie Müller 13.01.2026
Prominente

LG Leipzig bestätigt Verurteilung:

Melanie Müller zeigte Hit­ler­gruß auf der Bühne

Nicht bloß ein "Schlachtruf", um das Publikum anzufeuern: Auch das LG Leipzig ist davon überzeugt, dass der Schlagerstar auf der Bühne den Hitlergruß gemacht hat. Es reduzierte die von der Vorinstanz verhängte Geldstrafe allerdings deutlich.

Artikel lesen
Stephan Hensel vor dem Hamburger Strafjustizgebäude. 08.01.2026
Christina Block

Jugendamtsmitarbeiterin im Block-Prozess:

"Dass Hensel die Kinder iso­liert hat, war eine Macht­de­mon­s­t­ra­tion"

Am 28. Verhandlungstag haben im Block-Prozess Ex-Mitarbeiterinnen des Hamburger Jugendamts ausgesagt. Sie werfen Blocks Ex-Mann vor, höchst unkooperativ gewesen zu sein. Diese Vorgeschichte sei eine "Zäsur", sind sich die Verteidiger einig.

Artikel lesen
Grundstück des "Rangsdorfer Hausdramas" 07.01.2026
Wohneigentum

Oberlandesgericht sagt Termin ab:

Wird es einen Ver­g­leich im "Rangs­dorfer Haus­drama" geben?

Zwei Eheleute ersteigern ein Grundstück, bauen ein Haus und gründen eine Familie. Dann sollen sie das Gebäude abreißen und ausziehen, sie wären ruiniert. Nach einer BGH-Entscheidung sollte es vor dem OLG weitergehen, doch der Termin entfällt.

Artikel lesen
Christina Block (2.v.r), ihre Rechtsanwältin Paula Wlodarek (3.v.r) und ihr Rechtsanwalt Ingo Bott (r) vor dem 24. Verhandlungstag beim LG Hamburg am 10.12.2025 02.01.2026
Medien

LG Berlin lässt Christina Block abblitzen:

Warum die "Bild" vorab über die Ver­neh­mung des "Kron­zeugen" berichten durfte

Der in Hamburg stattfindende Block-Prozess beschäftigte nun das LG Berlin II. Block ging dort gegen die Bild-Zeitung vor, die über die staatsanwaltschaftliche Vernehmung des Chef-Entführers berichtet hatte, bevor der im Prozess aussagte.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (m/w/d) Ar­beits­recht

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG , Frank­furt am Main

Logo von Simmons & Simmons
Rechts­an­walt / As­so­cia­te im Be­reich Ar­beits­recht (w/m/d)

Simmons & Simmons , Frank­furt am Main

Logo von Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat
Voll­ju­ris­ten (m/w/d) – Ih­re Zu­kunft in der hes­si­schen Jus­tiz

Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat , Wies­ba­den

Logo von Gleiss Lutz
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on

Gleiss Lutz , Frank­furt am Main

Logo von Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern
Re­fe­ren­da­re | Di­gi­tal-, IT- & Da­ten­schutz­recht | Mün­chen

Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern , Mün­chen

Logo von CMS Deutschland
Rechts­re­fe­ren­dar (m/w/d) für die Wahl­sta­ti­on im CMS EU Law Of­fice in...

CMS Deutschland , Brüs­sel

Logo von Latham & Watkins LLP
Rechts­an­wält*in­nen im Be­reich Re­struc­tu­ring am Stand­ort Ham­burg

Latham & Watkins LLP , Ham­burg

Logo von Simmons & Simmons
Rechts­an­walt / Se­nior As­so­cia­te für den Be­reich Ar­beits­recht (w/m/d)

Simmons & Simmons , Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von White & Case
White & Case LLP - London Open Day

07.02.2026, London

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Schieds­verfahren

02.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Energierecht

03.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: AGB- und Vertragsrecht

03.02.2026

Der Steuerfahndungsfall: Effektive Mandatsführung bei Steuerhinterziehung

02.02.2026, Hamburg

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH