Druckversion
Donnerstag, 10.09.2026, 21:59 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/reform-der-strafvollzugsgesetze-der-laender-gefangene-muessen-ihre-rechte-einklagen-koennen
Fenster schließen
Artikel drucken
6274

Reform der Strafvollzugsgesetze der Länder: Gefangene müssen ihre Rechte einklagen können

von Prof. Dr. Christine M. Graebsch, Dr. Sven-U. Burkhardt

25.05.2012

Häftling im Strafvollzug

© Liv Friis-larsen - Fotolia.com

Eine früher gelockerte Haft für Lebenslängliche ist nur ein Punkt, mit dem zehn Bundesländer ihre Strafvollzugsgesetze gemeinsamen modernisieren wollen. Der befürchtete Wettbewerb der Schäbigkeiten bleibt dabei weitgehend aus. Für eine nachhaltige Resozialisierung aber fehlt es dem Mustergesetzentwurf an verbindlichen Vorgaben, kommentieren Christine Graebsch und Sven Burkhardt.

Anzeige

In den letzten Wochen wurde heftig darüber diskutiert, ob es gerechtfertigt sei, zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten schon nach einer Sperrfrist von fünf, statt wie bisher nach zehn Jahren auch Langzeitausgang zu ermöglichen. Dies sieht ein von zehn Bundesländern erarbeiteter Musterentwurf (ME) für ländereigene Strafvollzugsgesetze vor.

Dabei übersehen Kritiker des ME, dass ein solcher Ausgang ohnehin nur dann gewährt würde, wenn die Vollzugsbehörde prognostisch zu dem Ergebnis kommt, dass es im Hinblick auf die Gefahr weiterer Straftaten oder einer Flucht verantwortet werden kann, diesen zu erproben. Weil Lebenslängliche nicht allgemein stärker rückfallgefährdet sind als andere Gefangene, ergeben starre und von der Entwicklung des Einzelfalls abgekoppelte Begrenzungen ohnehin keinen Sinn.

Ähnlich sieht dies der Ziethener Kreis. Dieses Gremium, bestehend aus Experten aus Wissenschaft und Praxis, hat nun ausführlich zum ME Stellung genommen und die dortigen Regelungsvorschläge im Vergleich zum bestehenden Recht überwiegend begrüßt. Allerdings kritisieren die Experten den Entwurf an vielen Stellen als nicht weitgehend genug, um damit die Ziele des Strafvollzugs effektiv erreichen zu können. Eine realistische Aussicht bestünde dafür nur bei angemessener finanzieller Ausstattung. Außerdem müssten die neuen Gesetze keine bloßen Absichtsbekundungen, sondern verbindliche Vorgaben enthalten. Gemeint sind damit tatsächlich einklagbare Rechte für Gefangene.

Der Kreis begrüßt außerdem die vorgesehene Planung des Vollzugsverlaufs, die im Einzelfall einer wissenschaftlichen Standards entsprechenden Diagnostik folgen soll. Gerade bei einer solchen Ausrichtung geht den Experten die Absenkung der Lockerungsbeschränkung auf fünf Jahre bei Lebenslänglichen aber nicht weit genug: Sie fordern außerdem, so konkrete Vorgaben einzuführen wie einen Wohngruppenvollzug mit maximal 15 Gefangenen und für neue Anstalten Belegungszahlen von höchstens 300 Gefangenen.

Vorsichtige Verbesserungen für Resozialisierungschancen

Dabei muss man sich Sinn und Zweck des Strafvollzugs vergegenwärtigen: Im Gefängnis soll der Inhaftierte dazu befähigt werden, ein Leben ohne Straftaten zu führen. Dieser Resozialisierungsgedanke ist das Leitprinzip der Strafvollzugsreform, die sich 1977 im Strafvollzugsgesetz des Bundes (StVollzG) niedergeschlagen hat. Eine Rückführung in die Gesellschaft durch Strafvollzug kann es nicht geben, weil mit der Inhaftierung im Gegenteil eventuell zuvor noch vorhandene soziale und berufliche, Bindungen und wirtschaftliche Grundlagen zerstört werden und der Vollzug jegliche Selbständigkeit untergräbt. Unbestritten braucht es Resozialisierungsanstrengungen, aber für Gefangene, um sie nach der de-sozialisierenden Haftzeit wieder in die Gesellschaft zu integrieren - ein höchst ambitioniertes Vorhaben, zumal angesichts des teilweise aktiven Widerstandes aus der Gesellschaft.

Wichtige Bausteine der mit dem StVollzG intendierten Vollzugsreform in Richtung Resozialisierung  wie die Einbeziehung von Gefangenen in die Kranken- und Rentenversicherung oder eine nennenswerte Entlohnung der Arbeit im Vollzug hatte bereits der Bundesgesetzgeber aus Kostengründen wieder aus dem Gesetz gestrichen. Weitere Kernstücke der Reform, wie etwa die Stellung des offenen Vollzugs als Regelvollzug, blieben zwar im Gesetz, wurden aber nicht und sogar mit abnehmender Tendenz realisiert.

Daran ändert auch der ME nichts, der sich überwiegend an der gegenwärtigen Vollzugspraxis orientiert. Immerhin ist es nicht dazu gekommen, dass sich die Länder bei den Vollzugsstandards aus populistischen und finanziellen Erwägungen gegenseitig unterbieten. Der 2006 mit der Föderalismusreform befürchtete "Wettbewerb der Schäbigkeiten" zwischen den Ländern ist damit weitgehend ausgeblieben. An einigen Punkten wird auch der Versuch erkennbar, Vollzugslockerungen wieder zu der Bedeutung zu verhelfen, die sie in einem Resozialisierungskonzept haben müssen.

Anzeige

Wer rechtstreu werden soll, muss Recht positiv erfahren

Eine Rückkehr in die Gesellschaft muss schrittweise erfolgen. So muss der Gefangene proben können, mit der ihn draußen erwartenden Situation klarzukommen. Er muss die Möglichkeit haben, unter Beweis zu stellen, dass ihm dies gelingt und so auch seine Prognose verbessern können. Dass es dabei auch Rückschläge gibt, liegt in der Natur der Sache. Hier stellt der ME erfreulicherweise klar, dass Lockerungen nicht erst an das Ende des Vollzuges gehören, damit sich der Gefangene vor der Entlassung Wohnung und Arbeit suchen kann, sondern dass sie essentieller Teil des Resozialisierungskonzepts (vom ersten Tag an) sind.

Der Entwurf enthält also sowohl fortschrittliche Elemente als auch einige Verschlechterungen gegenüber dem Status quo. Beispielsweise soll die nicht-monetäre Vergütung der Arbeit im Vollzug abgeschafft werden, die in Tagen der Freistellung von der Arbeitspflicht besteht, die auch den Entlassungszeitpunkt vorverlegen können. Das Bundesverfassungsgericht hatte aber die schlechte monetäre Entlohnung in Höhe von ca. 1 bis 2 Euro pro Stunde für gerade noch verfassungsgemäß erklärt, weil es auch noch solche nicht finanziellen Ausgleichsmöglichkeiten erkannte.

Über derartige Einzelaspekte hinaus kann man, wie auch der Ziethener Kreis hervorhebt, die Notwendigkeit verbindlicher, das heißt real einklagbarer Vorgaben in ihrer Bedeutung nicht hoch genug einschätzen. Um ebensolche wäre der Entwurf daher zu ergänzen.

Nach bisheriger Rechtslage nämlich können Gefangene vor Gericht oft höchstens eine neue Entscheidung der Anstalt erstreiten, die dann nach langer Zeit mit neuer Begründung wieder zu ihren Lasten ausfällt. Zu den weiteren Hindernissen eines funktionierenden Gefangenenrechtsschutzes gehört es, dass Anstalten auch die wenigen Gerichtsentscheidungen, mit denen Gefangene Erfolg haben, nicht immer umsetzen.

Dies muss sich schon deshalb ändern, weil Gefangene im Vollzug die Einhaltung von Gesetzen lernen sollen. Dazu würde  es entscheidend beitragen, wenn sie selbst die positive Wirkung von Rechten und deren Durchsetzbarkeit erfahren könnten.

Die Autorin Prof. Dr. Christine M. Graebsch ist Hochschullehrerin an der FH Dortmund und Leiterin des dortigen Strafvollzugsarchivs, der Autor Dr. Sven-U. Burkhardt ist Rechtsanwalt in Dortmund.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Reform der Strafvollzugsgesetze der Länder: . In: Legal Tribune Online, 25.05.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/6274 (abgerufen am: 10.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Strafvollzug
Regale mit luxuriösen Parfümflakons in einer auf hochwertige Düfte spezialisierten Parfümerie im Berliner Stadtteil Mitte 20.08.2026
Strafvollzug

Korruptionsvorwürfe in mehreren Gefängnissen:

Parfüm geklaut, um Frei­gang zu bezahlen?

Ein Gefangener stiehlt ein teures Parfüm – und behauptet, damit einen Freigang "bezahlt" zu haben. Vor dem Amtsgericht Köln erhebt der 52-jähriger erneut schwere Vorwürfe gegen Bedienstete der JVA Euskirchen. Auch in Bremen laufen Ermittlungen in…

Artikel lesen
Sachsens Justizministerin Constanze Geiert (CDU) 24.07.2026
Transrechte

Sachsens Justizministerin fordert Anpassungen vom Bundesgesetzgeber:

"Jeder Ein­zel­fall bringt die Öff­ent­lich­keit gegen das ­Selbst­be­stim­mungs­ge­set­z auf"

Marla Svenja Liebich wird in ein Männergefängnis verlegt. Sachsens Justizministerin Constanze Geiert erläutert im Interview, warum sie trotzdem Anpassungen des Selbstbestimmungsgesetzes fordert und wie diese aussehen könnten. 

Artikel lesen
Thüringens Justizministerin Beate Meißner unterhält sich mit Bundesministerin Stefanie Hubig auf der Jumiko-Herbsttagung, 07.11.2025. 21.07.2026
Strafvollzug

Sexualstraftäter(in) in Frauengefängnis verlegt:

Thürin­gens Jus­tiz­mi­nis­terin for­dert SBGG-Ände­rung, dabei liegt die Lösung in ihrer Hand

Der Fall einer verurteilten Person mit geändertem Geschlechtseintrag entfacht erneut die Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz. Dabei liegt das Problem im Thüringer Justizvollzugsrecht – und eine Gesetzesänderung ist schon auf dem Weg.

Artikel lesen
Ein Wagen mit Essen in der Justizvollzugsanstalt Straubing 21.07.2026
Ernährung

EGMR verurteilt Schweiz:

12.000 Euro Ent­schä­d­i­gung, weil es in U-Haft kein veganes Essen gab

Zwei Männer, die sich aus ethischen Gründen vegan ernähren, wollten dies auch in U-Haft bzw. einem psychiatrischen Krankenhaus tun. Das ging aber nicht, ihre Beschwerden wurden inhaltlich nie geprüft. Der EGMR sieht mehrere EMRK-Verstöße.

Artikel lesen
Die Justizvollzugsanstalt Chemnitz, die Haftanstalt für Frauen aus Sachsen und Thüringen 20.07.2026
Strafvollzug

trans Person in Frauengefängnis verlegt:

Vom Mann zur Frau wäh­rend der Haft

Sie wurde noch als Mann verurteilt. Während der Haft in Thüringen änderte sie aber ihr Geschlecht und wurde deshalb ins Frauengefängnis nach Chemnitz verlegt. Thüringens Justizministerin fordert Anpassungen des Selbstbestimmungsgesetzes.

Artikel lesen
Die verurteilte Rechtsextremistin Marla Svenja Liebich (r) wird nach dem Urteil aus dem Verhandlungssaal des Landgerichts in Pilsen geführt 16.07.2026
Strafvollzug

JVA Chemnitz lehnt Unterbringung ab:

Marla Svenja Lie­bich ins Män­n­er­ge­fängnis ver­legt

Nach der Auslieferung wurde Marla Svenja Liebich erst in die Frauen-JVA Chemnitz gebracht. Von dort aus wurde Liebich direkt verlegt, teilt die Anstalt nun mit. Für die Unterbringung ist die Sicherheit entscheidend, nicht das Geschlecht.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Wolters Kluwer
Le­gal Coun­sel - di­gi­ta­le Pro­duk­te (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von White & Case
Voll­ju­ris­tin / Voll­ju­rist (Staff At­tor­ney) (m/w/d), Com­mer­cial...

White & Case, Frank­furt am Main

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (w/m/d) Ge­werb­li­cher Rechts­schutz...

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ber­lin

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Re­fe­ren­dar (w/m/d) Ge­werb­li­cher Rechts­schutz (IP)

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ber­lin

Logo von Latham & Watkins LLP
In­i­tia­tiv­be­wer­bung: Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d)

Latham & Watkins LLP, Mün­chen und 3 wei­te­re

Logo von SEFE Securing Energy for Europe GmbH
Le­gal Coun­sel (m/w/d)

SEFE Securing Energy for Europe GmbH, Ber­lin

Logo von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP
As­so­cia­te (m/w/d) Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on

Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, Frank­furt am Main

Logo von Morrison & Foerster LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/x/m) Ar­beits­recht

Morrison & Foerster LLP, Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
24. Jahresarbeitstagung des Notariats

17.09.2026, Berlin

Die modernisierte rechtsfähige GbR

17.09.2026

1x1 des GNotKG für alle, die Gebührenrecht verstehen wollen

17.09.2026

Erbe trotz Scheidung – Gestaltungsmaßnahmen zum Schutz der Erbschaft vor dem geschiedenen Ehegatten

17.09.2026

Logo von IHK Akademie München und Oberbayern gGmbH
Zertifikatslehrgang zur Schiedsrichter/-in für Wirtschaftsstreitigkeiten

18.09.2026, Feldkirchen-Westerham

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH