Druckversion
Dienstag, 11.08.2026, 15:53 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/olg-duesseldorf-iii7st125-budapest-komplex-prozess-tag-3
Fenster schließen
Artikel drucken
59123

Budapest-Komplex vor dem OLG Düsseldorf: "Da ver­stehe ich keinen Spaß"

von Tanja Podolski

21.01.2026

Das Sicherheitsgerichtsgebäude des OLG Düsseldorf

Am OLG Düsseldorf ging es mit dem Verfahren gegen sechs mutmaßliche Linksextremisten weiter. Foto: Tanja Podolski

Am dritten Prozesstag sagten Zeugen zum Anschlag auf ein Thor-Steinar-Geschäft in Erfurt aus. Per umstrittenem 3D-Modell soll bald geklärt werden, ob eine der Angeklagten daran beteiligt war.

Anzeige

Kaum, dass der Senat mit einer halben Stunde Verspätung im großen Saal Platz nimmt, macht der Vorsitzende eine Ansage. An diesem Dienstag sollen nämlich gleich zwei Zeugen aussagen: die in Erfurt angegriffene Verkäuferin aus dem bei Rechten beliebten Marken-Geschäft und der Mann, der für die inzwischen fünf Filialen der Kette zuständig ist. "Wir brauchen keine Ausführungen dazu, was Thor Steinar ist", sagt daher der Vorsitzende Richter Lars Bachler. "Dass das eine Marke ist, die sich gezielt und bewusst an rechtsextreme Kunden wendet, wissen wir". 

An das Publikum gerichtet fährt er fort: Auch wisse der Senat, dass mit den zwei Zeugen an diesem Tag "Leute auftauchen, die Ihnen politisch nicht nahestehen", aber auch sie müssten ausreden können. Störungen verbitte er sich. "Da verstehe ich keinen Spaß". 

Die an diesem Tag vielleicht noch 80 Zuschauer:innen solten sich daran halten: Freund:innen der Angeklagten sind da, Familie, Unterstützer:innen. Durch das Sicherheitsglas, das die Angeklagten und die Beteiligten von den Zuschauern trennt, werden wieder Herzen gezeigt und Luftküsse ausgetauscht. Doch es bleibt still, die Zeugenvernehmung verläuft ruhig.

Es ist der dritte Prozesstag in diesem Verfahren vor dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf. Angeklagt sind sechs mutmaßliche Linksextremist:innen. Sie sollen als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung u. a. in Erfurt und in Budapest am sogenannten Tag der Ehre Angriffe auf mutmaßliche Rechte ausgeführt und diese zum Teil schwer verletzt haben (Az. III-7 St 1/25). Die Anklage lautet auf mitgliedschaftliche Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, versuchten Mord sowie gefährliche Körperverletzung.

Thor-Steinar-Filialen haben eine Meldekette, um sich vor Angriffen zu warnen

Ob die angegriffene Verkäuferin W. (36) in dem Geschäft selbst zur rechten Szene gehört, spielt keine Rolle. Die etwa 1,65 Meter kleine, zart gebaute Frau mit schulterlangen, braunen Haaren, hält den Blick gesenkt, als sie den Saal betritt, sie wirkt unsicher. Wo sie lebt, wird man nicht erfahren, dazu existiert eine Auskunftssperre. Begleitet wird die Frau, die auch Nebenklägerin in dem Verfahren ist, von ihrem an diesem Tag erst bekannt gewordenen zweiten Anwalt: Dubravko Mandic aus Freiburg. Die linke Szene im Gerichtssaal wird ihn kennen: Der Fachanwalt für Strafrecht ist ehemaliger AfD-Funktionär. 

Schon am 23. April 2022 erfolgte der Angriff auf die Frau und das Geschäft. Sie war noch gewarnt worden, die Marke hat eine Meldekette über einen Messenger. Darüber hatte W. von kurz zuvor ausgeführten Angriffen auf Geschäfte u. a. in Schwerin erfahren und daher die Ladentür abgeschlossen. Die Geschäfte sind solche Angriffe schon gewohnt, wird später der zweite Zeuge B. aussagen, mehrfach habe es bereits Farbattacken gegeben. In so einer Situation werden nur noch den Verkäufern im Laden bekannte Gesichter eingelassen. Doch eine der beiden Frauen, die am 23. April 2022 Einlass begehrten, war W. bekannt. Sie sei zwei Wochen zuvor schon einmal dagewesen und habe sich umgesehen, sagt die Zeugin. 

"Dann ging alles ganz schnell", so W. weiter. Von hinten sei sie angegriffen und zu Boden gezogen worden. “Dann gibt es nicht mehr viel, an das ich mich erinnere”, bewusstlos sei sie aber nicht gewesen. Sie hätten mit einer Stange auf die Beine und mit Fäusten auf ihren Kopf eingeschlagen, zwei weitere Personen seien noch ins Geschäft gekommen und hätten eine Flüssigkeit versprüht – womöglich Buttersäure, davon hat W. nach eigener Aussage aber nichts mitbekommen. Was es genau war, habe nie festgestellt werden können, wird Zeuge B. im Anschluss aussagen. 

Dann hätten die beiden "Mädels" von ihr abgelassen, sie seien verschwunden, und W. habe die Polizei gerufen. Als der auch informierte B. einige Stunden aus Berlin in Erfurt angekommen war, war W. im Krankenhaus, die Polizei schon wieder weg und eine andere Verkäuferin sei im Laden gewesen, erzählt B. Die habe aber noch am selben Tag gekündigt. Am selben Tag noch begannen B. und sein ebenfalls bei der Firma angestellter Bruder mit dem Aufräumen. 

W. war nur für eine Kollegin eingesprungen

Bei W. stellten die Ärzte Hämatome fest: am rechten Auge, an Armen und Beinen, einen Riss im Sprunggelenk. Die körperlichen Folgen des Angriffs seien verheilt, die psychischen geblieben, erzählt sie. Sie habe eine posttraumatische Belastungsstörung davongetragen. Sie sei zwar noch angestellt und habe nach einer Wiedereingliederungsmaßnahme ab November 2022 auch wieder gearbeitet, doch seit Sommer 2025 nicht mehr. Sie sei weiterhin in psychologischer Behandlung.

An dem Tag des Angriffs sei sie nur für eine Kollegin eingesprungen, eigentlich hätte sie nicht arbeiten sollen. Das Display ihres Iphones war an dem Tag auch kaputtgegangen, ein Sachschaden von rund 800 Euro. Welches "Mädel" beim Öffnen der Ladentür mit ihr gesprochen hat, "das kann ich nicht mehr sagen". Wenige Nachfragen kommen von der Bundesanwaltschaft, die an diesem Tag nur durch zwei Personen vertreten ist, und der Verteidigung – nach einer guten halben Stunde kann W. gehen. 

Aus der geplanten Viertelstunde Unterbrechung werden 25 Minuten. Erst dann sind wieder alle Menschen, die frische Luft schnappen oder rauchen wollten, erneut durchsucht und ins Gebäude eingelassen. Die Sicherheitsauflagen sind streng: Wer raus will, muss das Gerichtsgebäude ganz verlassen. Es gibt zwar einen umschlossenen Außenbereich samt Aschenbecher für die Raucher:innen vor der Sicherheitsschranke, von dem aus der Zugang zum Gericht ohne erneute Kontrolle möglich wäre. Doch der Aufenthalt dort ist nicht erlaubt. So wird jede auch noch so kurze Unterbrechung zur Verzögerung, bis die Öffentlichkeit im Saal wiederhergestellt ist. 

“Das riecht nach Erbrochenem”

Doch schließlich geht es weiter. Der Auftritt des zweiten Zeugen B. (51) könnte sich von W.s Auftreten kaum krasser unterscheiden: kurze Haare, zackiger Schritt, feste Stimme. Er wolle nicht die Namen derer nennen, die beim Aufräumen und Renovieren geholfen haben, nur dem Senat werde er sie später per Zettel übermitteln - der die Information den Verteidiger:innen dann weitergeben muss. Die Zuschauer:innen werden die Namen nur erfahren, falls die noch als Zeug:innen geladen werden. Bis es zu dieser Lösung kommt, ist die Kommunikation zwischen Verteidigern und dem Zeugen eisig bis feindselig.

In Erfurt sei der ganze Laden ruiniert worden, die Ware sei mit Teerfarbe und Buttersäure besprüht worden, "das riecht nach Erbrochenem", sagt B. Etwa eineinhalb Wochen sei der Laden zu gewesen, erst dann sei alles gereinigt und mit neuen Möbeln und neuer Ware bestückt gewesen. Einen Warenschaden von etwa 55.000 Euro bedeute das, plus die ganze Arbeitszeit, die draufging. Die Arbeiten erledigten die Mitarbeiter:innen selbst, "wir wissen ja, dass wir auf den Schäden sitzenbleiben", sagt B. Der Vorsitzende hat andere Zahlen, hält diese dem Zeugen vor. "Ich will mich nicht um 5.000 Euro streiten", sagt B. 

Anzeige

Verteidigung gegen Beweis per 3D-Modell

Das wollen die Verteidiger:innen auch nicht, Nachfragen zu den Werten gibt es nicht. Ihnen geht es vielmehr darum, wer die Kameras in dem Laden gereinigt oder angefasst hat und wer ein Video von dem Angriff ins Internet gestellt hat. Das wisse er nicht, sagt B. dazu. Kurz darauf ist auch er aus dem Zeugenstand entlassen.

Womöglich geht es bei den Fragen zur Kamera schon um Aufnahmen, die auch der Gutachter herangezogen hat, der für kommende Woche geladen ist. Der hat 3D-Modelle von einem Skelett erstellt, mit dem Täter:innen identifiziert werden sollen. Dafür wurden von der Angeklagten Emilie D. in der JVA Fotos gemacht, die dann mit Aufnahmen von den Angriffen abgeglichen wurden. 

Aus Sicht der Verteidigung gibt es für die Anwendung dieser Methode keine gesetzliche Grundlage, zumindest nicht ohne eine richterliche Anordnung. Die Aufnahmen unterlägen schon einem Beweiserhebungsverbot, hilfsweise einem Beweisverwertungsverbot. Diverse Gerichte hätten bei dieser Methode bereits "durchgreifende Bedenken" geäußert und die Ergebnisse nicht als Beweise herangezogen. 

Wie der Senat in Düsseldorf das sieht, wird sich am nächsten Prozesstag am 27. Januar zeigen.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Budapest-Komplex vor dem OLG Düsseldorf: . In: Legal Tribune Online, 21.01.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59123 (abgerufen am: 11.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Beweisverwertungsverbot
    • Extremismus
    • Rechtsextremismus
    • Strafverfahren
    • Ungarn
Der Angeklagte steht mit seinem Verteidiger Dirk Gerlach am Verhandlungstisch im Saal 137 des Landgerichts und verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner. 11.08.2026
Mord

LG Saarbrücken zur tödlichen Zwangsräumung:

Zehn Jahre Haft wegen Mordes

Bei einer Zwangsräumung tötete ein Mann den Gerichtsvollzieher mit mindestens 13 Messerstichen. Das LG Saarbrücken wertete das als Mord, ging wegen der schizophrenen Erkrankung des Täters aber von verminderter Schuldfähigkeit aus.

Artikel lesen
Richterin Isabel Hildebrandt, Vorsitzende Richterin am Landgericht, auf ihrem Platz hinter der Richterbank. 10.08.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 66:

Aus­ge­rechnet auf der Ziel­ge­raden meldet sich der nächste Israeli

Eigentlich hat das Gericht sein Beweisprogramm schon für abgeschlossen erklärt, da meldet sich der nächste, mutmaßlich an der Entführung in der Silvesternacht beteiligte Israeli. Muss die Kammer diesen möglichen Zeugen jetzt anhören?

Artikel lesen
Außenaufnahme des Verwaltungsgericht Karlsruhe 07.08.2026
Beamte

Wegen Nähe zur Muslimbruderschaft:

VG Karls­ruhe lehnt Ver­beam­tung ab

Eine Mitarbeiterin der Karlsruher Ausländerbehörde wird nach einem Urteil des VG Karlsruhe nicht verbeamtet – wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue. Der Verfassungsschutz sah bei ihr eine ideologische Nähe zur Muslimbruderschaft.

Artikel lesen
Ein Hinweisschild mit Bundesadler und dem Schriftzug Bundesgerichtshof, aufgenommen vor dem Bundesgerichtshof. 07.08.2026
Extremismus

BGH bestätigt Beugehaft:

Lina E. hat kein Aus­kunfts­ver­wei­ge­rungs­recht

Lina E. hatte gerade erst das Gefängnis verlassen, da verweigert sie vor Gericht die Aussage zu Angriffen der Antifa-Ost-Gruppe. Die dafür angeordnete Beugehaft hält einer Prüfung aus Karlsruhe stand.

Artikel lesen
Außenansicht des Bundesgerichtshofs. 06.08.2026
Kriegsverbrechen

BGH zu Kriegsverbrechen in Syrien:

Lebens­lange Frei­heits­strafe für ehe­ma­ligen Mili­zionär

Wegen der Beteiligung an Vertreibungen, Tötungen und Misshandlungen von Zivilisten in Syrien muss ein ehemaliger schiitischer Milizionär lebenslang in Haft. Der BGH bestätigte das Urteil des OLG Stuttgart.

Artikel lesen
Der Angeklagte Farhad N. (3.v.l.) steht zu Prozessbeginn mit seinen Anwälten Ömer Sahinci (l) und Johann Bund (2.v.l.) im Prozesssaal. 06.08.2026
Extremismus

OLG München:

Lebens­lange Haft nach Auto-Anschlag auf Verdi-Demo

Farhad N., der 2025 mit seinem Auto in eine Demonstration in München raste und zwei Menschen tötete, muss lebenslang ins Gefängnis. Das Gericht sieht ein islamistisches Motiv und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Unabhängiger Kontrollrat
Voll­ju­ris­tin­nen oder Voll­ju­ris­ten (w/m/d) als Re­fe­ren­tin oder Re­fe­rent für...

Unabhängiger Kontrollrat, Ber­lin

Logo von PwC Legal AG
Syn­di­kus­rechts­an­walt - Ver­trags­ver­hand­lung und IT (w/m/d)

PwC Legal AG, Frank­furt am Main

Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt Li­ti­ga­ti­on, Ar­bi­t­ra­ti­on (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Logo von PwC Legal AG
Syn­di­kus­rechts­an­walt - Ver­trags­ver­hand­lung und IT (w/m/d)

PwC Legal AG, Düs­sel­dorf

Logo von FernUniversität Hagen
Wis­sen­schaft­li­che*n Mit­ar­bei­ter*in (w/m/d) am Lehr­stuhl für Bür­ger­li­ches...

FernUniversität Hagen, Ha­gen

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Re­fe­ren­da­rin/Re­fe­ren­dar (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
Schnittstellen Miet- und WEG-Recht: Erprobte Konzepte bei Problemen mit der vermieteten ETW

18.08.2026

Fehlerquellen im Erbschaftsteuerrecht

18.08.2026

Kommunikation über das eigene Arbeitsverhältnis

18.08.2026

Online-Seminar: Wichtige Aspekte beim Immobilienkauf im Notariat

18.08.2026

Compliance Lunch: NIS2 – Update: Sicherheit in der Lieferkette

19.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH