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Vertragstheoretiker mit Nobelpreis geehrt: Das Recht von der Wirt­schaft gedacht

von RA Peter Scherer, LL.M (I.U.)

28.10.2016

Verträge

© Traumbild - Fotolia.com

Der diesjährige Nobelpreis für Ökonomie wurde an zwei Professoren für ihre Verdienste um die Vertragstheorie verliehen. Peter Scherer erklärt ihre wichtigsten Thesen.

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Wieder einmal haben es zwei in den "Olymp" geschafft und von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften am 10. Oktober 2016 den Nobelpreis für Ökonomie zugesprochen bekommen. Dieses mal sind es keine Amerikaner, sondern Europäer, ein Finne und ein Engländer, Bengt Holmström und Oliver Hart, die aber beide als Professoren in den USA lehren, der eine am MIT und der andere in der benachbarten Harvard University in Cambridge bei Boston.

Das ungewöhnliche an der Wahl: Eigentlich geht es bei dem Werk von Hart und Holmström nicht um ökonomische Theorie – jedenfalls nicht im engeren Sinne. Geehrt wurden die beiden vielmehr für ihre Beiträge zur Vertragstheorie (contract theory).

Das Recht mit den Mitteln der Ökonomie ergründen

Schon seit einigen Jahrzehnten  bereichern oder quälen (je nach Sichtweise) Ökonomen und Juristen die Welt mit der sogenannten "ökonomische Analyse des Rechts". Zum Teil mit interessanten Ergebnissen (zum Beispiel im Haftungsrecht oder Urheberrecht), zum Teil aber auch mit skurrilen Folgen, etwa wenn kleine Geister aus guten Analysen den Schluss ziehen, dass es sich für den Staat nicht lohne, in Delikten zu ermitteln, bei denen die statistische Aufklärungsquote zu gering ist, was ja letztlich bedeutet, dass der Staat sich moralisch selbst aufgibt, indem er Zweckmäßigkeit über seinen eigenen Strafanspruch stellt. So zumindest die Erfahrung aus der Praxis.

Die Vertragstheorie ist ein wichtiges Gebiet solcher Analysen und befasst sich mit der Frage, wie Verträge beschaffen sein sollten – und warum. Das kann dabei helfen, sie künftig besser zu gestalten.
Und das ist wichtig, denn Verträge sind wichtig. Nicht umsonst haben die Römer schon vor über 2.000 Jahren den Grundsatz "pacta sunt servanda" (Verträge müssen eingehalten werden) aufgestellt.

Gerade unter Ökonomen ist zudem die Vorstellung verbreitet, die Welt lasse sich als eine Art Sammlung alles erfassender Verträge erklären. Vor diesem Hintergrund sind die Forschungen von Holmström und Hart zu verstehen.

Holström: Spannungsverhältnis von Anreiz und Absicherung

Das Nobel-Komitee hat in einem Hintergrundpapier (Kungl. Vetenskaps-Akademien, The Prize in Economic Sciences 2016, Contract Theory, Stockholm, 10 October 2016) Gesichtspunkte formuliert, die die Bedeutung der Arbeit von Holström (Punkt 1 bis 3) und Hart (Punkt 4 bis 7) ausmachen:

  • Spannungsfeld zwischen Absicherungen und Anreizen: Wer für sein Verhalten vertraglich voll abgesichert sei, tendiere dazu, sich unvorsichtiger zu verhalten ("moral hazard"). Daher erkläre Holmström dieses Spannungsverhältnis als Kombination zweier Faktoren (z. B. in Versicherungsverträgen): Interessenkonflikt und Berechenbarkeit von Verhalten. Wahrscheinlich eine gute Antwort im Hinblick auf einen Homo Oeconomicus, aber in der Praxis gibt es sicherlich auch viele Menschen, deren Risikoappetit ganz anders strukturiert ist (ängstliche bzw. Spielertypen).
  • Leistungsabhängige Bezahlung: Obgleich leistungsabhängige Bonifikationen (Boni) grundsätzlich zu begrüßen seien, sei deren konkrete Ausgestaltung oft schwer. So genüge eine Koppelung der Bezahlung allein an den Aktienkurs eines Unternehmens oft nicht, weil dieser auch von externen Faktoren (Ölpreisentwicklung etc.) beeinflusst werde. Besser sei eine Koppelung an den Vergleich der Leistungen des eigenen Unternehmens zu denen der Konkurrenzunternehmen. Außerdem würden sich flexible Einkommen nicht für Unternehmen mit extremen Risiken eignen, z. B. Banken. Die Schöpfer der Institutsvergütungsregeln im Bankensektor und die Bankenaufseher werden das gerne lesen, der eine oder andere Londoner Bankmanager eher weniger.   
  • Starke oder ausgewogene Anreize: Das ist Holmström wichtig, weil z. B. Jüngere einen stärkeren Anreiz zu harter Arbeit hätten als Ältere, weil sie eher mit den langfristigen Folgen ihres Handelns leben müssten, während Ältere vielleicht eher einen kurzfristigen Ertrag (z. B. Bonus) einstreichen wollten, auch wenn das für das Unternehmen nachteilhaft sei. Erkennbar hat Holmström für seine Thesen nicht das Verhalten der Unternehmer und Manager des deutschen Mittelstands empirisch untersucht, die gerne bis ins hohe Alter hinein an ihrem Lebenswerk arbeiten und nie auf die Idee kämen, Nachhaltigkeit kurzfristigem Ertrag zu opfern.
Seite 1/2
  • Seite 1:

    Die Thesen von Bengt Holmström…

  • Seite 2:

    ... und die von Oliver Hart

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Vertragstheoretiker mit Nobelpreis geehrt: . In: Legal Tribune Online, 28.10.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21007 (abgerufen am: 19.04.2026 )

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