Am 25. Prozesstag schildert der Organisator der Entführung minutiös den Ablauf und wie die Aktion fast abgebrochen worden wäre. Sein Narrativ der Gewaltfreiheit gerät ins Wanken, als die Vorsitzende seine Aussage Punkt für Punkt prüft.
Die Vorsitzende Isabel Hildebrandt tritt an diesem 25. Verhandlungstag des Block-Prozesses mit einem entspannten Lächeln ein, gibt Fotografen großzügig Zeit – ein seltener Moment der Lockerheit in einem Verfahren, das seit Wochen von Anspannung und Misstrauen geprägt ist. Doch nur wenig später geht es wieder zur Sache. Krimireif – wäre es nicht die Realität. Die Vernehmung von David Barkay wird fortgesetzt, Ex-Mossad-Agent und Geschäftsführer der israelischen Sicherheitsfirma Cyber Cupula. Er selbst leitete die Entführungsaktion der Block-Kinder in der Silvesternacht 2023/24.
Die Erzählung eines Mannes, der sich im Recht wähnte
Nachdem die Vorsitzende anordnet: "Bitte rufen Sie den Zeugen mit seinen Begleitern rein", und Barkay erneut von seinen Sicherheitsmännern und Anwälten in den Saal eskortiert wird, setzt Barkay dort an, wo er am Vortag aufgehört hatte: Im von ihm so bezeichneten "Eskalationszeitraum". Einer Zeit im Sommer 2023, wo durch zeitlich eng aufeinandertreffende Geschehnisse eine Dynamik entstand, infolgedessen Christina Blocks Zustand erheblich verzweifelt gewesen sei. Sie sei davon überzeugt gewesen, dass der Streit um ihre jüngsten Kinder, die seit einem Umgangswochenende im August 2021 bei ihrem Vater in Dänemark zurückgeblieben waren, zu einer "ewigen Rechtssache" würde, die sie von ihren Kindern auf unabsehbare Zeit trenne.
Dann erzählt Barkay von einem Hinweis, den Christina Block "Olga", einer Mitarbeiterin von Cyber Cupula gegeben habe. Und zwar, dass die Familie Hensel alljährlich beim Jahreswechsel das Feuerwerk betrachte. Für Barkay habe das wie ein Wink geklungen: "Wir haben das so verstanden, dass das vielleicht eine Möglichkeit sei. Mit minimaler Anwendung von körperlicher Gewalt." Dabei bezieht er sich auf eine mögliche Rückholung der Block-Kinder bei einer solchen Gelegenheit. Und sofort schiebt er hinterher: "Ich möchte wiederholen und bekräftigen, dass von Anfang an klar war, dass keine Gewalt ausgeübt werden sollte."
Barkay berichtet, er habe einen "klaren Auftrag" erhalten: "Wir wurden angewiesen, die Kinder zurückzuholen und einen Ort zu finden, an dem sich die Kinder erholen könnten." Was folgt, wirkt wie die Selbsterzählung eines Mannes, der glaubt, die Rolle des Retters einzunehmen. Er beschreibt, wie er in Israel ein Team aus "Fahrern und Kampfkünstlern" zusammengestellt habe, Männer, die in der Lage seien, "sich zu kontrollieren und ausgebildet seien, um mit möglichst geringem Aufwand Operationen möglichst effektiv durchzuführen". Konkret hätten diese in der Lage sein sollen, "Herrn Hensel für einige Sekunden in Schach zu halten".
Wichtig sei für ihn gewesen, dass alles rechtlich unproblematisch sei. Das Credo sei gewesen: "Wir helfen einer verzweifelten Mutter, deren Kinder entzogen wurden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Anlass, dies anzuzweifeln."
Das Meeting am 28. Dezember 2023
Nachdem Barkay und sein Team Ende Dezember 2023 nach Hamburg reisten, sei es am 28. Dezember zu einem Meeting mit Christina Block und seinem Team gekommen. Ihm sei es ein wichtiges Anliegen gewesen, dass sein Team in Deutschland Block selbst hört: Das Team habe wissen sollen, dass sie "kein rechtliches Problem" hätten und "das Richtige tun würden". Er beschreibt, wie die Stimmung im Raum damals emotional geworden sei. In diesem Moment wird er emotional, ringt scheinbar mit seinen Tränen.
Sodann nennt er drei Gründe, die belegen sollen, dass er von der Legalität des Vorhabens überzeugt gewesen sei: Zum einen habe er von einem früheren erfolglosen Rückholversuch in Dänemark gehört. Die daran beteiligten ehemaligen Polizisten seien in Dänemark zwar zunächst verhaftet, aber kurze Zeit später bereits freigelassen worden. Des Weiteren habe ihn der mitangeklagte Anwalt der Familie Block vergewissert, dass die Rückholung der Kinder rechtlich unbedenklich sei. Letztlich habe Barkay im Vorfeld der Entführung langfristige geschäftliche Entscheidungen in Deutschland getroffen, wie Firmengründungen und Mietverträge in Hamburg.
Die Entführung: Eine Entscheidung, die nur Sekunden dauerte
Barkay schildert, wie das Team am 30. Dezember 2023 nach Gravenstein, dem Wohnort der Hensels in Dänemark gefahren, den Ort ausgekundschaftet und am 31. Dezember schließlich zur Rückholungsaktion bereitgestanden habe. Gegen 23 Uhr sei das gesamte Team vor Ort gewesen, er selbst habe den israelischen Mitangeklagten, der sich in Untersuchungshaft befindet, und zwei Männer ausgewählt, die Hensel für einige Sekunden neutralisieren sollten.
Er beschreibt, wie er und "Olga" das Haus überprüft und die gesamte Familie beisammen gesehen hätten. Aus diesem Grund habe Barkay das Vorhaben zunächst abbrechen wollen. Die Situation sei zu kompliziert gewesen. Doch plötzlich hätten sich die Ehefrau Hensels, Astrid Have, und die gemeinsame Tochter ins Haus zurückgezogen. Hensel und die beiden Block-Kinder hätten sich nunmehr alleine am Hafen befunden und das Feuerwerk betrachtet. Barkay habe innerhalb von Sekunden entschieden, diesen Moment auszunutzen. Die Situation sei gekippt. Barkay sagt: "Ich bat die zwei Fahrer in die Richtung der Familie zu kommen." Die "Kämpfer" instruierte er, Hensel kurz außer Gefecht zu setzen. Dann sei alles schnell gegangen: Überwältigung Hensels, Entziehen der Kinder und das Verbringen dieser in die mitgeführten Vans.
Barkay sei zur dänisch-deutschen Grenze vorgefahren und habe auf deutscher Seite an einem Wald mit einem vorher erworbenen Wohnmobil auf die “Kampfkünstler” mit den Block-Kindern gewartet. Diese hätten die Block-Kinder während des Transports durch den Wald auf ihren Rücken getragen. "So wie ich es erinnere, waren die Hände der Kinder zusammengebunden", sagt er. Ein Moment, der ihn selbst "ein ungutes Gefühl" gekostet habe, weil das gegen seine eigenen Vorgaben verstoßen habe.
Später, im Wohnmobil, hätten die Kinder die meiste Zeit geschlafen. Man habe ihnen erklärt, sie würden ihre Mutter sehen. Während der Fahrt habe "Olga" Christina Block über die laufende Durchführung informiert. Barkay betont, Block habe nicht explizit gewusst, ob und wann genau sie eine Rückholung tatsächlich vornehmen würden. Auch das Team selbst habe dies offen gelassen, da unklar gewesen sei, ob die Operation überhaupt erfolgreich umgesetzt werden könnte.
Auf der Alpakafarm der Tochter eines Auftraggebers Barkays in Süddeutschland sei es zur "Wiedervereinigung" gekommen. Barkay beschreibt, wie er die Familie beisammen gesehen habe: "Ich war glücklich."
Doch nur Minuten später beschreibt er den Kontrollverlust des Geschehens: Bei der Entführung sei ein Alarmknopf ausgelöst worden, die Polizei habe sich daraufhin sofort eingeschaltet. Christina habe schnellstmöglich zurück nach Hamburg gewollt. Barkay habe sein Team angewiesen, Deutschland zu verlassen und sei selbst sprungartig über Amsterdam nach Israel zurückgekehrt.
Damit endet seine freie Darstellung. Seine Erzählung ist dicht, dramatisch - und doch brüchig. Die Bruchstellen treten offen zutage, als die Vorsitzende Hildebrandt übernimmt – ruhig und wach, mit präzisen und logischen Fragen.
Laut Barkay ging es von Anfang an um die Kinder
Mit ihren Fragen legen Schicht für Schicht frei, wie wenig von Barkays Dastellung mit der Einlassung Blocks übereinstimmt. Während er von lang angelegten Rettungsplänen erzählt, behauptet Block in ihrer Einlassung, es sei vornehmlich um die Cybersicherheit des Hotel Grand Elysee gegangen und die Informationsbeschaffung bezüglich der Kinder habe sich erst später ergeben. Immer wieder antwortet Barkay kurz, ausweichend, teilweise am Kern vorbei.
In einem Vorhalt der Vorsitzenden wird besonders deutlich, wie weit die Darstellungen auseinanderliegen. Barkay schilderte am vergangenen Verhandlungstag ein erstes Treffen mit Block habe in einem italienischen Restaurant stattgefunden, wo sie ausschließlich über die Kinder gesprochen hätten. Block berichtete hingegen in ihrer Einlassung ein Treffen "Ende Januar in der Lobby eines Hotels nahe des Rödingsmarkts", bei dem Barkay Penetrationstests, Firewalls seines Unternehmens und eine technische "Vor-Ort-Prüfung" präsentiert habe – es sei ausschließlich um Sicherheitsmaßnahmen für das Grand Elysee gegangen.
Barkay jedoch widerspricht: Er könne sich nicht erinnern, dass ein solches Treffen stattgefunden hätte. Die Cybersicherheit des Hotels sei erst Ende des Jahres 2023 thematisiert worden.
"Achso!"
Die Vorsitzende fragt nach den erheblichen Geldzahlungen, die in bar geflossen sind: 150.000 € Vorauszahlung vom Familienanwalt an Barkays Mitarbeiter im Januar 2023, dann weitere 50.000 €, und später 20.000 € von Christina Block direkt. Insgesamt sollen es 250.000 € gewesen sein. Zur Begründung führt Barkay an. Es habe sich dabei um den Betrag gehandelt, welchen die deutsche Sicherheitsfirma bei dem früheren, vergeblichen Rückholungsversuch erhalten habe. Auf Rückfrage der Vorsitzenden, warum es sich um Bargeldbeträge gehandelt habe, äußert Barkay, man habe zunächst nicht nach Hamburg kommen wollen und vorgeschlagen, die Vorauszahlung überweisen zu lassen. Allerdings habe es der "Familienanwalt vorgezogen, nicht auf diese Art und Weise zu arbeiten. Er wollte das Geld in bar zahlen und wir waren offen dafür."
Die Frage der Vorsitzenden, was mit dem Bargeld gemacht wurde, beantwortet Barkay: Ein Teil des Bargelds wurde nach Israel transportiert, ein anderer Teil wurde in Deutschland verwendet, um Ausrüstung zu kaufen und für Ausgaben aufzukommen und ein Teil des Geldes wurde verwendet, um Unternehmen einzurichten. Der Transfer des Geldes nach Israel sei auf rechtlich zulässigem Weg erfolgt. Darauf die Vorsitzende in leicht ironischem Ton knapp: "Achso!"
“Operation Golden Ice #5”
Doch wie “gewaltfrei” war der Plan der Rückholung der Kinder wirklich? Die Vorsitzede konfrontiert Barkay mit dem "Operation Golden Ice #5 - Full Spectrum Surveillance & Rescue Plan" (Umfassender Überwachungs- und Rettungsplan). Zeitraum: 15. Februar bis 15. April 2023. Zunächst verweist Barkay auf Erinnerungslücken. Doch nachdem die Vorsitzende den Vorhalt von Akteninhalten in Aussicht stellt, tauchen Details in Barkays Erinnerungen plötzlich wieder auf.
Der Plan habe vorgesehen, die Kinder "unter Umgehung lokaler polizeilicher Überwachung unter Einsatz minimalen Zwangs" zu "retten". Eingesetzt werden sollte ein "Spezialteam" (Special Forces) bezeichnet als "Team Delta" - "Leute mit einem militärischen Hintergrund", bestehend aus vier israelischen Untergrundkämpfern männlichen und weiblichen Geschlechts mit konkreten Personenbeschreibungen. Als die Vorsitzende ihn fragt, wie das zu einem gewaltfreien Vorgehen passen soll, antwortet er: "Für mich überhaupt gar kein Problem."
Was er unter "minimalem Zwang" verstehe? Das seien "Menschen wie der israelische Mitangeklagte (nennt seinen Vornamen)", gut trainierte Kampfkünstler. Der mitangeklagte Israeli lächelt sichtbar zufrieden. Unter Hinweis einer anderen Passage "Attack if needed" (Angriff soweit erforderlich) kontert die Vorsitzende: Im Deutschen sei schon eine geringfügige Überwindung von Widerstand Gewalt. "Sehen Sie das auch so?" - "Ja", sagt Barkay. Ein Moment, in dem seine bisherigen Beteuerungen ersichtlich wanken.
Immer wieder verteidigt er den Plan mit derselben Formel: Er habe ihn "mit null Daten" nur mit Informationen aus dem Internet erstellt. Es erscheint, als habe es sich bei dem Plan um eine pauschale Blaupause gehandelt, den er ohne jegliches Detailwissen angefertigt hat. Barkay beteuert: Nur für das "Worst-Case-Szenario". Doch die Diskrepanz zwischen angeblicher Unklarheit und militärischer Präzision einer Eliteoperation bleibt im Raum stehen. Den Plan habe er übrigens Christina Block und dem Familienanwalt in dieser Form vorgestellt, so Barkay. Diese hätten den Auftrag zunächst allerdings explizit nur auf die Informationsbeschaffung hinsichtlich der Kinder beschränkt.
Befangenheitsantrag Numero 8
Es wäre nicht der Block-Prozess, wenn es nicht auch an diesem Verhandlungstag zu Ärger zwischen Verteidigung und Gericht käme. Nach dem anspruchsvollen Vernehmungstag folgt der finale Akt: Dr. Marko Voß, Verteidiger des Familienanwalts, erhebt einen weiteren Befangenheitsantrag gegen die Berufsrichter der Kammer gemäß § 24 Abs. 1 Strafprozessordnung (StPO). Zur Begründung dieses achten Befangenheitsantrags führt er an, diesem liege die Zurückweisung eines Befangenheitsantrags gegen die Schöffen als unzulässig zugrunde.
Aufgrund der selektiven Weitergabe von Akteninhalten des Verfahrens an die Medien erfolge eine unrechtmäßige Einflussnahme auf die Schöffen. In der Zurückweisung dieses Befangenheitsantrags gegen die Schöffen als unzulässig nach § 26a Abs. 1 Nr. 3 StPO unterstellte die Kammer diesem allerdings, dass es sich dabei um einen vorgeschobenen Grund handele und er "nur zur Verschleppung des hiesigen Verfahrens" gestellt worden sei. Voß dagegen spricht von einer "puren, absurden Behauptung". In einem fast einstündigen Vortrag versucht Voß unter Bezugnahme auf die bisherigen Befangenheitsanträge und einschlägiger Rechtsprechung zu begründen, dass sämtlichen Befangenheitsanträgen ein sachliches Fundament zugrunde gelegen habe.
Während Voß seinen Befangenheitsantrag begründet, reagieren die Berufsrichter sichtbar: Zunächst mit einem entspannten Lächeln, später zunehmend gelangweilt.
Voß' abschließendes Resümee zur Zurückweisung des Befangenheitsantrags gegen die Schöffen: "Damit haben sich die Richter der Kammer abschließend und umfassend disqualifiziert."
Weiter geht es im Prozess am Dienstag, den 16. Dezember 2025.
Weitere Aussage des "Kronzeugen" im Block-Prozess: . In: Legal Tribune Online, 12.12.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58854 (abgerufen am: 17.02.2026 )
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