Druckversion
Mittwoch, 7.10.2026, 09:30 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/lg-karslruhe-21o400-18-thomas-fischer-klage-journalistin-taz-stgb-kommentar-schlecht-fuer-rechtsprechung-schlamperei
Fenster schließen
Artikel drucken
37895

Urteil des LG Karlsruhe: Erfolg für Thomas Fischer

von Dr. Christian Rath

27.09.2019

Thomas Fischer

(c) dpa

Ex-Bundesrichter Thomas Fischer hat im Zivilprozess gegen die Journalistin Gaby Mayr überwiegend obsiegt. Die Journalistin muss drei von vier streitigen Äußerungen zu Fischers Kommentierung von § 219a StGB unterlassen.

Anzeige

Der Konflikt begann im Jahr 2018. Deutschland diskutierte über § 219a Strafgesetzbuch (StGB), der "Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft" mit Strafe bedroht. Betroffen sind auch ÄrztInnen wie Kristina Hänel, die im Internet sachlich auf ihr eigenes Angebot hinweisen.

Die Journalistin Gaby Mayr stellte im Frühjahr 2018 in zwei Beiträgen im Deutschlandfunk und in der taz die These auf, dass für diese Verurteilungen der Kommentar von Thomas Fischer zum Strafgesetzbuch mitverantwortlich sei. Mayrs Vorwurf: Mindestens zwei Gerichte hätten in ihren Urteilen einen Satz aus dem Kommentar abgeschrieben und für die Begründung verwendet: Paragraf 219 a solle verhindern, "dass die Abtreibung in der Öffentlichkeit als etwas Normales dargestellt und kommerzialisiert wird".

Genau so habe es schon Fischers Vorgänger Herbert Tröndle formuliert, ein fanatischer "Lebensschützer", der gegen jede Liberalisierung der Rechtslage beim Schwangerschaftsabbruch gekämpft habe. Dessen Kommentierung lebe bei Fischer fort, so Mayr.

Fischer reagierte einige Wochen später mit einem polemischen Beitrag auf der Webseite Meedia. Im Kern stellte Fischer dabei klar, dass das Zitat lediglich die Begründung des Gesetzgebers aus dem Jahr 1974 wiedergab. Im Kommentar sei die Quelle auch angegeben worden.

Die Journalistin antwortete eine Woche später, ähnlich polemisch, auf Meedia. Dabei erklärte sie es für "irrelevant", dass Fischer nur die Gesetzesbegründung zitiert hatte und erhob einen neuen Vorwurf: Fischer habe die Gesetzesbegründung selektiv zitiert und einen ebenso wichtigen Satz weggelassen: "Andererseits muß die Unterrichtung der Öffentlichkeit (durch Behörden, Ärzte, Beraterstellen) darüber, wo zulässige Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, möglich sein." Das Weglassen dieses Satzes sei, so Mayr, "grobe handwerkliche Schlamperei".

Das wollte Thomas Fischer, bis 2017 Vorsitzender Richter am 2. BGH-Strafsenat, nicht auf sich sitzen lassen. Er mahnte Mayr ab, ohne Erfolg, und verklagte sie dann zivilrechtlich beim Landgericht Karlsruhe auf Unterlassung, Widerruf und Schadensersatz.

Was Mayr nicht mehr sagen darf

Mit drei von vier Punkten hatte Fischer Erfolg. Folgende Aussagen muss Journalistin Mayr laut Landgericht Karlsruhe (Urt. vom 27. 9. 2018, Az. 21 O 400/18) künftig unterlassen:

  • "Die Kommentierung von Herbert Tröndle zum Schwangerschaftsabbruch lebt im Kommentarwerk des Klägers weiter."
  • "Der Einsatz des Strafrechtskommentars der beiden Juristen Herbert Tröndle und Thomas Fischer durch Staatsanwaltschaften und Gerichte im Zusammenhang mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch ist schlecht für die Rechtsprechung."
  • "An der Kommentierung zum Paragrafen 219a StGB hat der Kläger auch in der 65. Aufl. von 2018 nichts verändert, außer der Rechtschreibung."

Die erste und dritte Äußerung muss Mayr zusätzlich "durch schriftliche Erklärung" gegenüber Fischer widerrufen. Außerdem muss sie Fischer Schadensersatz in bisher nicht bezifferter Höhe bezahlen. Fischer befürchtete, dass Mayrs Äußerungen den Absatz seines Kommentars beeinträchtigen würden. Die Kosten des Verfahrens wurden zu 75 Prozent der beklagten Journalistin auferlegt. Mayrs Anwalt Gernot Lehr will (vorbehaltlich einer näheren Prüfung des Urteils) seiner Mandantin empfehlen, gegen die ersten beiden Unterlassungs-Anordnungen Berufung einzulegen.

Nur in einem Punkt wurde Fischers Klage abgewiesen. Mayr darf weiter behaupten, Fischers Kommentar zu § 219a beruhe auf "grober handwerklicher Schlamperei". Vermutlich wird deshalb auch Fischer Rechtsmittel einlegen. Den Vorwurf der Schlamperei dürfte er als besonders geschäftsschädigend empfinden.

LG: Tröndle-Kommentierung "grundlegend geändert"

Die Vorsitzende Richterin Christina Walter verlas bei der Verkündung nur den Tenor und verzichtete auf jede Begründung der Entscheidung. Aus dem schriftlichen Urteil, das LTO inzwischen vorliegt, ergibt sich jedoch Folgendes:

Das Landgericht stuft die Behauptung, Tröndles Kommentierung zum Schwangerschaftsabbruch lebe in Fischer Kommentar fort, als "unwahre Tatsachenbehauptung" ein. Beim Publikum werde der Eindruck erweckt, dass zumindest die Grundgedanken und maßgeblichen Positionen Tröndles im Kommentar immer noch vertreten würden. In Wirklichkeit habe Fischer aber die Kommentierung der §§ 218 ff. StGB "grundlegend geändert", so das Landgericht, und vertrete nun "inhaltliche Positionen, die denen des Vorautors Tröndle diametral widersprechen". Tröndle werde nur noch als "Extremposition" kritisiert, die keine Legitimität habe. Das Landgericht ließ auch den Einwand Mayrs nicht gelten, dass sie sich nur auf die Kommentieung zu § 219a StGB bezogen habe. Diese Deutung sei "ausgeschlossen", da Mayr über Tröndles Haltung zu § 219a "kein Wort" geäußert habe.

Die Aussage, dass Fischers Kommentar im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen "schlecht für die Rechtsprechung" sei, wertet das Landgericht zwar als Werturteil. Dieses Werturteil basiere jedoch auf den falschen Tatsachenbehauptungen, dass Tröndles Kommentierung zu diesem Thema in Fischers Kommentar weiterlebe und dass Tröndle noch Autor sei.

Die Formulierung, dass Fischer an Tröndles Kommentierung zu § 219a nichts geändert habe außer der Rechtsschreibung, wird vom Landgericht wiederum als "unwahre Tatsachenbehauptung" gesehen. Das war zu erwarten. Anwalt Lehr hatte in der mündlichen Verhandlung auch schon die Klarstellung angeboten, dass sich Mayrs Aussage nur auf Randziffer 1 der Kommentierung beziehe.

Anzeige

LG: "Grobe handwerkliche Schlamperei" darf Mayr weiter sagen

Überraschend hat das Landgericht den Vorwurf der "groben handwerklichen Schlamperei" als rechtmäßig eingestuft. Dies sei eine Meinungsäußerung. Dadurch werde nicht der Eindruck erweckt, dass Fischers Kommentierung zu § 219a hinter den wissenschaftlichen Anforderungen zurückbleibe.

Vielmehr werde dem Rezipienten im Kontext deutlich, dass Fischers Kommentierung den anderen Strafrechts-Kommentaren und der Rechtsprechung - damit also dem juristischen Handwerk - entspreche, aber von der Rechtsauffassung der Journalistin abweiche, so das LG. Tatsachenkern ihres Schlamperei-Vorwurfs sei, dass ein bestimmter Satz aus der Gesetzesbegründung von Fischer nicht zitiert werde, obwohl sich daraus ergebe, dass der Gesetzgeber sachliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche nicht bestraft sehen wollte. An anderer Stelle gebe Fischer den Satz unvollständig wieder, indem er im Zusammenhang mit sachlichen Informationen nur "Behörden" und "Beratungsstellen" explizit erwähne, nicht aber "Ärzte".

Mayrs Schlamperei-Vorwurf sei auch zulässig, so das Landgericht, weil sie sich auf ein "Recht zum Gegenschlag" berufen könne. Fischer hatte zuvor über Mayr geschrieben: "Mayr, Journalistin, weiß nicht, wovon sie spricht. Sie hat, so drängt sich auf, nichts nachgelesen, kein Zitat geprüft, nichts verstanden, und keine Ahnung vom juristischen Veröffentlichungswesen."

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Urteil des LG Karlsruhe: . In: Legal Tribune Online, 27.09.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/37895 (abgerufen am: 08.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Zivil- und Zivilverfahrensrecht
    • Fachliteratur
    • Journalismus
    • Richter
    • Unterlassung
  • Gerichte
    • Landgericht Karlsruhe
Christina Block steht im Gerichtssaal. Im Hintergrund sind die Richter:innen zu sehen 07.10.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 81:

Ein Tag, den es nicht gebraucht hätte

Nach über 80 Verhandlungstagen hätte man sich den 81. wohl sparen können: Kaum eine halbe Stunde geht er, Beweisprogramm gibt es keins. Für Unruhe sorgen Entwicklungen bei den IT-Asservaten – und die Verhaftung von Ex-BND-Chef Hanning.

Artikel lesen
Roman Poseck (CDU), Innenminister von Hessen, spricht am 05.09.2026 beim Festakt zur Verabschiedung des Oberbürgermeisters der Stadt Hanau 02.10.2026
Unterlassung

Streit mit den Linken um "Clan-Aussage":

Poseck lehnt Unter­las­sung­s­er­klärung ab, Schuster löscht

Auf Instagram sprach Hessens Innenminister Poseck u.a. von einem "Clan-Problem der Berliner Linken". Die geforderte Unterlassungserklärung wird der CDU-Mann nicht abgeben, betonte er am Freitag. Anders reagierte Sachsens Innenminister.

Artikel lesen
Spitzenkandidatin der Berliner Linken Elif Eralp mit den Berliner Vorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer. 29.09.2026
Die LINKE

Nach Anzeige gegen Dobrindt wegen Antisemitismusäußerung:

Ber­liner Linke geht auch gegen Minis­terin Reiche vor

Die Berliner Linke um Spitzenkandidatin Elif Eralp sieht sich Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt. Nach der Anzeige gegen den Bundesinnenminister unternimmt die Partei nun auch rechtliche Schritte gegen zwei weitere CDU-Politikerinnen.

Artikel lesen
Gertrude Lübbe-Wolff in der roten Robe der Bundesverfassungsrichter:innen 26.09.2026
BVerfG

Ex-Verfassungsrichterin Lübbe-Wolff:

"Das Gericht ist kreativ, aber nicht akti­vis­tisch"

Warum schwindet das Vertrauen in Deutschlands beliebtestes Gericht? Im Interview plädiert Gertrude Lübbe-Wolff auch für AfD-nominierte Richter, erklärt, warum das BVerfG nicht aktivistisch und eine Richterwahl per Ausschreibung eine gute Idee ist.

Artikel lesen
Verfassungsrichter Prof. Dr. Martin Eifert, LL.M macht ein Selfie mit Schülerinnen 26.09.2026
BVerfG

Bundesverfassungsrichter besuchen Schulen:

"Kann ich ein Selfie?"

Das Bundesverfassungsgericht wollte seinen 75. Geburtstag nicht nur mit einem Festakt feiern, sondern auch an Schulen in allen 16 Bundesländern über Demokratie diskutieren. Kann das funktionieren?

Artikel lesen
Otmar Kury lässt sich als geladener Zeuge nicht beeindrucken und zeigt demonstrativ Haltung 22.09.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 75:

"Ganz klar, dass die Ange­klagte Block nicht schuldig ist"

Christina Blocks Ex-Verteidiger legt als Zeuge einen mindestens selbstbewussten Auftritt hin, während das Gericht vom "Maulkorb-Paragrafen" Gebrauch macht. Die Dynamik im Block-Prozess lässt auch auf den letzten Metern einfach nicht nach.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Energieversorgung Oberhausen AG
Stabs­be­reichs­lei­tung Ju­ris­ti­sche Di­ens­te (m/w/d)

Energieversorgung Oberhausen AG, Ober­hau­sen

Logo von HUK-COBURG
Voll­ju­rist / Wirt­schafts­ju­rist Rechts­schutz-Scha­den­re­gu­lie­rung...

HUK-COBURG, Co­burg

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle, Cel­le und 9 wei­te­re

Logo von WTW & Kollegen
Rechts­an­walt/Rechts­an­wäl­tin

WTW & Kollegen, Mün­chen

Logo von Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern
Re­fe­ren­da­riat (m/w/d) | Frank­furt

Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern, Frank­furt am Main

Logo von HUK-COBURG
Ju­rist Pro­dukt­ent­wick­lung / Kfz-Ver­si­che­rung (w/m/d)

HUK-COBURG, Co­burg

Logo von Latham & Watkins LLP
Days of Win­ter – Co­me and Meet Us Abo­ve the Clouds

Latham & Watkins LLP, Gar­misch-Par­ten­kir­chen

Logo von CMS
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) für den Be­reich Schieds­ver­fah­ren / In­ter­na­tio­nal...

CMS, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Freshfields
Freshfields NextGen AI

06.11.2026, Brüssel

Fristen – Erkennen, organisieren und wahren

02.11.2026

Spezialist/in Zwangsvollstreckung (zertifiziert)

04.11.2026

Gebührenoptimierung im Zivilprozess

11.11.2026

KI-Assistenten in Kanzleialltag und in Rechtsberatung:Was können ChatGPT, Copilot, Beck-Noxtua & Co?

17.11.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH