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Sicherheitsgefühl und Kriminalität von Flüchtlingen: Angst als Ventil für Unsi­cher­heit

Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Feltes, M.A.

15.06.2018

Polizist vor Flüchtlingen

(c) dpa

Flüchtlinge und "ihre" Kriminalität bestimmen die öffentliche Diskussion, nicht erst seit der Ermordung einer Schülerin in Wiesbaden im Juni 2018. Wer oder was diese Diskussion prägt, was Wahrheit ist und was Fiktion, erklärt Thomas Feltes.

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2017 wurden von der Polizei 273.800 Straftaten registriert, bei denen mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger erfasst wurde – das entspricht 9,3 Prozent aller registrierten Fälle und damit deutlich mehr, als der Anteil der Zuwanderer an der Gesamtbevölkerung. Zumeist sind es junge Männer, die hier (ebenso wie übrigens bei den deutschen Tatverdächtigen) auffallen, und diese Gruppe ist unter den Flüchtlingen überrepräsentiert: Fast 65 Prozent der Asylbewerber sind unter 25 Jahre.

Unabhängig von ihrer Herkunft verüben Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 40 Jahren in Deutschland zweieinhalb Mal so häufig Gewalttaten wie andere Altersgruppen. Sie machen rund 30 Prozent der Bevölkerung aus, sind aber für 75 Prozent der Gewalttaten verantwortlich. Kriminalität (vor allem Gewaltkriminalität) ist männlich. Da Flüchtlinge zu rund zwei Dritteln Männer sind, trägt das zu einem höheren Anteil von Gewalttätern in der Statistik bei. Soviel zu den Fakten.

PKS: Kategorie der "Zuwanderer" wissenschaftlich unseriös

Die "gefühlte Wirklichkeit" der Flüchtlingskriminalität verstellt jedoch den Blick auf die Realität – ungeachtet der Frage, wie "objektiv" diese Realität tatsächlich ist oder sein kann. Denn wer bestimmt, wie viele Straftaten sich in Deutschland ereignen und wer legt fest, wann der Täter ein "Flüchtling", ein "Ausländer", ein "Migrant" oder ein "Zuwanderer" ist?

Was auf den ersten Blick so einfach aussieht, ist in Wirklichkeit hoch kompliziert. Für jeden dieser Begriffe gibt es nicht nur verschiedene Definitionen, sondern sie werden auch in den Statistiken uneinheitlich verwendet. Bis 2015 unterteilte die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) lediglich in "Deutsche" und "Nichtdeutsche", seit 2016 ist die Kategorie "Zuwanderer" dazu gekommen – allerdings ohne dass sichergestellt ist, dass die statistische Erfassung der Taten dieser Gruppe auch nur annähernd genau erfolgt. Und dies aus verschiedenen Gründen. Kriminologen sind sich einig, dass aufgrund der Komplexität und Fehlerhaftigkeit der Erfassung, massiven sozialstrukturellen Unterschieden und anderen Faktoren ein Vergleich zwischen "Deutschen" und "Zuwanderern" unzulässig und wissenschaftlich unseriös ist.

Die in diesem Kontext immer wieder zitierte Polizeiliche Kriminalstatistik ist das wohl ungeeignetste Mittel, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob Flüchtlinge mehr oder weniger kriminell sind als Deutsche: Selbst nach eigenen Angaben des Bundeskriminalamtes ist sie kein "Abbild der Wirklichkeit". Sie kann es auch nicht sein, denn die Zahl der Straftaten, die nicht bei der Polizei angezeigt werden, ist erheblich. Selbst bei Tötungsdelikten gehen wir davon aus, dass auf eine entdeckte Tat eine weitere, unentdeckte kommt. Insgesamt dürfte die Zahl der tatsächlich begangenen Straftaten etwa doppelt so hoch sein wie die der polizeilich registrierten Taten.

Damit aber spielt die Frage, wie die Taten, die bei der Polizei landen, ausgewählt werden und welche Faktoren bspw. für eine Anzeige relevant sind, wie und warum also das Dunkelfeld "aufgehellt" wird, eine wesentliche Rolle.

Manipulation und Fehler in den Daten

Selbst das, was in der PKS erfasst wird, ist in hohem Masse unzuverlässig: Bei der Aufnahme der Daten in die Statistik werden Fehler gemacht (bis zu 25 Prozent der Angaben sind falsch), die Aufnahme kann manipuliert werden, und sie wird auch manipuliert, und bei der Zusammenstellung und Auswertung der Daten gibt es praktisch jedes Jahr mehr oder weniger erkannte Fehler.

Betrifft dies die Erfassung von Straftaten generell, so wird es im Bereich der "Flüchtlingskriminalität" nicht besser – sondern eher schlechter. Der entsprechende BKA-Bericht schafft eben nicht Klarheit, wie manche meinen. Er vermittelt ein Gefühl von Klarheit und damit Wahrheit – wobei diejenigen, an die sich der Bericht primär richtet, diese Zahlen entweder nicht akzeptieren, weil sie Presseveröffentlichungen generell keinen Glauben schenken wollen, oder sie missbrauchen. Wenn dann Polizist*innen selbst behaupten, die Zahlen zur Flüchtlingskriminalität seien gefälscht (wie das Ende 2015 die Bochumer Polizistin Kambouri getan hat), dann ist die Verwirrung groß und die Verunsicherung noch größer. Gerade aber diese Verunsicherung ist es, die den Menschen zu schaffen macht und die dafür sorgt, dass sie sich vor Flüchtlingen "fürchten".

Wenn schon das BKA in seinen "Kernaussagen zur Kriminalität im Kontext von Zuwanderung" die banale Aussage hervorheben muss, dass die "überwiegende Mehrheit der Zuwanderer … nicht im Zusammenhang mit einer Straftat in Erscheinung" trat, dann wird deutlich, welche Hysterie im Kontext der Fluchtbewegungen entstanden ist.

Flucht ist vor allem Gefahr für die Flüchtlinge

Flucht ist tatsächlich ein Sicherheitsproblem, und daher haben wir einem unserer Forschungsprojekte auch genau so benannt: "Flucht als Sicherheitsproblem". Flucht ist ein Sicherheitsproblem – aber mehr und eher für die Flüchtenden, als für die deutschen Ureinwohner. So deckte das UNHCR auf, dass 28 Prozent der weiblichen Flüchtlinge auf den griechischen Inseln bereits sexuelle Gewalt erlitten haben. Und ist es angesichts der aussichtslosen Lage der Flüchtlinge in Griechenland verwunderlich, dass die Fälle von Depression, Angst- und posttraumatischen Belastungsstörungen dort 2017 innerhalb weniger Monate um 50 Prozent angestiegen sind?

Wie viele der Menschen auf ihrer Flucht ansonsten Opfer von Straftaten wurden (angefangen im eigenen Land, bis hin zu Viktimisierungen in der Unterkunft in Deutschland) weiß derzeit noch niemand, und vielleicht werden wir es nie erfahren. Denn im Gegensatz zu den so ängstlichen, in Wirklichkeit aber überaus selten Opfer von Straftaten werdenden Deutschen reden die Flüchtlinge nicht so gerne darüber. Kriminologisch ist diese direkte oder indirekte Viktimisierung von Geflüchteten aber überaus bedeutsam. Menschen, die in dieser Form Opfer wurden, haben Probleme, sich später in eine Gesellschaft zu integrieren.

"German Angst" weltweit verbreiteter Begriff

Warum sind wir Deutsche so ängstlich, warum ist der Begriff "German Angst" weltweit verbreitet? Die "German Angst" steckt tief in unseren Genen – wird behauptet. Es wird "eine generelle Angststörung, ein diffuses Grundrauschen des Unbehagens" konstatiert. Grundlos? Offensichtlich nicht. In unserer 2016 durchgeführten Studie zur Viktimisierung und zum Sicherheitsgefühl Bochumer Bürgerinnen und Bürger mussten wir feststellen, dass zwischen 80 Prozent und über 90 Prozent der Befragten der Auffassung waren, dass Diebstahl, Einbruch Raub- und Körperverletzungsdelikte im Jahr zuvor zugenommen haben.

Tatsächlich aber war bei Raub bundesweit ein Rückgang um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen, in Bochum selbst sogar um 15,2 Prozent. Die Zahl der Körperverletzungsdelikte ist praktisch gleichgeblieben. Und: Obwohl nur 0,3 Prozent der Befragten im vergangenen Jahr Opfer eines Raubes wurden, halten es 18,2 Prozent für wahrscheinlich, in den kommenden zwölf Monaten Opfer einer solchen Straftat zu werden. Damit ist der Glaube, im nächsten Jahr Opfer zu werden, 62-mal so hoch wie die reale Gefahr. Die "gefühlte Sicherheit" verflüchtigt sich zunehmend. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat dies vor mehr als 10 Jahren mit dem Begriff der "liquid fear", also der wabernden Angst, umschrieben. In "liquid times" (Bauman), also in "flüchtigen Zeiten" verlieren die Menschen die Zuversicht und das Vertrauen in die Steuerbarkeit ihrer eigenen Zukunft.

Die Menschen glauben, dass die Kriminalität ständig zunimmt, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Wir fühlen uns unsicher, obwohl wir in Deutschland in der sichersten aller Zeiten leben. Bei aller Kritik an der PKS: Danach sind die polizeilich registrierten Gewaltdelikte seit 2005 um 15 Prozent zurückgegangen, die Sexualdelikte sogar um 17 Prozent. Auch im Dunkelfeld sinkt die Kriminalitätsbelastung.

Permanente Irreführung über Sicherheitslage

Dafür, dass die Menschen immer mehr Angst haben und die "gefühlte Sicherheit" beständig schlechter wird, gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist die permanente politische und mediale Irreführung. Das Gefühl, an allen Ecken und Enden würden Straftaten begangen werden (und aktuell auch noch von Flüchtlingen), hat vor allem mit der medialen Aufbereitung und der politischen Diskussion zu tun. Die regelmäßigen politischen Verkündungen, alles gegen "die Kriminalität" zu tun, verunsichern die Menschen. Dabei ist z.B. die Gefahr, Opfer eines Terroranschlages zu werden, um viele hundert male kleiner, als durch verschluckte Fischgräten oder Kugelschreiberteilchen zu sterben. In Colorado (USA) sterben jedes Jahr mehr Menschen auf den Skipisten als in ganz Amerika durch terroristische Anschläge – und mehr als in 2 ½ Stunden durch Opioide.

Auf europäischer Ebene hatte die Banken- und Finanzkrise viele Menschen verunsichert. Menschen glauben nicht mehr daran, dass Sparen (und damit Zukunftsvorsorge) sinnvoll und notwendig ist. Wir haben ein Auseinanderbrechen der Idee eines geeinten Europa – von US-Präsident Donald Trump, dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban und der neuen rechtsgerichteten Regierung in Italien ganz abgesehen - und die Menschen spüren, dass die Globalisierung auch bei uns angekommen ist.

Wir erleben, dass Menschen aus Afrika nach Europa kommen und Probleme wie Hunger und Krieg medial aufbereitet in unser Wohnzimmer geliefert werden und damit auch hier präsent sind. Schließlich begreifen viele Bürger, dass ihre finanzielle und gesundheitliche Altersversorgung nicht mehr gesichert ist. Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem eigenen Leben sehen und gesellschaftliche Entwicklungen nicht verstehen, sind grundlegend verunsichert.

Ende der globalen Solidarität

Angst vor Kriminalität und vor "Fremden" zu haben ist dann ein Ventil, weil sie im Vergleich zu den anderen Ängsten greifbar und personalisierbar ist. Die Menschen verlagern ihre allgemeinen gesellschaftlichen Ängste in einen konkreten, wie man glaubt definierbaren Bereich: "Die" Kriminalität, "die Fremden", "die Flüchtlinge" - obwohl es "die Kriminalität" ebenso wenig gibt wie "die Flüchtlinge" - auch deshalb, weil das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, von Alter, Geschlecht, Wohnort und sozialer Lage abhängig ist und die Gefahr, in den eigenen vier Wänden Opfer eines Gewalt- oder Sexualdeliktes durch Bekannte oder Verwandte zu werden, nicht nur für Kinder und Jugendliche um ein vielfaches höher ist.

Die Welt, sagt Joanne Liu, die internationale Präsidentin von "Ärzte ohne Grenzen", sei am Ende der globalen Solidarität angelangt. Man betrachte die Ereignisse zunehmend durch die Linse der Sicherheit. Vielleicht sollten wir die Linse durch einen Spiegel ersetzen, in dem wir uns selbst sehen können.

Der Autor Professor Dr. Thomas Feltes M.A. ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum und hat den Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft inne. Seit einem Jahr arbeitet er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an einer Studie mit dem Titel "Flucht als Sicherheitsproblem", in der die Kriminalitätszahlen und das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung analysiert und gegenüberstellt werden.

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Sicherheitsgefühl und Kriminalität von Flüchtlingen: . In: Legal Tribune Online, 15.06.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/29171 (abgerufen am: 10.02.2026 )

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