Am zwölften Verhandlungstag ging die Befragung Stephan Hensels weiter. Er musste sich Vorhalte machen lassen, die ins Persönlichste gingen. Eine Verteidigerin lockte den Nebenkläger mit ihren Fragen sichtbar aus der Reserve.
Bereits vor Beginn der Sitzung gab es etwas Besonderes zu beobachten: Die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt gestattete der Presse an diesem Morgen besonders viel Zeit für Aufnahmen im Saal – ohne die Angeklagten Christina Block und Gerhard Delling sowie deren Anwälten und dem Rechtsbeistand des Nebenklägers Stephan Hensel, Philipp von der Meden. Ein Moment der Ruhe, bevor die Spannung der Verhandlung den Raum erneut füllte. Erst einige Minuten später trafen die Angeklagten Block und Delling verspätet mit ihren Verteidigern ein.
Bereits am Vortag hatte die Sachverständige ihr Interesse an einer umfänglichen Begutachtung angemeldet. Sie wolle bei den Aussagen der Kinder und nahen Familienangehörigen dabei sein, um die gesamte Zeit der Trennung in ihrem Gutachten abzubilden. Blocks Verteidiger Ingo Bott äußerte Skepsis "aus Authentizitätsgründen", da die Einlassung und Befragung Blocks bereits abgeschlossen sei. Dennoch sei Block bereit, im Rahmen eines Anamnesegesprächs auf die Fragen der Sachverständigen zu antworten.
Fragen, die ins Persönlichste gehen
Hauptsächlich wurde an diesem Dienstag die Befragung Hensels durch die Verteidiger fortgeführt. Der Nebenkläger musste sich mit einer Reihe von Vorhalten aus Presseberichten und Aktenauszügen auseinandersetzen.
So konfrontierte Bott Hensel mit einem Interview, das dieser am Rande einer Verhandlung vor der Frankfurter Pressekammer vom 29. August 2025 gegeben habe. Darin sagt er: "Wir wollen die Familie Block nicht fertig machen". Bott stellte dieser Aussage die eidesstattliche Versicherung Blocks gegenüber. Hensel habe ihr "ins Gesicht gesagt, dass er mich fertig machen werde", so Block. Hensel kommentierte den Vorwurf knapp: "Nein".
Auf die Frage Botts, wie sich Hensel erkläre, dass die Bild am 02. Juli 2025 berichtet habe, die jüngere, 14-jährige Tochter Blocks wolle gegen ihre Mutter aussagen, entgegnete Hensel: "Ich weiß nicht, weshalb."
Besonders intensiv war die Befragung zur Taufe des gemeinsamen Sohnes. Hensel erinnerte sich auf Nachfrage Botts nur vage: "Er ist getauft worden. Zum Abschluss der Tauffeier gab es einen kleinen Konflikt. Worum es ging, kann ich nicht genau sagen." Block hatte diesen Konflikt auch in ihrer Einlassung kommentiert: "Bei der Tauffeier triggerte ihn nach meinem Eindruck ein Gespräch mit meinem Vater so stark, dass er Gäste beleidigte. Seine Wut richtete sich vor allem gegen mich und die Kinder. Wir hatten Angst. Daher beschlossen wir, dass es dringend eine räumliche Trennung braucht."
Es waren Fragen, die ins Persönlichste drangen. Block blieb äußerlich gefasst, während Hensel Bott kritisierte: "Sie wollen mich verleumden." Bott entgegnete: "Ich stelle nur Fragen und halte vor."
Ständige Überwachung und eine verpasste Beerdigung
Ein weiterer Komplex beschäftigte sich am zwölften Verhandlungstag mit der Überwachung der Familie Hensels in Dänemark. Der erklärte, dass seit 2022 zehn bis elf Kameras auf seinem Grundstück und an seinem Haus installiert worden seien. Der Eingangsbereich werde permanent überwacht, darüber hinaus 60 bis 65 Prozent des Grundstücks. Die Kinder hätten teils Gespräche im Haus selbst aufgezeichnet. "Das machen sie schon selber", erklärte Hensel. Bott hakte nach: "Haben die Kinder irgendwann gewünscht, dass das aufhört mit dem Filmen und der Überwachung?".
Emotional wurde es bei den Fragen zur Begegnung mit den Großeltern Eugen und Christa Block im Januar 2023. Hensel schilderte, wie die Eltern Blocks vor seiner Tür standen. Nachdem diese sich entgegen dem Wunsch Hensels nicht entfernt hatten, bat die jüngere Tochter darum, mit ihren Großeltern sprechen zu dürfen. "Wir kommen den Wünschen der Kinder schon nach", so Hensel. Die Situation endete mit einem Polizeieinsatz und Plakaten.
Als es um die spätere Beerdigung von Christa Block ging, weinte die Angeklagte Block leise, ohne eine sonstige Regung nach außen zu zeigen. Die Frage, ob er seinen Kindern die Bedeutung des Abschieds erklärt habe, beantwortete Hensel knapp. Die Kinder hätten es nicht gewollt, der Beerdigung beizuwohnen, und er habe dies in Anbetracht der Gesamtsituation und Sicherheitslage nicht für richtig befunden.
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Hensel fühlte sich an OLG-Beschluss nicht gebunden
Immer wieder betonte Hensel, die Kinder hätten selbst kein Interesse am Kontakt zur Mutter. "Wir wollen in eine Normalität rein. Es gibt keine Fragen der Kinder in diesem Verfahren zu ihrer Mutter." Doch die Hensel vorgehaltene Aktenlage spricht eine andere Sprache: Das Oberlandesgericht (OLG) Hamburg hatte in einem Beschluss vom Oktober 2021 "erhebliche Zweifel an der Authentizität der Willen" der jüngeren Kinder Blocks geäußert und auf ihre Hauptbezugsperson, die Mutter, verwiesen. Auch der Beschluss des OLG, ein familienpsychologisches Gutachten einzuholen, unterstreicht die Sorge um die Bindungstoleranz und Erziehungsfähigkeit Hensels. Nach dem Beschluss wurde Block das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder zugesprochen.
Hensel erklärte daraufhin, er habe sich im Anschluss an die umstrittenen Gewaltvorwürfe gegen Block trotz des Beschlusses und Abraten seines Familienrechtsanwalts nicht gebunden gefühlt. Für ihn sei maßgeblich gewesen, was die Kinder "wirklich wollten". Sie hätten sich mit allen Mitteln gegen die Rückkehr zur Mutter gewehrt und jeglichen Kontakt zu ihr abgelehnt.
Auch die Verfahren gegen Block wegen angeblicher Kindeswohlgefährdung spielten eine Rolle. Hensel bestätigte, dass ihm die Einstellungsnachricht der Staatsanwaltschaft mangels hinreichenden Tatverdachts gemäß § 170 Abs. 2 Strafprozessordnung bekannt war.
Bezogen auf die Frage, wer in seiner Familie heute die Kindererziehung primär wahrnehme, äußerte Hensel, dass es keiner besonderen Erziehungsmaßnahmen bedürfe. "Wir haben Kinder, die funktionieren", so Hensel. Wenn nötig spreche man über Themen, ansonsten würden sich seine Kinder selbstständig um ihre Angelegenheiten kümmern.
Verteidigerin lockt Hensel aus der Reserve
Die Verteidigerin des mitangeklagten Chefs einer Sicherheitsfirma, Gül Pinar, lockte Hensel mit ihren Fragen aus der Reserve. Bei detaillierten Vorhalten zur Kindererziehung während der Ehe mit Block begann Hensel, mehr zu erzählen. Hierbei ging es um Tätigkeiten im gemeinsamen Haushalt, den Tagesablauf der Kinder und Hensels Kenntnisse über damalige Hobbys der Kinder. Auf eine Vielzahl der Fragen wies Hensel darauf hin, dass sich Block um diese Aufgaben gekümmert habe und er zu der Zeit wegen seiner Arbeit viel abwesend gewesen sei und die Kinder selten gesehen habe. Block selbst schien zu gefallen, wie Pinars Fragen Hensel aus der Ruhe brachten.
Wie schon am Vortag fielen auch Hensels Erinnerungslücken auf. Ob beim Vorfall mit den Großeltern, bei der Taufe oder bei Fragen zur Sicherheitstechnik: "Ich erinnere mich nicht" wurde zu einer stehenden Antwort. Bei den Zuschauern im Raum kam das spürbar nicht gut an, Getuschel und Unverständnis in den Gesichtern machten sich breit.
Pinar bohrte weiter nach und fragte, wie sich Hensels Auftreten mit dem Sicherheitskonzept vereinbaren lasse, das die dänische Polizei ihm empfohlen habe. Sie verwies darauf, dass Hensel wiederholt Interviews gegeben, Fotos und persönliche Details veröffentlicht habe, während die Kinder unter Aliasnamen auftreten und ihre Alarmknöpfe trügen. "Sie halten ihr Gesicht andauernd in die Kamera", attackierte Pinar Hensel. Ihr Mandant hingegen tue alles, um so wenig Öffentlichkeit wie möglich zu provozieren und seine Person zu schützen.
Auch Hensels Planungen, am vergangenen Wochenende nach Israel zu reisen, kamen zur Sprache. Dort habe er Kontakt zu dortigen Behörden aufnehmen wollen, um Ermittlungen gegen Mitarbeiter der an der Kindesentführung beteiligten israelischen Sicherheitsfirma voranzubringen. Bott fragte, was Hensel und sein Anwalt von der Meden in etwas mehr als 24 Stunden in Israel hätten ausrichten wollen. "Es war einen Versuch wert", erklärte der nur knapp. Der Flug sei vorbereitet gewesen, aber letztlich nicht angetreten worden. Rechtsanwalt von der Meden sprach später davon, dass es sich nur um "Überlegungen" gehandelt habe.
Weiter geht der Prozess am Montag, 29. September 2025.
Kindesentführungsprozess gegen Christina Block: . In: Legal Tribune Online, 23.09.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58215 (abgerufen am: 12.02.2026 )
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