Kann dank KI bald jeder Jura, haben wir bald 83 Millionen Anwälte in Deutschland? Und lohnt sich ein Jura-Studium noch? Wie tiefgreifend sich Kanzleilandschaft und Justiz verändern werden, dazu gibt Tom Braegelmann einen Ausblick.
LTO: Der Einsatz von KI – das war das Thema dieses Jahr auf dem Anwaltstag in Freiburg. Es herrschte Unsicherheit, was das für die Anwaltschaft bedeuten wird. Kann bald jeder Jura? Haben wir bald 83 Millionen Bürger-Rechtsanwälte in Deutschland?
Tom Braegelmann: Viele Leute gehen immer noch davon aus, dass die KI nichts versteht. Die kann doch gar nicht denken, das ist doch nur Output nach Wahrscheinlichkeit. Ein Scherzbold würde sagen, wir alle kennen auch in der Anwaltschaft Kolleginnen und Kollegen, die scheinbar auch nicht denken, die auch nur das Wahrscheinlichste schreiben und die dennoch gewinnen. Aber die aktuellen Systeme wie ChatGPT und Claude sind leider gut genug, die können sehr häufig den richtigen Rechtsrat geben. Ich sage nicht, dass das erlaubt ist oder dass ich das gut finde. Aber den Anwälten wird Geschäft wegbrechen.
Werden Juristen durch den KI-Einsatz in der Beratung zu besseren Anwälten?
Ich würde erwarten, dass die meisten Anwälte und Anwältinnen mit KI kürzer, präziser und verständlicher schreiben. Denn am Ende willst du gewinnen oder dich zumindest einigen, dafür sollte es nützen, sich kurz, klar und verständlich auszudrücken, das können KIs sehr gut unterstützen: die eigenen Gedanken und Argumente schärfen. Ich kenne sehr viele Anwälte, die benutzen direkt von Anthropic Claude oder einen anderen Anbieter. Die sagen mir: Die KI schreibt so viel besser als sie selber, dass nun selbst ihre Mandanten es verstehen. Neulich habe ich einen Fall gehabt, wo der Richter allen Seiten zur Begrüßung gesagt hat, ihr schreibt zu viel. Nun dann setze ich den Kürzungsprompt ein, mache es verständlicher und der Richter freut sich.
Auf der einen Seite stehen Bürger und Anwälte, die wahrscheinlich immer mehr KI einsetzen, auf der anderen Seite trifft das auf eine Justiz, die nur zurückhaltend KI-Tools einsetzen darf und kann, um die eingehende Arbeit zu erledigen.
Wenn die Justiz nicht mithält, wird da irgendwann keiner mehr arbeiten wollen.
Kommt es bereits vor, dass der Mandant sich meldet nachdem er selbst den Anwaltsschriftsatz durch die KI gejagt hat und anfängt rumzumäkeln, was man alles noch hätte besser machen können?
Ich habe das selbst noch nicht erlebt. Aber ich höre das durchaus. Dieser eine Anwalt der Kanzlei Advant Beiten, Hillemann, der sagte neulich auf Linkedin sinngemäß, wenn mir der Mandant mit KI-generiertem Material kommt, dann ist mein Stundensatz doppelt so hoch, weil das so viel mehr Arbeit macht. Ich habe meistens Profi-Mandanten aus Rechtsabteilungen, die sowieso schon zu viel zu tun haben, die kommen mir bisher nicht mit KI-generierten Sachen an.
"Jura wird mehr Spaß machen denn je"
Was macht das mit dem Verhältnis Mandant und Anwalt, ist das nicht grundsätzlich eine gute Sache, Stichwort Demokratisierung von Wissen, wenn mehr Menschen über ihre Rechte Bescheid wissen und sie durchsetzen können?
Viele unterscheiden gerne zwischen Juristen und Laien. Das impliziert, dass die Juristen Priester wären, weil Laie ja eigentlich ein Gegensatz zum Priester ist. Es könnte uns Anwälte in unserer Priesterlichkeit schon kränken, wenn die Laien auf einmal in den Juristentempel eindringen und vieles selber können. Aber ich glaube die meisten Juristen sind professionell genug, damit umzugehen und es zu ertragen. Die Ärzte haben schon länger damit zu tun und sich dran gewöhnt, Krankheitssymptome konnte man schon immer ganz gut googeln.
Ärzte wird es in Zukunft immer noch brauchen, nur die dürfen Medikamente verschreiben und das MRT bedienen. Wo bleiben denn die Anwälte wichtig?
Vor Gericht. Außerdem haben wir schon heute auch teilweise mehr zu tun als früher, weil wir weitaus mehr Unterlagen haben. Ein Teil dieser digitalen Berge, die wir in den letzten 25 Jahren angehäuft haben, werden uns KIs oder andere Systeme helfen abzutragen. Wir werden definitiv genug zu tun haben und nicht nur vor Gericht: Weil es ganz viele Situationen gibt, wo die Rechtslage unklar ist. Weil keine KI der Erde die Macht hat, eine klare einheitliche Rechtslage herzustellen und alle Sachverhalte eindeutig vorzubereiten. Rechtliche Risiken und faktische Unklarheiten wird es immer geben, also auch Rechtsstreit. Gerade in Europa, wo noch das Europarecht überall mitreinspielt aus guten Gründen und das nationale Recht teilweise unabsichtlich verunklart.
Eine Tätigkeit für Anwältinnen und Anwälte, bleibt wahrscheinlich ohnehin erst einmal, Kontrolle und Verantwortung für die Recherchergebnisse zu übernehmen? Das kann viel Arbeit bedeuten, wenn die KI zwar 1.000 Seiten Schriftsätze schnell und kompakt zusammenfasst, Juristen für die Kontrolle die 1.000 Seiten dann aber auch wieder sichten müssen?
Ja, für eine Weile, aber nicht so lange. Zum Vergleich und als Erläuterung: Es gab lange nur Segelschiffe und dann wurde die Dampfschifffahrt erfunden. Und die Dampfschiffe, die dann von Europa nach Amerika fuhren und wieder zurück, die hatten sehr lange Zeit noch Masten. Weil man nicht wusste, ob das mit der Dampfmaschine wirklich funktioniert. Dann hat man die Segel abgeschafft, ging auch ohne. So wird man nach und nach auch die Überwachung von juristischem KI-Output durch Juristen immer mehr einschränken, wenn der Output stabil und gut genug und besser – aber nicht: perfekt – als die Arbeit von Juristen ist. Was ich damit sagen will: Wenn es meistens funktioniert, wird man es irgendwann auch ohne Kontrolle machen.
Hm.
Bisher hat man hat junge First-Year-Associates genommen, die hatten erstes, zweites Staatsexamen, die hat man Dokumente lesen lassen, die sie eigentlich nicht kennen, sondern beim Lesen erst kennenlernten. Es hieß: Reviewe bitte die 5.000 Seiten und fasse die zusammen und fülle diese Tabelle aus, und zwar 500-mal. Wenn es dann nachts um zwei Uhr ist und du bist auf Seite 500, dann skippst du irgendwann weiter, wenn sich die 5.000 Seiten kaum voneinander unterscheiden. Wie ist da wohl die Aufmerksamkeit gewesen? Nämlich schlecht. So, das ging aber nicht besser, das war Stand der Technik. Mit Opus 4.8 finde ich jetzt in zehn Sekunden in so einem Dokumentenberg die zehn dicksten Klopper, die Diskrepanzen, die Stellen, an denen ein Dokument oder eine Transaktion kränkelt.
Die zehn größten Diskrepanzen hat die KI gefunden. Aber vielleicht stecken noch zwei weitere Klopper drin, die die KI nicht erwischt hat? Ist das nicht ein Risiko?
Genau, aber vielleicht hätte ich die selber auch nicht gefunden. Um im Beispiel zu bleiben: Ein Mensch hätte unter Umständen nur 3 Probleme gefunden, die die KI fand, aber noch ein anderes Problem, das die KI übersehen hat. Wenn die Leute Perfektion von der KI erwarten, würde ich sagen, warum eigentlich? Finde ich immer schön, Perfektion zu verlangen, aber war denn das vorher perfekt? Leider nein. Es muss in Wirklichkeit nur besser sein als vorher und dann ist das Haftungsrisiko als Kanzlei auch geringer als vorher.
"Dass sich das Kanzlei-Business immer ändert, ist nichts Neues"
Nun ist es ja so, dass eben die ganzen Associates eingestellt wurden und tolle Jahresgehälter bekommen haben, weil man eben diese Arbeit noch brauchte. Ist es jungen Menschen noch zu empfehlen, Jura zu studieren?
Doch, Jura wird mehr Spaß machen denn je, weil viel Langweiliges, von der KI gemacht wird. Die Großkanzleien, die werden selbstverständlich teilweise rumheulen, weil ein von First-Year-Associate-Arbeit erzeugtes Honorar-Grundrauschen wegfällt. Leute mit zweitem Staatsexamen, die aber letztendlich so eine Art intellektuelle Copy-Paste-Maschine waren, werden nicht mehr so eingesetzt. Das war eigentlich eine abschreckende Tätigkeit, so die jungen Juristen zu verheizen. Es hat aber überhaupt gar keiner Mitleid mit diesen Kanzleien, auch wenn die sich damit finanzieren. Müssen sie eben ihr Pricing ändern und die jungen Leute wieder Jura machen lassen.
Ja gut, aber das würde voraussetzen, dass die dann irgendwas anderes machen können. Im Mietrecht ist der Mandant fast schon so schlau wie der Anwalt. Im Gesellschaftsrecht werden die Verträge durch KI gemacht und die Verbesserungsvorschläge auch. Im Presserecht kann die KI schon sehr gute Sprachanalyse machen. Wird es noch Jobs geben für junge Anwältinnen und Anwälte?
Es kann sein, dass bei einigen Kanzleien Kapazitäten frei werden. Und ja, vielleicht gibt es da dann auch nicht mehr Geschäft und Arbeit. Dann haben wir eine Transformation des Anwaltsmarktes. Man darf nicht vergessen: Bis zu den sogenannten Bastille-Beschlüssen des BVerfG von 1987 hatten wir in Deutschland auch keine Großkanzleien, erst danach konnten die sich mit Hilfe aus den USA und Großbritannien entwickeln, und für manche Themen brauchen Unternehmen, Staat und Gesellschaft auch Großkanzleien, die haben ja einen Sinn. Dass sich das Kanzlei-Business immer ändert, ist nichts Neues, das ist ja nicht erst seit dem Launch von ChatGPT Ende 2022 so.
Macht es dir denn Spaß diese Arbeitsweise mit KI? Man rückt selbst immer mehr in die Rolle des Redigators der Vorarbeit durch KI, oder? Man tippt: Schau doch bitte hier nochmal drauf, das kann doch nicht stimmen, das bitte schöner formulieren…
Genau, wer will, kann den inneren Boomer rauslassen, selbst wenn du kein Boomer bist. Du kannst einfach sagen, das gefällt mir nicht, mach das bitte mal so, mach das schick. Und dann macht die KI das, weil sie dich versteht. Beziehungsweise das Verständnis per Statistik simuliert, was anscheinend ausreicht. Endlich werde ich verstanden, sagen die Leute zur KI – ich kann es ja auch nicht ändern.
Der erste Aufschlag stammt dann oft von der KI. Geht da nicht auch eigene Gedankenkraft, Formulierungskraft, intellektuelle Kraft beim Menschen verloren?
Früher haben die Anwälte mit Schreibmaschine geschrieben. Dann kam Word, da werden auch einige gesagt haben: Wie, digitaler Text? Plötzlich kannst du im Text immer alles umstellen, wahllos, nach Gusto? Ach du meine Güte, wird man ja nie fertig. Mit der Schreibmaschine schon. Es ist so banal aber wahr: KI bedeutet für die Anwaltschaft nur eine weitere Transformation des Berufs; vielleicht stärker und schneller und krasser als früher, aber ohne dass die Anwaltschaft abgeschafft wird.
Und dabei geht zwangsläufig etwas verloren?
Kann sein. Die Klage, ein neues Schreibsystem mache uns dümmer, ist uralt – das macht sie nicht falsch, aber vielleicht legt man hier nur ein altes Denkmuster auf die KI. Das geht, nach meinem minimalen Wissen, zurück bis Platon, in seinem Dialog Phaidros. Sokrates erzählt darin, wie gleich nach Erfindung der Schrift diese Erfindung als verdummend kritisiert wird: Theuth, der Erfinder der Buchstaben, schwärmt darin dem Pharao Thamus vor, seine Erfindung werde die Ägypter klüger machen und ihr Gedächtnis besser; sie sei ein Hilfsmittel für das Gedächtnis und für die Weisheit. Also, so ähnlich wie die fantastischen Behauptungen der BigTech-Bros aus Kalifornien über KI, was die alles Tolles kann. Pharao Thamus keift aber gleich zurück: Die Schrift werde das Gegenteil erreichen und Vergesslichkeit bewirken. Die Kritik des Pharaos an der Schrift teilen viele auch für die KI.
In juristischen Datenbanken gab schon immer Halluzinationen, nur hat die niemand so genannt
Gehört zur Transformation in der Arbeitswelt, dass wir intellektuell immer etwas beschränkter werden?
Ich weiß es nicht. Wir werden es aber herausfinden, weil es so schnell geht! Sag mir bitte Bescheid, wenn ich beschränkter als schon bisher wirke, kann das an der KI liegen. Aber: Ich habe Jura studiert ohne juristische Datenbanken. Es gab zwar Juris in Tübingen, das durfte man aber nur am Nachmittag benutzen, weil am Vormittag die Richter das benutzt haben…
War in Tübingen das Internet gedrosselt?
Das war die klare Maßgabe, wir sollen das am Nachmittag nutzen. Am Vormittag hatten wir eh Vorlesung. Erinnern wir uns mal, wie hat man eigentlich früher recherchiert? Angenommen, du hast eine für eine zur Lösung der juristischen Hausarbeit passende Entscheidung vom OLG Stuttgart von 1992 im alten Lehrbuch, Vorvorauflage, aus der Bibliothek gefunden, dann wusstest du im Jahr aber 1999 nicht, ob die noch aktuell ist. Oder hat der BGH dem OLG Stuttgart zwischenzeitlich schon eine Absage erteilt. Hard to know. Das war früher echt schwierig nachzugucken, du musstest in der NJW nachschlagen, hinten im Sachregister, Jahrband für Jahrband, in die Bibliothek gehen und die BGH-Bände, wenn es die gab, durchsehen – hit and miss als Recherchetool war teilweise der Standard.
Und dann kamen die juristischen Datenbanken…
Ja und was hat sich geändert? Wir wissen alle, dass die sehr viele False Positives als Suchtreffer ausgeben. Wenn bei Beck-Online oder Wolters Kluwer der Jurist heute noch etwas in das Suchfeld der alten Datenbanksuche eingebe, dann bekomme ich nicht drei passende Entscheidungen angezeigt, sondern ich bekomme viel zu viele Ergebnisse. Nur hat die hat niemand Halluzination genannt. Es sind aber eigentlich Halluzinationen, denn die passen oft gar nicht zu den Suchbegriffen.
LTO: Was man heute den KI-Systemen vorwirft, wenn Sie nicht existente Entscheidungen als Fundstellen ausgeben…
Anwälte haben sich bislang dann diese ganzen unsinnigen Fundstellen aus den traditionellen juristischen Datenbanken angeschaut, händisch den nicht passenden Kram herausgefiltert und drei Stunden Recherche abgerechnet. Und das alles nur, weil die Suchmaschine eben nicht besser war. Ich nenne das immer den Secret Handshake zwischen den Kanzleien und den Datenbank-Anbietern. So sind abrechenbare Stunden generiert worden, die völlige Lebenszeitzerstörung waren.
Was ist jetzt bei den juristischen KI-Lösungen anders?
Wer jetzt Beck Noxtua oder Libra oder die anderen benutzt, die an Datenbanken angebunden sind, bekommt erstmal nur super gut passende Fundstellen. Vielleicht ist auch mal eine halluzinierte dabei, okay. Aber davor haben Anwälte bei den Datenbankrecherchen viel Müll als Ergebnis bekommen. Bis heute ging es technisch eben nicht besser. 50 Jahre technische Schulden werden gerade von allen juristischen Datenbankanbietern aufgeholt, darüber sollen wir uns alle uneingeschränkt freuen.
Kommen wir noch einmal zur Justiz. Früher war der BGH sozusagen die Wissensinsel. Jetzt ist es umgekehrt, die Gerichte hinken beim KI-Einsatz hinterher.
Die Gerichte hatten eine Gerichtsbibliothek, die hatten die ganze BGHZ-Sammlung, die hattest du sehr wahrscheinlich als Anwalt in Reutlingen nicht, musstest dir also überlegen: Schau ich in der örtlichen Gerichtsbibliothek vorbei, was abends und am Wochenende aber nicht ging. Aber Kanzleien hatten auch schon immer mehr Mitarbeiter, die haben Richter auch nicht. Mit der ZPO-Reform 2001 hat der Gesetzgeber das Kollegialitätsprinzip sehr stark abgeschafft. Regelmäßig statt drei Richter nur noch einer. Jura ist aber eigentlich eine dialogische Tätigkeit. Die Justiz ist im Hintertreffen, aber das müsste sie ja nicht sein. Als Insolvenzrechtler glaube ich immer an den Fresh Start. Okay, alles ist hin, wir fangen nochmal neu an und bauen eine bessere Infrastruktur unsere Justiz, damit wir das gleiche hohe Niveau an Rechtsstaatlichkeit wie bisher aufrechterhalten können.
Sind alle Insolvenzrechtler Optimisten?
Nicht unbedingt. Ich habe eine Zeit lang in den USA gearbeitet. Und da haben wir in der Kanzlei natürlich auch manchmal Fehler gemacht. Mein Chef Paul fragte danach, denn wir hatten auch deutsche Mandanten: Was würden man nun in Deutschland machen? Ich: Den Schuldigen finden. Er: Das hier ist Amerika, dafür haben wir keine Zeit. Wir lösen jetzt erst einmal das Problem. Und wenn wir dann noch Zeit haben, schauen wir nach dem Schuldigen. Das ist mir sympathisch.
Bei dem Interview handelt es sich um ein verschriftlichtes, gekürztes Gespräch mit Tom Braegelmann in der Spezialfolge des LTO-Podcasts "Die Rechtlage" vom Deutschen Anwaltstag in Freiburg 2026.
Einsatz von KI: . In: Legal Tribune Online, 03.07.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60278 (abgerufen am: 18.07.2026 )
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