KI-Chatbots sind toll: Frage rein, Antwort raus. Dabei bleibt es aber nicht: KI-Agenten, die eine gestellte Aufgabe selbstständig lösen, sind das nächste große Ding, zeigt Nico Kuhlmann. Gerade Juristen müssen mit ihnen aber umzugehen wissen.
Wir leben in spannenden Zeiten. Seit etwas mehr als drei Jahren ist der Begriff der Künstlichen Intelligenz (KI) im Alltag der meisten Juristen angekommen. Seitdem überschlagen sich die Schlagzeilen, die immer neue Verheißungen oder Bedrohungen erkannt haben wollen. Die Realität sah dann bisher oft doch noch anders aus.
Doch nachdem sich zu Beginn lediglich die Speerspitze der technisch interessierten Juristen auf die immer aktuellsten Modelle gestürzt und nach geeigneten Anwendungsbereichen im juristischen Alltag gesucht haben, ist spätestens seit vergangenen Jahr die aktuelle KI-Revolution in irgendeiner Form bei den allermeisten Juristen auf dem Schreibtisch angekommen. Kaum einer, der keinen Account bei ChatGPT, Gemini oder Claude hat und damit im Alltag herumspielt. Eine E-Mail vorformulieren? Kein Problem. Irgendwas aus dem Internet heraussuchen? Wenn es schnell gehen muss, gern direkt im Chat, und wenn man einen tiefergehenden Recherchebericht braucht, dann am besten direkt über die Deep-Research-Funktion.
Zudem sind viele Microsoft-365-Accounts kürzlich um eine Copilot-Lizenz erweitert worden. Alle E-Mails zu einem Fall aus den letzten Jahren zusammenfassen? Kein Problem mehr. Das schriftliche Rechtsgutachten für die Präsentation in eine bunte PowerPoint-Präsentation umwandeln? Ein Knopfdruck und erledigt.
Schließlich kann man sich auch rechtlich nach Belieben austoben. Beck-Noxtua und Libra helfen beispielsweise bei der Recherche nach passender Rechtsprechung und relevanter Literatur. Weitere interessante Angebote gibt es von Harvey, Bryter oder Legora. Alles in allem eine schöne neue Welt.
Wie spricht man mit einer Maschine?
In diesem Zusammenhang haben wir alle auch neue Wörter gelernt: "Prompting" und "Prompt Engineering".
Ein Prompt ist einfach die Eingabe, die man der KI gibt. Es ist also die Arbeitsanweisung. Beispiele wären "Fasse den beigefügten Text zusammen" oder "Überprüfe, ob diese Klausel wirksam ist".
Die Regeln, Tipps und Tricks, wie man sinnvollerweise mit der KI spricht, um die besten Ergebnisse zu erzielen, werden unter der Überschrift "Prompt Engineering" diskutiert. Das ist ein ziemlich hochtrabender Begriff für etwas im Grunde Banales: Da die KI (noch) keine Gedanken lesen kann, muss man ihr alles sagen und geben, was es für eine vernünftige Bearbeitung der Anfrage braucht. Trotzdem kann man natürlich ausführliche Artikel und sogar ganze Bücher zu diesem Thema schreiben.
Als Grundregel gilt dabei: Wer vorher schon gut darin war, Referendare oder junge Kollegen vernünftig anzuweisen und ihnen alles zu geben, was sie zur Bearbeitung der Aufgabe brauchten, wird in der Regel auch keine Probleme bekommen, gute Ergebnisse aus einer KI herauszubekommen.
Trotzdem gelten solide Kenntnisse im Prompt Engineering bereits oft als Grundvoraussetzung, um einen juristischen Job im Jahr 2026 angemessen ausfüllen zu können. Damit tun sich manche schon schwer genug, aber es ist bereits absehbar, dass sich diese Anforderungen zeitnah weiter verändern werden.
KI-Agent: Persönlich zugeschnittenes Helferlein
Das aktuelle Zauberwort heißt KI-Agent. Während ein klassischer Chatbot meist nur auf Fragen antwortet, ist ein KI-Agent dazu da, selbstständig Ziele zu verfolgen und ganze Aufgaben vollständig zu erledigen.
Ein Chatbot kann beispielsweise sagen, wo man im März in Europa am besten Urlaub machen kann, wohingegen ein KI-Agent gleich die ganze Reise, inklusive Flügen und Hotelübernachtungen, bucht, einen ausführlichen Reiseplan mit Wegbeschreibungen erstellt und auch direkt für abends einen Tisch in einem Restaurant mit der besten Weinkarte reserviert. Soweit zumindest die Theorie.
In der Praxis sieht es bisher in der Regel noch nicht ganz so beeindruckend aus. Zumindest für die meisten Durchschnittsnutzer. Wer aber schon einmal selbst mit OpenAI Codex, Claude Cowork oder auch OpenClaw (früher: Moltbot, davor: Clawdbot) experimentiert hat, sieht am Horizont eine neue Arbeitswelt aufziehen.
Die Ära des reinen Frage-Antwort-Spiels mit den KI-Chatbots neigt sich wohl langsam schon wieder dem Ende zu, denn wir treten gerade schon in die nächste Phase ein, in der KI nicht mehr nur ein bloßes Werkzeug ist, das auf unsere einzelnen Befehle wartet, sondern ein Agent, der eigenständig für uns arbeitet – auch in der Juristerei.
Wenn dann beispielsweise demnächst eine Klage eingeht, reicht man die direkt mit ein paar Instruktionen an den passenden KI-Agenten weiter und bittet um Sichtung, Bewertung und Erstellung der gesamten Klageerwiderung. Alles in einem Schritt. Erst wenn das erledigt ist, liest man vielleicht die Klage einmal selbst, kontrolliert den automatisch erstellten Entwurf der Erwiderung und unterschreibt diesen dann, wenn man keine Änderungswünsche (oder keine Zeit) mehrhaben sollte.
Das bedeutet für uns erneut eine enorme Umstellung. Denn anstatt uns darauf zu konzentrieren, wie wir eine einzelne Frage an die KI am cleversten formulieren, müssen wir bald lernen, immer komplexere Aufgaben sinnvoll zu delegieren.
Wir werden also in nicht allzu ferner Zukunft aufwachen und feststellen, dass wir nicht mehr einfach Nutzer eines digitalen Werkzeugs sind, sondern auf einmal vielmehr Manager einer digitalen Belegschaft von kleinen Helferlein, die ganze Arbeitsprozesse für uns abarbeiten.
Ist Managen das neue Prompten?
Dieser Wandel wird tiefgreifend sein, weil er eine neue Qualität der Führung und des Managements von uns verlangt. Ein KI-Agent trifft nämlich eigene Entscheidungen, um ein von uns gesetztes Ziel zu erreichen. Das erfordert von unserer Seite also vor allem die Fähigkeit, klare Ziele zu definieren und den Rahmen abzustecken, in dem sich der KI-Agent bewegen soll.
Zudem bringt diese Veränderung auch weitere Herausforderungen mit sich. Zuerst kann man in der Regel nur schwer etwas erfolgreich delegieren, das man im Kern nicht selbst durchdrungen hat. Und man muss die Aufgabe meistens auch bereits ein paar Mal selbst erledigt haben, um die Arbeitsergebnisse von jemand anderem – sei es Mensch oder Maschine – vernünftig kontrollieren zu können.
Wenn man jetzt bereits jahrelange Berufserfahrung hat und unzählige Klagen und Klageerwiderungen selbst geschrieben hat, wird man vermutlich keine Schwierigkeiten haben, demnächst den vollständig KI-generierten Entwurf eines Schriftsatzes zu überprüfen. Da man schon viel gesehen und viele Fehler wahrscheinlich schon einmal selbst gemacht hat, weiß man, worauf man achten muss.
Aber was ist, wenn man den Job wechselt und auf einmal ein neues und bisher eher unbekanntes Rechtsgebiet bearbeiten soll? Und was ist mit dem Nachwuchs, der gut ausgebildet von der Uni kommt, aber noch nicht weiß, wie es in der Praxis abläuft? Wie sollen die jungen Kollegen einen Schriftentwurf eines KI-Agenten kontrollieren, wenn sie nie selbst einen geschrieben haben?
Erfahrung anstatt Fleiß?
In dieser neuen Welt wird unser eigenes fachliches Urteilsvermögen vermutlich zur wertvollsten Ressource im Arbeitsalltag. Es geht in Zukunft wahrscheinlich weniger darum, wer die neuesten Prompts auswendig gelernt hat oder wer insgesamt am fleißigsten ist. Es wird darum gehen, wer die beste Arbeitsstrategie für die KI-Agenten entwirft, diese bei der Arbeit angemessen beaufsichtigt und die Ergebnisse der KI dann am kritischsten kontrollieren kann.
Wir sollten also lernen, die neuen KI-Agenten als "digitale Kollegen" zu begreifen, die aktiv geführt werden wollen, statt sie nur als passives Werkzeug zu betrachten. Unsere Rolle als Juristen – egal in welcher Position – verschiebt sich damit langsam weg vom Operativen und immer mehr hin zum Strategischen.
Das klingt vielleicht auf den ersten Blick nach einer Entlastung, ist aber in Wahrheit eine viel anspruchsvollere Aufgabe.

Autor Nico Kuhlmann ist Rechtsanwalt bei Hogan Lovells International LLP in Hamburg. Er beschäftigt sich mit Geistigem Eigentum, digitalen Geschäftsmodellen und dem Einsatz von Legal Tech und KI im Kanzleialltag. Auf LinkedIn und YouTube teilt er regelmäßig Einblicke in die digitale Transformation des Rechts.
KI-Agenten in der Rechtswelt: . In: Legal Tribune Online, 12.03.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59509 (abgerufen am: 21.04.2026 )
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