Druckversion
Donnerstag, 16.07.2026, 03:22 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/justiz-lg-hannover-99kls3/25-korruption-staatsanwalt-kokain-mafia-prozess
Fenster schließen
Artikel drucken
57052

Prozessauftakt in Hannover: Hat ein Staats­an­walt die Justiz an die Koka­in­mafia ver­raten?

von Dr. Markus Sehl

23.04.2025

Der Angeklagte (r.), ein Staatsanwalt aus Hannover, kommt zum Auftakt eines Prozesses in einen Saal des Landgerichts Hannover

Foto: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

Yashar G. soll Informationen an eine Kokain-Bande verkauft haben - dafür steht der auf Drogenverfahren spezialisierte Staatsanwalt in Hannover vor Gericht. G. gibt sich kämpferisch. Es zeichnet sich ab, wie heikel der Prozess werden könnte. 

Anzeige

Was der Vertreter der Staatsanwaltschaft im Landgericht (LG) Hannover am Mittwochmorgen als Anklagvorwurf in der Sache Az. 99 KLs 3/25 verliest, klingt erst einmal nicht besonders interessant. Dem Angeklagten Yashar G. werden 14 Fälle von Bestechlichkeit, Verletzung von Dienstgeheimnissen und Strafvereitelung im Amt zur Last gelegt. Alles in einem Zeitraum von einem guten halben Jahr, von Sommer 2020 bis Frühjahr 2021. Alles recht überschaubar.  

Dem Staatsanwalt gegenüber sitzt Yashar G., der Angeklagte. Und der fixiert ihn mit seinem Blick. G. ist selbst Staatsanwalt, hat eben hier in Hannover gearbeitet, in einem Dezernat gegen Drogenkriminalität. Nicht zuletzt in einem der größten Kokainschmuggelprozesse Europas leitete er die Ermittlungen. In der Anklageschrift ist die Rede von einem "beliebten, engagierten und kompetenten Staatsanwalt".  

Aber im Herbst 2024 wurde der 39-jährige Deutsch-Iraner G. verhaftet, sitzt seitdem in Untersuchungshaft und steht nun selbst in Hannover vor Gericht. Was ihm vorgeworfen wird, dürfte in der deutschen Justizgeschichte beispiellos sein. Er soll Informationen aus laufenden Ermittlungsverfahren an eine Kokainbande verkauft haben. Unter anderem soll er führende Köpfe im Frühjahr 2021 vor einer bevorstehenden Razzia gewarnt haben. Einigen gelang die Flucht ins Ausland, nach Dubai und die Türkei.

Die Technizität der aufgerufenen Straftatbestände (§ 332, 353b, 258a Strafgesetzbuch) täuscht über die Dimension des ungeheuren Vorwurfs: Ist es der internationalen Kokainmafia gelungen, an einer Schlüsselstelle in der deutschen Justiz einen Informanten zu gewinnen?

"Für Sie immer noch 'Herr'" – Staatsanwalt G. gibt sich kämpferisch

Während der Anklageverlesung schüttelt G. immer wieder ungläubig den Kopf, schmunzelt in den Saal, sucht Blickkontakt mit den Zuschauern. Als sei das alles ein großes Missverständnis, als warte er nur darauf, seine Version der Geschichte endlich loszuwerden. Sein Blick wandert selbstbewusst über die bis auf den letzten Platz besetzen Zuschauerreihen im Saal 127 des Landgerichts.

Kurz vor Ende des ersten Verhandlungstages ergreift er selbst noch das Wort. Eins wolle er mal vorab klarstellen, sagt G. scharf in Richtung der beiden Vertreter der Staatsanwaltschaft. Für die beiden sei er immer noch "Herr" G. oder der "Angeklagte" – und nicht einfach nur G.

Der angeklagte Herr G. streitet alle Vorwürfe gegen ihn ab. An das Gericht gewandt sagt er: "Verstehen sie mich bitte nicht falsch, ich beabsichtige nicht, das Verfahren mit Anträgen zu verschleppen." Er brauche jetzt nur weitere Akteneinsicht, will entschlüsselte Chatnachrichten, auf die sich Ermittler und Staatsanwaltschaft als Beweise stützen, als Rohmaterial haben. Denn er traue Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft nicht.  "Ich bin froh, dass es endlich losgeht", sagt G., "und dass das Gericht den Fall aufklärt."

Ermittler und Staatsanwaltschaft haben gegen G. offenbar vor allem die Chatnachrichten und bei ihm aufgefundene abfotografierte Behördendokumente in der Hand. In der Kommunikation der Kokainbande, die von Niedersachsen aus agierte, ist wiederholt die Rede von einem "SA", einem "Cop" und einem "Coach" gewesen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll G. der "Cop" gewesen sein. Was G. am Mittwoch vor Gericht allerdings noch einmal bestritt.  

Verrat von Haftbefehlen und Observationen für jeweils 5.000 Euro?

Der "Coach" soll Amir-Houman F. gewesen sein. Er ist in Hannover mitangeklagt, sitzt am Mittwoch neben G. Dem Deutsch-Iraner gehört eine Kampfsportschule im Norden Hannovers, dort soll auch G. Mitglied gewesen sein. Und eben dort soll sich G. mit F. und anderen Mittelsmännern der Kokainbande ausgetauscht haben. Mal kamen konkrete Fragen, mal soll auch G. von sich aus interessante Infos gegen Geld angeboten haben.  

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er von der Bande eine Grundvergütung von monatlich 5.000 Euro in bar erhalten hat. Zusätzlich für einzelne Tipps zu Haftbefehlen, Observationen oder Telekommunikationsüberwachung jeweils nochmal 5.000 Euro. So sollen insgesamt 65.000 Euro in den knapp 9 Monaten ab Mitte 2020 an G. geflossen sein. 65.000 Euro sind als Zuverdienst zum Staatsanwaltsgehalt eine Menge Geld. Aber auch so viel, dass ein Staatsanwalt, der so exponiert Drogen-Prozesse führt, wirklich seine Existenz für Tranchen von 5.000 Euro riskiert?  

In Hamburg wurden kürzlich zwei Hafenmitarbeiter verurteilt, die Container mit geschmuggeltem Kokain für die Abholer günstig platzieren sollten. Sie bekamen dafür 2.000 Euro pro Kilo Kokain versprochen. Geschmuggelt werden sollten 480 Kilogramm, also knapp eine Millionen Euro wert für die Helfer im Hafen. Ein Staatsanwalt als Maulwurf platziert in der zuständigen Drogenabteilung dürfte ein deutlich wertvolleres Kaliber sein.

In G.s Fall wird es für die Beweisfragen absehbar auf die kleinteilige Auswertung und Interpretation der Chatnachrichten und des bei G. sichergestellten internen Materials ankommen.

Vorsitzende Richterin hatte sich selbst für befangen erklärt – und muss doch ran

G.'s Verteidiger, der Hannoveraner Strafrechtsanwalt Timo Rahn äußerte Zweifel, ob das Gerichtsverfahren in dieser Besetzung auf der Richterbank zu Ende gehen werde. Er sprach die Vorsitzende Richterin der 20. Großen Strafkammer Jana Bader direkt an. Die hatte im Vorfeld der Verhandlung per Selbstanzeige ihre Befangenheit erklärt. Nicht nur G. und sie kennen sich aus dem Gerichtssaal; Bader soll als Richterin außerdem auch mit einem der Hinweisgeber gegen G. zu tun gehabt haben.  

Dass Bader den Vorsitz der Kammer auch in diesem Verfahren behält, liegt an ihren niedersächsischen Kollegen: Erst das Landgericht Hannover, dann das Oberlandesgericht Celle teilte ihre Bedenken nicht. Sie verwarfen die Befangenheitsanzeigen. Verteidiger Rahn sprach davon, Bader sei zu diesem Prozess "gezwungen" worden. Er brachte ins Spiel, ob nicht die Richterin selbst als Zeugin gehört werden müsste. Gleichzeitig im Zeugenstand und auf der Richterbank sitzen kann sie natürlich nicht.  

Anzeige

Hat die Justiz im Umgang mit dem Fall G. Fehler gemacht?

Keine Rolle spielten am ersten Verhandlungstag die Abläufe bei der Justiz in diesem Verfahren. Wer hatte wann was zum Verdacht gegen G. gewusst? Sind im Umgang Fehler gemacht worden? Die Parlamentarische Geschäftsführerin der oppositionellen CDU-Landtagsfraktion, Carina Hermann, hatte von einem "Justizskandal" gesprochen.  

Klar ist: Nicht bei jedem Verdacht, den ein Angeklagter gegen einen gegen ihn ermittelnden Staatsanwalt äußert, kann der vom Prozess oder gar aus seinem Zuständigkeitsbereich abgezogen werden. Auf die Qualität des Verdachts hatte auch der Bundesgerichtshof abgestellt, der kürzlich über einen Revisionsfall aus dem Drogenschmuggel-Komplex zu entscheiden hatte.  Aber ab welchem Verdachtsgrad muss die Justiz mit vorläufigen Maßnahmen reagieren?

Im Fall von G. kam offenbar auch noch Zeitdruck hinzu. Denn schon einmal im November 2022 kam es nach Hinweisen und Ermittlungen gegen. G. zu einer ersten Durchsuchung bei ihm – aber die Zeit drängte. Denn für nur Anfang Dezember war bereits die Eröffnung des Hauptverfahren in einem wichtigen Kokain-Prozess geplant, G. hatte die Anklage geschrieben, sollte das Verfahren für die Staatsanwaltschaft führen. Damals entschied die Staatsanwaltschaft Hannover, dass G. an Bord bleiben darf. Und so konnte er trotz des schwebenden Verdachts weitermachen,  auch das Verfahren gegen ihn lief im Hintergrund weiter. Zwischenzeitlich wurde es eingestellt, weil sich der Verdacht nicht erhärtet hatte. Dann im Sommer 2024 tauchten offenbar neue Beweise auf, die Ermittlungen gegen G. liefen wieder an – bis er schließlich im Oktober verhaftet wurde.  

Letztlich hat der Fall auch eine politische Dimension: Die Verantwortungsfrage für den Umgang mit dem Fall reicht von der Staatsanwaltschaft, über die Generalstaatsanwaltschaft bis zum Justizministerium Niedersachsen. Auch überall dort wird man den Prozess gegen G. und seine weiteren Enthüllungen aufmerksam verfolgen. Derzeit sind Termine bis September angesetzt.

Als die Vorsitzende Richterin Bader am Mittwoch den ersten Sitzungstag beendet, wirkt es so, als hätte G. gerne noch weitergeredet. Bader muss ihm regelrecht das Wort abschneiden. Schon in der nächsten Sitzung am 12. Mai will G. sich ausführlich zu den Vorwürfen äußern. 

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Prozessauftakt in Hannover: . In: Legal Tribune Online, 23.04.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57052 (abgerufen am: 16.07.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Drogen
    • Justiz
    • Staatsanwaltschaft
    • Strafverfahren
  • Gerichte
    • Landgericht Hannover
Neonazi Marla Svenja Liebich wird aus dem Landgericht Pilsen geführt, wo sie erfolglos gegen ihre Auslieferung vorging, 18.05.2026. 15.07.2026
Strafvollzug

Nach Auslieferung von Tschechien:

Marla Svenja Lie­bich im Frau­en­ge­fängnis ange­kommen – auf Dauer?

Nach Flucht, Ergreifung und einem Gerichtsverfahren in Tschechien wurde Neonazi Marla Svenja Liebich an die deutsche Justiz ausgeliefert und in die Frauen-JVA in Chemnitz verbracht. Liebichs dauerhafter Verbleib ist aber weiter offen.

Artikel lesen
Der Landtag in NRW 15.07.2026
Reform

Anhörung im NRW-Landtag:

Sach­ver­stän­dige sehen Nach­bes­se­rungs­be­darf bei Arbeits­ge­richts­re­form

Die geplante Reform der Arbeitsgerichte in NRW stößt in der Expertenanhörung auf Kritik. Streitpunkte sind die Gerichtstage und weite Wege. Auch gibt es Sorge, dass Mitarbeitende die Justiz verlassen, wenn Gerichte zusammengelegt werden.

Artikel lesen
AG München an der Maxburgstr. 4 14.07.2026
Richter

Münchner Justiz:

Der unge­setz­liche Richter

Hat es das größte Amtsgericht Deutschlands versäumt, für das Jahr 2021 rechtzeitig einen wirksamen Geschäftsverteilungsplan aufzustellen? Brachte es damit Rechtssuchende um den gesetzlichen Richter? Ein Jurist erhebt schwere Vorwürfe.

Artikel lesen
Justiz Berlin 14.07.2026
Justiz

IT-Ausfall an Berliner Gerichten:

"Wer Sit­zung hat, lieber mit Word arbeiten und aus­dru­cken"

Handgeschriebene Haftbefehle, abgesagte Gerichtstermine. Anfang der Woche sind IT-Probleme in der Hauptstadt massiv geworden. Richterinnen und Richter äußern sich frustriert. Die Probleme sollen seit Monaten immer wieder die Arbeit lahm legen.

Artikel lesen
Junge Frau sitzt konzentriert am Laptop 14.07.2026
Psychologie

Selbstdisziplin im juristischen Alltag:

Eine Frage der Moti­va­tion, nicht des Cha­rak­ters

Wer im Beruf konsequent das Richtige tut, gilt schnell als überdurchschnittlich diszipliniert. Dabei zeigt die Forschung: Selbstdisziplin ist kein Charaktermerkmal, sondern lässt sich trainieren. Dörthe Dehe erklärt, wie das gelingen kann.

Artikel lesen
Eine Darstellerin als Richterin mit Hammer hinter dem Richterpult 12.07.2026
Kultur

"The Jury Experience":

Justiz-Theater auf über­schau­barem Niveau

Bei einem interaktiven Theater bilden die Zuschauenden die Jury eines Gerichtsprozesses. Es geht um einen Fall mit Potenzial: Ein autonomes Taxi überrollt einen Radfahrer. Philip Raillon hat die Vorstellung besucht – und war enttäuscht.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Flick Gocke Schaumburg
Steu­e­ras­sis­tent / Steu­er­fach­an­ge­s­tell­te (m/w/d) Steu­er­recht / Pri­va­te...

Flick Gocke Schaumburg, Mün­chen

Logo von Dentons
Rechts­an­walt (m/w/d) In­sol­venz­recht / Re­struk­tu­rie­rung

Dentons, Frank­furt am Main

Logo von Gleiss Lutz
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) IP/Tech

Gleiss Lutz, Mün­chen

Logo von Unabhängiger Kontrollrat
Voll­ju­ris­tin­nen oder Voll­ju­ris­ten (w/m/d) als Re­fe­ren­tin oder Re­fe­rent für...

Unabhängiger Kontrollrat, Ber­lin

Logo von RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) als An­ge­s­tell­te oder in frei­er Mit­ar­beit

RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Logo von Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Voll­ju­rist*in als Re­fe­rent*in für Grund­sat­z­fra­gen

Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., Mün­chen

Logo von HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB
Rechts­an­wäl­tin / Rechts­an­walt (m/w/d) mit Schwer­punkt IT-Recht

HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB, Ber­lin

Logo von DLA Piper UK LLP
Se­nior As­so­cia­te (m/w/x) im Be­reich Com­mer­cial & Tech

DLA Piper UK LLP, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Fortbildung Versicherungsrecht im Selbststudium/ online

24.07.2026

Green Claims: Umweltaussagen rechtssicher gestalten

28.07.2026

EU AI Act Compliance im Griff – Schritt für Schritt zur Umsetzung

28.07.2026

Logo von Hengeler Mueller
Chancen@Hengeler Stipendium 2026

01.10.2026

Spezielle Testamentsklauseln und ihre Verwendung in der Praxis

03.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH