Interview mit der neuen Leiterin der JVA Moabit: "Kein Gefängnis wird jeden reso­zia­li­sieren"

von Peggy Fiebig

19.09.2017

Drogen hinter Gittern, Belästigungsvorwürfe, immer mehr Gestrandete und nie genug Personal. Für die Juristin Anke Stein ist die Arbeit mit Kollegen und Gefangenen an einem gemeinsamen Ziel dennoch ein guter Grund, morgens aufzustehen. 

LTO: Nach knapp fünf Jahren als Leiterin der JVA Heidering, einer der neuesten und modernsten Vollzugsanstalten Europas, haben Sie seit Anfang September nun die Leitung der JVA Moabit übernommen, einem Gefängnis, das aus dem 19. Jahrhundert stammt. Soll man Ihnen eher gratulieren oder Sie bemitleiden?

Stein: Ich wollte ja nach Moabit. Ich kannte die JVA vorher, weil ich bereits 1999 und 2000 hier eine Zeit lang tätig war. Es war also eine sehr bewusste Entscheidung.

LTO: Wenn Sie auf Ihre Zeit in Heidering zurückblicken – worauf sind Sie besonders stolz?

Anke Stein 

Stein: Als Heidering 2013 an den Start gegangen ist, hatten wir kaum Personal. Das heißt, wir haben Kolleginnen und Kollegen von anderen Anstalten gewonnen, die alle freiwillig nach Heidering gekommen sind. Wir haben dann im wahrsten Sinne des Wortes auf der grünen Wiese in Brandenburg gemeinsam eine Justizvollzugsanstalt aufgebaut. Nicht als Gebäude, das war ja 2013 fertig, aber als funktionierende Organisation.

Dass Heidering innerhalb kürzester Zeit auf diese Weise eine Anstalt mit eigenem Gesicht geworden ist und sich die Kolleginnen und Kollegen als "Heideringer" verstanden haben, darauf bin ich schon stolz.

LTO: Und was haben Sie nicht mehr geschafft?

Stein: Ich hätte mir gewünscht, dass es während meiner Zeit dort zumindest einen Tag gegeben hätte, an dem ich mit der Personalausstattung hätte arbeiten können, die für ein wirkliches Funktionieren der Anstalt notwendig gewesen wäre.

Von der grünen Wiese in die Stadt

LTO: Zu Ihrer neuen Position: Was ist in Moabit anders als in Heidering?

Stein: Zunächst einmal werde ich mich hier mit den Besonderheiten der Untersuchungshaft beschäftigen. Das ist etwas Neues für mich, Heidering war ja eine reine Strafhaftanstalt. Und es ist auch etwas ganz anderes, eine Anstalt mitten in der Stadt zu leiten – an so prominenter Stelle und manchmal auch mit "prominenten" Gefangenen. Das ist spannend, aber auch herausfordernd.

LTO: Was werden Sie als erstes angehen?

Stein: Auch wenn ich jetzt wie ein Politiker rede: Geben Sie mir erst mal hundert Tage. Ich muss zunächst die JVA Moabit verstehen, bevor ich wirklich etwas angehen kann.

Wichtig ist mir aber auf jeden Fall, dass die Arbeitsbedingungen in der JVA mindestens so bleiben, wie sie sind – sich also nicht verschlechtern – und dass sich die Unterbringung der Gefangenen verbessert. Beides bedingt sich gegenseitig: Wenn die Bediensteten nur unter Stress arbeiten können, erzeugt das auch Stress bei den Gefangenen. Und wenn Unterbringung, Freizeit und Arbeit so sind, dass sie sich negativ auf die Gefangenen auswirken, überträgt sich das wiederum auf die Arbeit der Beamtinnen und Beamten. Und beides will ich nicht.

Gestrandet in Berlin, ohne Deutschkenntnisse

LTO: Lassen Sie uns über die JVA Moabit reden: Welche Menschen sitzen hier ein?

Stein: Die JVA Moabit hat einen hohen Anteil Untersuchungsgefangene. Von derzeit 930 Gefangenen befinden sich über 700 in Untersuchungshaft. Deshalb sehen wir hier auch alles: Diejenigen, die auf der ersten Seite der Tageszeitung stehen und solche, die beispielsweise aufgrund ihrer Obdachlosigkeit in Untersuchungshaft sind. Das heißt, wir haben hier die "kleinen Lichter", aber auch die "großen Tiere".

LTO: Die Stadt Berlin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert – merkt man das auch in einem Gefängnis?

Stein: Das merkt man ganz unmittelbar. Wenn sich eine Gesellschaft verändert, wenn sich das Umfeld verändert, dann verändert sich auch die Klientel in einem Gefängnis. Der Anteil Nichtdeutscher ist in den Berliner Gefängnissen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen und er steigt weiter. Es gibt andere kulturelle Hintergründe, mit denen wir auch im Vollzug umzugehen haben. Außerdem gibt es eine stärkere Drogenproblematik – also mehr Gefangene, die bereits mit einer Abhängigkeit zu uns kommen.

Berlin ist ja eine wachsende Stadt. Und es gelingt nicht jedem, der herkommt, auch wirklich Fuß zu fassen. Deshalb finden sich unter den Gefangenen auch mehr und mehr "Gestrandete", die aus Betäubungsmittelabhängigkeit, Obdachlosigkeit oder anderen Problemlagen Straftaten begangen haben. Da das zum Teil Menschen sind, die keine Chance hatten, Deutsch zu lernen, stellt uns das teilweise vor erhebliche Verständigungsprobleme.

Zitiervorschlag

Interview mit der neuen Leiterin der JVA Moabit: "Kein Gefängnis wird jeden resozialisieren" . In: Legal Tribune Online, 19.09.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/24581/ (abgerufen am: 03.07.2022 )

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