Druckversion
Mittwoch, 12.08.2026, 19:53 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/hasskriminalitaet-berlin-lka-polizei-staatsschutz-rechtsextremismus-bedrohung-beleidigung-bka-hate-speech
Fenster schließen
Artikel drucken
43621

Interview mit Berliner Staatsschützerin: Hass­kri­mi­na­lität deut­lich auf dem Vor­marsch

Interview von Hasso Suliak

03.12.2020

Gebäude des Polizeipräsidiums (LKA), Berlin

Bild: A.Savin, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, Zuschnitt und Skalierung durch LTO (Gebäude des Polizeipräsidiums (LKA), Berlin)

Wenn das Gesetz gegen Hass im Netz in Kraft tritt, bedeutet das nicht nur mehr Arbeit für das BKA, sondern auch für die Polizei in den Ländern. Beim LKA in Berlin ist man darauf vorbereitet, sagt Staatsschützerin Sarah-Marisa Wegener.

Anzeige

LTO: Frau Wegener, Sie arbeiten als Volljuristin im auf Hasskriminalität und politisch motivierte Kriminalität -rechts- spezialisierten Dezernat 53 des Staatsschutzes im Berliner Landeskriminalamt (LKA). Als Leiterin der Auswerteeinheit ist die Beschäftigung mit Hass und Hetze Ihr täglich Brot. Wie sehr hat die Verrohung im Netz und analoger Welt zugenommen?

Sarah-Marisa Wegener: Deutlich. Wir verzeichnen im Bereich Hasskriminalität permanent steigende Fallzahlen. Seit 2010 haben diese sich fast verfünffacht, 2019 registrierten wir knapp 3.000 Fälle. Hinzu kommt noch eine hohe Dunkelziffer entsprechender Delikte im Netz, die nicht zur Anzeige gebracht werden. Der Hasskriminalität zugrunde liegen immer Vorurteile gegenüber Angehörigen machtschwacher, diskriminierter gesellschaftlicher Gruppen, zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund, Homo- und Transsexuellen, Menschen jüdischen Glaubens, aber auch Frauen. Ich spreche daher statt von Hass- lieber von Vorurteilskriminalität.

Um diese Delikte künftig besser verfolgen und ahnden zu können, hat die Koalition das Gesetz zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität beschlossen, das zunächst wegen verfassungsrechtlicher Mängel vom Bundespräsidenten nicht unterzeichnet wurde. Nach jüngster Entwicklung könnte es jedoch nächstes Jahr in Kraft treten. Wie sehr hilft Ihnen das bei Ihrer Arbeit?

Wir bereiten uns schon seit geraumer Zeit – auch im Austausch mit dem Bundeskriminalamt (BKA) – auf die neue Rechtslage vor.

Nach dem Gesetzesentwurf sollen u. a. Anbieter kommerzieller, sozialer Netzwerke im Internet verpflichtet werden, bestimmte rechtswidrige Inhalte, die ihnen von Nutzern angezeigt werden, an eine zentrale Meldestelle beim BKA zu übermitteln. Das BKA unterzieht diese dann einer Vorprüfung und leitet sie ggf. an die Polizeien der Bundesländer weiter. Wir stellen uns also auf Mehrarbeit ein.

"Strafrecht nicht immer mit befriedigender Antwort"

Dennoch ein gutes Gesetz?

Aus meiner Sicht unternehmen wir mit der genannten Regelung einen wichtigen Schritt, um Sicherheitsbehörden noch besser in die Lage zu versetzen, Hass im Netz zu bekämpfen.

(c) LKA BerlinDarüber hinaus befürworte ich auch weitere Regelungen des Entwurfes, wie z. B. dass das Gesetz die Strafbarkeit nicht nur bei der Beleidigung, sondern auch bei der Bedrohung nach § 241 Strafgesetzbuch (StGB) ausweitet. Bislang war nur die Bedrohung mit einem Verbrechen – beispielsweise mit Mord – strafbar. Künftig werden auch Drohungen mit Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, die körperliche Unversehrtheit, die persönliche Freiheit oder gegen Sachen von bedeutendem Wert, die sich gegen die Betroffenen oder ihnen nahestehende Personen richten, erfasst sein.

Hass im Netz kann unterschiedliche Straftatbestände erfüllen. Reicht das vorhandene Instrumentarium des Strafrechts aus, damit Sie und Ihr Team das ganze Spektrum von Hass und Hetze erfassen können?

Ich gehöre sicher nicht zu denjenigen, die bei jeder Gelegenheit Strafverschärfungen fordern. Oft reicht es ja aus, vorhandene Gesetze konsequent anzuwenden. Aber in der Tat gibt unser Strafrecht auf einige Phänomene, die ich für sanktionswürdig erachte, nicht immer eine befriedigende Antwort.

Wenn z. B. in geschlossenen Foren oder Chats zum Hass gegen bestimmte Gruppen aufgestachelt wird, dann scheitert eine Strafverfolgung wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) mitunter daran, dass das Merkmal der Öffentlichkeit nicht erfüllt ist. Auch beim Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a StGB) ist die Öffentlichkeit eine Voraussetzung.

Ich hielte es für wünschenswert, wenn das StGB noch besser eine Antwort auf strafwürdiges Verhalten geben würde, das innerhalb geschlossener Räume im Internet zu beobachten ist.

Anzeige

"Studie zu Rechtsextremismus in der Polizei sinnvoll"

Apropos Verwendung verfassungswidriger Symbole in geschlossenen Chats: Zuletzt war davon immer wieder im Zusammenhang mit Polizisten die Rede. Das ARD-Magazin Monitor hat über eine Chat-Gruppe bei der Berliner Polizei berichtet, in der es zu rassistischen Äußerungen kam. Laut Angaben der Polizeipräsidentin von Berlin wird gegen eine Vielzahl Ihrer Kollegen ermittelt. Wieso mussten erst die Journalisten diese Zustände aufdecken und nicht Ihr dafür zuständiges Dezernat?

Natürlich müssen wir uns fragen, warum die Kollegin oder der Kollege nicht zuerst die eigene Behörde, sondern ein Medienmagazin informiert hat. Jede Kollegin und jeder Kollege sollte solche Informationen jedenfalls nicht aus Angst vor einer späteren Identifizierung zurückhalten.

Aber ich kann Ihnen versichern: die überwiegende Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen schaut nicht weg, sondern meldet Vorgänge, bei denen ihnen innerhalb der Polizei etwas auffällt – auch im Zusammenhang mit rechten Straftaten.

Vorwürfe des RacialProfilings, rechtsextreme Netzwerke innerhalb der Polizei, ob nun Einzelfälle oder strukturell bedingt: Das Image der Polizei war schon mal besser, oder?

Vielleicht, aber der Blick auf die Polizei unterliegt auch einem gesellschaftlichen Wandel.

Ich persönlich habe übrigens nichts gegen eine umfassende Studie einzuwenden, die untersucht, ob innerhalb der Polizei Strukturen bestehen, die Rechtsextremismus fördern.

Die Polizei kann dabei in meinen Augen nur gewinnen: Entweder stellt sich heraus, dass der Vorwurf struktureller Defizite sich nicht erhärten lässt, oder es treten Probleme im Rahmen der Untersuchung zu Tage, denen die Polizei dann zielgerichtet entgegenwirken kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sarah-Marisa Wegener (34) ist Volljuristin und arbeitet beim Landeskriminalamt Berlin im Staatsschutzdezernat 53, das für rechte politisch-motivierte Straftaten und Hasskriminalität zuständig ist. Sie ist dort Leiterin der Auswerteeinheit.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Interview mit Berliner Staatsschützerin: . In: Legal Tribune Online, 03.12.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/43621 (abgerufen am: 12.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Beleidigung
    • Hass-Posts
    • Hassverbrechen
    • Internet-Kriminalität
    • Meinungsfreiheit
    • Polizei
    • Rechtsextremismus
Eine Drohne vom Typ Falke A1 Argus Interceptor der Heimatschutzdivision der Bundeswehr, fliegt am Himmel. Im Vordergrund steht ein Bundeswehrsoldat. 10.08.2026
Drohnen

Nach Vorfall am Leipziger Flughafen:

Wer ver­tei­digt Deut­sch­land gegen Drohnen?

Wer ist zuständig? Wer hat überhaupt die technischen Fähigkeiten? Und sollte die Bundeswehr im Inneren mehr unterstützen dürfen? Die kontroverse Debatte um die Luftverteidigung ist trotz neuer Regelungen wieder in vollem Gange. Der Überblick.

Artikel lesen
Blick auf die Promenade an der Spree mit dem Jakob-Kaiser-Haus links und dem Kunstwerk "Grundgesetz 49" 05.08.2026
Kunst

OVG gibt Sicherheitsbehörde Recht:

Kunst­werk weg, Anspruch weg

Entsprechend dem Polizeirecht haben Behörden die Holzstele aus einem Kreativprojekt vernichtet. Die Künstler wollten danach wenigstens die Überreste des ihrer Arbeit haben, doch dafür sah das OVG Berlin-Brandenburg keine Rechtsgrundlage.

Artikel lesen
Die Angeklagten stehen im Sitzungssaal im Strafjustizgebäude in Hamburg 05.08.2026
Rechtsextremismus

Hanseatisches Oberlandesgericht:

Haft­strafen im Pro­zess gegen "Letzte Ver­tei­di­gungs­welle"

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechten Terrorgruppe "Letzte Verteidigungswelle" vor Gericht. Weil sie so jung sind, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nun hat das Hanseatische OLG Haftstrafen verhängt.

Artikel lesen
Ein Polizist steht am Eingang zur Kleingartenkolonie Burgwallschanze in Berlin-Spandau 05.08.2026
Polizei

Tödlicher Polizeieinsatz nach dem Berliner CSD-Anschlag:

Warum musste Abdul Bal­lout sterben?

Die Erschießung von Abdul Ballout erschwert die Ermittlungen zum CSD-Anschlag. Die vier abgegebenen Schüsse werfen Fragen auf, doch Polizei und Staatsanwaltschaft verweigern LTO Antworten. Was sagt ein Polizeiexperte zu derartigen Einsätzen?

Artikel lesen
Ein Dackel auf dem Arm seines Frauchens (Symbolbild) 04.08.2026
Tiere

Dackel frisst Schädlingsgift und muss in die Klinik:

Frau­chens scharfe Restau­rant­kritik auf Ins­ta­gram ist erlaubt

Mäuseköder im Gastraum eines Restaurants – und ein Dackel schnappt zu: Weil ihr Tier danach behandelt werden musste, machte Frauchen ihrem Ärger Luft auf Instagram. Das OLG Frankfurt sieht darin zulässige, wenn auch zugespitzte Kritik.

Artikel lesen
Das Gebäude des Amts- und Landgerichts in Düsseldorf 30.07.2026
Beleidigung

Wegen Beleidigung von Einsatzkräften:

1.000 Euro Geld­strafe für betrun­kene Anwältin

Sie war stark angetrunken, hatte sich in einer U-Bahn-Station erbrochen und soll dann ausfallend geworden sein: Eine Düsseldorfer Anwältin muss wegen Beleidigungen gegen Sanitäter und Polizisten eine Geldstrafe von 1.000 Euro zahlen.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Ham­burg

Logo von TowaRA:Arbeitsrecht
Rechts­an­walt (m/w/d) im Ar­beits­recht mit und oh­ne Be­ruf­s­er­fah­rung

TowaRA:Arbeitsrecht, Köln

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) Health­ca­re/Öf­f­ent­li­ches Recht

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB
Part­ne­rin (w|d|m) ge­sucht – Ar­beits­recht

HÄRTING Rechtsanwälte PartGmbB, Ber­lin

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von FernUniversität Hagen
Wis­sen­schaft­li­che*n Mit­ar­bei­ter*in (w/m/d) am Lehr­stuhl für Bür­ger­li­ches...

FernUniversität Hagen, Ha­gen

Logo von CMS
Er­fah­re­ne/r Rechts­an­walt (m/w/d) Ar­beits­recht

CMS, Ham­burg

Logo von Unabhängiger Kontrollrat
Voll­ju­ris­tin­nen oder Voll­ju­ris­ten (w/m/d) als Re­fe­ren­tin oder Re­fe­rent für...

Unabhängiger Kontrollrat, Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Compliance Lunch: NIS2 – Update: Sicherheit in der Lieferkette

19.08.2026

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
DAIvent an der Ostsee: Bau- und Architektenrecht 2026

19.08.2026, Lübeck

Personenschaden: Vermehrte Bedürfnisse – Heimpflegekosten, Haushaltsführung und Vergleich 2026

19.08.2026

Nachfolgegestaltungen mittels Stiftungen

19.08.2026

Online-Seminar: Die Notarfachausbildung gelungen gestalten

19.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH