Druckversion
Mittwoch, 18.02.2026, 19:54 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/eu-rechtspolitik-kompetenz
Fenster schließen
Artikel drucken
12033

Rechtspolitik in der EU: Ganz schön viele Kompetenzen

von Claudia Kornmeier

20.05.2014

Europa-Fahne

© Lulla - Fotolia.com

Der Ausgang der Europawahl wird auch die Rechtspolitik in Deutschland beeinflussen. Die EU hat nämlich gar nicht so wenige Kompetenzen, wenn es um Justiz und Bürgerrechte geht. Beispiele sind der Verbraucher- und Datenschutzschutz, die Rechte von Beschuldigten und Opfern im Strafverfahren oder das Asyl- und Einwanderungsrecht. Und der EuGH entwickelt sogar  seine eigene Grundrechte-Rechtsprechung.

Anzeige

Seit der Bundestagswahl hat Deutschland einen neuen Justizminister, der recht ambitioniert startete, fünf Monate nach Amtsantritt liegen bereits einige Gesetzentwürfe auf dem Tisch: Heiko Maas hat sich unter anderem Kinderpornografie, Hate Crimes, Mietpreisbremse und die doppelte Staatsbürgerschaft vorgenommen. Außerdem will er auf längere Sicht eine Reform der Tötungsdelikte und das Unternehmensstrafrecht in Angriff nehmen.

Auf EU-Ebene macht einen vergleichbaren Job seit dem Lissabon-Vertrag die Kommissarin für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft Viviane Reding. Die streitbare Luxemburgerin ist bereits seit 1999 Mitglied der Kommission und sicherlich eine der bekanntesten EU-Politikerinnen. Bei der Europawahl tritt sie als nationale Spitzenkandidatin der luxemburgischen Christsozialen an. Eines ihrer wichtigsten Projekte in den vergangenen Jahren war die Datenschutzreform, auf welche EU-Abgeordnete über die Fraktionsgrenzen hinweg stolz sind, deren endgültige Version aber noch ausgehandelt werden muss.

Die Reform besteht aus einer Verordnung, die unmittelbar in den Mitgliedstaaten gelten wird und ein einheitliches Datenschutzregime schaffen soll, um internationalen Unternehmen wie Facebook oder Google besser Herr zu werden. Außerdem enthält sie eine Richtlinie für die polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit. Abgelöst werden soll damit die bisherige Datenschutz-Richtlinie von 1995.

Freundlicher als erwartet: die Grundrechte-Politik

Zunehmend an Bedeutung gewinnen auch die EU-Grundrechte. Die Befürchtungen zahlreicher Skeptiker, der Europäische Gerichtshof (EuGH) könnte sich in diesem Bereich zu viele Kompetenzen zusprechen und anschließend keinen ausreichenden Grundrechtsschutz gewähren, wurden mit dem Urteil zur Vorratsdatenspeicherung und zum sogenannten Recht auf Vergessenwerden im Internet zumindest für den Moment zerstreut.

Auch die Generalanwälte am höchsten europäischen Gericht erwiesen sich bislang als grundrechtsfreundlich, als sie beispielsweise die Vereinbarkeit der deutschen Praxis bei der Abschiebungshaft mit den EU-Grundrechte anzweifelten. Auch den Sprachtest als Voraussetzung für den Ehegatten-Nachzug sehen sie kritisch.

Die EU soll außerdem weiterhin der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) beitreten, Art. 6 Abs. 2 EUV. Durch eine Integration der EMRK in das EU-Grundrechteregime soll die Rechtsprechung der beiden europäischen Gerichtshöfe in Menschenrechtsfragen harmonisiert werden. Anfang Mai wurde vor dem EuGH über die Vereinbarkeit eines Beitrittsentwurfs mit den Unionsverträgen verhandelt (Az. 2/13).

Ein Herz für Verbraucher: Reise- und Kaufrecht

Besonders aktiv ist die EU auf dem Gebiet des Verbraucherschutzes. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass der EuGH über Entschädigungen für Fluggäste wegen Verspätungen oder ausgefallener Flüge entscheiden muss.

Aber nicht nur das Reiserecht ist durch und durch geprägt vom Unionsrecht. Ein weiteres Beispiel ist der E-Commerce. Zum Juni 2014 treten erneut Änderungen zum Online-Shopping in Kraft, die auf der EU-Verbraucherschutzrichtlinie beruhen: Widerrufsfrist, Versand- und Rücksendekosten sowie die Rückgabe von Apps, E-Books und anderen Downloads werden damit neu geregelt. Die Vorschriften im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) zum Widerruf von Fernabsatzverträgen beruhten auch schon zuvor auf europäischen Vorgaben.

Bereits 2011 legte die Kommission einen Entwurf für eine Verordnung zu einem Gemeinsamen europäischen Kaufrecht vor. Mittlerweile hat das Europäische Parlament zugestimmt. Die Regeln sollen von den Vertragsparteien alternativ zu den nationalen Vorschriften gewählt werden können. Und schon heute beruhen die §§ 433 ff. BGB auf Unionsrecht.

Strafrecht: Mehr Rechte für Opfer und Beschuldigte

Das europäische Recht durchdringt aber nicht nur das Zivilrecht, sondern auch das Strafrecht. Die Mitgliedstaaten haben sich darauf verständigt, Gerichtsentscheidungen in Strafsachen grundsätzlich gegenseitig anzuerkennen. Prominentes Beispiel ist der Europäische Haftbefehl, der die Auslieferung von Beschuldigten innerhalb der EU vereinfachen soll, indem die Mitgliedstaaten die Rechtmäßigkeit ihrer Haftbefehle grundsätzlich anerkennen.

Damit das System funktioniert, sollen Mindeststandards gelten, die Betroffenen ein faires Verfahren gewährleisten: So schreiben mittlerweile zwei Richtlinien das Recht auf einen Dolmetscher sowie einen Anwalt und die Belehrung des Beschuldigten über seine Rechte vor. Die Umsetzungsfristen dieser Richtlinien laufen teilweise noch. An einer Harmonisierung der Prozesskostenhilfe, der Achtung der Unschuldsvermutung sowie dem Recht auf Anwesenheit in der Verhandlung arbeiten die EU-Institutionen noch. Daneben hat die EU auch die Rechte der Opfer gestärkt, etwa wenn es um Entschädigungen geht.

Im Juli 2013 hat die Kommission außerdem einen Vorschlag zur Einführung einer Europäischen Staatsanwaltschaft gemacht. Die neue Behörde soll Straftaten zulasten des EU-Haushaltes verfolgen und vor nationalen Gerichten anklagen. Das Europaparlament stimmte dem Vorschlag im März 2014 mit Änderungswünschen zu.

Asylrecht: Trotz Reform nicht viel reformiert

Neben Reding agiert noch die Kommissarin für Inneres, die Schwedin Cecilia Malmström. In ihr Aufgabengebiet fallen das Asyl- und Einwanderungsrecht, die Grenzkontrollen und die polizeiliche Zusammenarbeit bei der Terrorismus- und Verbrechensbekämpfung.

2013 einigten sich die Mitgliedstaaten auf eine europäische Asylrechtsreform. An der Grundregel der Dublin-Verordnung hat sich trotz Kritik aus den besonders betroffenen Ländern wie Griechenland und Italien aber nichts geändert. Asylbewerber müssen ihren Antrag weiterhin immer in dem Land stellen, in dem sie in die EU eingereist sind.

Die Mitgliedstaaten einigten sich lediglich auf ein "Frühwarnsystem", das Defizite im Asylsystem eines Landes frühzeitig erkennen soll. Außerdem regelt künftig eine Richtlinie Mindeststandards für das Asylverfahren. Unbegleitete Minderjährige sollen besonders geschützt, Anträge schneller bearbeitet werden.

Die rechtspolitischen Themen, über die EU-Politiker entscheiden, sind also vielfältig und nicht wenige. Trotzdem steht die europäische Rechtspolitik noch nicht bei allen Parteien unbedingt im Vordergrund.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Claudia Kornmeier, Rechtspolitik in der EU: . In: Legal Tribune Online, 20.05.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/12033 (abgerufen am: 18.02.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Europa- und Völkerrecht
    • Europa
    • Europawahl
Grenzkontrollen der Bundespolizei an der deutsch-französischen Grenze, Dezember 2025 16.02.2026
Migration

Obwohl der Schengen-Kodex das nicht vorsieht:

Dobrindt ver­län­gert Grenz­kon­trollen bis Herbst

Um die Verfahrensregeln einzuhalten, muss der Bundesinnenminister die Grenzkontrollen immer wieder verlängern. Dabei sieht der Schengen-Kodex dauerhafte Kontrollen gar nicht vor. Nicht der einzige Regelbruch in der Migrationspolitik.

Artikel lesen
Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 16.02.2026
Völkerrecht

Münchener Sicherheitskonferenz:

Freund­liche Ein­la­dung zur Abschaf­fung des Völ­ker­rechts

Während US-Außenminister Marco Rubio mit dem Zeitalter des internationalen Rechts abrechnete, bemühten sich andere, zu retten, was zu retten ist. Gelingt ein "push back gegen den push back"? Eindrücke vom Wochenende in München.

Artikel lesen
WhatsApp-Logo auf einem Smartphone-Bildschirm 10.02.2026
Datenschutz

Etappensieg vor dem EuGH:

WhatsApp darf gegen Mil­lionen-Buß­geld klagen

WhatsApp wehrt sich gegen eine Millionen-Strafe wegen DatenschutzvVerstößen. Das höchste Gericht der EU gab nun grünes Licht für eine Klage vor dem EuG. Der Streit ist damit aber noch nicht vorbei.

Artikel lesen
Nürnberger Bratwurst mit Sauerkraut 06.02.2026
Lebensmittel

OLG München gibt seinen Senf dazu:

"Rost­b­rat­würst­chen" darf jeder machen, "Nürn­berger" nicht

Nur "Nürnberger Rostbratwürste" fallen unter den EU-Herkunftsschutz, "Mini-Rostbratwürstchen" dürfen auch woanders hergestellt werden, so das OLG München. Ein Wurst-Case-Szenario für die Fleischbranche hat es damit verhindert.

Artikel lesen
Carles Puigdemont 05.02.2026
EuGH

Parlament laut EuGH nicht unparteiisch genug:

Auf­he­bung der Immunität von Puig­de­mont & Co. nichtig

Der EuGH erklärt die Aufhebung der Immunität von Carles Puigdemont, Antoni Comín und Clara Ponsatí für nichtig. Das Parlament patzte beim Berichterstatter, der zu eng mit den spanischen Anklägern verbandelt gewesen sei.
 

Artikel lesen
Mitglieder der Revolutionsgarden bei einer Militärparade am 21.09.2024. 05.02.2026
Terrorismus

Mehr als eine Sanktion:

Was bedeutet die Ter­r­or­lis­tung von Irans Revo­lu­ti­ons­garden?

Als Reaktion auf die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen hat die EU Irans Revolutionsgarden als Terrororganisation eingestuft. Eva Ghazari-Arndt erklärt, inwiefern die Folgen über bisherige Sanktionen hinausgehen.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Ver­den (Al­ler)

Logo von Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat
Voll­ju­ris­ten (m/w/d) – Ih­re Zu­kunft in der hes­si­schen Jus­tiz

Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat , Wies­ba­den

Logo von SBB Sonderabfallgesellschaft Brandenburg/Berlin mbH
Ju­rist (m/w/d) - Um­welt­recht / Kreis­lauf­wirt­schafts­recht /...

SBB Sonderabfallgesellschaft Brandenburg/Berlin mbH , Pots­dam

Logo von ADVANT Beiten
As­so­cia­te (w/m/d) – Pu­b­lic Sec­tor / Ver­wal­tungs­recht

ADVANT Beiten , Frank­furt am Main

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
Prak­ti­kan­ten

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB , Köln

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle

Logo von CMS Deutschland
Rechts­re­fe­ren­dar (m/w/d) für die Wahl­sta­ti­on im CMS EU Law Of­fice in...

CMS Deutschland , Brüs­sel

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
Prak­ti­kan­ten

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB , Mün­chen und 1 wei­te­re

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Vortrag: Die Wiederherstellung der Erbengemeinschaft durch Gesetzgebung oder Rechtsgeschäft

26.02.2026, Bonn

Update zur E-Rechnungspflicht im Anwaltsberuf 2026

25.02.2026

§ 15 FAO - Überblick Vergaberecht

25.02.2026, Hamburg

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: eCommerce

25.02.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Unternehmens­strafrecht

25.02.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH