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Erinnerungen eines Anklage-Gesellen: Die Gür­tel­tierpf­leger vom Kri­mi­nal­ge­richt Berlin-Moabit

von Martin Rath

13.11.2011

Mit der stark autobiografisch gefärbten Erzählung "Auf Bewährung" blickt der Jurist Robert Pragst auf sein Probejahr in der Berliner Staatsanwaltschaft zurück. Der Bericht aus dieser "Gesellenzeit" fördert, wohl ungewollt, bedenkliche Erkenntnisse zutage: So schlicht gestrickt möchte man sich eine große Anklagebehörde eigentlich nicht vorstellen. Eine Besprechung von Martin Rath.

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© www.dtv.de

Strafverteidiger haben gegenüber den Staatsanwälten einen deutlichen Vorsprung, jedenfalls an öffentlicher Präsenz. Ein Anwalt aus Berlin, Ferdinand von Schirach, beliefert derzeit den Markt mit Kriminalgeschichten – nicht alle sind glaubwürdig, aber alle sind sie ungemein erfolgreich. Anders als in den USA gilt die Anklagevertretung hierzulande noch nicht einmal als Sprungbrett für politische Karrieren. Staatsanwälte machen sich in der Öffentlichkeit rar, sieht man von ihrem in die Privatwirtschaft entlaufenen Ex-Kollegen Heribert Prantl ab, der seine Anklagefreude heute als Journalist bei der "Süddeutschen Zeitung" auslebt.

Der von einer etwas schlichten Erzählkunst getragene Bericht des heute als Richter am Amtsgericht Berlin-Lichtenberg tätigen Juristen Robert Pragst erklärt rasch, warum sich die Anklagevertreter öffentlich so rar machen: Sie hätte gar nicht die Zeit, von ihrer Arbeit zu erzählen. Selbst wenn man es überhaupt wollte.

Staatsanwälte als Gürteltierpfleger

Mit dem Wunsch, später als Richter an einem Zivilgericht zu arbeiten, ereilt Robert Pragst – der bereits als "Richter auf Probe" im Dienst des Landes Berlin steht – überraschend die Versetzung zur Staatsanwaltschaft. In der ehemaligen preußischen Hauptstadt sitzt die Anklagebehörde in einem imperialen Gerichtsgebäude aus Kaisers Zeiten, dem Kriminalgericht Berlin-Moabit. Aus anderen Bundesländern weiß man von Protesten, weil Richter und Staatsanwaltschaft im Gerichtssaal auf einem 24 Zentimeter hohen Sockel sitzen dürfen. In Moabit ist es dagegen ganz selbstverständlich, dass die Staatsgewalt auf die Menschen hinabblickt.

Unter Wilhelm II. wussten Staatsbaukünstler also noch, wie man Architektur errichtet, die Menschen klein und hilflos werden lässt. Doch scheint es in Moabit die Architektur nicht allein zu richten: Obwohl mit Anfang 30 nicht mehr ganz jung und außerdem mit einem Berufsleben vor dem Juristendasein ausgestattet, berichtet Pragst ganz erstaunlich eingeschüchtert von seinem Einstieg bei der Staatsanwaltschaft. Im labyrinthischen Bau aus dem Jahr 1906 verirrt sich der Anklagegeselle zunächst gründlich. Am etwas heruntergekommenen Arbeitsplatz, einem Raum, der den Kollegen zugleich als Kaffeeküche dient, findet der angehende Staatsanwalt einen Stapel von rund 150 Akten vor, die der Bearbeitung harren – nicht etwa die Hinterlassenschaft eines nachlässigen Vorgängers. Nein, der Stapel hat kaum Chancen, jemals deutlich kleiner zu werden, denn täglich kommen neue Akten hinzu.

Die Höhe des Stapels, die sich neben kleineren Vorgängen auch großer, von Bändern zusammengehaltener Konvolute – den scherzhaft so genannten "Gürteltieren" - verdankt, wird zum Ausweis von Arbeitseinsatz und ist zugleich Gegenstand verhaltener Angstgefühle.

Gerät dem Staatsanwalt der Stapel nämlich zu hoch, wird er zu einem ermahnenden Gespräch zum Abteilungsleiter zitiert, eine schlechte Beurteilung droht, Karrierechancen hängen davon ab. Unangenehme Gespräche zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitern kommen auch in der "freien Wirtschaft" vor.

Zu den anderswo ungeahnten Gepflogenheiten dieser Behörde zählt es aber, die Berufsanfänger vom ersten Tag an so mit Akten einzudecken, dass die Aufgaben nur mit Zwölfstundentagen und regelmäßiger Wochenendarbeit auf einem halbwegs vertretbaren Niveau erledigt werden können.

Betriebssoziologie wie beim Kommiss

Robert Pragst

© privat/www.dtv.de

Dieser etwas pathologischen Arbeitsorganisation entspricht auch die Sozialpsychologie des "Betriebs". Pragst bezeichnet seine Vorgesetzten mehr als einmal als "Erziehungsberechtigte". Im engeren Team duzt man sich, auch die dienstälteren Kollegen. Höhere Vorgesetze beschreibt er als zwar streng, aber jovial. Wenn der direkte Vorgesetzte schon einmal mit dramatischer Geste ein Aktenstück zerreißt, das ihm der Nachwuchs zur Gegenzeichnung vorlegen muss, bittet man in dieser Behörde nicht etwa um angemessene Umgangsformen. Man richtet sich ein, denn man ist darauf angewiesen, dass der "Chef" den Aktenstapel nicht weiter anwachsen lässt.

Diese kritische Sicht, ist leider nur die Bewertung des Lesers. Robert Pragst findet kaum kritische Worte dazu. Er lässt zwar das Wort "Kindergarten" fallen. Böse meint er es aber nicht.

Man konnte in diesen Tagen häufiger lesen, dass Thomas Fischer, ein streitbarer Richter am Bundesgerichtshof, seine für Vorgesetzte oft unbequeme Art einer vorjuristischen Berufslaufbahn zu verdanken habe. Musiker und Kraftfahrer war Fischer gewesen. Ein auffälliger Kontrast zum braven Erzähler aus der Berliner Behörde: Robert Pragst hat, wie sein Verlag mitteilt, eine Vorgeschichte als Bankkaufmann, Croupier und Immobilienmakler. Wir lernen: Aus ehemaligen Lkw-Fahrern werden wohl eher die streitbaren Juristen gemacht.

Ob Sinan der Barbar auf Robert den Gürteltier-Pfleger treffen wird?

Würde Robert Pragst nur die Geschichte eines von Akten gebeutelten "Richters auf Probe" erzählen, der auf seinem Weg zum "Richter auf Lebenszeit" in der Anklagebehörde Station machen muss, könnte man sich auf wenige, böse Fragen der mehr betriebssoziologischen Art beschränken. Etwa die Frage, warum eine Staatsanwaltschaft, die ja von Gesetzes wegen mit dem Leben und der Freiheit anderer Menschen Schicksal spielen kann, eine kritische und selbstreflektierende Organisation ihrer eigenen Arbeit kaum zu kennen scheint – abgesehen vom informellen Gespräch unter Kollegen, nicht zuletzt in jener "Kaffeeküche", in der die Nachwuchsbeamten nebst Schreibtisch und Aktenbock untergebracht sind.

Doch erzählt Pragst auch eine Art negativer Heldenreise. Sie ist die zweite "Tonspur" seines Buches. Am Anfang steht der Raubüberfall auf einen Tante-Emma-Laden in Berlin. Pragst lässt uns in vielen kleinen Episoden am kriminellen Lebensweg des Verbrechers teilnehmen. Eckdaten des negativen Helden: Geboren in Algerien, nach einem Banküberfall abgeschoben, illegal wieder eingereist. Weil Banken zu gut gesichert sind, wechselt "Sinan" zu Überfällen auf kleine Ladengeschäfte. Pragst erzählt von den dramatischen Konsequenzen, die solch ein Angriff auf die Opfer hat. Sie rühren ihn an. Ein fleißiger Kriminalkommissar, weitere Person dieses Dramoletts, erduldet die Scheidung von Frau und Kind, kein untypisches Polizistenleben, studiert dafür fleißig kriminalwissenschaftliche Fachliteratur. Man ahnt: Sinan, der Barbar, wird am Ende womöglich in Robert, dem Gürteltier-Pfleger, seinen Staatsanwalt finden.

Was Robert Pragst hier als kriminellen Lebensweg schildert, ist sichtlich um einen Spannungsbogen bemüht. Interessant ist das teilweise schon. Dass der Transport eines Untersuchungsgefangenen von Chemnitz nach Berlin zum Beispiel so umständlich organisiert wird, als führe noch die Reichsbahn mit Dampflokomotiven umher, hätte man vorher nicht gedacht. Manchmal sind Pragsts hinzugedichtete Erzählstücke ziemlich komisch. In einer Haftanstalt, die Sinan auf dem Weg nach Berlin beherbergt, wird ein linksradikaler Steinewerfer mit in die U-Haftzelle gesperrt. Da ist man unter Gefangenen dann mal gar nicht lieb zueinander.

Dass Robert Pragst in Szenen wie dieser ziemlich – und augenscheinlich: unfreiwillig – komisch wird, ist gar nicht einmal das Problem. Stilistisch erinnert das zwar mitunter sehr an die Kinderkrimis von Enid Blyton, wer aber frei von Gehässigkeit ist, kann erzählerische Einfalt ja durchaus auch einmal genießen. Das Problem liegt hier aber tiefer:

Darf ein Jurist, möchte man fragen, der als Staatsanwalt oder Richter von seiner eigenen Karrierestation in der Anklagebehörde berichtet, von einem Beschuldigten und später Angeklagten überhaupt so erzählen? Selbst wenn der verfremdet und (halb-) fiktional dargestellt wird?

Heikel ist nämlich die erzählerische Perspektive. Der heutige Ex-Staatsanwalt Pragst nimmt die Haltung des "allwissenden Erzählers" ein, wenn er von den Taten und dem Vorleben des Verbrechers Sinan berichtet. Als Kunstgriff, eine Erzählung mit Handlungsdynamik aufzuwerten, mag das attraktiv sein. Allerdings werden die Theologen schon ihre Gründe dafür haben, warum sie "Allwissenheit" zu den Eigenschaften Gottes zählen. Götter hat man unter Staatsanwälten zwar schon entdeckt, glaubt aber nicht allgemein an diese Qualität von Anklägern. Jedenfalls ist die Perspektive eines "allwissenden Erzählers" keine demütige. Demütig ist die Haltung von Juristen, zu erkennen, dass das, was am Ende eines Gerichtsprozesses "als Wahrheit" festgestellt wird, nicht "die" Wahrheit ist, sondern nur ein Ausschnitt möglicher Erkenntnis, über den nun nicht weiter verhandelt werden soll. Demütig sollte diese Perspektive "prozessualer Wahrheit" jedenfalls sein.

"Ganzer Mist mit letzten Zweifeln und Rechtsstaatsprinzip"

Wenn also ein (ehemaliger) Staatsanwalt über einen Kriminellen – das Adjektiv "mutmaßlich" wird hier bewusst nicht beigefügt – in allwissender Perspektive erzählt, sollte der Leser eigentlich schon einmal mit strafendem Blick ein "Gürteltier" zur Hand nehmen.

Wenn er bei Pragst weiterliest, dass sich die Berliner Staatsanwälte unter vier Augen schon einmal selbstmitleidig darüber auslassen, sie müssten sich bei Gericht "den ganzen Mist mit letzten Zweifeln und Rechtsstaatsprinzip" anhören, sollte der Leser ihnen das "Gürteltier" energisch um die Ohren hauen.

Rein virtuell, versteht sich.

Martin Rath ist freier Journalist und Lektor in Köln.

 

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Martin Rath, Erinnerungen eines Anklage-Gesellen: . In: Legal Tribune Online, 13.11.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/4785 (abgerufen am: 18.01.2026 )

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