Druckversion
Freitag, 12.06.2026, 08:17 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/dobrindt-anti-abschiebe-industrie-fluechtlinge-migranten-helfer-rechtsstaat
Fenster schließen
Artikel drucken
28491

Alexander Dobrindts "Anti-Abschiebe-Industrie": Rechts­staat heißt nicht, dass der Staat Recht hat

von Tanja Podolski

07.05.2018

Alexander Dobrindt

Bild: BMVI, Flickr, CC BY-ND 2.0, Zuschnitt und Skalierung durch LTO

Wer mit Klagen gegen Abschiebungen vorgeht, arbeitet seiner Meinung nach für die "Anti-Abschiebe-Industrie" und sabotiert "Bemühungen des Rechtsstaates". Zeit, nochmal kurz den Rechtsstaat zu erklären. Und was Anwälte damit zu tun haben.

Anzeige

Im Oktober ist Landtagswahl in Bayern und mit Reden gegen das Asylsystem lassen sich womöglich Stimmen holen. Das ist die einzige denkbare Erklärung für die Aussagen, die CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt am Wochenende tätigte. Zu seiner genauen Motivation war keine Stellungnahme zu erhalten – der Politiker weilt zur Klausurtagung der Fraktionsführungen von Union und SPD auf der Zugspitze.

Ein Blick auf die Rechtslage funktioniert indes ohnehin besser ohne den Soziologen. Der hatte gegenüber der Bild am Sonntag gesagt, wer mit Klagen versuche, die Abschiebung von Kriminellen zu verhindern, arbeite nicht für das Recht auf Asyl, sondern gegen den gesellschaftlichen Frieden. Und weiter: "Es ist nicht akzeptabel, dass durch eine aggressive Anti-Abschiebe-Industrie bewusst die Bemühungen des Rechtsstaates sabotiert und eine weitere Gefährdung der Öffentlichkeit provoziert wird."

Die Sache mit dem Rechtsstaat

Der Deutsche Anwaltverein wertet die Kritik Dobrindts als schweren Angriff auf den Rechtsstaat. Präsident Ulrich Schellenberg sagte, "kein Demokrat kann das einfach so stehen lassen". Einzelne Personengruppen vom Zugang zum Recht auszuschließen und ihnen den Weg zu unabhängigen Gerichten verwehren zu wollen, sei ein schwerer Angriff auf die Grundlagen unseres Rechtsstaats.

Der Rechtsstaat nämlich ist nicht das, was der Staat tut, weil er Recht hat. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Rechtsstaat zeichnet sich dadurch aus, dass er seinen Bürgern Rechtsschutz bietet. "Der Rechtsschutz ist eine rechtsstaatliche Errungenschaft für den Bürger, sich gegen den Staat zu wehren", erklärt Professor Dr. Klaus F. Gärditz, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Friedrich-Wilhelms Universität Bonn und Richter am OVG im Nebenamt. Die Probleme bei Abschiebungen liegen nicht im Rechtsschutz. "Sie sind praktischer und politischer Natur, weil es Abschiebehindernisse gibt, wenn etwa die Herkunftsstaaten keine Papiere ausstellen".

Das Grundrecht auf effektiven Rechtsschutz dagegen, das in Art. 19 Abs. 4 Grundgesetz (GG) geregelt ist, ist rechtlicher Natur. Es gibt Menschen das Recht, staatliche Gerichte anzurufen. Es gilt für jedermann und beinhaltet auch das Recht, durch die Instanzen zu gehen. Es steht, da dort auch nicht explizit von Deutschen die Rede ist, als sog. Jedermann-Grundrecht jedermann zu.

Was im bayerischen Wahlkampf vermutlich auch eher untergeht: Gerade das Asylrecht lässt Rechtsmittel nur sehr eingeschränkt zu, zwei der sonst im Verwaltungsrecht üblichen fünf Zulassungsgründe für eine Berufung fehlen hier. Zudem muss der Rechtsmittelführer das Vorliegen der Zulassungsgründe erläutern – auch daran scheitert tatsächlich vielfach die Zulässigkeit der Berufung. Zudem gibt es formale Hürden für die Berufungszulassung.

Neben dem Asylverfahren gibt es, das ist etwas anderes, noch das Aufenthaltsrecht. Und ja, auch gegen eine Abschiebung kann ein Betroffener mit oder ohne einen Anwalt noch einmal vorgehen. Denn auch dafür gilt, wir erinnern uns, das Grundrecht auf effektiven Rechtsschutz.

Anzeige

Die Sache mit der Anti-Abschiebe-Industrie

Dann sagte Dobringt noch den Satz mit der Anti-Abschiebe-Industrie. Eine negativ konnotierte Industrie in diesem Sinne kennen wir seit der Abmahnindustrie – also einer Welle von – häufig unberechtigten – Abmahnungen an arme Verbraucher, durch die sich raffgierige Anwälte bereichern.

Also fragen wir uns: Kennen Sie einen Anwalt, der mit Asyl- und/oder Aufenthaltsrecht reich geworden ist? Nun, das Gebührenrecht ist eine fiese Materie – aber gut: Der Gegenstandswert eines Falles richtet sich nach § 30 Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG). Danach liegt in Asylverfahren der Gegenstandswert in der Hauptsache bei 5.000 Euro, im einstweiligen Rechtsschutz bei 2.500 Euro. Das sind, noch einmal zur Erinnerung, nicht die Einnahmen der Anwälte, sondern nur der Gegenstandswert für das Mandat.  

Die Gebühren ergeben sich aus den Anlagen zum RVG und sind abhängig von der konkreten Sache. Das sind für die Hauptsache 303 Euro, im einstweiligen Rechtsschutz verdient der Advokat 201 Euro pro Gebühr, zu multiplizieren mit 1,3 jeweils für diese Verfahren. Hinzu kommt ggf. eine Termingebühr bei einer mündlichen Verhandlung oder eine Berufungszulassungsgebühr.

Manche Flüchtlinge haben das Geld, viele von ihnen zahlen in Raten. Andere bekommen Prozesskostenhilfe, dann bekommt der Anwalt das Geld vom Land – allerdings ist die Gebühr dann noch einmal reduziert im Vergleich zum oben genannten Regelfall. In manchen Fällen übernehmen Vereine, Verbände oder Kirchengemeinden die Kosten für die Verfahren.

Die Rechtsanwaltskammer (RAK) Berlin findet zu der "von Dobrindt erhobenen Unterstellung, Rechtsanwälte würden sich bei der Wahrnehmung ihrer kraft Verfassung zugewiesenen Aufgaben als Teil einer aggressiven Anti-Abschiebe-Industrie‘ verdingen, klare Worte: Das sei "nicht nur ein schwerer Schlag ins Gesicht aller Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, sondern legt zugleich die Axt an die Wurzeln unseres Rechtsstaates", teilte Dr. Marcus Mollnau, Präsident der RAK Berlin mit. Und weiter: "Diese Auffassungen von Herrn Dobrindt offenbaren nicht nur eklatante Defizite beim Erfassen der einen Rechtsstaat determinierenden Strukturen, sondern sind zudem ein alarmierender Beleg des bewussten Zündelns, um den gesamtgesellschaftlichen Konsens in unserem Land zu zerstören."

Mit Material von dpa

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Tanja Podolski, Alexander Dobrindts "Anti-Abschiebe-Industrie": . In: Legal Tribune Online, 07.05.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/28491 (abgerufen am: 12.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Asyl- und Ausländerrecht
    • Abschiebung
    • Asyl
    • Flüchtlinge
    • Gerichte
    • Rechtsanwälte
    • Rechtsstaat
    • Verfahren
Geflüchtete gehen am 13. Mai 2025 vor dem Flüchtlings- und Migrantenlager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos an einem mit Stacheldraht gesicherten Zaun entlang. 11.06.2026
Migration

EU-Asylreform tritt in Kraft:

Lager an Außen­g­renzen, Daten­er­fas­sung bei Kin­dern und Aus­g­leichs­zah­lungen

Nach jahrelangen Konflikten tritt das neue EU-Asylsystem in Kraft. Die GEAS-Reform soll Außengrenzstaaten entlasten und Verfahren beschleunigen – mit spürbaren Folgen für Schutzsuchende. Die deutschen Grenzkontrollen sollen weitergehen.

Artikel lesen
Gebäude des Bundesgerichtshofs 10.06.2026
Richter

Zukünftige BGH-Präsidentin:

Grünes Licht für Karin Angerer

Die designierte BGH-Präsidentin Karin Angerer wurde im Richterwahlausschuss zunächst zur Bundesrichterin gewählt, die Ernennung zur Präsidentin wird in einigen Wochen folgen. Das BVerwG muss derweil noch auf seinen neuen Präsidenten warten.

Artikel lesen
Ein amerikanischer Flugzeugträger im Einsatz 10.06.2026
Rechtsstaat

Umfrage unter Jurastudenten:

Nur ein Bruch­teil glaubt noch ans Völ­ker­recht

Instabile Demokratien und mächtige Staaten, die sich über internationale Regeln hinwegsetzen: Laut einer Jurafuchs-Umfrage betrachten viele Jurastudenten die Welt mit Sorge. Vor allem ans Völkerrecht glaubt kaum einer noch.

Artikel lesen
Schild mit dem Schriftzug Europäischer Gerichtshof EuGH, Gerichtshof der Europäischen Union, vor dem EuGH in Luxemburg 04.06.2026
Asyl

EuGH zu Leistungen für Asylbewerber in "Dublin-Fällen":

Bett, Brot und Seife rei­chen nicht

Auch ausreisepflichtigen Asylbewerbern steht nach EU-Recht ein "angemessener Lebensstandard" zu. Regelungen im deutschen Asylrecht, wonach in Dublin-Fällen keine Geldleistungen gewährt werden, sind deshalb unionsrechtswidrig, so der EuGH.

Artikel lesen
Sina Dörr 03.06.2026
Most Wanted

Köpfe:

LTO Most Wanted mit Sina Dörr

Richterin zu sein, ist für Sina Dörr einer der besten Jobs der Welt. Sie erzählt, was an ihrer Arbeit trotzdem nervt, welchen Nutzen sie in moderner Technologie sieht und warum sie mit KI-Halluzinationen entspannt umgeht.

Artikel lesen
Abschiebung (Symbolbild) 02.06.2026
Migration

Verschärfungen der Migrationspolitik:

EU einigt sich auf Abschie­be­zen­tren in Dritt­staaten

Die EU will mehr Abschiebungen ermöglichen und hat sich auf die umstrittenen Rückkehrzentren in Drittstaaten geeinigt. Dort sollen abgelehnte Asylbewerber untergebracht werden, die nicht in ihre Heimatländer abgeschoben werden können.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von Aulinger Rechtsanwälte und Notare
Rechts­an­walt (m/w/d) Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge / Stif­tungs­recht / Er­b­recht /...

Aulinger Rechtsanwälte und Notare, Bochum

Logo von McDermott Will & Schulte
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (m/w/d) Kar­tell­recht

McDermott Will & Schulte, Düs­sel­dorf

Logo von McDermott Will & Schulte
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (m/w/d) Kar­tell­recht

McDermott Will & Schulte, Köln

Logo von Redeker Sellner Dahs
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (m/w/d) Wirt­schafts­straf­recht

Redeker Sellner Dahs, Bonn

Logo von ADVANT Beiten
Re­fe­ren­da­re / Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (w/m/d) – Pu­b­lic Sec­tor

ADVANT Beiten, Mün­chen

Logo von Redeker Sellner Dahs
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (m/w/d) Wirt­schafts­straf­recht

Redeker Sellner Dahs, Ber­lin

Logo von Görg
Rechts­an­walt im Be­reich Ar­beits­recht (m/w/d)

Görg, Ham­burg

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Schwierige Fälle im Unterhaltsrecht – Wechselmodell

19.06.2026

Schnittpunkte Arbeits-/Sozialrecht – Arbeitsrechtliches Mandat – Sozialleistungen Teil 1

19.06.2026

Fachanwaltslehrgang Arbeitsrecht im Fernstudium/ online

19.06.2026

25. Wissenschaftliches Symposium in Würzburg

19.06.2026, Würzburg

Praxisfragen der Betriebsaufspaltung

22.06.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH