Carl Heymann Preis für Robert Badinter: "Er will stets die Welt besser machen"

04.02.2013

Ausgerechnet an einen französischen Justizminister geht der European Legal Award für eine herausragende europäische Integrationsleistung, den die Carl Heymanns gemeinnützige Gesellschaft im Februar verleiht. Im LTO-Interview erzählt Geschäftsführerin Sybille Franzmann-Haag: von dem Sozialisten Badinter, 84 Artikeln für Europa und einem Preis für die Rückkehr von Visionen.

LTO: Europa steckt in einer tiefen und schon lange nicht mehr nur wirtschaftlichen Krise. Skepsis und das Gefühl, die Staatschuldenkrise nicht in den Griff zu bekommen, beherrschen die Stimmung in den Medien aller Mitgliedstaaten. Carl Heymanns gemeinnützige Gesellschaft, zu deren Gründungsgesellschafterin Wolters Kluwer Deutschland auch die LTO gehört, verleiht dennoch gerade jetzt den Carl Heymann Preis - European Legal Award  für einen Beitrag zur europäischen Integration. Hat die derzeit eher düstere Entwicklung der Union Sie überrollt?

Franzmann-Haag: Ganz im Gegenteil, wir wollen mit dem Carl Heymann Preis - European Legal Award ein Zeichen setzen. Europa ist kein Status, es muss jeden Tag erarbeitet werden zwischen den Ländern. Es bedeutet Kontinuität und immer wieder Aufbauarbeit und Zusammenwachsen. Unsere gemeinnützige Organisation zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich mit ihrem Lebenswerk um die Europäische Idee verdient gemacht haben.

LTO: Der Preis geht am 24. Februar 2013 an Robert Badinter, einen französischen Juristen. Hierzulande ist der ehemalige französische Justizminister, der 1981 die Todesstrafe abschaffte, nicht allzu bekannt. Wofür genau bekommt er diese Auszeichnung?

Franzmann-Haag: Robert Badinter hat nicht nur einen beeindruckenden Lebenslauf, er ist einer der stärksten Verfechter einer europäischen Verfassung. Er erhält den Preis für seinen Verfassungsvorschlag und für sein Lebenswerk als Anwalt, Politiker, Gelehrter, Philosoph, Präsident des Verfassungsrats, als Justizminister und als Mensch.

"Kein gewöhnlicher Jurist"

LTO: Sie ehren den gelernten Strafrechtler also weniger für ein konkretes Werk?

Franzmann-Haag: Jedenfalls nicht nur. Robert Badinter ist kein gewöhnlicher Jurist. Er ist vielseitig, überblickt das ganze Bild, das zeichnet ihn aus. Er ist heute 85*, er und seine Familie wurde wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt, sein Vater wurde 1943 im Konzentrationslager von den Nationalsozialisten umgebracht. Die Kriegskindheit hat ihn geprägt, das Leben in Angst, der Verlust. Aber ihn trieb nie Rachsucht, sondern jemand wie Robert Badinter will stets die Welt besser machen.

LTO: Ein Beispiel dafür ist, dass er großen Wert darauf gelegt hat, Klaus Barbie ein rechtsstaatliches Verfahren angedeihen zu lassen, dessen Kriegsverbrechen auch mit dem Leben Badinters auf schicksalhafte Weise verknüpft war.

Franzmann-Haag: In der Tat fiel ausgerechnet die Strafverfolgung von Klaus Barbie in Badinters Amtszeit. Der SS-Hauptsturmführer hatte 1943 persönlich den Befehl zur Deportation von Badinters Vater, der als russischer jüdischer Emigrant in Paris lebte, unterzeichnet. Der Vater war in das besetzte Polen verschleppt worden und kam im Vernichtungslager Sobibor ums Leben. Als sein Sohn 40 Jahre später in seinem Pariser Amtszimmer die Deportationsorder mit Barbies Unterschrift in Händen hielt, bestätigte ihn das nur in seinem Entschluss, dem Täter ein rechts-staatliches Verfahren angedeihen zu lassen.

Bis heute sucht er zwischen den Ländern Europas immer den Ausgleich, die Vereinigung, die Zusammenarbeit. Und es sind immer die gleichen Kernfragen um Kompetenz, Regelungsbefugnis, Staatsgefüge und Ordnung, die ihn beschäftigen. Und so hat er auch 2002 seinen Entwurf einer gemeinsamen Verfassung für Europa "Une constitution européenne" geschrieben.

"Hoffentlich auch Hilfe für den französisch-deutschen Dialog"

LTO: Wie kommt ein Strafrechtler dazu, einen Verfassungsentwurf vorzulegen?

Franzmann-Haag (lacht): "Einfach aus Vernunft", so erklärt Robert Badinter das mit einem Augenzwinkern. Er erkennt Notwendigkeiten. Es gibt einen roten Faden in Robert Badinters Lebenslauf: Er war stets Politiker, Philosoph und Jurist in gleichem Maß. Er hat nicht nur die Todesstrafe in Frankreich abgeschafft, er hat dies später auch in der französischen Verfassung verankern lassen.

LTO: Spielen bei der Verleihung auch politische Umstände eine Rolle? Der Preisträger Badinter ist ja nicht nur Jurist, sondern auch Franzose. Nach dem Regierungswechsel in Frankreich gilt auch die deutsch-französische Freundschaft, einer der wesentlichen Pfeiler der Stabilität der Union, als etwas angeschlagen. 

Franzmann-Haag: Dass ein berühmter Franzose erwählt wurde, war etwas überraschend. Denn die Liste der Kandidaten war sehr lang. Aber es ist aus vielen Blickwinkeln gut, dass Robert Badinter der Preisträger für 2013 ist: Die Verfassung für Europa ist das Kernthema unserer Zeit. Dass es dem französisch-deutschen Dialog hilft, der ja so schlecht nicht ist, ist zu hoffen.
Für den Franzosen Robert Badinter und uns Deutsche schließt sich jedenfalls ein Kreis. Angesichts gerade seiner Lebensgeschichte, die das schwierigste Kapitel Europas spiegelt, ist es für alle Seiten doch bemerkenswert, dass er mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg in der Frankfurter Paulskirche uns als Europäern etwas zur Einigkeit und zur Verfassung erklärt.

Zitiervorschlag

Carl Heymann Preis für Robert Badinter: "Er will stets die Welt besser machen" . In: Legal Tribune Online, 04.02.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8067/ (abgerufen am: 07.10.2022 )

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