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Religiöser Schüler muss "Krabat" ansehen: Keine Befreiung von dunklen Mächten

von Thomas Langer

12.09.2013

Ottfried Preußlers weltberühmtes Buch Krabat erzählt von der Auflehnung eines jungen Zauberlehrlings gegen seinen Meister. Die Eltern eines zwölfjährigen Gymnasiasten beantragten Befreiung ihres Sohnes von der filmischen Vorführung des Werks. Als Zeuge Jehovas sei ihm die Auseinandersetzung mit schwarzer Magie und Spiritismus verboten. Dies hat das BVerwG nun abgelehnt. Zu Unrecht, findet Thomas Langer.

"Ich zeichne dich, Bruder, mit Kohle vom Holzkreuz, ich zeichne dich mit dem Mal der Geheimen Bruderschaft", heißt ein wiederkehrender Magiespruch in Otfried Preußlers weltberühmtem und preisgekröntem Buch "Krabat", ein echter Klassiker und längst auch Schulbuchlektüre. Das mehrfach verfilmte Werk sollte im Rahmen des Deutschunterrichts in der siebten Klasse an einem Gymnasium in Bocholt gezeigt werden. Der Antrag eines Elternpaares auf Befreiung ihres Sohnes von der Filmaufführung wurde vom Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster noch positiv beschieden, vom Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) nun jedoch in letzter Instanz abgelehnt (Urt. v. 11.09.2013, Az. BVerwG 6 C 12.12).

Die Glaubensfreiheit und das religiöse Erziehungsrecht der Eltern mussten hinter dem staatlichen Erziehungsauftrag zurücktreten. Das BVerwG befand, dass die Schule nicht gegen das verfassungsrechtliche Gebot der Neutralität im Schulunterricht verstoßen habe. Eine Unterrichtsbefreiung, so das BVerwG, könne nur ausnahmsweise verlangt werden.

Dafür sei erforderlich, dass "den religiösen Belangen der Betroffenen eine besonders gravierende Beeinträchtigung droht und der schulische Wirkungsauftrag im Vergleich hierzu lediglich nachrangig berührt wird." Für den strittigen Fall kommt das Gericht zu dem Ergebnis: "Das von den Klägern geltend gemachte religiöse Tabuisierungsgebot läuft der schulischen Aufgabe, die nachwachsende Generation vorbehaltlos und möglichst umfassend mit Wissensständen der Gemeinschaft und ihrem geistig-kulturellen Erbe vertraut zu machen in ihrem Kern zuwider."

Streitig war lediglich eine einzelne Filmvorführung

Die Entscheidung ist im Ergebnis wenig überzeugend und in der Begründung nicht tragfähig. Das BVerwG lässt die gebotene Sensibilität im Umgang mit den Grundrechten der religiösen Minderheit der Zeugen Jehovas im Bereich des staatlichen Schulwesens vermissen. Das BVerwG setzt mit der jüngsten Entscheidung seinen rigorosen Kurs bei der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrages mittels einer weit gefassten Interpretation der Schulpflicht, die kaum noch Raum für Ausnahmen lässt, fort.

Wohlgemerkt ging es hier nicht etwa um eine prinzipielle Ablehnung der Schulpflicht durch die Forderung nach "Homeschooling", auch nicht um die Forderung nach der regelmäßigen Befreiung muslimischer Schülerinnen vom Schwimmunterricht. Die Kläger wollten einzig und allein festgestellt wissen, dass die Befreiung von der Verpflichtung zur Teilnahme der Filmvorführung "Krabat" nicht rechtswidrig ist. Im Übrigen nahm der Sohn anstandslos am sonstigen Deutschunterricht teil.

Im Rahmen der Verhältnismäßigkeitsprüfung hat der sechste Senat keinen Ausgleich im Sinne praktischer Konkordanz zwischen den widerstreitenden Verfassungsrechtspositionen hergestellt. Praktische Konkordanz heißt nämlich, dass beide Positionen zur optimalen Wirksamkeit gelangen müssen. Sie schließt eine einseitige Bevorzugung und Durchsetzung einer der Rechtspositionen aus.

Eine diplomatische Lösung wäre möglich gewesen

Ausgleich hätte hier heißen müssen: einerseits Befreiung von der Teilnahme an der Filmvorführung, andererseits Teilnahmepflicht bei der textlichen Behandlung von "Krabat" im Deutschunterricht selbst. Einen überzeugenden Ausgleich fand noch das OVG Münster als Vorinstanz (Beschl. v. 22.12.2011, Az. 19 A 610/10), das entschied, dass der Schulleiter den Schüler vom Besuch des Films "Krabat" befreien müsse.

Hätte das BVerwG bei seiner Abwägung stärker zwischen den Medien Text und Film unterschieden, wäre es vermutlich auch leichter zu einem Ausgleich gelangt. Denn die filmische Verarbeitung des "Krabat"-Stoffes, einschließlich der magischen Praktiken, kann – nimmt man die Forschung zur Medienwirkungsforschung ernst – wahrscheinlich weitaus einschneidendere und weniger kontrollierbare Effekte für die religiösen Empfindungen des Schülers nach sich ziehen als der reflektierte Umgang mit der entsprechenden Textgrundlage.

Dass nun das BVerwG kurzerhand gerade den Film "Krabat" und nicht den Buchklassiker selbst höher gewichtet und zum "geistig-kulturellen Erbe" erhebt, deren schulische Vermittlung anscheinend unerlässlich auf dem Weg zur Erreichung der staatlichen Erziehungsziele ist, gehört genauso zur Ironie dieses denkwürdigen Falles wie die Paradoxie, dass die Erzählung über die Befreiung von dunklen Mächten zum Anlass eines Streits über die Grundfreiheiten der Eltern im staatlichen Schulwesen wurde.

Der Autor Dr. Thomas Langer ist Rechtsanwalt und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Bildungsforschung und Bildungsrecht e.V. (IfBB), An-Institut der Ruhr-Universität Bochum.

Zitiervorschlag

Thomas Langer, Religiöser Schüler muss "Krabat" ansehen: Keine Befreiung von dunklen Mächten . In: Legal Tribune Online, 12.09.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9544/ (abgerufen am: 19.09.2019 )

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Kommentare
  • 12.09.2013 13:43, Alfred Igurson

    Was erwartet denn der Autor?

    Die Erlaubnis der Züchtung treuergebener Zeugen Jehovas-Sklaven ohne jegliche Hinterfragung anderer Dinge?

    Im übrigen gilt auch hier ähnliches wie bei dem Burkini-Urteil. So wie das Mädchen dort auch im Sommer jenseits des Schwimmunterrichts leicht bekleidete junge Männer im normalen Leben ertragen muss, gibt es auch hier ähnliches im normalen Leben. Ob Harry Potter schon ausreicht, um das religiöse Befinden zu beeinträchtigen?

  • 12.09.2013 14:40, Dr. Claudius Taubert

    Ich kann dem Kollgen Dr. Langer nur zustimmen.

    Mich wundert ehrlich gesagt, dass der Fall bis zum BVerwG gelangt ist, wo doch die unteren Instanzen den Eltern rechtgegeben haben. Hat man in NRW (rot-grün) nichts besseres zu tun, als so etwas bis in die höchste Instanz auszufechten?

    Und dass das BVerwG dann noch auf das "geistig-kulturelle Erbe" abstellt, ist schon heftig. Bei einer Aufführung von Goethes Faust hätte ich das ja noch nachvollziehen können, aber "Krabat"???

    Insgesamt bedenklich, wenn die Gerichte meinen, die Religions-/Glaubensfreiheit immer mehr einschränken zu müssen. Wovor hat man Angst? Dass die eigene Weltanschauung nicht konkurrenzlos akzeptiert wird?

    • 13.09.2013 07:00, Paddington

      Wo soll denn da die Religionsfreiheit eingeschränkt sein?

  • 12.09.2013 15:32, Alfred Igurson

    Im übrigen sehe ich dabei noch nicht mal einen Eingriff in die Religionsfreiheit, somit bedarf es auch nicht der "praktischen Konkordanz".

  • 12.09.2013 23:16, Hellbunt

    WAS KEINER WAGT

    WAS KEINER WAGT, DAS SOLLT IHR WAGEN,
    WAS KEINER SAGT, DAS SAGT HERAUS,
    WAS KEINER DENKT, SOLLT IHR BEFRAGEN,
    WAS KEINER ANFÄNGT, DAS FÜHRT AUS.

    WENN KEINER JA SAGT, SOLLT IHR'S SAGEN,
    WENN KEINER NEIN SAGT, SAGT DOCH NEIN,
    WENN ALLE ZWEIFELN, WAGT ZU GLAUBEN,
    WENN ALLE MITTUN, STEHT ALLEIN.

    WO ALLE LOBEN, HABT BEDENKEN,
    WO ALLE SPOTTEN, SPOTTET NICHT,
    WO ALLE GEIZEN, WAGT ZU SCHENKEN,
    WO ALLES DUNKEL IST, MACHT LICHT!

    JOHANN WOLFGANG VON GOETHE



    Man muß das Wahre immer wiederholen,
    weil auch der Irrtum um uns her
    immer wieder gepredigt wird,
    und zwar nicht von Einzelnen,
    sondern von der Masse.
    Johann Wolfgang von Goethe

  • 13.09.2013 11:18, Friedrich

    Selbst wenn man hier von einem Eingriff in die Religionsfreiheit ausgehen sollte - was ich bezweifle - wäre dieser nur marginal und müsste im Rahmen der praktischen Konkordanz zurücktreten. Die Konfrontation mit der bildlichen Zurschaustellung von "Magie" ist auszuhalten.

  • 13.09.2013 12:06, Kommentarist

    D. pragmatische Werkzeug der prakt. Konkordanz ist der (im Grunde gelungene) theoretische Versuch, die Grundrechte im Falle des Widerstreites praxistauglich zu machen.
    Der Autor (wie d. Vorinstanz) scheinen jedoch diese Methode dahingehend zu "quetschen", als sie einer Scheinlösung d. Wort reden: "Buch ja; Film nein".
    Der Beschwer der Eltern war jedoch, dass dem Schüler "als Zeuge Jehovas die Auseinandersetzung mit schwarzer Magie und Spiritismus verboten" sei;
    Bekanntlich handelt es sich auch im Buch genau um den selben Stoff, wie im Film.
    Ist also die Auseinandersetzung mit diesem Stoff an sich verboten, kann es nicht um die Form der Stoffdarreichung gehen.
    Möge also der Versuch unterbunden bleiben, mit dem Werkzeug der prakt. Konkonrdanz leichtfüßig zu hantieren.
    Wenn also die Grundfrage hier heißt: Auseinandersetzung mit dem Stoff oder das religiöse Recht, dann wird DIESER Gegensatz aufzulösen sein.
    Im Ergebnis ist dem BVerwG beizupflichten.
    KEINEM Angehörigen einer Religionsgemeinschaft sollte die AUSEINANDERSETZUNG (und nur diese) mit dem Stoff der "Andersdenkenden" erspart bleiben. Schließlich kann eine solche Auseinandersetzung den eigenen Glauben gar stärken. Das ist prakt. Konkordanz.

    • 13.09.2013 13:56, Dr. Claudius Taubert

      Im Grundsatz stimme ich Ihnen zu.

      Allerdings müsste hier der Sachverhalt etwas genauer betrachtet werden. Gab es im Unterricht wirklich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Buch/Film, in dem auch der Beschwerdeführer seine Überzeugung zu Wort melden durfte oder wurde der Film nur zur "Auflockerung" des Unterrichts gezeigt?

      Ich erinnere mich an meine Schulzeit, wo (im Religionsunterricht!) der Film "Das Leben des Brian" gezeigt wurde - sozusagen als "Bonbon" vor den Ferien... Ich wollte mir den Film aus Glaubensgründen nicht ansehen und die Lehrerin hat das akzeptiert.

      Wichtig erscheint mir in diesen Fällen, dass der Staat hier keineswegs "neutral" agiert, wie einige meinen, sondern aktiv eine bestimmte Weltanschauung vorgibt(z.B. die atheistische oder skzeptizistische Überzeugung, dass es übernatürliche Phänomene in Wirklichkeit nicht gibt). Das Problem besteht dann nicht darin, dass der Schüler mit dieser Weltanschauung überhaupt konfrontiert wird, sondern dass sie ihn im Gewand des staatlichen Lehrauftrags gleichsam aufgezwungen wird.

      Die Fragestellung taucht zum Beispiel auch bei der Behandlung der Evolutionstheorie auf, wenn eine kreationistische Sichtweise nicht akzeptiert wird. Der Staat gibt dabei eine Weltanschauung (" es gibt keinen Schöpfergott") vor, ohne diese Glaubenssicht kritisch hinterfragen zu lassen.

    • 14.09.2013 15:35, gego

      Kenne keine andere religiöse Gruppe die sich so verschiedensten Glaubens- und Lebensansichten aussetzt wie die Zeugen, allein durch ihre Hausbesuche bei denen sie von ihren Kindern und Jugendlichen begleitet werden.

    • 16.09.2013 07:38, Paddington

      Ich muss Kommentarist beipflichten und Herrn Taubert doch deutlich widersprechen:

      Der Staat agiert in Hinblick auf Unterrichtsinhalte neutral. Deswegen werden der Kreationismus im Religionsunterricht und die Evolutionstheorie im Biologieunterricht besprochen. Das staatliche Schulen eine atheistische und / oder skeptizistische Überzeugung verbreiten halte ich, mit Verlaub gesagt, für sehr weit hergeholt.
      Faktisch ist es nun mal so, das im naturwissenschaftlichen Unterricht wissenschaftliche Tatsachen unterrichet werden. In diesem Zusammenhang weltanschauliche Inhalte zu besprechen halte ich für deplatziert: Ich habe bisher noch keine tradierte religiöse Anschauung gefunden, die sich auf externe Systeme (hier Naturwissenschaften) in Ihren Erklärungsmustern bezieht. Biologie, Chemie, Physik und Mathematik treten untereinander in Wechselwirkung um alltägliche Phänomene zu beschreiben. -
      Letztlich dienen die von Ihnen so leidenschaftlich verteidigten tradierten Weltanschauungen nur einem Zweck, nämlich der Separation und Diskriminierung, dies allein widerspricht schon dem Lehrauftrag staatlicher Schulen von einer pluralistischen und toleranten Gesellschaft. Insofern kann auch nicht von einer immer weitergehenden Einschränkung der Religionsfreiheit die Rede sein, sondern allenfalls davon das Individuen diese Gesellschaftsform ablehnen. Das dies für die Erziehung von Kindern nicht gerade förderliche ist, dürfte jedem klar sein.

  • 13.09.2013 12:07, C. Kastner

    Der BVerwG-Entscheidung ist entgegen dem Kommentator uneingeschränkt zuzustimmen. Es ist das hinzunehmende Problem der Gläubigen aller Religionen, daß sie sich auch mit sachlicher Auseindersetzung mit Religion schwer tun. M.E. ist nämlich gerade eine fundamentale Aufgabe des staatlichen Erziehungsauftrags, die (jungen) Menschen mit der Fähigkeit auszustatten, sich insbesondere auch mit Religion/en/Weltanschauungen auseinderzusetzen und zu selbstbestimmten - nicht oktoyierten - religiösen Überzeugungen zu gelangen.Insofern wäre es gänzlich inakzeptabel - weil für die Bildung junger Menschen absolut kontraproduktiv - hätte das BVerwG anders entschieden.Wir müssen dem BVwerwG nachgerade dankbar sein, daß es zugunsten der schulischen Bildung und nicht der religiösen Überzeugung (im Zeifel nur der Eltern) entschieden hat.Zumal sich die Politik in unsrem Lande überwiegend schwer tut, den konfessionellen Religionsunterricht, der m.E.dem staatlichen Erziehungsauftrag in einem säkularisierten Staat nicht entspricht, durch einen religiös neutralen Unterricht zu ersetzen, der - vielfach im Unterschied zur Erziehung im Elternhaus - zur rationalen Auseindersetzung mit Religion/Weltanschauung befähigt.

    Die religiösen Überzeugungstäter nicht nur in unsrem Lande müssen lernen, zu akzeptieren, daß in aufgeklärten Gesellschaften Glaubensüberzeugung grundsätzlich eine - wenn auch an sich zu respektierende - persönliche Sache ist, die - rational betrachtet - mangels rationaler Grundlagen naturgemäß sich nicht nur sachlich-rationaler Auseindersetzung stellen, sondern auch daruf beruhende Grenzen akzeptieren muß, wenn Sie in die Gesellschaft hineingetragen wird. Das klar zu machen, wird im übrigen von der verantwortlichen Politik weltweit sträflich vernachläßigt.

    C. Kastner

  • 13.09.2013 13:31, C. Hofmann

    Vielen Dank, Herr Dr. Langer für Ihren interessanten Artikel, der sehr gut durchdacht wurde und informativ ist. Ferner ist Ihr Beitrag sehr sachlich und wertneutral geschrieben. Hier geht es nämlich nicht nur um irgend eine Religion, sondern um eine juristische Angelegenheit, die alle Konfessionen betreffen kann, wenn das Gewissen eines Gläubigen durch diesen umstrittenden Film wie Krabat tangiert wird - egal ob dieser Gläubige nun Zeuge Jehovas ist, katholisch oder evangelisch, usw. Religionsfreiheit fängt hier nämlich erst an, und diese stellt ein fundamentales Gut für einen demokratischen Staat da. Das Gewissen eines Menschen hat der Staat zu respektieren - genauso wie in der BRD ja schließlich auch Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen anerkannt werden.
    Ich bin zwar kein Jurist, sehe jedoch diesen Rechtsfall genau so wie Sie!
    Das Bundesverwaltungsgericht hätte sich zwingend dem Urteil der Vorinstanz anschließen müssen - dem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes (OVG Münster 19 A 610/10 - Beschluss vom 22. Dezember 2011). Ich denke, diesen Fall sehen zahlreiche Fachjuristen ähnlich wie Sie, und das neueste Urteil in diesem Falle wird noch für so manchen Gesprächstoff bei Juristen sorgen. Für mich persönlich ist das aktuelle Urteil in Verbindung mit dem Schüler der Zeugen Jehovas und dem Film Krabat des Bundesverwaltungsgerichtes eine Schwächung von Art. 4 (GG). Man kann nur hoffen, dass hier noch nicht "das letzte Wort gesprochen wurde", und der Fall vor das Bundesverfassungsgericht weiter getragen wird.
    Nochmals "Danke" für Ihren Artikel!

  • 14.09.2013 02:29, Patricius Menne

    Ich finde die gesamte Diskussion ziemlich erdrückend und dem im GG verankerten Freiheitsgedanken zuwiderlaufend. Dem Autor muss ich jedoch vollkommen zustimmen. Art. 4 I, II GG garantiert die Religionsfreiheit und -ausübung schrankenlos. Wieso bei einem Filmbesuch der staatliche Bildungsauftrag aus Art. 7 GG dem Art. 4 GG vorgehen soll, ist unverständlich. Es ging, wie der Autor recht deutlich ausführte, nicht um die Befreiung vom Deutschunterricht zu diesem Buch schlechthin. Es ging ausschließlich um den Besuch des besagten Filmes. Die Entscheidung war falsch und wird vor dem BVerfG sicherlich anders entschieden.

  • 14.09.2013 07:09, Wolf-Dieter

    Das Urteil überzeugt aus zwei Gründen:

    Erstens ist eine Buchverfilmung nie eine 1:1-Umsetzung des Stoffs, sondern eine "Übersetzung" in ein anderes Medium. Das gehört regulär zum Unterrichtsstoff des Fachs Deutsch, auch das zu betrachten. Ohne den Film gesehen zu haben fehlt dem Schüler wichtiges Ansichtsmaterial.

    Zweitens ist das religiös begründete Verbot einer (wörtlich) "Auseinandersetzung" grundsätzlich nicht vertretbar. Denn schulische Ausbildung ist ein Anwendungsfall von grundgesetzlich gesicherter Informationsfreiheit und kann nicht zur Disposition stehen.

    • 14.09.2013 22:39, gego

      dieses Urteil kann nach ihrer logik garnicht überzeugen, da es noch nicht verfilmt wurde und somit wichtiges ansichtmaterial fehlt.
      zudem ist wohl für die meisten informationsfreiheit etwas anderes als informationspflicht.
      jedenfalls den das gymnasiun besuchenden sollte hier mehr vertrauen entgegengebracht werden ist doch im meist folgenden studium zwangsläufig zu entscheiden welche bildungsinhalte genutzt werden oder nicht.

    • 16.09.2013 20:31, Holger Emmerich

      Wenn dem so wäre, warum gibt es dann lt. Jugendschutzgesetz überhaupt Altersbeschränkungen für irgendwelche Filme, widerspricht dies doch in jedem Fall der Informationsfreiheit des Schülers, da ihm, je nach Alter, diese Information in jedem Fall vorenthalten wird.

  • 14.09.2013 07:20, Wolf-Dieter

    @ Dr. Taubert

    Ob eine kritische Auseinandersetzung im Unterricht tatsächlich erfolgte, braucht nicht betrachtet zu werden. Es gehört zur regulären Aufgabe des Deutschunterrichts. Alles weitere wäre Qualtätskontrolle (nicht unsere Aufgabe).

    Ihre These, dass eine Weltanschauung dadurch "aufgezwungen" wird, dass sie auf einer staatlichen Schule behandelt wird, reduziert sich ebenfalls auf Qualitätskontrolle. Ein qualitäativ guter Unterricht zwingt keine Anschauung auf.

  • 15.09.2013 00:49, Hellbunt

    GENERATION DER JA-sAGER?
    Diese Nachricht ist in der Tat alarmierend: Aktuelle Studien des Instituts für Jugendkulturforschung haben ergeben, dass es in Schulen und Unis nicht gerne gesehen wird, wenn kritische Fragen gestellt werden! Angepasste Ja-Sager werden sogar klar bevorzugt - aus meiner Sicht ein fatales und grundverkehrtes Signal. Deshalb neigen immer mehr junge Menschen dazu, Dinge einfach hinzunehmen, ohne kritisch zu hinterfragen, ob sie diese auch selbst für richtig halten. Was will man damit eigentlich bezwecken, soll den Leuten das selbstständige Denken ausgetrieben werden? Sollen nur mehr unkritische, sich keine eigene Meinung bildende Leute an der Spitze das Sagen haben? Sollen lauter rückgratlose Opportunisten, die in gebückter Haltung schleimend die Karriereleiter emporkriechen, herangezüchtet werden? Nein, danke, das entspricht nicht meiner Vorstellung von den zukünftigen Menschen dieses Landes! Und was nützt diesen Ja-Sagern schlussendlich die steilste Karriere, wenn sie sich im Spiegel selbst nicht mehr in die Augen blicken können, weil sie in ihrem ganzen Leben noch nie ihrem eigenen Gewissen folgend so gehandelt haben, wie sie es aus tiefster innerer Überzeugung selbst für richtig gehalten haben! (entnommen: die krone.at) Die Erde brauch solche Menschen mit Rückgrad



    NICHTS IST
    SCHWIERIGER
    UND NICHTS ERFORDERT MEHR
    CHARAKTER
    ALS SICH IM OFFENEN
    GEGENSATZ ZU SEINER
    ZEIT ZU BEFINDEN
    UND LAUT ZU SAGEN
    N E I N kurt tucholsky

  • 15.09.2013 01:02, Hellbunt

    Hermann Hesse hat es im 19. Jh. so formuliert: "Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn sein "Bildungsauftrag" ist es nicht extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner."

    • 18.09.2013 15:11, Christoph Smets

      Und was will uns der Autor damit sagen?

  • 20.09.2013 09:58, MHR

    Hallo zusammen,
    ich denke, dass man sich bei der Bewertung recht schnell einig werden dürfte, dass sowohl die Verpflichtung des Schülers zur Teilnahme an der Filmvorführung als auch eine entgegengesetzte Entscheidung - wenn überhaupt - nur einen relativ geringfügigen Eingriff in die Religionsfreiheit bzw. die Verpflichtung zur Teilnahme am Schulunterricht mit sich bringen kann. Auch wenn es hier aus meiner Sicht nahe gelegen hätte, den Schüler für ein oder zwei Stunden vom Unterricht zu befreien, muss man wohl auch beachten, dass dies sicherlich schnell Nachahmer auf den Plan gerufen hätte. Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder - aus welchen Gründen auch immer - ganz oder teilweise vom Unterricht in Sexualkunde oder Evolutionslehre oder dem Schwimmunterricht o.ä. befreien lassen möchten, dürfte nicht unerheblich sein. Offenbar wollte man hier den Anfängen wehren und langwierige Rechtsstreite über Kleinigkeiten wie die Befreiung von einzelnen Unterrichtsstunden vermeiden - und das halte ich dann doch letztlich für nicht unvernünftig.

  • 22.09.2013 22:11, ???

    Liegt hier überhaupt ein Fall der praktischen Konkordanz vor? Welche beiden Grundrechtspositionen sollen hier zum Ausgleich gebracht werden?