Druckversion
Mittwoch, 21.01.2026, 16:47 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/bmj-buschmann-werbung-schwangerschaftsabbruch-abschaffen-219a-stgb-strafrecht-218-bverfg
Fenster schließen
Artikel drucken
47230

BMJ zum Werbeverbot bei Abtreibungen: Mit dem § 219a StGB soll auch die Unsi­cher­heit ver­schwinden

von Dr. Markus Sehl

17.01.2022

Marco Buschmann, Bundesminister der Justiz, gibt ein Pressestatement zu § 219a StGB ab in Berlin, 17.01.2022

Marco Buschmann, Bundesminister der Justiz, bei seinem Pressestatement bezüglich des Gesetzentwurfes zur Abschaffung des § 219a Strafgesetzbuch in Berlin, 17.01.2022. Foto: picture alliance/photothek/Florian Gaertner

Der erste Entwurf für ein Gesetz aus dem Haus des neuen Justizministers fällt kurz und deutlich aus. Die Strafvorschrift zur Werbung für den Schwangerschaftsabbruch soll ersatzlos wegfallen, andere Fragen zum Thema bleiben weiter offen.

Anzeige

Der Änderungsbefehl im ersten Referentenentwurf aus dem mit Marco Buschmann (FDP) neu besetzten Bundesjustizministerium (BMJ) ist denkbar knapp und klar: "Der Entwurf sieht vor, § 219a StGB ersatzlos aufzuheben." Bislang stellt der Paragraph im Strafgesetzbuch (StGB) die Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft unter Strafe. Als Werbung gelten dabei schon ausführliche Informationen über verschiedene Methoden des Schwangerschaftsabbruchs sowie die damit jeweils verbundenen Risiken.

Durch die Streichung der Strafvorschrift soll "Ärztinnen und Ärzten Rechtssicherheit beim Umgang mit sachlichen Informationen gegeben und für betroffene Frauen ein ungehinderter Zugang zu diesen Informationen gewährleistet werden", heißt es in dem zehnseitigen Referentenentwurf, der LTO vorliegt.

Abschaffung mit Ansage

Die Änderung kommt nicht überraschend. SPD, Grüne und FDP hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt, dass "Ärztinnen und Ärzte in Zukunft öffentliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche bereitstellen können sollen, ohne eine Strafverfolgung befürchten zu müssen." Es hatte sich in den vergangenen Wochen und Tagen abgezeichnet, dass der neue Bundesjustizminister hier schnell handeln würde.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hatte die Pläne der Bundesregierung vor einigen Tagen noch kritisiert. "In der Gesamtkonzeption des Abtreibungsrechts trägt das Werbeverbot zu einer objektiven und seriösen Beratung und Information der Frau in einer Konfliktsituation bei", schrieb der katholische Bischof in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung.

Am Montag betonte Buschmann bei der Vorstellung des Entwurfs in Berlin, es dürfe nicht sein, dass jedermann im Internet alle möglichen Dinge über Schwangerschaftsabbrüche verbreiten dürfe, nur die dafür besonders qualifizierten Fachleute nicht, sagte Buschmann in Berlin. "Die Situation für die betroffene Frau ist schwierig genug – wir dürfen sie nicht noch erschweren." Anpreisende oder grob anstößige Werbung bleibe nach dem ärztlichen Standesrecht weiterhin ausgeschlossen.

Auch im Entwurf heißt es dazu: "Es gibt daher keine Anhaltspunkte, dass nach der Aufhebung der Strafnorm des § 219a StGB werbende Handlungen für den straffreien Schwangerschaftsabbruch in einem Ausmaß erfolgen, das dem Schutz des ungeborenen Lebens zuwiderläuft."

Entschärfung der Strafvorschrift und Verfassungsbeschwerden

Nachdem unter anderem die Gießener Ärztin* Kristina Hänel zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, entschärfte die Große Koalition 2019 den Paragraphen etwas. Doch es folgten weitere Verurteilungen von Frauenärzt:innen. Inzwischen sind mehrere Verfassungsbeschwerden in Karlsruhe anhängig.

Erst seit der Gesetzesänderung im Jahr 2019 dürfen Praxen, etwa auf ihrer Webseite, überhaupt darüber informieren, dass sie solche Eingriffe vornehmen. Weitere Auskünfte, beispielsweise über die Art der Abbrüche, blieben aber weiterhin untersagt.

Ein Anlauf der SPD zur Abschaffung des Paragraphen war in der vergangenen Legislaturperiode am Widerstand des damaligen Koalitionspartners, der Union, gescheitert. "Wir hätten den frauenfeindlichen Paragrafen gerne schon vor Jahren gestrichen", sagte SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese Ende Dezember. "Die Ampel-Koalition bringt endlich den gesellschaftlichen Fortschritt, den CDU/CSU jahrelang verhindert haben."

Auf Nachfragen bei der Vorstellung des Entwurfs am Montag zur Verfassungsmäßigkeit der Änderung verwies Buschmann darauf, dass der Schritt in seinem Haus sorgfältig geprüft worden und der § 219a StGB nicht Teil des verpflichtenden Schutzkonzeptes sei.

Die bisher letzten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zum Schwangerschaftsabbruch liegen mehrere Jahrzehnte zurück. Das BVerfG hatte seine Urteile von 1975 und 1993 auf die staatliche Schutzpflicht für Leben und Würde des Embryos gestützt. Diese Schutzpflicht müsse der Staat auch gegenüber der Schwangeren durchsetzen, so die Verfassungsrichterinnen und -richter. Es bestehe deshalb eine grundsätzliche Pflicht des Staates, den Schwangerschaftsabbruch zu verbieten und die Frau zur Austragung der Schwangerschaft zu verpflichten.

Der Entwurf aus BMJ wird nun mit den anderen Ressorts der Bundesregierung abgestimmt. Danach geht er an die Länder und die Verbände.

Auch Änderungen beim Schutzkonzept Schwangerschaftsabbruch?

Die Reformpläne der neuen Ampel-Koalition könnten noch weiter reichen. Im Koalitionsvertrag findet sich auch der Satz: "Wir setzen eine Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin ein, die Regulierungen für den Schwangerschaftsabbruch außerhalb des Strafgesetzbuches prüfen wird." Steht also womöglich noch eine Reform aus, die nicht bei der Entkriminalisierung der Werbung Halt macht?

"Frauen haben keine Gebärpflicht", sagt die Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Dr. Ulrike Lembke, im Interview mit LTO am Montag. "Um reproduktive Gesundheit zu verwirklichen, müssen Schwangerschaftsabbrüche durchaus geregelt werden, aber nicht wie bisher. Zugang zu Informationen, ein plurales Beratungsangebot und Schwangerschaftsabbrüche nach medizinischen Standards sind im internationalen menschenrechtlichen Diskurs anerkannt."

Nachfragen nach weiteren Reformen rund um den Schwangerschaftsabbruch wich Buschmann am Montag aus. Mögliche weitere Gesetzesänderungen zu Fragen der reproduktiven Medizin werde eine Kommission vorbereiten, sagte der Justizminister. Dazu gehöre beispielsweise auch eine bessere Unterstützung für ungewollt kinderlose Paare.

*Anm. d. Red. 18.01.2022, 9.10 Uhr: Zunächst hieß es an dieser Stelle "Frauenärztin"

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

BMJ zum Werbeverbot bei Abtreibungen: . In: Legal Tribune Online, 17.01.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47230 (abgerufen am: 22.01.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Abtreibung
    • Schwangerschaft
    • Schwangerschaftsabbruch
    • Straftaten
    • Werbung
Trump besteigt Airforce One 17.01.2026
Meinung

Trumps neue Welt / Vorratsdatenspeicherung / Deepfakes:

"Beendet Trump die regel­ba­sierte Wel­t­ord­nung?"

Venezuela, Grönland, Iran - gelten für den US-Präsidenten keine Regeln mehr? Was bringt die Vorratsdatenspeicherung wirklich? Sollten Deepfakes strafbar werden - und wenn ja, welche? Das und mehr in Folge 50 des LTO-Podcasts.
 

Artikel lesen
Raser auf einer Stadtautobahn in der Nacht 12.01.2026
Auto

Bei Nutzung für Drogenkurierfahrten und illegale Autorennen:

Justiz soll Miet­wagen künftig leichter ein­ziehen können

Mietautos, die für Drogendeals und illegale Rennen genutzt werden, sollen künftig leichter von der Justiz konfisziert werden können. Das sieht eine Bundesratsinitiative Berlins vor. Geplant sind Verschärfungen im StGB und BtMG. 

Artikel lesen
Prof. Friedrich Karl Kaul (Anwalt) 11.01.2026
Feuilleton

True-Crime-Erzählungen im Realsozialismus:

Küchen­de­likte unter den Tisch gekehrt

Wie sich eine Gesellschaft über Kriminalität verständigt, sagt einiges über sie aus. Ein neues Werk geht aus theoretischer Perspektive der Frage nach, wie die "Pitaval"-Literatur in der DDR und der Volksrepublik Polen gestaltet wurde.

Artikel lesen
Stephan Hensel vor dem Hamburger Strafjustizgebäude. 08.01.2026
Christina Block

Jugendamtsmitarbeiterin im Block-Prozess:

"Dass Hensel die Kinder iso­liert hat, war eine Macht­de­mon­s­t­ra­tion"

Am 28. Verhandlungstag haben im Block-Prozess Ex-Mitarbeiterinnen des Hamburger Jugendamts ausgesagt. Sie werfen Blocks Ex-Mann vor, höchst unkooperativ gewesen zu sein. Diese Vorgeschichte sei eine "Zäsur", sind sich die Verteidiger einig.

Artikel lesen
Der venezolanische Staatschef Nicolas Maduro wird nach seiner Ankunft in Manhattan von Agenten der US-Drogenbehörde abgeführt, Zielort ist ein Bundesgericht in New York City, 05.01.2026 05.01.2026
Strafverfahren

Trotz völkerrechtswidriger Gefangennahme:

Darf die US-Justiz Maduro den Pro­zess machen?

Der Angriff der USA auf Venezuela war ebenso klar völkerrechtswidrig wie die Gefangennahme des Staatschefs Nicolas Maduro. Der wurde direkt in New York angeklagt. Dort wird es wohl zum Prozess kommen – trotz Immunität.

Artikel lesen
Alexander Dobrindt, CSU-Landesgruppenchef, Friedrich Merz, Bundesvorsitzender der CDU und CDU-Kanzlerkandidat, Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern, und Dorothee Ba_r (CSU) sitzen während der Winterklausur der CSU-Landes 05.01.2026
Kinder

CSU will "Verantwortungsverfahren" für kriminelle Kinder:

Absen­kung des Straf­mün­dig­keitsal­ters durch die Hin­tertür?

Wie umgehen mit Kindern, die Straftaten begehen? Die CSU schlägt jetzt ein neuartiges gerichtliches Verfahren für strafunmündige Kinder unter 14 vor. Auch Zwölfjährigen droht dann das Gefängnis. Experten sehen den Vorschlag kritisch.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Bü­cke­burg

Logo von Landesanstalt für Medien NRW
Ju­ris­ti­scher Re­fe­rent - Team­lei­tung für das Team Auf­sicht (m/w/d)

Landesanstalt für Medien NRW , Düs­sel­dorf

Logo von Latham & Watkins LLP
As­so­cia­te im Be­reich Li­ti­ga­ti­on & Trial in Mün­chen (m/w/d)

Latham & Watkins LLP , Mün­chen

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Ver­den (Al­ler)

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Sta­de

Logo von Tsambikakis & Partner Rechtsanwälte mbB
Rechts­an­walt/in (m/w/d) in Voll- oder Teil­zeit

Tsambikakis & Partner Rechtsanwälte mbB , Frank­furt am Main

Logo von DLA Piper UK LLP
Re­fe­ren­dar (m/w/x) Frank­furt

DLA Piper UK LLP , Frank­furt am Main

Logo von Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat
Voll­ju­ris­ten (m/w/d) – Ih­re Zu­kunft in der hes­si­schen Jus­tiz

Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat , Wies­ba­den

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
§ 1004 BGB – Wenn rechtliche Theorie auf die immobilienwirtschaftliche Praxis trifft.

05.02.2026, Hamburg

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Aktienrecht

30.01.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Datenschutz Litigation

30.01.2026

Logo von Hagen Law School in der iuria GmbH
Fachanwaltslehrgang Handels- und Gesellschaftsrecht im Fernstudium/ online

30.01.2026

31. Deutscher Pflege-Recht-Tag

30.01.2026, Berlin

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH