Voß, Bott und Rieks auf dem Gerichtsflur: Die gegenseitige Unterstützung bröckelt. Nach Blocks Einlassung wechseln einige Verteidiger die Strategie und gehen auf Angriff. Archiv-Foto: picture alliance/dpa/dpa Pool/Marcus Brandt.
Die Verteidiger unterstützen sich bisher gegenseitig, um das jeweils Beste für ihre Mandanten herauszuholen. Vor der Prozesspause bekriegen sie sich aber untereinander und blasen zum Großangriff auf Blocks Verteidigungslinie – doch die hält.
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Dr. Philip von der Meden ist am Freitag fünf Minuten vor dem Startschuss um 9:30 Uhr im Gerichtssaal – für gewöhnlich sind es bei ihm eher fünf Minuten danach. Da das Gericht auf ihn als Nebenklagevertreter nicht nach § 243 Abs. 1 S. 2 Strafprozessordnung (StPO) warten muss, ist er aber natürlich nie formal zu spät. Bissige Kommentare muss er sich trotzdem von seinen Anwaltskollegen ab und an gefallen lassen. Am letzten Verhandlungstag vor der mehrwöchigen Prozesspause braucht es ihn aber ausnahmsweise mal nicht, um direkt geladen in den Tag zu starten: Dafür sorgen die Verteidiger schon früh untereinander, wie sich zeigen sollte.
Die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt eröffnet zunächst mit einem Stoß Beschlüsse, die meisten davon Ablehnungen für Beweis- und Befangenheitsanträge. Aber nicht jeder abgelehnte Antrag ist eine Niederlage für die Verteidiger:innen: Die Begründungen, mit denen Anträge abgelehnt werden, können ihnen nämlich wichtige Hinweise zu Ansichten der Kammer geben. Haben sie, wie hier im Block-Prozess, eine Kammer vor sich, die sich nur höchst ungern in die Karten schauen lässt, können diese Hinweise aus den abgelehnten Beschlüssen sehr wertvoll sein – etwa wenn es darum geht, zu identifizieren, wo man die Kammer noch überzeugen muss und wo sie einem vielleicht bereits zustimmt.
Einen kleinen Sieg fahren deshalb am Freitag die Verteidiger von Christina Block, Dr. Ingo Bott, und ihrem Lebensgefährten Gerhard Delling, Dr. David Rieks, ein. Ihren Antrag auf Ladung eines Zeugen zu einem Besuch Blocks und Dellings bei der dänischen Schule der Kinder im September 2021 lehnt das Gericht ab. Dieser Schulbesuch ist ein hitziges Streitthema zwischen Verteidigung und Nebenklage: Kindsvater Stephan Hensel hatte Delling im vergangenen Oktober mit Zwischenrufen im Gerichtssaal vorgeworfen, er habe versucht, in die Schule einzubrechen. Delling und Block hätten vorgehabt, die Kinder nach Deutschland mitzunehmen, so Hensel – zu dem Zeitpunkt lag das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht bei ihm.
Mit Verweis auf Hensels Recht hatte Block in ihrer Einlassung diese Woche gesagt, sie habe nicht vorgehabt, ihre Kinder mitzunehmen. Hier wird es für die Block- und Delling-Verteidiger spannend: Die Kammer begründet die Ablehnung des Antrags damit, dass sie ohnehin nach vorläufiger Würdigung davon ausgehe, dass Delling nicht in die Schule einbrechen wollte und die aktuelle Beweislage nicht ausreiche, um bewerten zu können, ob er und Block die Kinder mitnehmen wollten oder nicht. Als "non liquet", also ohne sichere Überzeugung von der Schuld, heißt das, dass die Kammer vom Grundsatz"in dubio pro reo", also im Zweifel für den Angeklagten, ausgehen muss. Mit anderen Worten: Jedenfalls derzeit geht das Gericht davon aus, dass Delling und Block die Kinder nicht vom Schulgelände mitnehmen wollten.
Frontalangriff der Costard-Verteidigung auf Block
So gut läuft es mit den Beweismitteln aber nicht weiter für die Block-Verteidigung. Nachdem Block in ihrer Einlassung die Verantwortung für die Entführung immer deutlicher dem mitangeklagten Vertrauensanwalt der Blocks, Dr. Andreas Costard, zugeschoben hatte, ging dessen Verteidiger Dr. Marko Voß am Freitag erstmals deutlich auf Konfrontation: Was am Donnerstag noch ein scharfer Seitenhieb aufs Block-Lager war, ist am Freitag ein Beweisantrag, der Blocks Einlassung erschüttern soll.
Dabei ist Voß eigentlich dafür bekannt, die Block- und Delling-Verteidiger zu unterstützen. Über lange Strecken des Verfahrens hatte das gegenseitige Unterstützen, Beipflichten und Aushelfen vieler der Verteidiger fast den Eindruck einer Art Gruppenarbeit vermittelt, wie auch die Vorsitzende schon sarkastisch anmerkte. Nun zerbrechen diese Bande zusehends, weil sich einige Verteidiger nach Blocks Einlassung offenbar eine neue Strategie überlegt haben.
Voß verliest also eine E-Mail, die Christina Block ihrer Mutter Christa Anfang 2023 geschrieben haben soll. Darin bittet sie ihre Mutter, bei der geplanten Fahrt zum Haus der Familie Hensel in Dänemark mit ihrem Vater Eugen Block und Costard "nur Botschaften wie: Wir vermissen euch, wir lieben euch" zu verwenden. "Falls Papa Plakate mitnimmt und die hochhält, nur solche Botschaften wie oben", schreibt Block laut dieser Mail.
Hier startet Voß' Angriff auf Blocks Verteidigungsstrategie: Er erinnert daran, dass auf den Plakaten, die Eugen Block dann tatsächlich an seinem Auto während des Dänemark-Aufenthalts anbrachte, genau diese Sätze standen. "Christina Block hat in ihrer mehrfach inhaltlich revidierten Einlassung ausgesagt, sie sei in keinen dieser Vorgänge eingeweiht gewesen". Sie hatte erzählt, nach November 2022 habe ihr Vater Eugen Block das Vertrauen in sie verloren, die Kinder zurückzuholen, und nur noch mit Familienanwalt Costard gesprochen. Bei dem Besuch in Dänemark sei sie nicht dabei gewesen und habe erst bei Costard nachfragen müssen, was auf den Schildern stand. Diese Darstellung widerlege die E-Mail, findet Voß: Block habe schon beim Dänemark-Besuch ihrer Eltern mit Costard eine deutlich aktivere Rolle eingenommen, die nicht zu der passiven Rolle passe, die sie sich in ihrer Einlassung selbst zugeschrieben hatte. Für Voß ist das ein Widerspruch, der Blocks Strategie, laut der sie mit allem nichts zu tun gehabt habe, zerschmettere.
Block-Verteidiger Bott sieht das natürlich ganz anders. Er bedankt sich betont gelassen bei Voß. Diese E-Mail bestätige doch gerade Blocks Version der Geschichte: Sie habe ausschließlich mit ihrer Mutter kommuniziert und Wünsche geäußert. Das sei ja kein Widerspruch dazu, dass sie später bei Costard nachfragen musste, was tatsächlich auf den Plakaten stand.
Auffällig dabei: Immer wieder widerspricht Bott seit Blocks Einlassung der Darstellung, Block habe Costard beschuldigt. Bei dessen Verteidiger Voß ist das offensichtlich anders angekommen. Und so gut gelaunt, wie man Voß am Freitag erlebt, muss man vermuten, dass das nicht seine letzte Offensive gegen Blocks Verteidigungsstrategie war, obwohl er mit Bott lange an einem Strang zu ziehen schien, um das Beste für seinen Mandanten Costard herauszuholen.
Wer hat wen "verarscht"?
Die nächste Breitseite für die Block-Verteidigung kommt von Dr. Sascha Böttner. Er verteidigt den Israeli Tal S., der in Untersuchungshaft sitzt und bereits früh im Prozess seine Beteiligung an der Tat gestanden hatte. In seiner Erklärung zu Blocks Einlassung sagt Böttner, Block habe bestätigt, dass der mutmaßliche Chef-Entführer Barkay "ein sehr manipulativer Mensch ist, der Menschen gut lesen und von Dingen überzeugen kann". So weit, so zustimmend.
Dann aber geht Böttner zum Angriff auf Block über: Er wirft die Frage auf, warum die israelischen Entführer, die sich "von Barkay verarscht fühlten", diesen mit einer Falschaussage über ein angebliches Treffen im Hamburger Grand-Elysée-Hotel, das der Block-Familie gehört, stützen sollten. Das angebliche Treffen am 28. Dezember 2023 in einem Konferenzraum des Elysée-Hotels gehört zu den am meisten umstrittenen Komplexen des Block-Prozesses. Dort sollen die Entführer angeblich von Christina Block den Auftrag erhalten haben, die Kinder notfalls gewaltsam aus Dänemark nach Deutschland zu holen. Zu diesem Treffen gibt es von den israelischen Zeugen allerdings unzählige widersprüchliche Angaben.
Am Freitag fragt Böttner, warum die Israelis allesamt eine "völlig unschuldige Kindesmutter" belasten sollten, zumal keiner von ihnen einen Groll gegen Block gezeigt habe, gegen Barkay aber schon. Für ein angeblich manipulatives Genie wie Barkay wäre es laut Böttner doch viel naheliegender gewesen, wenn er wenige Beteiligte ausgewählt hätte, die er beeinflussen konnte, und dann zu behaupten, das Treffen habe mit diesen stattgefunden. "Aber was macht Barkay? Behauptet ein Treffen in großer Runde." Da wäre doch das Risiko zu hoch gewesen, dass irgendwer nicht mitzieht, meint Böttner: "Da hätte doch nur einer sagen müssen: 'Sach mal, ich glaub', es hackt bei dir. Ich geh jetzt mal zur Staatsanwaltschaft und pack hier alles aus.'" – zumal Böttners Mandant S. schon in Untersuchungshaft saß, Barkay auf ihn also gar nicht einwirken konnte.
Das alles ergibt aus Böttners Sicht "einfach keinen Sinn", wenn es sich um ein vorgetäuschtes Treffen handeln sollte. Er ist sich sicher: Das Treffen hat stattgefunden. Und wenn es das hat, dann sei auch glasklar, warum Block und ihre Verteidigung dieses Treffen so sehr abstreiten: "Für sie kommt es darauf an. Wenn es das Treffen am 28. Dezember gab, dann bricht ihre ganze Verteidigungsstrategie zusammen!", bläst Böttner zum Großangriff.
Warum der 28. Dezember wohl nicht bewiesen werden kann
Zwischen Böttner und Bott geht es daraufhin hin und her. Immer wieder antwortet der eine auf den anderen. Richterin Hildebrandt seufzt und sagt sichtlich genervt: "Vielleicht kommen wir mal wieder zu den Verfahrensabläufen der Strafprozessordnung." Das bleibt aber für ein paar weitere Minuten ein frommer Wunsch. Böttner legt noch einmal nach, woraufhin Bott noch einmal antwortet: "Ein Satz muss noch sein!", ruft er, als Hildebrandt sichtlich die Geduld ausgeht. "Herr Bott, das ist hier wirklich nicht der Ort für Zwiegespräche unter Rechtsanwälten!", so die Vorsitzende.
Der entscheidende Konter gegen Böttners Offensive, der die besten Chancen hat, die Echtheit des so wichtigen Treffens am 28. Dezember zu widerlegen, kommt dann von Delling-Verteidiger Rieks: Er erinnert daran, dass zu dem Zeitpunkt, an dem Überwachungskamera-Aufnahmen aus der Hotel-Lobby belegen sollen, dass Christina Block eine Tüte mit persönlichen Gegenständen für die Kinder zu dem angeblichen Konferenzraum-Treffen brachte, mindestens einer der Entführer (Fluchtwagenfahrer Said B.) noch nicht im Hotel gewesen sein kann. Das ergibt sich aus dessen Flugtickets vom 28. Dezember von Israel nach Frankfurt am Main, von wo er noch mit dem Zug nach Hamburg reisen musste und dort erst spät am Abend angekommen sein kann. Auch B. selbst sagte in seiner Zeugenaussage, am Anreisetag habe das Treffen ganz sicher nicht stattgefunden.
Trotzdem hatten alle Israelis sich in ihren Zeugenaussagen auf den 28. Dezember als Datum des Treffens festgelegt. Die Zeugin Keren T., besser bekannt unter ihrem Decknamen "Olga", hatte sogar darauf bestanden, dass es draußen noch hell gewesen sei, als das Treffen stattfand – was in Hamburg im Dezember wohl eher nicht abends gewesen sein dürfte, wie Ingo Bott damals bei der nervenaufreibenden Befragung bemerkt hatte. Alle Zeugen waren sich einig, dass B. dabei war.
Am Ende heißt das wohl, dass auch für das Treffen am 28. Dezember "non liquet" im Raum steht, sodass die Kammer im Zweifel für die Angeklagten annehmen muss, dass es das Treffen am 28. Dezember niemals gegeben hat. Das wäre nicht nur essenziell für Blocks Verteidigungsstrategie, sondern nährte auch Zweifel an der generellen Belastbarkeit der Aussagen der mutmaßlichen israelischen Entführer, die Block auch in anderen Komplexen belasteten.
Israelischer Entführer wendet sich auf Deutsch an die Kammer
Dann will sich Böttners Mandant noch einmal selbst äußern. S. ergreift mit ruhiger, fester Stimme das Wort, es ist mucksmäuschenstill im Saal.
Es tue ihm leid "für die Kinder, die stark leiden" und für "die arme Mutter, die ihre Kinder verloren hat", übersetzt sein Dolmetscher seine Worte. Ihm ist erneut wichtig, zu betonen, dass er aus seiner Sicht nur Gutes getan habe, dass ihm die Moral wichtiger gewesen sei als das Recht. Niemals hätte er eine "böse Tat gemacht". Selbst wenn er gewusst hätte, dass seine Tat nicht legal war, hätte er so gehandelt, wie er gehandelt hat: "Solange ich daran glaube, von ganzem Herzen, dass das, was ich tue, eine gute Tat ist."
Er vergleicht seine Sicht auf die Dinge mit Deutschen, die während der NS-Zeit "gute Taten" vollbrachten, etwa indem sie Juden versteckten. Auch diese Menschen hätten gegen damals geltendes Recht gehandelt, um Menschen zu retten. "Ich bin wie diese Deutschen", erklärt er. Dann wendet er sich in etwas brüchigem, aber klarem Deutsch an die Kammer: "Was ich wollte, wirklich wollte, ist, diese Kinder vor", wie er gedacht habe, "diesem gefährlichen Vater zu retten. Retten, nur retten. Diese Kinder nach Deutschland, zurück zu ihrer Mutter, zu bringen. Das ist, was ich wirklich wollte."
Für einen Moment spricht daraufhin niemand im Saal. Seine Worte haben Eindruck gemacht.
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Botts dicke Unterschriftenmappe
Letztlich muss die Vorsitzende Hildebrandt aber zurück zum Tagesgeschäft. Sie ist gerade dabei, die Verhandlung für den Tag zu schließen, da meldet sich Bott: Er habe noch Beweisanträge. Und zwar einige, wie sich herausstellt.
Nachdem er den zweiten Beweisantrag zu einem Zeugen verlesen hat, der Gast bei der Silvestergala im Elysée-Hotel gewesen und dabei Block gesehen haben soll, schwant Hildebrandt scheinbar Übles: "Wenn ich die Dicke Ihrer Unterschriftenmappe sehe und bedenke, wie viele Gäste bei dieser Silvestergala waren", dann habe sie Sorge, dass Bott jetzt alle Gäste einzeln als Zeugen geladen haben will. Bott winkt ab, ihm reichten die zwei. Er habe aber noch 18 andere Anträge vorbereitet. Hildebrandt protokolliert daraufhin, sie gebe den Verteidigern auf, ihre Anträge nach § 257a StPO schriftlich zu stellen. Das heißt zwar noch nicht, dass sie das ab jetzt müssen – es ist aber eine Vorwarnung, dass die Richterin dies anordnen könnte, sozusagen eine gelbe Karte.
Nur drei Anträge später kündigt Bott an, nach Rücksprache mit seiner Mandantin wolle man sich mit den Beweisanträgen nun doch erst noch einmal neu sortieren. Am Freitag wolle er erst mal keine weiteren stellen. Damit kann die Vorsitzende dann alle Beteiligten ins Wochenende schicken – und in die dreiwöchige Verhandlungspause, die nun folgt.
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