Die Aussage des schwedisch-israelischen Zeugen sorgt im Prozess gegen Christina Block für neue Widersprüche – und stellt die Kammer von Richterin Isabel Hildebrandt vor schwierige Glaubwürdigkeitsfragen. Foto: picture alliance/dpa/Marcus Brandt.
Ein Model aus GNTM weint nach einer Ansprache von Christina Block, wird zum Entführer und trinkt später angeblich mit einem Polizeihund aus einer Pfütze. Der Block-Prozess wird immer bizarrer – und zugleich immer schwerer aufzuklären.
Anzeige
Über den heutigen Zeugen war im Saal und in den Medien im Vorfeld schon viel gesprochen worden. Bereits seit einigen Monaten kursieren seine Aussagen, etwa in Podcasts und Interviews, in den Medien. Als Model mit Auftritten in Heidi Klums "Germany’s Next Topmodel" (GNTM) und "Bachelorette Schweden" schien seine Beteiligung an der Nacht-und-Nebel-Aktion, bei der die Kinder von Steakhouse-Erbin Christina Block von maskierten Israelis entführt wurden, nur zu passend zu dem inzwischen längst filmreifen Familiendrama.
Der zurückhaltende junge Mann mit den dunkelblonden Locken, der heute die Bühne im Block-Prozess betritt, macht einen nervösen Eindruck, redet sehr schnell. Er wirkt bemüht und offen, schildert Details, wo andere Zeugen vage geblieben waren. Von Teambuilding bei einem Schlossbesuch, zu Tränen beim Treffen mit Christina Block, zu Märschen durch Felder auf der Suche nach einem sicheren Weg über die Grenze und einer wundersamen Begegnung mit einem Polizeihund – sein Bericht gleicht einer bisweilen skurrilen Abenteuergeschichte. Dünn wird es dann aber bei der eigentlichen Entführung. Dort heißt es fast nur noch "es ging so schnell" und "ich weiß es nicht". Die wenigen Dinge, die er dann doch weiß, geben dafür Rätsel auf – dem Gericht, der Verteidigung, der Nebenklage und der Staatsanwaltschaft.
Der Deutsch-Dolmetscher spricht kaum Deutsch
Die bereits vernommenen israelischen Zeugen, die an der Aktion beteiligt gewesen sein sollen, hatten alle in etwa die gleiche Geschichte über "Jonathan" erzählt. "Der Deutsche", den sie nur kurzfristig mitnahmen, weil er Deutsch sprach und mit den Kindern kommunizieren sollte, dann aber zum Risiko für die Aktion wurde, weil er entgegen Absprache auf den am Boden liegenden Stephan Hensel eingeprügelt habe. Alle seien sie verwirrt darüber gewesen, sogar wütend. Besonders die Verteidigung von Andreas Costard, dem mitangeklagten Vertrauensanwalt der Blocks, beruft sich auf einen Exzess des Teams, für den auch hypothetische Auftraggeber der Aktion nicht verantwortlich seien. Jonathan C. widerspricht dieser Darstellung nun. Er hatte sich Anfang des Jahres, mehr als ein halbes Jahr nach Prozessbeginn, öffentlich zu Wort gemeldet, um seinen Namen reinzuwaschen, Dinge richtigzustellen.
Zunächst einmal habe er seinen Nachnamen schon vor einigen Jahren geändert, aus Jonathan C. wird daher Jonathan G. Auch sei er nicht Deutscher, sondern Schwede mit israelischen Wurzeln, der etwa zehn Jahre lang ganz in der Nähe des zentralen Verfahrensschauplatzes, dem Grand Elysée Hotel in Hamburg gewohnt hatte. Das historische Viertel um die Hamburger Universität gilt auch heute noch als jüdisches Zentrum der Hansestadt. Deutsch spricht Jonathan G. nur in Grundzügen; um Medienberichten zu folgen, braucht er Google Translate. Er sagt deshalb hier auf Englisch mit einer Dolmetscherin aus.
Der 35-Jährige berichtet von der ersten Kontaktaufnahme mit dem selbsterklärten Organisator der Silvester-Aktion, David Barkay, und seiner rechten Hand, Keren T. "Wie als ob ich ein Interview hätte, für ein Jobangebot", erinnert er sich. Er habe geglaubt, es ginge um eine langfristige Anstellung. "Ich dachte, es sei der Beginn von etwas." Nach seiner Schilderung war es aber viel mehr das Ende eines normalen Lebens. Er bekomme keine Arbeit, könne kaum rausgehen, leide unter Angstzuständen, berichtet er.
Model wollte James Bond sein
Gelockt zu haben scheint ihn die Mossad-Aura, mit der sich Barkay gerne zu umgeben scheint. Er sei davon ausgegangen, die Silvester-Aktion sei eine geheime Mossad-Mission, erklärt Jonathan G. Da habe er so unbedingt dabei sein wollen, dass er keine Fragen gestellt habe. "Man wächst ja auf und sieht Spionfilme, James Bond, und dann kann man Teil von sowas sein." Deshalb habe er unbedingt einen guten Eindruck auf Barkay machen wollen, habe von seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für Kinder mit Down-Syndrom berichtet. Es sind Muster, von denen alle Männer berichten, die von Barkay für die Mission angeheuert wurden: Sie ließen sich von der ominösen Aura Barkays beeindrucken, hatten einen besonderen Hintergrund, Kindern helfen zu wollen. So auch Jonathan G.: Nach dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023 habe er etwas tun wollen, wo er "mit seinen eigenen Händen" helfen konnte. Kinder in einer Geheimdienstmission zu retten, das kam da genau richtig.
Wie seine Teamkollegen vertraute er Barkay, als dieser sagte, er habe Beweise, dass der Vater der Kinder mit pädophilen Aktivitäten in Verbindung stünde. Dass die Aktion "auf gerichtliche Anordnung von einem deutschen Gericht" erfolge. Wie seine Teamkollegen hatte er die Beweise nie gesehen.
Beim Treffen mit Block weinten auch die Entführer
Auch heute geht es natürlich um das angebliche Treffen im Konferenzraum des Grand Elysée am 28. Dezember 2023, bei dem Christina Block laut Anklage die Entführer getroffen haben soll, was ihre Auftraggeberschaft belegen soll. Block dagegen bestreitet, dass es ein solches Treffen gegeben habe. Ob Barkay auf eigene Faust handelte, um sich einen Namen zu machen, oder jemand anderes den Auftrag gab – sie will es nicht gewesen sein.
Es sei das erste Mal gewesen, dass er die anderen Mitglieder des Teams getroffen habe, berichtet der Zeuge. Man habe sich vorgestellt, aber nur mit den Codenamen, die Barkay ihnen zugeteilt hatte. Ihre richtigen Namen habe er zum Teil erst später aus der Presse erfahren. Sein Codename sei "Nils" gewesen. Wie Nils Holgersson, eine schwedische Kinderbuchfigur. Barkay habe das Treffen arrangiert, damit sie den Schmerz der Mutter "fühlen" könnten. "Eine Frau, die völlig am Boden ist", das sollten sie "aus erster Hand sehen", so habe Barkay es gesagt.
"Man konnte die Traurigkeit fühlen", als Block den Raum betrat, erinnert er sich. Sie habe geweint. Die Szene habe Eindruck auf die Teammitglieder gemacht. "Auch ich habe angefangen zu weinen", sagt Jonathan G. Später wird er gefragt, ob es denn normal sei, dass bei Mossad-Missionen geweint werde. "Was ist schon normal", antwortet er lapidar.
"Bitte helfen Sie mir, meine Kinder zurückzubekommen", an diese Aussage von Block erinnere er sich ganz deutlich. Maximal fünf bis zehn Minuten sei Block im Raum gewesen. "Wie fühlt ihr euch dabei?", habe Barkay in die Runde gefragt, als Block den Raum wieder verlassen habe. Er schien die wohl beabsichtigte Wirkung erzielt zu haben: Sie seien alle sehr motiviert gewesen.
Sollte Jonathan G. zum Sündenbock gemacht werden?
Detailliert schildert der Zeuge, wie sie nach Dänemark fuhren, dort ein Schloss besichtigten, "so Teambuilding" sei das gewesen. Wie sie im Dunkeln durch den Wald liefen, um den besten Weg zu finden. Einen steilen Hang hätten sie gesehen und sich überlegt, wie sie am sichersten dort hinunterkämen – derselbe Hang, den er dann in der Silvesternacht verkeilt mit einem Polizeihund herunterpoltern sollte. Auch hier widersprechen sich die Zeugenaussagen: Said B. hatte berichtet, ihm sei klar geworden, dass die Aktion schieflief, als sie in der Silvesternacht zum Wald fuhren, weil der Plan gewesen sei, mit den Kindern einfach über die Grenze zu fahren. Laut Jonathan G. nun bereiteten sie den Weg durch den Wald dagegen sorgsam vor.
Und es geht weiter mit den Widersprüchen: Zur eigentlichen Entführung selbst sagt der Zeuge zunächst nämlich nichts. Auf Nachfragen erklärt er dann aber, es sei alles sehr schnell gegangen. Er habe nur gesehen, wie der Vater festgehalten wurde, dann sei er zurück zum Auto gelaufen. Hensel habe er nie auch nur angefasst, sei weit von ihm entfernt gewesen. Dessen Anwalt, Nebenklagevertreter Dr. Philip von der Meden, äußert Zweifel an dieser Version. "Zusammengefasst: Sie haben nur dagestanden, zugeguckt und sind dann weggelaufen?" Der Zeuge bestätigt das aber. Es sei alles sehr schnell gegangen, er habe sehr unter Stress gestanden.
Die israelischen Zeugen hatten sich zuletzt verstärkt auf eine Version der Geschichte berufen, bei der (nach ihrem Verständnis von dem Wort) keine Gewalt angewendet werden sollte und nur Jonathan G., vollkommen planwidrig und entgegen ihrer aller Willen, ohne Vorwarnung plötzlich auf den Vater eingeprügelt habe. Hier waren sie sich alle absolut sicher.
Dass Jonathan G. nun aussagt, er habe Hensel nie angerührt, kann folglich wohl nur eins bedeuten: Einer lügt. Entweder Jonathan, um die Verantwortung loszuwerden, die sich über ihm aufgebaut hat. Oder seine ehemaligen Teamkameraden, um ihn zum Sündenbock zu machen – schließlich hieß es noch im März vonseiten der Staatsanwaltschaft, Jonathan G.'s Aussage sei nicht wichtig genug, um ihm freies Geleit zu gewähren. Hatten sich die übrigen Israelis also darauf verlassen, dass er ihrer Version nicht vor Gericht widersprechen würde?
Gewaltvorwurf der Block-Tochter nahm er nicht ernst
Auch zur Aussage der entführten Tochter gibt es erneut einen Widerspruch. "100 Prozent" sicher sei er, dass er nicht in dem Auto mit den Kindern gewesen sei – das Mädchen hatte aber ausgesagt, "der Mann, der Deutsch gesprochen hat", habe mit ihr und ihrem Bruder im Auto gesessen. "Nein", sagt der Zeuge entschieden, "das ist nicht möglich." Auch nach Aussage von Keren T. war er nicht im selben Auto.
Dafür berichtet er von einer späteren Unterhaltung mit der Tochter, als sie durch den Wald liefen. Er habe ihr gesagt, dass sie zu ihrer Mutter gehen würden. "Ich will nicht zu meiner Mutter gehen, sie hat mich geschlagen", habe sie geantwortet. Ihn hätte das aber nicht besonders gekümmert. "Ich habe auch mal einen Klaps auf den Arsch bekommen, wenn ich mich nicht benommen habe", hätte er ihr gesagt.
Mit dem Polizeihund gemeinsam aus der Pfütze trinken
Als er erkannt habe, dass ihnen ein Polizeihund auf den Fersen war, sei er losgelaufen, um den Hund von den Kindern fernzuhalten. Das deckt sich mit den Berichten der Mitentführer, was aber danach mit ihm geschehen war, wusste niemand genau. Es wird abenteuerlich. Jonathan G. berichtet, der Hund wäre innerhalb von Sekunden auf ihm gewesen. Erst viel später habe er festgestellt, dass sich der Hund dabei in ihm verbissen hatte. Durch das Adrenalin habe er nichts gespürt.
Zusammen seien sie dann 70 bis 80 Meter den Hang hinuntergerollt und unten so erschöpft angekommen, dass sie voneinander abließen. "Der Hund hat aus einer Pfütze getrunken, und ich hab mit ihm auch aus dieser Pfütze getrunken." Er habe keinen Ausweg mehr gesehen. "Ich hab aufgegeben, und ich denke, der Hund hat das gespürt." Der Hund habe sich einfach von ihm streicheln lassen. "Ich hab einfach 'guter Hund' gesagt, immer wieder, und irgendwie hat das funktioniert. Er ist einfach weggelaufen."
Er habe dann versucht, zur Grenze zu kommen, er habe nur seinen Pass und seine Haustürschlüssel dabeigehabt. Also habe er den Pass in den Mund genommen, sei durchs "eiskalte Wasser" geschwommen und habe es so zur Grenze geschafft. Dort habe er ein Hotel gefunden, dort in der Lobby mit jemandem gequatscht und sich angefreundet, der ihm anbot, in seinem Zimmer "ein bisschen zu chillen" und ihm ein Taxi rief, das ihn zur Bahn zurück nach Hamburg brachte.
Gericht und Staatsanwaltschaft stehen vor Herausforderung
Nach dieser abenteuerlichen Geschichte mit all ihren Details und Lücken, Widersprüchen und Merkwürdigkeiten braucht selbst die Staatsanwaltschaft eine Bedenkpause. "Frau Vorsitzende, können wir einmal kurz Pause machen?", bittet Staatsanwalt Marvin Steinberg. "Ich muss das einmal kurz sacken lassen."
Die Einordnung der Widersprüche in den Aussagen der (mutmaßlichen) Tatbeteiligten wird zunehmend zur Herausforderung und dürfte auch Gericht und Staatsanwaltschaft beschäftigen – die Aussagen lagen schließlich allesamt bei Anklageerhebung noch nicht vor.
Die Nebenklage argumentiert gerne, kleine Abweichungen würden die Glaubhaftigkeit der Aussagen stützen. Die sich heute noch einmal vertiefenden Abweichungen nehmen aber Ausmaße an, die wohl nicht mehr ohne Weiteres als unproblematisch eingeordnet werden können.
Anzeige
Zeuge berichtet von psychischer Belastung
Zum Abschluss berichtet Jonathan G. auf Nachfrage des Verteidigers seines damaligen Mitstreiters Tal S., der seine Beteiligung an der Entführung bereits gestanden hat, von den persönlichen Konsequenzen der Tat für ihn. Er könne nicht arbeiten, weil ihn jeder kennen würde, könne nicht rausgehen, weil man ihn in Israel erkennen würde. "Ich muss Alkohol missbrauchen, um mich etwas runterzubringen. Ich bin paranoid und habe Angst. Ja, ich habe einfach Angst."
Zu dieser Angst will der Verteidiger, Dr. Sascha Böttner, noch einige Fragen stellen. Dazu, dass ihn sein Militärdienst suizidal machte. Dass er zwar nur einen Schreibtischjob hatte, die Nähe zu Kampfhandlungen ihn aber so belastete, dass er einen Suizidversuch unternahm. Weil die Fragen zunehmend in Richtung der Persönlichkeitsschutzsperre des § 68a Strafprozessordnung (StPO) gehen, schlägt Böttner vor, die Öffentlichkeit dafür nach § 171b StPO auszuschließen, was die Vorsitzende für den nächsten Tag erwägen will.
Weiter geht es mit der Befragung am Donnerstag.
Hinweis: Wenn Ihre Gedanken um Suizid kreisen, wenn Sie sich traurig oder depressiv fühlen, holen Sie sich Hilfe. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar: Per Telefon 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 oder 116 123, per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de.
Altkanzlerin Merkel "an die Wand stellen", Stauffenberg vermissen – derartiges äußerte der Kabarettist Uwe Steimle auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau-Roßlau. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, doch sind die Aussagen strafbar?
Die Knesset verankert das Studium der Tora, der heiligen Schrift der Juden, im Grundgesetz. Kritiker sehen darin ein Manöver, um ultraorthodoxe Männer dauerhaft vom Wehrdienst zu befreien.
Lorenz A. wird von hinten erschossen – mit einer Polizeiwaffe. Die Tat in Oldenburg sorgte bundesweit für Erschütterung und viele Fragen. Das LG Oldenburg hat die Anklage gegen den Polizisten wegen fahrlässiger Tötung nun zugelassen.
Der Bundesrat bringt einen Gesetzentwurf in den Bundestag ein, den viele Juristen für verfassungswidrig halten. Dass die Länder einen solchen Eingriff in die Meinungsfreiheit trotzdem auf den Weg bringen, ist ein fatales Signal.
Zum Abschluss vor der Sommerpause hat der Bundesrat zahlreiche Gesetze durchgewunken und selbst Vorhaben auf den Weg gebracht. Mit dabei: Strafbarkeit bei Leugnung von Israels Existenzrecht und die "Nur Ja heißt Ja"-Initiative im Strafrecht.