Die Hauptangeklagte Christina Block, ihr Verteidiger Ingo Bott und ihr mitangeklagter Lebensgefährte Gerhard Delling. Außer der Kleidung ändert sich an den Pressefotos der Beteiligten selten etwas. Foto: picture alliance/dpa/Christian Charisius.
Warum sollte ein israelischer Bauingenieur zum Fluchtwagenfahrer der Entführung werden? Und wurde er später bedroht? Eine Aussage zur Block-Großmutter gibt Rätsel auf und die Anwälte wollen am 46. Prozesstag die Fotografen aussperren.
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Am 46. Verhandlungstag geht es vor dem Landgericht Hamburg im Prozess zur Entführung der Block-Kinder in der Silvesternacht 2023/24 um die Frage, wie ein Bauingenieur aus Israel zum Fluchtwagenfahrer bei der Entführung wurde. Der Hauptangeklagten Christina Block wird vorgeworfen, die Entführung ihrer Kinder von ihrem Vater aus Dänemark in Auftrag gegeben zu haben. Ihren Mitangeklagten wird unter anderem Beihilfe vorgeworfen. Bis auf Tal S., der an der Durchführung selbst beteiligt gewesen sein soll, bestreiten alle die Vorwürfe. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Lange war unklar, ob die Israelis aufgrund des Krieges würden anreisen können, zuletzt hatte es grünes Licht für eine Videovernehmung gegeben. Nun sind zumindest zwei der geladenen Zeugen aber tatsächlich in Deutschland. Den Start vor Gericht macht der mutmaßliche 35-jährige Fluchtwagenfahrer. Seine Schilderung der Ereignisse deckt sich mit derer früherer Zeugen, viele wichtige Fragen lässt aber auch er unbeantwortet.
Der Mann und drei andere Beschuldigte aus Israel hatten sich mitten im laufenden Prozess gemeldet, die Justiz gewährte ihnen für ihre Zeugenaussage freies Geleit. Sie müssen zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls mit einer Anklage und einem Prozess rechnen. Gegen die mutmaßlichen Entführer der Silvesternacht laufen noch separate Verfahren, die vom Hauptverfahren abgespalten wurden, weil sich die Beschuldigten - bis auf Tal S., der in Zypern verhaftet worden war - in Israel dem Zugriff der deutschen Strafverfolgung entziehen.
Anwalt Bott macht eine Entdeckung im Zuschauerraum
Am Tisch für die Zeugen im Gerichtssaal wird es heute voll. Neben dem 35-Jährigen nimmt der Hebräisch-Dolmetscher Platz, der ansonsten für den israelischen Angeklagten Tal S. simultan übersetzt. Außerdem versuchen sich auch seine deutsche Anwältin und sein israelischer Anwalt an den Platz zu drängen. Während beim Stühlerücken etwas Chaos entsteht, lehnt Tal S. sich nach hinten, suchend, und die Blicke der beiden treffen sich.
Noch schnell bevor der Zeuge mit seiner Aussage beginnen kann, schaltet sich Christina Blocks Verteidiger Dr. Ingo Bott ein. Er weist die Kammer darauf hin, dass er den Anwalt eines der anderen israelischen Zeugen im Publikum entdeckt hat. Nach § 58 Abs. 1 Strafprozessordnung (StPO) dürfen Zeugen bei vorherigen Vernehmungen anderer Zeugen nicht anwesend sein, um eine Beeinflussung der Aussage zu verhindern. Bott hält es deshalb für problematisch, wenn der Anwalt im Publikum die Zeugenaussagen am Montag mithört. Die Vorsitzende Richterin meint, das sei ihr bewusst, sie habe aber keine rechtliche Grundlage, um das zu verbieten. Später werden in die beiden Anwälte in der Pause beisammen stehen und sich unterhalten.
Zeuge: Hatten keine Zweifel, dass legal
Der für heute geladene Zeuge erzählt, was ihn 2023 nach Deutschland geführt haben soll. Er berichtet zunächst von einem ersten Treffen mit Keren T. in einem Café in Israel Anfang Dezember 2023, zu dem ein gemeinsamer Freund ihn mitgenommen habe. In dem nur etwa halbstündigen Gespräch sei es um Corona-Hilfen für Keren T.'s Restaurant gegangen. David Barkay sei nicht dabei gewesen.
Die Israelin Keren T. soll als rechte Hand des mutmaßlichen Chef-Entführers David Barkay. agiert haben. Dieser Eindruck wird auch heute bestätigt: Oft spricht der Zeuge von den beiden Israelis wie von einer Einheit.
Bei einem zweiten Treffen Mitte Dezember seien dann mehr Personen dabei gewesen, dort habe er David Barkay getroffen. Dieser habe sich als ehemaliger Mossad-Agent vorgestellt und erzählt, was er "alles Gutes für den Staat" gemacht habe.
Barkay habe "eine Geschichte erzählt, die Geschichte von Christina Block": Einer Mutter, die das Sorgerecht für ihre Kinder habe, die der krankhaft paranoide Vater aber in Dänemark behalte und dort misshandele, so sagt es der Zeuge. Deshalb müsse man die Kinder retten. Dazu müsse man sie nur über die Grenze bringen, nach Hause, wo die Mutter schon auf sie warte. Die Behörden wüssten davon, es sei alles legal. David Barkays Geschichte scheint gewirkt zu haben. Niemand hätte das hinterfragt, so der Zeuge. Als die Vorsitzende Richterin nachhakt, warum es legal sein sollte, die Kinder zu holen, wenn sie in Dänemark waren und das dänische Gesetz das verbiete, sagt er nur, sie hätten Barkay schlicht "komplett geglaubt". "Er ist in der ganzen Welt bekannt. Nicht nur in Israel", versucht der Zeuge, Barkays Rolle zu unterstreichen. Woher er das wissen will, bleibt aber offen.
Sprachbarriere erschwert Aussagebewertung
Er habe nur helfen wollen. Das betont der Zeuge immer wieder. Er habe geglaubt, die Kinder müssten gerettet werden, er tue das Richtige. "Ich bin kein Verbrecher", bekräftigt er. Die Legalität des Vorhabens will er nie angezweifelt haben. Man habe ihm 10.000 Euro versprochen – erhalten habe er allerdings nur die Hälfte.
Schließlich habe er eine Woche Urlaub genommen und sei ins Flugzeug nach Deutschland gestiegen. In Hamburg wäre die Gruppe um David Barkay dann ins Hotel Grand Elysée, das der Block-Gruppe gehört, gefahren. Hier zeigt sich einmal mehr die Tücke in der Befragung eines Zeugen, der wegen der Sprachbarriere den Inhalt seiner Aussage nicht selber prüfen kann: Zunächst entsteht der Eindruck, das "Team" sei durch einen Hintereingang ins Hotel geschleust worden. So bleibt es erst einmal im Raum stehen. Als der Zeuge später noch einmal darauf angesprochen wird, reagiert er aufgeregt und verbessert sich: Gemeint habe er einfach den normalen hinteren Eingang.
Auch als Abweichungen zu den bei der Polizei protokollierten Aussage des Zeugen auftauchen, erklärt seine Anwältin dazu, bei der deutschen Polizei 2025 hätte es Probleme mit dem Dolmetscher gegeben. Dieser habe Probleme mit der Hebräisch-Übersetzung gehabt und deshalb zu Arabisch gewechselt. Er habe aber ein anderes Arabisch gesprochen als der Zeuge. Mit der Sprachbarriere bei der Befragung der israelischen Zeugen kommt eine weitere Besonderheit hinzu, die die Wahrheitsfindung im Block-Prozess erschwert.
Zeuge bestätigt Treffen mit Block vor der Entführung
Über das erste Treffen, das es mit Christina Block am 28. Dezember 2023 in einem Konferenzraum des Elysée Hotels gegeben haben soll, ist bereits viel diskutiert worden. Hat das Treffen überhaupt stattgefunden? War Christina Block dabei? Was wurde gesagt? Ein wichtiges Puzzlestück für den Prozess: Wie stark war Christina Block in die Entführung involviert?
Die Hauptangeklagte selbst streitet ab, von einem konkreten Plan gewusst zu haben, deutet immer wieder eine Beauftragung durch ihre Eltern oder ein eigenmächtiges Vorgehen von David Barkay und Keren T. an. Die Schilderung des Zeugen deckt sich mit dem Bild, das bereits andere Zeugen gezeichnet hatten: Das Team in dem Hotel-Konferenzraum hätte sich auf Bitten ihres Chefs Barkay vermummen sollen, die anwesende Christina Block sei sehr bewegt gewesen und habe geweint. Sie hätte einen Teddy und einen Schal mit ihrem Geruch daran mitgebracht. Um die Kinder zu beruhigen, habe David Barkay gemeint. Der Plan sei simpel gewesen, so berichtet der Zeuge: "Einfach die Kinder ins Auto stecken und nach Deutschland bringen." Keine Gewalt, das sei immer wieder betont worden.
In der Silvesternacht sei zunächst auch alles nach Plan gelaufen, alles sei ganz schnell gegangen, innerhalb von Sekunden seien die Kinder im Auto gewesen. Geschrien hätten sie, "Schreie von Angst und Schrecken". Das habe ihn aber noch nicht beunruhigt, schließlich seien sie gerade von Fremden über die Schulter geworfen worden, meint der Zeuge. Statt direkt zur Grenze seien sie dann aber zu einem Waldstück gefahren. Da habe er das Gefühl bekommen, dass etwas falsch war. Sie hätten Polizei und Hunde gehört. Als er David Barkay gefragt habe, was los sei, habe er keine Antwort bekommen.
Das Wiedersehen der Kinder mit der Mutter in Deutschland beschreibt er als emotional. Block habe sich bei ihnen bedankt, "falls sie noch etwas brauchen", sollten sie es sie wissen lassen. Die Gruppe hätte aber abgelehnt: Sie seien glücklich gewesen, dass die Kinder wieder "zu Hause" seien. Wenn der Zeuge "zu Hause" sagt, dann meint er: Kinder und Mutter sind zusammen.
Zwar hätten die Kinder die Mutter zwar zunächst nicht akzeptiert und geweint, wenn sie zu ihnen ging, am zweiten Tag hätten sie sich jedoch beruhigt. Block sei glücklich gewesen. Mit dem Gefühl, erfolgreich gewesen zu sein, seien sie am 3. Januar nach Israel zurückgekehrt.
Aussage trotz Drohung
Einen Monat später hätten sie erfahren, dass die Kinder der Mutter wieder "weggenommen und zum Vater gebracht" worden wären. Sie seien enttäuscht gewesen, weil sie der Mutter hatten helfen wollen, berichtet der Zeuge. Und sieht dabei auch heute noch enttäuscht aus. Im September habe er dann von Tal S.‘s Verhaftung gehört, Keren T. habe ihn gewarnt: "Wenn du ins Ausland fliegen willst, bitte tu es nicht." Da habe er begriffen, wie ernst die Lage sei und seinen Anwalt kontaktiert.
Später habe Keren T. ihm gedroht. "Wenn ich was sage, werden mir schlechte Sachen passieren", das hätte sie ihm geschrieben. Daraufhin habe er den Kontakt abgebrochen. Für ihn und seinen Anwalt sei klar gewesen, dass er aussagt. "Ich möchte, dass Recht und Gerechtigkeit sein werden", erklärt er. Er sei hergekommen, um den Behörden bei der Wahrheitsfindung zu helfen.
Trotz dieser Intention bleibt vieles unklar. Warum wählte David Barkay einen fremden Bauingenieur als Fluchtwagenfahrer? War es wirklich schlicht die beeindruckende Geschichte eines Ex-Mossad-Agenten, die sie an die Rechtmäßigkeit und Legalität ihres Vorhabens glauben ließ? Konnten sie wirklich davon ausgehen, ganz ohne Gewalt auszukommen? Es bleibt abzuwarten, ob das Bild klarer wird, wenn die Befragung am Dienstag fortgesetzt wird.
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Ein Satz zu Blocks Mutter gibt Rätsel auf
Interessant werden dürfte noch ein Streit zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu einer Aussage des Zeugen zum entscheidenden ersten Treffen mit Christina Block im Dezember 2023: Hier soll sie gesagt haben, die Rückkehr der Kinder sei auch für ihre Eltern sehr wichtig, besonders, da ihre Mutter sehr krank sei. Mehrfach bestätigt der Zeuge das. Die Großmutter der Block-Kinder war allerdings im Juli zuvor gestorben. Die Staatsanwältin fragt deshalb immer wieder nach: Block hätte doch nicht gesagt, ihre kranke Mutter wolle die Kinder wiedersehen, wenn sie bereits tot war. Ingo Bott beanstandet die Frage: Der Zeuge habe sie schließlich beantwortet. Die Staatsanwältin könne nicht weiterfragen, nur weil ihr die Antwort nicht passt. Auch die Anwältin des Zeugen ist empört. Die Staatsanwältin reagiert harsch: "Herr Dr. Bott, im Gegensatz zu Ihnen versuche ich hier, die Wahrheit zu finden." Im Publikum Gemurmel, dort ist man wohl anderer Meinung. Die Vorsitzende gibt Bott recht.
Der Tag endet mit einem Antrag von Verteidigerin Gül Pinar, sie vertritt einen mitangeklagten Ex-LKA-Beamten. Pinar will die Pressefotografen nur noch bei besonderem Anlass zulassen. Aktuell dürfen diese vor Verhandlungsbeginn einige Minuten lang im Saal Aufnahmen machen. Es habe inzwischen wirklich genug Gelegenheit gegeben, Fotos im Saal zu machen, meint sie. Die Angeklagten, die ihre Identität schützen wollten, müssten sich vermummen und verstecken, um den Kameras zu entgehen. Nach nun über 45 Prozesstagen sei das entwürdigend. Zudem verzögere es den Prozess, ebenso wie die inzwischen Technikprobleme der Übertragung in den Medienraum, wie inzwischen überflüssig sei weil es schon lange keine Kapazitätsprobleme mehr gibt. Von den Kollegen kommt Zuspruch. Ingo Bott witzelt, man könne zwar einen Kalender von ihm und Block machen, sie sähen aber immer gleich aus. Verteidiger Dr. David Rieks meint: "Das macht was mit einem, diese drei bis fünf Minuten, die sich anfühlen wie im Zoo".
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