Die Vorwürfe der Nachbarin veranlassten die Hauptangeklagte Christina Block dazu, am Dienstag ungewohnt ausführlich zu werden. Foto: picture alliance/dpa/Pool dpa | Marcus Brandt
Eine Nachbarin belastet Christina Block zunächst schwer, ihre Zeugenaussage gerät bei der Befragung aber gehörig ins Wanken. Das Bild von einer Polizei, die nicht genau erklären kann, was sie in der Silvesternacht tat, verfestigt sich.
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Nachdem die vergangenen drei Verhandlungstermine ausgefallen waren, ging es am Dienstag in Hamburg mit dem 43. Tag im Block-Prozess weiter. Als Zeugin traten eine Nachbarin von Christina Block und ein weiterer Beamter der Kriminalpolizei (Kripo) auf.
Die erste Zeugin des Tages berichtete, sie wohne ein Haus versetzt gegenüber von Block in Hamburg und könne aus dem Küchenfenster deren Grundstückseinfahrt sehen. Am Silvestertag 2023 habe sie Block gesehen, wie sie viele Supermarkttüten in die Garage getragen habe. "Bei Blocks gibt’s wohl große Party", habe sie sich deshalb gedacht, denn sonst kaufe die Hauptangeklagte nie so viel ein. Für Anwalt Dr. Philip von der Meden, der Blocks Ex-Mann und Nebenkläger Stephan Hensel berät, steht damit "inzwischen ohne jeden Zweifel" fest: Block muss von den Entführungsplänen gewusst und die Kinder erwartet haben. Sonst hätte sie ja nicht so groß eingekauft.
Die Nachbarin berichtet, sie habe von der Meden kontaktiert, nachdem sie von dem Block-Prozessbeginn gehört hatte, weil sie Schuldgefühle geplagt hätten. Sie habe sich häufig Sorgen um die Block-Kinder gemacht, die viel alleine gewesen seien. Einmal will sie beobachtet haben, wie der damals etwa dreijährige Sohn im strömenden Regen ohne Schuhe draußen gestanden und fürchterlich geweint habe. Sie habe ihre Tochter nach dem Block-Sohn geschickt, um nachzusehen. Als die Tochter zurückkam, berichtete sie laut der Zeugin, Block habe nur gesagt, der Junge "wisse schon, warum er da draußen stehe".
Auf den Vorfall angesprochen habe die Zeugin Block aber nie direkt, erklärte sie am Dienstag mit zitternder Stimme, weil Block ja eine Prominente sei. Zu der gehe "man nicht einfach so hin". Weil sie damals aber nicht eingeschritten sei, wolle sie "den Kindern jetzt eine Stimme geben", da diese selbst ja nicht aussagen wollten.
Verteidiger nehmen Nachbarin die Zange
Anwalt von der Meden verliest danach seine Notizen, die er sich gemacht hatte, als die Nachbarin ihn kontaktierte. Sie bestätigt, was von der Meden vorträgt.
Wichtige Details weichen aber voneinander ab: von der Medens Notizen sind dramatischer, es ist von "Anschreien" die Rede. Die Aussagen der Zeugin am Dienstag sind aber sehr viel vorsichtiger. Sie spricht von nicht immer freundlichem Umgang Blocks mit ihren Kindern, von "Hektik" am Morgen und davon, dass die "ein oder andere Kaffeetasse kaputtgegangen" sei, weil Block sie in der Eile aufs Autodach gestellt habe und losgefahren sei. Sie könne auch nicht sicher festmachen, ob die Kinder nun wirklich besonders gelitten hätten. Als die Sachverständige, die an der Erstellung eines Gutachtens über die entführten Kinder arbeitet, die Nachbarin bittet, präziser zu werden, etwa ob sie sicher sagen könne, dass "gebrüllt" worden wäre, bejaht die Zeugin das zwar. Sie erzählt dann aber nur, es sei oft eilig und hektisch bei den Blocks gewesen.
Das alles sind nur Nuancen, aber eben welche, auf die es ganz entscheidend ankommt: Einen Alltag ohne jede Hektik kennt wohl keine Familie mit vier minderjährigen Kindern. Seine Kinder deswegen regelmäßig anzubrüllen, lässt sich dagegen nur schwer mit dem Bild der hingebungsvollen Mutter vereinbaren, das die Verteidigung von Block zeichnet. Deshalb kommt es am Dienstag sehr darauf an, was die Nachbarin am Dienstag wie konkret sagt und wie glaubhaft sie dabei wirkt.
Unter den vielen Nachfragen der Verteidiger geraten ihre Aussagen gehörig ins Wanken. Plötzlich erinnert sie sich doch, dass Block öfter mal große Einkäufe selbst ins Haus getragen habe. Außerdem wollen die Verteidiger wissen, warum sie nie das Jugendamt oder sonst jemanden informiert hat, wenn sie sich doch solche Sorgen um die Block-Kinder gemacht habe. Antwort: Sie weiß es nicht. Dass sie sich an Hensels Anwalt von der Meden statt an das Gericht gewandt hat, erklärt sie damit, dass sie nicht wisse, wie man sich bei Gericht melde.
Bei der Befragung nimmt Blocks Anwalt Dr. Ingo Bott die Zeugin so sehr in die Zange, dass die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt ihn mehrfach ermahnen muss. "Sie setzen die Zeugin ziemlich unter Druck, ich habe auch eine Schutzfunktion", warnte sie mehrmals und wies Bott scharf zurecht, die Zeugin "mit Respekt zu behandeln."
Block widerspricht Vorwürfen: "Das ist normal, das ist Alltag"
Block hält sich im Gerichtssaal für gewöhnlich sehr zurück. Im Gegensatz zu ihrem Ex Hensel, der durch seine Kommentare und Grimassen regelmäßig mit der Verteidigung aneinandergerät, kann man manchmal schon beinahe übersehen, dass die Hauptangeklagte selbst auch jeden Tag im Gericht ist. Sie äußert sich nur noch selten, aus Sorge, dass ihre Worte verwendet werden, um ihre Kinder zu manipulieren, wie sie sagt. Doch die Aussagen der Zeugin vom Dienstag kann sie offenbar nicht auf sich sitzen lassen.
Es sei ja spannend, "was für eine Zeugin die Nebenklage da aus dem Hut gezaubert hat", meldet sie sich zu Wort. Sie kenne die Frau nämlich gar nicht. So von ihr beobachtet worden zu sein, löse ein großes Unbehagen in Block aus. Ihre direkten Nachbarn kennt Block nach eigenen Angaben übrigens alle, zu denen habe sie guten Kontakt, die hätten für den Notfall sogar Schlüssel zu ihrem Haus. Die Zeugin dagegen wohne drei Häuser weiter und nicht bloß eines, wie sie Blocks Verteidiger Bott auf mehrfache Nachfrage hin versichert hatte.
Für Block ist klar: Die Zeugin kann damit höchstens die nur wenige Meter große Grundstückseinfahrt einsehen. Das Familienleben habe sich aber im Garten hinter dem Haus abgespielt, erklärte Block. Dass sie den Garten nicht einsehen kann, hatte die Zeugin zuvor bereits zugegeben. Auch sei die geschilderte Szene, sie habe ihren Sohn absichtlich im Regen stehen lassen, absurd. Hätte die Nachbarin das wirklich so beobachtet, wüsste sie, dass man sich in der Einfahrt der Blocks leicht unter der Garage oder dem Vordach unterstellen könne, so Block.
Dass es morgens hektisch gewesen sei, liege in der Natur einer großen Familie, schilderte Block. Zehn Jahre lang habe sie ihre vier Kinder jeden Morgen zur Schule und in den Kindergarten gebracht, abgeholt, nachmittags zu Freunden gefahren. "Das ist normal", sagt sie, "das ist Alltag." Eingekauft habe sie auch immer selbst.
Bis hierhin war ihr Vortrag ruhig und gefasst, nun fällt sie beim Sprechen ein wenig in sich zusammen, ihre Stimme verliert den Ton. "Seit August 2021 ist das leider nicht mehr so. Für wen soll ich auch einkaufen?" Damit spielt sie darauf an, dass Hensel die zwei jüngsten der gemeinsamen Kinder nach einem Wochenendbesuch im August 2021 bei sich behalten hatte.
Für die Polizei war in der Silvesternacht egal, wo die Block-Kinder hingehören
Die Befragung des zweiten Zeugen bringt überraschend Neues zum Vorgehen der Polizei am Neujahrstag 2024. Wieder ist es ein Beamter, der im Vergleich zu den bisherigen Zeugen aus den Reihen der Kripo aber konkreter wird.
Er erklärt, die Polizei habe zuerst befürchtet, dass es sich bei der Entführung der Block-Kinder in der Silvesternacht 2023/24 um einen erpresserischen Menschenraub handelt. Man habe vermutet, dass Fremde die Kinder entführt hätten, um Geld von den Blocks zu erpressen. Deshalb seien alle höchst alarmiert gewesen. Der Beamte sagt, er habe damals Blocks Lebensgefährten Delling gesagt, bei erpresserischem Menschenraub würden Polizei und Staatsanwaltschaft nicht ruhen, ehe die Kinder nicht wieder dort wären, wo sie hingehören.
Das ist gefundenes Fressen für Dellings Verteidiger Dr. David Rieks. Der kritisiert erneut scharf, dass die Polizei die Sorgerechtssituation nicht ausreichend recherchiert habe. "Sie meinen also, Ziel sei gewesen, die Kinder dahin zu bringen, wo sie hingehören", sagte er am Dienstag süffisant. "Wie geht das denn, ohne zu wissen, wo sie wirklich hingehören?", fragte Rieks bissig und spielte auf den erbitterten Sorgerechtsstreit an, der bis nach Dänemark reicht. Der Kripo-Beamte winkt ab und bleibt lässig. Als Polizist sei ihm in so einer Situation erst einmal egal, wo die Kinder juristisch betrachtet wirklich hingehören. Es gehe in so einer Situation darum, ein Verbrechen aufzuklären und die Kinder zu schützen.
An dieser Stelle schaltet sich Dr. Marko Voß ein, der den mitangeklagten Familienanwalt der Blocks, Dr. Andreas Costard, verteidigt. Er arbeitet in der Zeugenbefragung heraus, dass Hensel der Polizei in der Silvesternacht nicht – wie es bisher dargestellt wurde – den Sorgerechtsbeschluss eines Gerichts, sondern lediglich eine E-Mail weitergeleitet habe, in der einer seiner Anwälte mitteilte, dass nach seiner Einschätzung Hensel das Sorgerecht zustehe. Auf diese Mail alleine hatte sich die Polizei laut dem Zeugen in der Silvesternacht verlassen. Dabei heikel: An dieselbe Mailadresse der Polizei hatte Delling den Beschluss des Hanseatischen Oberlandesgerichts geschickt, mit dem es Block vorläufig das alleinige Sorgerecht zugesprochen hatte. Von Dellings Mail, die laut Akten sogar sieben Minuten vor Hensels eintraf, wusste der Zeuge allerdings nichts.
Das Bild, das die Befragungen aller Kripo-Zeugen in den vergangenen Wochen ergeben haben, verfestigt sich damit: eine Polizei, die sich an kaum etwas konkret erinnern kann und sich schwertut, ihr eigenes Vorgehen in der hitzigen Silvesternacht zu erklären. Für Dellings Verteidiger Rieks bringt die Zeugenaussage trotzdem etwas "Licht ins Dunkle". Er verstehe jetzt, warum die Polizei "ihre eigenen Entscheidungen selbst nicht mehr nachvollziehen kann": Es sei ihr nicht mehr wichtig vorgekommen, als die Block-Kinder kurze Zeit später an einem Bauernhof in Süddeutschland auf ihre Mutter trafen und damit außer Gefahr waren.
Rieks schlussfolgert, dass die Aussage des Kripo-Beamten vom Dienstag nicht verwertet werden dürfe, jedenfalls in Bezug auf seinen Mandanten Delling. Der Grund: Dieser sei in der Silvesternacht nicht richtig belehrt worden. Ein weiterer Verteidiger schließt sich an, nun wird die Kammer über ein weiteres Beweisverwertungsverbot entscheiden müssen.
Zeugen-Kontaktdaten an den Spiegel weitergegeben?
Ein ständiger Nebenschauplatz im Block-Prozess ist das Thema Medien. Immer wieder gelangen nicht öffentliche Verfahrensinhalte an die Presse. Die Verteidigung wirft der Nebenklage vor, immer wieder Unterlagen an die Medien durchzustechen. Ihre Versuche, dagegen vorzugehen, wie zuletzt gegen SpiegelTV, scheiterten bisher.
Der Spiegel war am Dienstag erneut Thema: Die Nachbarin, die der Öffentlichkeit zuvor nicht bekannt war und über deren kurzfristig terminierte Vernehmung die Presse erst am vergangenen Freitag informiert wurde, berichtete, dass eine Spiegel-Reporterin sie kontaktiert habe. Sie habe daraufhin Hensels Anwalt Philip von der Meden angerufen, um zu fragen, woher die Presse ihre Handynummer habe. Eine Reaktion von ihm habe sie aber bis heute nicht bekommen.
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