In dem Verfahren gegen Unternehmerin Christina Block (hier mit Verteidiger Ingo Bott) wegen mutmaßlicher Kindesentführung sind vor dem Landgericht Hamburg über 100 Verhandlungstage angesetzt. Foto: picture alliance/dpa/Marcus Brandt.
Warum kontaktierte die Polizei nach dem Notruf in der Silvesternacht nicht die Mutter der entführten Kinder? Wer bei der Polizei wichtige Entscheidungen traf, diese Suche gleicht einer Schnitzeljagd. Der Tag 42 und die Block-Woche endet abrupt.
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Nach über 40 Verhandlungstagen in dem Mammut-Prozess hat sich im Hochsicherheitstrakt des Landgerichts Hamburg alles eingespielt, hat seine Routine gefunden. Angeklagte, Anwälte, Justizbeamte, Pressevertreter, Angehörige von Angeklagten, Besucher: Man kennt sich. Es wird gegrüßt, geplaudert, gescherzt. Jeder hat hier seine Rolle zu erfüllen. Die Justizbeamten, die mit Argusaugen den Einlass bewachen, scherzen mittags über Süßigkeiten; die Anwälte, die sich im Gerichtssaal verspotten, laufen in Pausen lachend nebeneinander her.
Im Publikum wechseln sich die Schulklassen ab, die Rechtsreferendare, die Freunde von Zeugen, die zur Unterstützung gekommen sind, und natürlich die neugierigen Gelegenheitsbesucher, die "einfach mal den Block-Prozess sehen" wollen. Und dann sind die da, die immer da sind: Journalisten, Angehörigen und die Hobby-Zuschauer, die eigentlich auch Profis sind. Sie reisen jeden Tag pünktlich an, sind bestens informiert und haben zu allem eine Meinung. "Alles, was an der Welt schief läuft, das zeigt sich hier", sagt eine Zuschauerin.
Doch kein Theater?
Schon häufiger hat die Vorsitzende Richterin das Publikum zu mehr Zurückhaltung während der Verhandlung ermahnt – der Prozess sei kein Theaterstück und das Publikum habe sich daran auch nicht zu beteiligen. Genau diesen Eindruck bekommt man aber manchmal, nicht nur durch die Theatralik der Anwälte oder den Medienrummel. Sondern gerade auch wegen Zuschauern, die das Verfahren mehr wie eine interaktive Seifenoper als einen Strafprozess behandeln, sich Erdnüsse mitbringen und die Verhandlung kommentieren wie auf der Couch vor dem Fernseher. Da sind einige dabei, die in den Pausen sofort zu dem abgesperrten Bereich der Prozessbeteiligten stürzen, versuchen mit Christina Block zu reden, die Anwälte im Gang abzupassen oder zumindest einen Journalisten zu erwischen, dem sie erzählen können, was sie von seiner Berichterstattung erhalten. Andere beklagen, dass man im Hochsicherungstrakt keine Selfies machen darf.
Am Dienstag wird die Suche nach Erklärungen für das Vorgehen der Polizei fortgesetzt. Blocks Verteidiger verfolgen seit mehreren Prozesstagen die Ansicht, Hensel und seine Frau hätten in der Ermittlung auch als selbst mutmaßliche Entführer behandelt werden müssen. Dass die Polizei das nicht getan habe, hätte die Ermittlung verzerrt.
Als Zeugin ist eine weitere Kriminalbeamtin der Hamburger Polizei geladen. Die Verteidigung beteuert gleich, keine Fundamentalkritik an der Polizei üben zu wollen, kommt aber nicht ganz ohne aus. Und für die Profis im Publikum gerät die Befragung etwas monoton – die Fragen sind nicht neu, die Antworten auch nicht. Das führt zu kuriosen Szenen. Die Anwälte auf beiden Seiten scheinen schon so aufeinander eingestellt, dass sie versuchen, einander zu kontern, noch bevor sich die Gegenseite geäußert hat.
Viel Neues fördert die heutige Zeugenbefragung nicht zu Tage. Die geladene Beamtin war aber auch nur für etwa vier Stunden für den Fall zuständig. Sie gehörte zu den ersten, die unmittelbar nachdem die Hamburger Polizei in der Silvesternacht 2023/24 Kenntnis von der gewaltsamen Entführung der Block-Kinder in Dänemark erlangt hatte, mit dem Fall betraut war. Das damals dreizehnjährige Mädchen und ihr zehnjähriger Bruder sollen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dem Vater Stephan Hensel entrissen und nach Deutschland gebracht worden sein; seiner Ex-Frau Christina Block wird vorgeworfen, den Auftrag dazu gegeben zu haben, was diese abstreitet. Unter den insgesamt sieben Angeklagten sind auch ihr Lebensgefährte Gerhard Delling und der eng mit den Blocks verbundene Familienanwalt C.
Hensel-Anwalt von der Meden wählte in Silvesternacht den Notruf
Wie schon die bisher befragten Kriminalbeamt:innen erinnert sich die heutige Zeugin an vieles nicht mehr, etwa ob die Kinder minderjährig oder volljährig waren. Zumindest differenziert sie aber klar, was sie selbst noch erinnert, was sich nur aus ihrem Vermerk ergibt und was sie gar nicht weiß. Interessant ist , was sie von dem Notruf in der Silvesternacht berichtet.
Getätigt hatte den Notruf kurz nach Mitternacht Stephan Hensels Anwalt Dr. Philip von der Meden, der ihn auch in diesem Prozess vertritt. Er habe von dem Angriff auf Hensel und der Entführung der Kinder berichtet, dabei auch direkt den Sorgerechtsstreit erwähnt und die Kindesmutter, sowie deren Vater (Familienpatriarch Eugen Block) als mögliche Drahtzieher benannt. Danach habe sie auch mit Hensel selbst noch telefoniert.
Hensel sei einzige Quelle zur Rechtslage der Kinder gewesen
Die Fragen der Verteidiger kreisen daraufhin vor allem um zwei Punkte: Was wusste die Polizei zu dem Sorgerechtsstreit und hat jemand versucht, Christina Block zu kontaktieren? Es sind Punkte, die in den letzten Wochen immer mehr ins Zentrum des Verfahrens gerückt sind. Bisher fehlen klare Antworten darauf. Die befragten Polizist:innen haben Erinnerungslücken, wollen nicht zuständig gewesen sein und verweisen immer wieder auf andere. Die Suche der Verteidiger nach den Personen, die in der Ermittlung die zentralen Entscheidungen getroffen haben, gleicht zunehmend einer Schnitzeljagd.
Ein kleiner Vorstoß gelingt heute Dr. Ingo Bott, der die angeklagte Christina Block verteidigt. Nach einigem Hin und Her in der Befragung erreicht er von der Zeugin die Bestätigung, dass ihr Wissen um den Sorgerechtsstreit, der immerhin schon im ersten Notruf an die Polizei als vermuteter Hintergrund der Entführung benannt worden war, einzig auf den Aussagen vom Kindesvater und seinem Anwalt beruhte. "Hensel und von der Meden. Ah.", stellt Bott daraufhin fest, und das mit einem Gewicht und einer Zufriedenheit, als sei damit schon sehr viel gesagt.
Worauf Bott hinauswill, bleibt bei seiner langgezogenen und verschachtelten Sprechweise manchmal schwer zu erahnen. Die Verteidiger der Mitangeklagten Delling und Familienanwalt C., Dr. David Rieks und Dr. Marko Voß, erkennen die mögliche Bedeutung von Botts Fragelinie aber sofort. Wenn ein Vater die Entführung seiner Kinder aus Dänemark meldet und sofort die Mutter in Deutschland verdächtigt, immer wieder auf einen Sorgerechtsstreit hinweist und die Polizei nachvollziehen kann, dass die Kinder offiziell bei der Mutter in Deutschland gemeldet sind, musste sich eine Frage aufdrängen: Warum wurde nicht nachgeforscht, ob die Kinder überhaupt in Dänemark sein durften? Warum wurde sich einzig auf das Wort des Vaters verlassen, und wie konnte die Polizei nicht berücksichtigen, dass gegen diesen ein Verfahren wegen der Entziehung eben dieser Kinder lief? Auch warum Christina Block, als Mutter mit Meldeadresse der Kinder, nicht kontaktiert wurde, kann die Polizistin im Zeugenstand nicht aufklären.
Anwälte streiten über Bewertung
Wenn man die Block-Verteidiger fragt, dann spricht der Umstand, dass Christina Block wie jedes Jahr den Silvesterabend im Hotel feierte, in Hamburg erreichbar und auffindbar war, dagegen, dass sie die Entführung beauftragt habe. Wer so etwas ablaufen lasse, so das Argument, der verhalte sich konspirativer.
Der Vertreter von Stephan Hensel, der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, hatte offenbar schon geahnt, was die Block-Verteidiger der Zeugenbefragung anschließen wollen und versucht ihnen zuvorkommen. Die Verteidigung werde gleich wieder mit ihrem "Rumgestochere" belegen wollen, dass die Angeklagten keinen Tatplan gehabt haben könnten. Das perfekte Verbrechen gäbe es aber nur im Kino, argumentiert der Nebenklagevertreter. Kriminelle machten nun mal Fehler und träfen dumme Entscheidungen, das sei kein Beweis von Unschuld.
Bott kontert damit, dass das Verhalten seiner Mandantin nicht nur dumm, sondern "komplett irre" wäre, wenn sie von den Entführungsplänen gewusst hätte. Auch Rieks passt die Spitze des Nebenklagevertreters nicht. "Das ist kein kleines Detail im perfekten Verbrechen", sagt er. Es sei jahrelange Tradition, dass die Block-Familie Silvester in dem ihr gehörenden Hotel Grand Elysée feiert, das sei bekannt; die Handynummern hätten der Polizei auch vorgelegen. Die Mutter wäre also leicht zu kontaktieren oder aufzufinden gewesen, warum das nicht versucht wurde, ergebe keinen Sinn. Christina Block, die über Prozesstage hinweg den Schlagabtausch verfolgt ohne eine Regung zu zeigen, nickt mehrmals.
Videovernehmung der israelischen Zeugen?
Schon letzte Woche hatte die Vorsitzende Richterin von ihren Schwierigkeiten berichtet, Ersatzzeugen für die Israelis zu finden, die eigentlich an den nächsten Terminen hätten aussagen sollen. Aufgrund des Iran-Krieges können die derzeit nicht anreisen. Für die restlichen beiden Prozesstermine in dieser Woche ist ihr das nicht gelungen, die Termine fallen aus. Weiter geht es daher am Montag.
Für die Israelis prüfe man nun die Möglichkeit einer Videovernehmung, falls sich die Lage nicht absehbar entspannen sollte. Davon geht die Vorsitzende Richterin aber nicht aus: "Meine persönliche Vermutung ist, dass das noch länger dauert."
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